OKTOBER
2008

 
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SPRACHE

PFIFFIGE KOMMUNIKATION
Pfeifsprache auf La Gomera

Was mancherorts als unhöflich oder ungezogen gilt, wird auf La Gomera, einer der kanarischen Inseln, staatlich gefördert: Pfeifen in der Öffentlichkeit. Das Anliegen des dortigen Parlaments ist es, die Pfeifsprache der Insel als wertvolles Kulturerbe zu erhalten.


Die Notwendigkeit staatlicher Förderung ergibt sich schon allein daraus, dass die ungefähr 70 Pfeifsprachen auf der Welt vom Aussterben bedroht sind. In Aas, in den französischen Pyrenäen, starb z. B. vor einigen Jahren die letzte Sprecherin – oder besser Pfeiferin? – des gepfiffenen Béarnais. Nur 12 dieser Pfeifsprachen wurden bisher näher untersucht und beschrieben, darunter Sprachen aus der türkischen Region Kusköy, aus dem griechischen Evia, aus Mazateco und Tepehua in Mexiko, aus dem Senegal, China und Vietnam. Die wahrscheinlich am besten dokumentierte Pfeifsprache ist das „Silbo Gomero“ der kanarischen Insel La Gomera.

Viele der Pfeifsprachen finden sich in bergigen oder nur schwer zugänglichen Regionen und dienen bzw. dienten zur Kommunikation über weite Distanzen hinweg. So auch auf La Gomera. Diese Funktion ist übrigens auch eine Parallele zum Jodeln, das früher auch zur Verständigung über längere Strecken eingesetzt wurde und nicht nur in der Schweiz, sondern auch bei den afrikanischen Pygmäen, den Inuit, in Lappland, in Rumänien und anderen Gegenden verbreitet war. Dass die Pfeifsprachen aussterben und auch das Jodeln nur noch als Kunstform oder musikalisches Element Verwendung findet, ist eine Folge der technologischen Entwicklungen. Dank moderner Verkehrsmittel und v. a. Kommunikationsmittel wie dem Telefon, sind weite Entfernungen nicht mehr unüberbrückbar. Manche Pfeifsprachen sind allerdings auch in geschlossenen Räumen gebräuchlich oder treten zusammen mit weiteren Nebenformen der gesprochenen Sprache, wie dem Trommeln, auf.

Das „Silbo Gomero“ eignete sich also hervorragend dazu, über die zerklüfteten Täler und vulkanisch geprägten Landstriche hinweg Botschaften zu übermitteln. Als die europäischen Eroberer im 15. Jahrhundert auf die Insel kamen, wurde dort bereits auf „Silbo“ gepfiffen. Allerdings war die Pfeifsprache damals noch an der Sprache der Eingeborenen orientiert. Theorien besagen, dass die Pfeifsprache von eingewanderten Siedlern – die ersten ließen sich um 2500 v. Chr. nieder – aus dem nordafrikanischen Atlasgebirge mitgebracht worden sein könnten.

Heute entspricht das „Silbo Gomero“ aber dem Spanischen. Wie die anderen Pfeifsprachen auch ist es nämlich eine gepfiffene Adaption der zugrunde liegenden normalen gesprochenen Sprache. Gepfiffen wird auf Zeige- und Mittelfinger, wodurch Töne in Bereichen von 1300 bis 1400 Hz entstehen, die für das menschliche Ohr besonders gut wahrnehmbar sind. Beim Pfeifen werden die Zungenbewegungen und die Sprachmelodie nachgeahmt. So klingt der gepfiffene Vokal „i“ entsprechend der Zungenstellung der gesprochenen Sprache höher als das gepfiffene „a“. Die Konsonanten werden durch steigende oder fallende Tonbögen wiedergegeben. Hinzu kommt eine starke Reduktion im Vergleich zur gesprochenen Sprache. Manche Wissenschaftler meinen z. B. beim „Silbo Gomero“ zu erkennen, dass es aus nur 4 Konsonanten und 2 Vokalen besteht. Diese starke Komprimierung verlangt natürlich ein gutes Gehör und die eine oder andere Rückfrage, um letztlich das Verstehen zu sichern. Außerdem waren die Gespräche meist auf einfache und den Sprechern vertraute Sachverhalte begrenzt, was Missverständnisse seltener werden lässt. Interessant ist auch, dass gepfiffene Mitteilungen von geübten Pfeifern auf sehr ähnliche Weise und an den gleichen Stellen des Gehirns verarbeitet werden wie die normale gesprochene Sprache.

Vor einigen Jahren erkannte man auf La Gomera den großen kulturellen Wert des „Silbo Gomero“ und begann, für dessen Schutz einzutreten. Ein Expertenkreis befasst sich mit der Erforschung der Sprache, man tritt bei der UNESCO für die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe ein und hat nicht zuletzt den Unterricht des „Silbo Gomero“ an Schulen verpflichtend eingeführt. Es steht also nichts mehr einer künftig wieder fröhlich pfeifenden Insel entgegen.

bk

© ceryx.de

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