JULI
2003

 
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SPRACHE


viventura-Reisen

Reisen in aller Munde
Wie sieht's aus? Lust auf eine Vergnügungs-, Erholungs- und Urlaubsreise, eine Auslands- oder gar Weltreise oder doch lieber eine Bildungs-, Sprach- oder Forschungsreise? Vielleicht steht sogar eine ernste Dienst- bzw. Geschäftsreise an. So zahlreich wie die Komposita (also zusammengesetzte Wörter), die die Art einer Reise näher beschreiben, so vielfältig sind auch die bedeutungsähnlichen Begriffe und Unterbegriffe, die es für das Wort Reisen gibt: Von der Exkursion, der Kreuzfahrt, dem kurzen Trip über die Spritztour bis hin zur Expedition und zur Tournee kann man vieles darunter fassen. Man sieht schon, dass das Wortfeld Reisen zeigen kann wie z.B. Reisen näher aussehen können oder was man speziell dafür benötigt. V.a. aber auch Sprichwörter, Redewendungen und metaphorische Begriffe drücken aus, welche Vorstellung man mit dem Reisen verbindet.

Für unsere weit entfernten Ahnen zu Zeiten des Althochdeutschen hatte das Wort reisa v.a. die Bedeutung Aufbruch, Zug, Fahrt. Im Mittelhochdeutschen kam noch der Anklang von Kriegs- und Heereszug hinzu. So bedeutete das Adjektiv reisig soviel wie gewappnet, gerüstet zum Krieg und ein Reisiger war im Mittelalter ein berittener Krieger, später ein Landsknecht.

Aber wenden wir uns nach diesem kleinen etymologischen (also die Herkunft des Wortes betreffenden) Abstecher dem aktuelleren Gebrauch zu. Neben den oben schon erwähnten Zusammensetzungen gibt es noch diverse andere, die z.B. die Begleitumstände einer Reise (Reisefieber, Reiselust, Reisekrankheit) oder notwendige Utensilien, wie das Reisegepäck, den Reiseführer und die Reiselektüre bezeichnen. Der Reisende selbst kann als Reisekaiser (jemand, der wie Kaiser Wilhelm II gern und viel reist) oder als dessen Gegenteil, als ein Reisemuffel, gelten oder sogar ein Reiseganove, ein Fahrgeldhinterzieher, sein. Unter Umständen ist er sogar der Reiseritis verfallen, also einer unzügelbaren Reiselust, die man scherzhaft durch die Endung -itis wie eine Krankheit klingen lässt.

Kaum verwunderlich, dass die Reise auch in Redewendungen immer wieder, z.T. im übertragenen oder metaphorischen Sinne, auftaucht, wobei hier oft der Gedanke der Abwesenheit und der Entfernung durch die Reise eine Rolle spielt: Eine Reise in die Schweiz tritt an, wer für längere Zeit ins Gefängnis muss. Man kann mit Gedanken auf Reisen sein (d.h. nicht bei der Sache sein) oder schon wissen wohin die Reise geht, wenn man bereits erkennt, worauf eine bestimmte Angelegenheit hinausläuft. Der Ausdruck die große Reise antreten als Bild für das Sterben kommt von der Vorstellung eines weit entfernten Totenreichs in zahlreichen Mythen. Als Lehnübersetzung des englischen trip kann eine Reise übrigens auch ein Drogenrausch sein.

Dass die Vorstellung vom Reisen durchaus geteilter Natur ist, zeigt der Volksmund. In zahlreichen Sprichwörtern werden dem Reisenden gute Ratschläge erteilt und die Gefahren, Mühen und Kosten des Reisens hervorgehoben. So geben die Araber den guten Hinweis: "Erkundige Dich vor der Reise nach dem Begleiter und nach dem Nachbar ehe Du das Haus kaufst", damit man sich netter Gesellschaft sicher sein kann. Ein dänisches Sprichwort lautet: "Wer auf Reisen geht, soll eine Biene mitnehmen", also wie eine Biene alles aufmerksam sehen und das Beste sammeln. Außerdem heißt es ja auch "Ein Reisender muss das Maul zu und das Säckel offen haben", was schon auf die Kosten einer solchen Fahrt hinweist. Die Beschwerden, die eine lange Reise mit sich bringen kann, zeigt die auch im holländischen gebräuchliche Wendung: "Wer viel reist, hat wenig Ruhe und zerreißt viel Schuhe". Und dass es wirklich gefährlich werden kann, durch die Lande zu ziehen, bemerkt folgender Ausspruch: "Mancher reist gesund hinaus und kommt doch krank nach Haus". Andererseits wird aber v.a. die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, Neues zu sehen oder sich zu bilden, betont, aber teils auch bestritten. Während ein osmanisches Sprichwort besagt: "Nicht langes Leben macht klug, aber langes Reisen" und der Sauerländer das geflügelte Wort "Wenn man reist, dann suit man äuk, dat de Welt keine Bükse (Hose)is" auf der Zunge führt, getreu dem altbekannten Motto "Reisen bildet", gibt es in Rußland und Asien folgende Aussprüche: "Reisen macht viel mehr Gecke als Weise" bzw. "Nur ein Narr oder ein Europäer kann reisen". Trotz allem beäugt man denjenigen, von dem es heißt "Er ist so weit gereist, dass er immer noch gerochen, ob seine Mutter Kuchen buk", wohl doch eher verächtlich. Allgemein kann man die Skepsis gegenüber dem Reisen, die in einigen der Sprichwörter anklingt, wohl damit erklären, dass diese sich schon vor relativ langer Zeit gefestigt haben und deshalb nicht unbedingt alle die heutige Reiselust widerspiegeln.

Nach dieser, natürlich unvollständigen, Auswahl an Ausdrücken und Wendungen zum Thema Reisen bleibt nur noch, auch eine gute solche zu wünschen. Z.B. mit einem kurzen und bündigen hessischen "Ras gud", einem kölner "Vill Jlöck op de Reis un vill Pläsier" oder mit dem elsässischer Wunsch "E glückligi Reis, aber net uf ere Geis!"

bk