FEBRUAR
2002

 
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EXTRA


Die Dämmerungsrufe in Motihari*

In einem Erdteil, wo heutzutage
die Kriegsposaunen laut dröhnen.



In der ganzen Welt wollen die Eltern ihre Kinder zur Dämmerung bei sich haben. Das ist ein Faktum. Meiner Meinung nach sollte es keine Ausnahme von dieser Regel geben. Von New York bis Motihari. Unter schneeweißen sonnenarmen Skandinaviern. Und unter den in der Sonnenhitze gerösteten südlichen Völkern.

Stückchenweise verschwindet am Horizont die rote immer größer werdende Scheibe, die Vogelscharen fliegen zu ihren Horten zurück, und das Familiennest dürstet nach dem Zusammensein.

Und nicht selten vergessen die spielenden Kinder die Mahnungen ihrer Eltern, abends rechtzeitig zuhause zu sein. In manchen Ländern wird es in Gassen gerufen: Mamas und Papas artikulieren deutlich und laut die Namen ihrer Lieblinge. In manchen Ländern wird wiederum an die Tür des Nachbars geklopft, auf den Spielplätzen gesucht, ... bei Freunden angerufen.

Es gibt brave Kinder. Es gibt auch weniger brave Kinder, die nicht immer den Eltern gehorchen. O Weh! Dann gibt es welche, die in ihrer Neugier an einzelnen Abenden ein Geheimnis aufklären oder vielleicht auch ein Rätsel lösen möchten. Sie möchten weiter erforschen, weiter suchen.

So einer ist der Junge Winton in Graham Greens Geschichte „Under the Garden“. Eines Abends wird der Kleine richtig von seinem Entdeckungsdrang gepackt, und er möchte die Geheimnisse des Haussees samt seiner Insel erforschen. Beim Einbruch der Dämmerung versteckt sich Winton, währenddessen sein braver älterer Bruder ihn vergeblich sucht. Eine Weile, weil sich der gehorsame George vor der anbrechenden Dunkelheit fürchtet. Er zieht ins Haus zu der Mom zurück.

In unserer Familie gab es wenig Ermahnungen. Vielmehr dirigierten uns die Regeln. Ja, die Gesetze von Herrn Papa mussten ausnahmslos befolgt werden. Und Papa hat das Grundgesetz erlassen, dass jeder vor dem Sonnenuntergang im Haus anwesend zu sein habe.

Papa rief mich in Motihari laut, und wenn ich mich nicht in seiner Sichtweite befand, dann erschallten seine Rufe in engen Straßen, die abends allmähnlich immer leerer wurden. In den Ferien, als uns mein großer Bruder aus dem Internat besuchte, hörte man zwei liebkosende Kindernamen, deren Silben sich aufeinander so schön reimten. Sobald jene Laute unsere Ohren erreichten, antworteten unsere Münder automatisch: „Ja Papa, wir kommen!“

Hinzu fällt mir eine kuriose sehr amüsante Anekdote ein. Ein neuer Straßenverkäufer, dessen Stimme auffallend der Papas ähnelte, begann in jener Zeit durch die Gassen unseres Wohnviertels zu kreuzen. Und immer wenn er den Namen seiner Köstlichkeit aus Nüssen wiederholt hintereinander laut rief, hörte ich meinen und den Namen meines Bruders in Papas Stimme. Prompt antwortete ich darauf wie ein Automat: „Ja, ich komme!“ Sofort wurde mir jedoch die Tatsache – auch nach meinem wiederholten Durchsuchen des Hauses – bewusst, dass weder Papa noch mein älterer Bruder da waren. Verwundert fragte sich meine Kinderseele, ob ich richtig gehört hatte oder mir die Rufe bloß eingebildet hatte. Mein Kinderhirn rätselte. In den darauffolgenden Tagen hörte ich noch einige Male die merkwürdigen Rufe, auf die ich mechanisch antwortete. Dann wunderte ich mich. Es vergingen noch einige Tage, bis ich selbst der Sache nachging, und die Wirklichkeit peinlich lachend herausfand – einen Trödler!

Zuhause gab es abends erstmal einen kleinen Snack, und dann gingen wir, vier Geschwister, ins Lesezimmer. Mal döste einer hinter seinem Buch. Mal nahm einer ein kleines Nickerchen an seinem Schreibtisch. Aber nur, wenn die Gefahr von Papa nicht in unmittelbarer Nähe lauerte.

Reminiszenzen! Wenn ich mich heute in Europa während der Weihnachtstage an meine östliche Welt so schön erinnere, unterhalte ich mich zugleich darüber mit dem Schüler Anton. Anton wird 19 und macht sein Abitur in der Waldorfschule Kassel. Anton stimmt mir zu und versucht sehnsuchtsvoll auf seine Kindheit mit seiner alleinerziehenden Mutter zurückzublicken: „Stimmt! Die Mutter kam oft zum Spielplatz und holte mich ab, denn es wurde auch Zeit zum Abendbrot... Aber ich werde demnächst meine Mutter fragen, was ihr dazu einfällt...“ Damals lebten sie, Anton und seine Mutter, in Berlin. Antons Mutter wohnt jetzt in Hamburg, und sie kommt regelmäßig nach Kassel.

Die Spielplätze meiner Kindheit waren die Straßen von Motihari. Damals war jene kleine ostindische Stadt nicht übervölkert, und die trockenen sauberen Straßen eines jeden Wohnviertels waren ideal für unsere Spiele: Marmorkügelchen, Kreiselräder, Badminton, ...

ak


* George Orwell erblickte die Welt in dieser ostindischen Stadt (Bundesland Bihar), und Mahatma Gandhi startete 1917 Satyagrah, den gewaltlosen Widerstand.