APRIL
2004

 
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SPRACHE


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Vom Wauwau zum ganzen Satz: Wie funktioniert unser Spracherwerb?

 

Spracherwerb und Sprachenlernen sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Das eine passiert fast automatisch, das andere ist ein mühsamer, arbeitsaufwendiger Prozess, der viel länger dauert und viel schwieriger ist. Wie ist es aber möglich, dass das Kleinkind seine Muttersprache so schnell und ohne Probleme erwirbt? Eine schwierige Frage, mit der sich u. a. Sprachwissenschaftler schon seit langem beschäftigen.

Relativ einfach ist es, die verschiedenen Stadien des Spracherwerbs zu beschreiben: Von der Geburt bis zu einem Alter von ca. elf Monaten verfügt ein Neugeborenes über ein wesentlich größeres Lautinventar sogenannter Phoneme als es eigentlich für seine Muttersprache benötigen würde. Durch die Wahrnehmung der sprachlichen Äußerungen der Eltern werden aber mit der Zeit nur die immer wiederkehrenden Phoneme der Muttersprache herausgefiltert und nur noch diese Lautkontraste unterschieden. So hat man auch herausgefunden, dass wir selbst nur die Laute bilden können, die wir auch hören. Deshalb fällt es uns später schwer bei Fremdsprachen Laute, die es in unserer Muttersprache nicht gibt, wie die französischen Nasallaute, zu unterscheiden und selbst zu formen. Danach werden Tonhöhen differenziert und ab dem elften Monat tauchen die ersten Wörter auf. Damit verbunden ist natürlich, dass das Kind seine Umwelt in Objekte klassifiziert, die es dann mit Wörtern belegen kann. Deshalb werden als erstes die Substantive gelernt. Erst hinterher (ab dem 20. Monat) werden grammatische Strukturen einbezogen. Bis zum 36. bis 40. Lebensmonat hat das Kind die wichtigsten Elemente seiner Muttersprache erworben.

Was steckt aber hinter diesem Erwerbsprozess? Wie ist es erklärlich, dass dieser so viel schneller vonstatten geht als das spätere langwierige und bewusste Fremdsprachenlernen? Grob gesehen stehen sich zwei theoretische Richtungen gegenüber. In der empiristischen Theorie versuchte man, beeinflusst durch den Behaviorismus, den Spracherwerb auf eine Imitation der Erwachsenensprache zurückzuführen. Zwar hängt Spracherwerb tatsächlich von der Sozialisation des Kindes ab, gegen ein reines Lernen durch Nachahmung spricht aber, dass das Kind nicht nur Einzelfälle lernt, sondern selbst auch vorher noch nie gehörte Kombinationen bildet. Manche eigentlich unregelmäßigen Formen werden von Kindern zuerst durch regelmäßig gebildete ersetzt, die sie kaum bei Erwachsenen aufgeschnappt haben können.

Die neuere Sichtweise folgt eher den nativistischen Theorien, die u. a. auf Chomsky und Piaget zurückzuführen sind. Hier wird die These vertreten, dass zumindest gewisse Bestandteile von Sprache bereits angeboren sind. Chomsky stellt sich vor, dass die Unterscheidung bestimmter Parameter, wie Kasus oder Genus, bereits von Geburt an vorhanden ist und diese Parameter dann beim Erstspracherwerb nur noch mit den einzelsprachlichen Werten belegt werden müssen. Dies würde den schnellen Fortschritt kleiner Kinder begreiflich machen. Des weiteren vollzieht sich der Spracherwerb in verschiedenen Kulturen sehr ähnlich, was für bestimmte allgemeine und angeborene Universalien sprechen könnte. Allerdings wurde bis heute noch kein "Sprachorgan" gefunden, also ein Hirnbereich, der für die Sprache als ganzes zuständig wäre. Kürzlich konnten jedoch britische Forscher durch Untersuchungen an einer Großfamilie, in der viele Mitglieder an Sprachstörungen litten, ein "Grammatik-Gen" entschlüsseln. Ein Defekt dieses Gens war die verantwortlich für die Unfähigkeit, korrekte Sätze zu bilden und einfache Äußerungen zu verstehen. So beschäftigt sich auch die Genetik, die Neurologie und die Psycholinguistik mit der Erforschung des Spracherwerbs. Von Interesse ist auch die Untersuchung von zweisprachig aufwachsenden Kindern und deren Lernprozessen.

Insgesamt stellt der Spracherwerb einen wichtigen Bestandteil der Entwicklung eines Kindes dar: Die sprachlichen Fähigkeiten können sich nur gut entfalten, wenn mit dem Kind genügend gesprochen wird und es sozusagen das Rohmaterial für den Spracherwerbsprozess erhält. Dennoch genügt es nicht z. B. nur ein Tonband abzuspielen. Für den Erwerb ist gleichzeitig der soziale Kontakt als Anreiz zum Lernen sehr wichtig, und in der späteren Phase muss das Kind auch auf Äußerungen reagieren können, um seine Fähigkeiten zu trainieren. Von einem erfolgreichen Spracherwerb hängen ganz entscheidend auch die spätere Fertigkeit, sich auszudrücken und andere zu verstehen und damit die Bildungs- und Erfolgschancen ab.

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