OKTOBER
2003

 
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SPRACHE


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Ernst Jandl liest

Ernst Jandl
Eile mit Feile
Lesung auf CD, ca. 76 min.
Luchterhand Literaturverlag 1995
erschienen im Hörverlag
14, 95 Euro

Einige seiner Gedichte bezeichnete Ernst Jandl selbst als Sprechgedicht. Was liegt also näher, als sich Jandls Gedichte nicht nur in geschriebener, sondern auch in gesprochener Form zu Gemüte zu führen? Eine 1995 vom Autor in Oldenburg gehaltene Lesung hat der Hörverlag als CD herausgebracht.

In Wien wurde Jandl 1925 geboren, musste im 2. Weltkrieg Wehrdienst leisten und studierte anschließend Germanistik und Anglistik, um Lehrer zu werden. Gleichzeitig schrieb er Gedichte, Hörspiele und Theaterstücke und erhielt bis zu seinem Tod im Jahr 2000 zahlreiche Preise wie den Hörspielpreis der Kriegsblinden, den Georg-Büchner-Preis oder den Großen Österreichischen Staatspreis.

Mit seinen Gedichten wollte er gegen den Traditionalismus angehen. So kann man ihn wohl der experimentellen Lyrik zuordnen. Er experimentierte mit Worten, traditionellen Formen wie Vers- und Strophenform, mit Mitteln der konkreten Poesie, des Sprechgedichts und verschiedenen Spielarten von Sprachverfremdung und Sprachspiel. Seine "freude an der manipulation mit dem sprachmaterial", die er bekennt, ist dabei offensichtlich. Weiter beschreibt er sein Vorgehen folgendermaßen: "meine neigung zur groteske findet in einer sprachbehandlung, die keiner konvention zu gehorchen braucht, neue möglichkeiten. so kann der experimentelle text vollziehen, was das gedicht in konventionell verwendeter sprache nur berichten kann".

Und diesen "Vollzug" akkustisch direkt mitzubekommen ist sicherlich eine der eindrücklichsten Arten, Jandls Gedichte zu erleben. Ca. 76 Minuten und ganze 78 Gedichte umfasst die Lesung. Dabei reichen die Themen, zu denen sich die einzelnen Gedichte gruppieren, u.a. vom Krieg und seinen Folgen über den Menschen, der laut eines Gedichttitels nichts weiter ist als eine "Scheißmaschine" und den Prozess des Dichtens bis hin zu lustigen Sprachexperimenten, wie "Ottos Mops". Natürlich kommt die nüchterne Pointiertheit des Sprachwitzes noch besser zur Geltung, wenn der Autor selbst vorliest. Besonders dann, wenn die Gedichte wie "de easchdn" auf wienerisch sind oder wie der berühmte "schtzngrmm", der das Wortes Schützengraben in lautmalerischer Weise verarbeitet, sowieso nur vorgelesen ihre Wirkung entfalten.

Dabei ist die CD sicherlich nichts zum einfach Nebenbeihören. Um all die Feinheiten, der kurzen Stücke, die alle einen eigenen Knackpunkt oder eine spezielle Form haben, mitzubekommen muss man sich schon ganz darauf einlassen. Etwas anderes hätten Jandl und seine Lesung aber auch nicht verdient.

bk