MAI
2004

 
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Deutsch oder Dänisch, Sorbisch oder Saterfriesisch? - Minderheitensprachen in Deutschland

 

In so gut wie jedem Land koexistieren mehrere Sprachen nebeneinander. Während aber das Miteinander von Deutsch, Italienisch, Französisch und Rätoromanisch in der Schweiz oder die Diskussionen um die Rolle der Regionalsprachen für den zentralisierten Nationalstaat in Frankreich relativ geläufig sind, machen die deutschen Minderheiten- und Regionalsprachen Friesisch, Dänisch, Sorbisch, Romanes und Niederdeutsch in der allgemeinen Öffentlichkeit weniger von sich hören.

Was aber sind Regional- und Minderheitensprachen? Die Europäische Charta für Regional- und Minderheitensprachen, auf die wir gleich zurückkommen werden, bietet eine Definition an. Nach dieser handelt es sich um Sprachen, die in einem bestimmten Teil eines Staates von Angehörigen dieses Staates gesprochen werden, deren Sprechergemeinschaft zahlenmäßig kleiner ist als der Rest der Staatsbevölkerung und die von der oder den Amtssprachen des Staates verschieden sind. Nicht zu verwechseln sind diese eigenständigen Sprachen mit den Dialekten (z. B. Schwäbisch und Allemanisch im oberdeutschen, Hessisch im mitteldeutschen Raum). Dialekte stellen nur lokale mundartliche Varianten der Hochsprache, also bei uns des Deutschen, dar.

Wie erwähnt gibt es in fast allen Ländern mehrere Sprachgemeinschaften. Beispiele innerhalb Europas wären u. a. das Bretonische in Frankreich, das Flämische in Belgien oder das Baskische in Spanien. Durch Einwanderung, Eroberungen, freiwillige Verbindungen zwischen Staaten oder die Aufnahme ehemaliger Kolonien kann es passieren, dass in einem Land mehrere Sprachen existieren. Meistens haben jene, die nicht National- oder Amtssprache sind, einen schweren Stand, zumal die Anzahl der Sprecher gemessen an der Gesamtbevölkerung manchmal relativ gering ist.

Dies war für den Europarat Anlass dazu, die europäische Charta für Regional- und Minderheitensprachen auszuarbeiten. 1992 vom Europarat beschlossen, trat sie 1999 nach der Ratifikation auch für die Bundesrepublik in Kraft. In Teil II werden allgemeine Ziele und Prinzipien festgelegt (Schutz und Förderung der Minderheitensprachen, Wahrung der kulturellen Vielfalt), Teil III dagegen beinhaltet genauere Maßnahmen zur Förderung der Sprachen im öffentlichen Leben (z. B. Ausbildung in der Regional- oder Minderheitensprache, Möglichkeiten von juristischen Prozessen und Verwaltungsabläufen in den jeweiligen Sprachen, kulturelle Förderung). Zwar wird die Einhaltung der Charta durch die Unterzeichner u. a. durch Verpflichtung zu Berichten kontrolliert, allerdings können die Staaten bereits bei der Unterzeichnung selbst festlegen, welche Sprachen sie anerkennen und in einem gewissen Rahmen die angestrebten Maßnahmen selbst auswählen. Dies reduziert natürlich die Schlagkraft des Instruments.

Deutschland hat in seiner Unterzeichnung die Minderheitensprachen Dänisch, Ober- und Niedersorbisch, Nord- und Saterfriesisch und die Regionalsprache Niederdeutsch nach Teil III, das Romanes wegen seiner Verstreuung über das ganze Bundesgebiet nur nach Teil II anerkannt. Aussagen über Sprecherzahlen sind jeweils sehr schwer zu treffen und meist nur geschätzt:

Das Dänische, das natürlich Amtssprache in Dänemark ist und zu den skandinavischen Sprachen gehört, wird auch in Schleswig-Holstein gesprochen. Neben den 5 Millionen Muttersprachlern in Dänemark, gibt es weitere ca. 330.000, die v. a. in Deutschland, aber auch auf Grönland, den Faröer Inseln, Kanada, Norwegen, Schweden und den USA leben. In Schleswig-Holstein ist es neben Deutsch, Niederdeutsch und Friesisch offizielle Landessprache. Die dänische Minderheit in Deutschland und die deutsche in Dänemark sind gegenseitig anerkannt.

Niederdeutsch (auch Platt oder Niedersächsisch) siedelt sich ebenfalls in Norddeutschland (Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hamburg, Bremen) an. Im Mittelalter spielte das Mittelniederdeutsch in der Hanse eine große Rolle, wurde aber später durch das Hochdeutsche (alleinige Amtssprache im Zuge der deutschen Reichseinigung unter Bismarck) verdrängt. Vom Hochdeutschen unterscheidet es sich, wie die skandinavischen Sprachen, dadurch, dass es die zweite germanische Lautverschiebung nicht mitgemacht hat. Heute sind z. B. in Schleswig-Holstein Behörden verpflichtet Anfragen etc. auf platt entgegenzunehmen und zu beantworten.

Ebenfalls in Niedersachsen und Schleswig-Holstein findet man das Friesische, das zum gleichen Zweig der westgermanischen Sprachen gehört wie das Englische. Erste Zeugnisse stammen aus dem 9. Jahrhundert. Bereits seit den 50er Jahren ist es als Unterrichtssprache und vor Gericht zugelassen. Heute hat es noch ca. 11.000 Sprecher, die mehrheitlich das Nordfriesische (im Gegensatz zum Sater- oder Ostfriesischen) beherrschen.

Das Sorbische wird noch in Sachsen und Brandenburg gesprochen, wo ca. 60.000 Sorben leben. Es gehört zu den westslawischen Sprachen und existiert ungefähr seit dem 6. Jahrhundert. Zurückgedrängt wurde es im Laufe der Zeit durch Einwanderer, Kriege und Sprachverbote. Übrigens stammt die Sage über Krabat, die in dem bekannten Kinderbuch von Preußler verarbeitet wurde, aus der sorbischen Tradition.

Eine etwas andere Situation ergibt sich für das Romanes, die Sprache der Sinti und Roma. Sie ist verwandt mit dem Sanskrit, enthält Lehnwörter aus iranischen Sprachen, aus dem Armenischen und Griechischen. Neuere Entwicklungen und Varianten gehen u. a. aus dem jeweiligen Kontakt mit den Sprachen der Länder, in denen die Sinti und Roma heute leben, hervor. Ungefähr 10 Millionen Roma leben in Europa (v. a. im slowakischen Raum), 120.000 davon in Deutschland. Seit 600 Jahren wird Romanes in Deutschland gesprochen, ist jedoch nicht wie die anderen Minderheitensprachen regional abgrenzbar.

Wer gerne einen ersten Eindruck der besprochenen Sprachen z. B. in puncto Wortschatz oder Grammatik erhalten möchte, der sei auf die unten angeführten Links verwiesen. Im Rahmen der normalerweise anerkannten Minderheitensprachen und deren Förderung bleibt jedoch ein Problem außen vor: die Sprachgemeinschaften sogenannter "neuer Minderheiten", die durch zunehmende Migration entstehen. In Deutschland wären v. a. Russisch, Türkisch, Polnisch und Spanisch zu nennen. Solange deren Status nicht geklärt ist, fallen sie durch das Raster der Sprachförderung und die Gewährung sprachlicher Rechte.


Bericht der Bundesregierung zur Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen: www.bmi.bund.de/dokumente/Bestellservice/ix_94409.htm

Platt: www.plattmaster.de/wordbook.htm
Friesisch: http://www1.fa.knaw.nl/noardfrysk/
Sorbisch: www.sorben.com/ski/site/docs/german/index.htm, www.boehmak.de/slownik.html
Romanes: www-gewi.kfunigraz.ac.at/romani,
www.kontrastivlinguistik.de/Kontrastives/Sprachfamilien/Indogermanisch/Indoarisch/Zigeunerdialekte/ hauptteil_zigeunerdialekte.html

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