JANUAR
2007

 
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Was heißt'n das: "Paderbornisierung"

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Wer einen Begriff oder eine Redewendung
erklärt haben möchte, schicke seinen Vorschlag an redaktion@ceryx.de.

Vor Jahren hat die Verfasserin dieses Artikels, geborene Hauptstädterin, einmal im spanischen Malaga ihr Flugzeug verpasst. Der einzige Weg nach Deutschland, den man ihr noch anbieten konnte, war ein Flug nach Paderborn. So mussten sie und ihre Begleitung eine Nacht auf dem menschenleeren Provinzflughafen von Paderborn verbringen, bis am frühen Morgen ein Taxi sie über weite Flure zum Bahnhof brachte und sie den rettenden ersten Zug nach Berlin bestiegen.

Die Hauptstädterin möchte sich vorsorglich bei allen Paderbornern für diesen Artikel entschuldigen. Sie kennt Paderborn nicht. Paderborn, das ist für sie eine schlaflose Nacht auf unbequemen Hartschalenstühlen, während derer allein die ersten frühmorgendlichen Mallorca-Touristen einen Anschein von fragwürdiger Zivilisation zu erwecken vermögen. Paderborn, das sind dunkle Felder und ein siffiger Bahnhof, im Vergleich zu dem die Nacht auf dem Flughafen wie ein Fünf-Sterne-Aufenthalt anmutet. Paderborn, das ist der Inbegriff von etwas so Provinziellen, dass es schon wieder etwas Mystisches hat.

Wie die Hauptstädterin unlängst feststellen musste, steht sie mit dieser Einschätzung nicht alleine da: Das Wort "Paderbornisierung" ist auf dem besten Wege, zu einem stehenden Begriff zu werden.

Im Dezember 2005 spricht die Psychologie Heute von der "Paderbornisierung der Bundesrepublik", um damit eine "ausgeprägte Lokalisierungsbewegung" zu bezeichnen, oder wie der Philosoph Michael Großheim es ausdrückt: ein "Trendwunder zum beschränkten Eigenen". Gemeint ist die Erfolgswelle von deutschen Popbands, deutschen Filmen, deutschen Wanderbüchern, vor allem aber der zunehmende Trend zum Deutschland-Urlaub: "Und plötzlich machen auch junge Leute Urlaub im Schwarzwald, die Globetrotter von einst fahren nach Rügen oder nach Thüringen, ganz Abgedrehte entdecken Görlitz oder den Hotzenwald."

Die Tourismusplaner des Paderborner Landes haben sich daraufhin bemüht, diese zumindest nicht negativ verwendete Begriffsschöpfung für sich zu nutzen. Wie selbst die Berliner Morgenpost am 15. Oktober 2006 in ihrem Reiseteil berichtet, werben die Paderborner unter Bezugnahme auf den Psychologie-Heute-Artikel mit "44 Komplettarrangements für den 'kleinen Urlaub zwischendurch'". Die Internetseite Paderborner Land zitiert dazu folgende Worte des Geschäftsführers der Touristikzentrale Paderborner Land e.V.: "Wenn mit Paderbornisierung ein Urlaub gemeint ist, aus dem man an Leib und Seele erholt zurückkommt - wunderbar!" Näher an der Wahrheit ist aber wohl folgende Selbsteinschätzung: "Die Broschüre Kurzreisen 2007 bündelt das touristische Angebot im Kreis Paderborn im handlichen Format eines kleinen Geschäftsbriefs." Tourismus in Paderborn passt also auf einen Briefbogen, wen hätte es gewundert.

Mit der positiven Wendung des Wortes "Paderbornisierung" versucht man natürlich nichts weniger, als einem unangenehmen Begriff den Schrecken zu nehmen. Ganz anders sehen das die Bewohner des benachbarten Lippstadt. Anfang Dezember 2006 werden im Forum des Lippstädter Stadtmagazins Blicker Pläne des dortigen Bürgermeisters diskutiert, den alten Güterbahnhof abzureißen, um mehr Platz für den "Kommerz" zu schaffen. Grund genug für einen User, sich über die "Paderbornisierung" Sorgen zu machen, "die eine Umsetzung der Pläne für die Lippstädter Innenstadt bedeuten würde(...)". Paderborn, das ist also sogar für Lippstadt eine Bedrohung, selbst nicht gerade eine Kulturmetropole.

Es kommt noch schlimmer. Lange bevor die Psychologie Heute Deutschland zur Paderborner Provinz erklärt, ist Paderborn bereits gefährlich nah an die Hauptstadt herangerückt. In einem Artikel von Klaus Nothnagel über den Berliner Randbezirk Lichtenrade, der am 08.03.2005 im Feuilleton der Berliner Zeitung erscheint, findet sich das Wort "paderbornisiert" in seiner treffendsten Bedeutung:

"Das ist es also, was der Lichtenrader tut, wenn er nicht Zäune zieht, Kränze nagelt, Whittacker hört oder grillt - er kauft sinnlos ein, um das Bewusstsein zu betäuben, dass er da lebt, wo Berlin vollständig paderbornisiert ist: reizarm, feindselig, still und abweisend. Lieber tot und hin in Mitte als leben müssen in Lichtenrade!"

Paderbornisierung, das ist hier die Provinz von ihrer dunkelsten Seite. Der Tagesspiegel schließlich treibt es in seiner Ausgabe vom 30.12.2006 auf die Spitze, als Frank Jansen von der "zunehmende(n) Paderbornisierung Berlins" schreibt und den Misserfolg des Nachtclubs "Goya" als Indiz dafür nimmt, dass "sich die Bundeshauptstadt ein Stückchen paderbornisiert" hat. Paderborn, hier? Paderborn im Hotzenwald, in Lippstadt, in Lichtenrade, nun gut - aber hier, im Herzen Berlins? Wird die Museumsinsel bald einer Hartschalenstuhl-Halle Platz machen, der Potsdamer Platz düsteren Feldern, die gesamte Bevölkerung einer Handvoll Mallorca-Touristen?

Der Haupstädterin läuft ein Frösteln über den Rücken.

aw