APRIL
2008

 
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SPRACHE

OHNE WORTE
Funktionen des Schweigens

Ist Schweigen nur das Gegenteil von Reden, der bewusste Verzicht auf das Sprechen, oder steckt mehr dahinter? Vielleicht könnte man sagen, dass dieses Charakteristikum nur die Gemeinsamkeit zwischen verschiedenen Arten des Schweigens ist. Denn Schweigen kann unterschiedliche Funktionen erfüllen.


Paradoxerweise kann Schweigen gerade als ein Ausdrucksmittel eingesetzt werden und damit einen kommunikativen Akt darstellen. So kann Schweigen häufig besonders eindrücklich Ablehnung, Feindlichkeit oder Unversöhnlichkeit in einem Streit zum Ausdruck bringen, wenn Verwandte, Freunde oder Ehepartner demonstrativ nicht mehr miteinander reden. Oder es dient als politisches Statement, wenn zu bestimmten Ereignissen von der Regierung keine Stellung genommen wird. In bestimmten Situationen kann auf politischer Ebene das Schweigen auch Protest bekunden: Z. B. traten im Oktober 2007 zahlreiche Blogger gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit in Birma ein, indem sie einen Tag lang aus Solidarität mit den von der Militärjunta Unterdrückten „schwiegen“ und keine Einträge verfassten. Außerdem kann Schweigen als fehlender Einspruch in juristischen Kontexten – v. a. im Handelsrecht – als eine rechtliche Willenserklärung gelten.

Schweigen kann aber auch eine völlig entgegengesetzte Funktion übernehmen: die bewusste Verhinderung von bzw. der bewusste Verzicht auf Informationsvermittlung. Die Schweigepflicht von Ärzten oder Priestern bindet diese an den Grundsatz, bestimmte Details über ihre Patienten oder Anbefohlenen nicht preiszugeben. Und Schweigegeld zahlt jemand, der vermeiden möchte, dass unerwünschte Informationen an Dritte weitergegeben werden. Ein solches Schweigen, das die Weitergabe von Informationen verhindert, ist oft erzwungen, oder der Bruch des Schweigens ist mit Bestrafungen belegt, wie bei den italienischen Mafiosi. Bei ihnen bedeutet es, sich dem Tod auszusetzen, wenn man das Schweigegelübde, die Omertà, missachtet.

Eine dritte Funktion kann der Verzicht auf Sprache dort haben, wo diese in den Hintergrund rücken soll, um nicht von Wichtigerem abzulenken. Der Pantomine verzichtet auf gesprochene Sprache, um alle Aufmerksamkeit auf seine körperlichen Ausdrucksmittel zu lenken. Ähnlich verhält es sich mit Schweigen, wenn es zur inneren Sammlung dient. Dies kann in einer Schweigeminute der Fall sein oder in ausgeprägter Form im meditativen Schweigen z. B. von Mönchen. Diese spirituelle Tradition wird v. a. von den Trappisten und den Kartäuser-Mönchen gelebt. Für sie ist das Schweigen ein Mittel, sich in innerer Einkehr vollkommen auf ihre Hingabe zu Gott zu konzentrieren. Bei den Trappisten handelt es sich um einen Reformzweig des Zisterzienserordens, der durch diese Form der Askese der Buße einen hohen Stellenwert einräumt. Die Kartäuser zogen sich bereits im 11. Jahrhundert in das Kloster La Chartreuse bei Grenoble zurück und leben bis heute ein nahezu eremitisches, kontemplatives Leben, um im Schweigen zu Gott zu finden.

Die Funktionen des Schweigens sind also so unterschiedlich, dass sie schon fast widersprüchlich erscheinen (Schweigen als Ausdrucksmittel vs. Schweigen als Informationsverweigerung). So gegensätzlich wie die Funktionen sind auch die Bewertungen des Schweigens. So sieht der Volksmund das Schweigen einerseits als einen tugendhaften Vorzug („Schweigen ist Gold“) aber auch als negative Verhaltensweise („Freundschaft verdirbt durch Schweigen“) an.

bk

© ceryx.de

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