MAI
2003

 
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Renate: Eines Tages
Alle zitierten Textstellen aus:
Renatika (in zwei Bänden)
Privatverlag D´Arbrette, Spandau 2001
© Kreatives Schreiben e.V. und bei den AutorInnen

1. Die Losung der Renatuther Brüderversammle für diesen Monat steht im dreizehnten Kapitel des Freiheitsevangeliums der Renate:

„Eines Tages, wenn wieder mal wieder alles schieflaufen sollte,
wird sie [Renate] wieder nach Puppenlappen zurückkehren und uns von dem Unheil erlösen.“

(EvFrei 13,19)


Liebe Leserinnen und Leser!

Wach und gespannt sollten wir Renatisten auf die Wiederkehr unserer Renate warten! Was wir hier als Monatslosung lesen, stammt aus dem Nachruf des Bürgermeisters von Puppenlappen, dem Geburtsort Renates. Es besteht kein Zweifel, daß uns hier im Freiheitsevangelium eine authentische Trauerrede aus den Tagen ihres Todes überliefert ist. Und es besteht kein Zweifel: Bereits damals waren die Menschen überzeugt: Renate lebt! Wenn zu Beginn des Freiheitsevangeliums von ihrer vorgeburtlichen Existenz die Rede ist, so wird hier ganz deutlich: Mit dem Tode Renates ist nicht alles aus. Sie wird eines Tages wiederkommen!

Die Zeichen des Unheils, die für wache Geister am Horizont des Weltgeschehens aufgetaucht sind, stellen für uns Anhänger Renates keinen Grund dar, die Köpfe hängen zu lassen, sondern sie aufzurichten und mit Freude die Wiederkehr ihres Vorbilds und das endgültige Rundlaufen der Weltkugel zu erwarten.

Mögen Schlaglöcher und Verkehrsstau zur Fesselung des Menschen an den von ihm zu verantwortenden Stillstand geführt haben. Mögen sich die Blicke und Gedanken der Menschen noch so angstvoll auf die kaputten Lastwagen am Straßenrand, die eingefallenen Garagen und die fehlenden Ersatzteile - letztlich alles nur Widerspiegelungen der stillstehenden Innenwelt - richten, mögen sie traurig vor den Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums stehen und zusehen, wie alles marode wird und zerfällt - wir Renatisten erheben unsere Häupter, denn wir haben eine andere Sicherheit, als den desolaten Börsenmarkt. Wir wissen, was die Stunde geschlagen hat, in der jene Gebundenheiten und Stillstände fallen werden. Der Zündschlüssel steckt bereits im Schloß. Kein finanzieller Zusammenbruch und auch kein Antiretter kann verhindern, daß er umgedreht wird und der Motor anspringt für den Lastenausgleich aller! Die Entlastung der Menschen untereinander, der große Lastentausch hat mit Renate bereits begonnen, und nichts in der Welt wird das Rundlaufen der Kugel aufhalten.

Wir Renatisten dürfen gerade unter diesen Umständen geduldig warten und hoffen. Wir müssen nicht zurückschauen und wie einige, die gar nicht wissen, wovon sie reden, brüllen: „Unter der constancischen Autokratie war alles Besser!“ Es war sicherlich anders, aber nicht besser. Wir brauchen uns aber auch nicht heiß zu machen und sagen: „Dieser oder jener wird die finanzielle Stagnation beseitigen!“ Wir Renatisten wissen: Je mehr sich die Wolken des Unheils über uns verdunkeln, desto näher ist die Wiederkehr Renates! Der Tag der Entlastung ist nicht mehr fern! Und diese Entlastung wird allumfassend sein: „Beseitigung von blauen Heuschreckenplagen, von Rinder- und Schafseuchen, von finanzieller Stagnation, sowie von Hunger, Kriegen, Tod, Elend, Verwirrung und nicht zuletzt floriert unsere Wirtschaft“ (vgl. EvFrei 13,13.14).

Renatisten haben die Aufgabe, diese Erwartung durchzuhalten. Sie werden Zeichen der Hoffnung sehen, die weit über das hinausgeht, was sonst erwartet und erhofft wird von Menschen, die verlernt haben, ihre Blicke auf Renate zu richten, und die nur noch das Vordergründige wahrnehmen können, was keinen Halt bietet und schon morgen erschüttert werden kann. Renatisten lassen sich davon nicht fesseln, sondern erwarten die Bewegungsfreiheit im Nahen ihres Vorbilds, die kein Antiretter daran hindern kann, den vollkommenen Lastenausgleich aufzurichten.

Wir sind bereits entlastet, weil wir in dieser Hoffnung leben. Denn wer die weiß, hat schon jetzt Anteil an der kommenden Entlastung, „denn wir wissen, daß wir aus Gnade entlastet werden nach allem, was wir zur Entlastung beitragen können“ (1Nuß 6,6). Und so wagen wir Schritte der Entlastung im Zeichen unseres Vorbilds, eben solche Schritte der Entlastung, auf die die Verächter des Renatismus oft so vergeblich gewartet haben und noch warten. Entlastete sind dankbare Menschen, die ihre Schwere und Beladenheit überwinden und nicht in Stagnation verfallen. Sie können sich deshalb an diejenigen wenden, die gefesselt und stillstehend sind, an diejenigen, die nur noch äußeren Formen nachgehen, die vor der Renatenacht bangen und unruhig sind, ob sie auch jemanden wiedertreffen und ihnen dann großes Glück bevorstehe. Das ist ein völlig falsch verstandener Gewohnheitsrenatismus! Doch wirklich Entlastete sind entgegenkommende Menschen, die ihrem Vorbild entgegengehen. Deshalb kommt es nicht darauf an, ob sie in der Renatenacht andere wiedertreffen. Sie können diese auch so entlasten und zeigen, daß auch durch das Gewicht hindurch der Lastenausgleich naht.

Wir sinds zwar nicht, die den endgültigen Lastenausgleich und das vollkommene Rundlaufen der Weltkugel herbeiführen können, aber wir sind dazu befähigt, die kommende Entlastung jetzt schon erlebbar zu machen, indem wir Lasten abnehmen und transportieren. Dieser Transport ist manchmal schwer. Manchmal mag es uns aber auch ergehen, wie jenem legendären Christof, der glaubte, mit seinem Gefährt einen alten, gebrechlichen Mann nur schnell mal über eine breite Straße zu transportieren. Doch dann merkte er, daß er da jenen altgewordenen Johannes (vgl. EvFrei 4,12) persönlich über einen Regenbogen ins Stonewall In fuhr. Es lohnt sich also, mitten in Zeiten des Unheils und Gewichts wohlgemut mit seinem Gefährt zu fahren und in der Versammlung mit allen Entlasteten Künder und Träger des nahenden Lastenausgleichs zu sein.

Und so stimmen wir in den Gesang des Bekenntnisses nach Roger Teiler ein:
„...denn es kann nur eine geben,
des Werk in tausend Jahren nicht erledigt scheint,
es ist bald soweit
Wunder, eine Art Wunder
Es ist ein Wunder
Wunder, Wunder, Wunder, Wunder
Ein Wunder
Es ist eine Art Wunder.“

Renanata!
Friedbert Mumm-Sekt

2. Das Ende aller Last

Jedes Jahr begehen die Renatisten vom 22. bis 26. Mai ihren bedeutendsten Feiertag, das Renaphanie-Fest. Im letzten Jahr brachten wir aus diesem Anlaß ein Interview mit Dr. Waltraud Rebuh, Hyperversammlungsleiterin der Vereinigten poldeïschen Versammlungen Ostelbiëns. Auch diesmal sendet sie uns eine Botschaft zu diesem hohen Fest.


„Sie sprach zu ihr und ihre Worte machten Susanne frei.“ Das ist die entscheidende Renaphanie-Botschaft an uns. Und „Die Dröseligkeit wich in einem unteilbaren Blitzmoment und so wußten auch die Zwerge: Renate lebt.“ - heißt es weiter. Die Zwerge waren aus Kummer dröselig. Die gute Botschaft Susannes konnte sie nicht erreichen. Doch es blieb nicht dabei. Renate selbst erschien und nahm ihnen die Last.

Zweimal spielt in den Ursprungsgeschichten des Renatismus die Überwindung von Resignation und Stillstand eine Schlüsselrolle. Beide Male sind Menschen starr vor Kummer. Zum einen Mal ist es Susanne, die sich schwer beladen in die Kanalisation zurückzieht. Es wurde viel darüber spekuliert, ob diese Aussage nicht nur sinnbildlich zu verstehen sei. Doch das ist ganz gleich! Hier ist ein Mensch, der aus Kummer nicht nur in die innere Emigration geht. Susanne zieht sich ganz praktisch aus allen Lebenszusammenhängen zurück und geht an einen Ort, wo kein Mensch sich gerne freiwillig lange aufhält. Sie aber bleibt hier. Und wäre ihr nicht Renate im Traum erschienen, wer weiß, ob sie nicht von ihrem Kummer und Ratten inner- und äußerlich zerfressen worden wäre! Nun könnten wir sagen: Träume sind Schäume. So aber nicht für Susanne. Renate war ihr so lebendig, daß Susanne aus ihrem Kummer herausfinden konnte. Träume sind Schäume. Ließe sich sagen, doch zum anderen Mal sind es eben gerade nicht die Worte Susannes, sondern Renate selbst, die die Dröseligkeit der Zwerge beseitigt. Das bedeutet: Laßt alle Furcht, ihr könnt vertrauen, denn Renate fängt immer wieder neu an.

Dieser Zusage wegen gehört Renaphanie zu den wichtigsten Festen des Renatismus. Ja, den Renatismus gäbe es gar nicht, wenn es Renaphanie nicht gäbe. Kaum jemand würde noch von Renate sprechen, wenn sie ihren Freunden am Freitag nach ihrem martialischen Tode nicht erschienen wäre. Daher leitet sich ja auch der Name unseres Festes ab. Renaphanie heißt „Erscheinung Renates“.


Selbstverständlich war der Glaube an ihre Erscheinung nie. Heute wird er manchmal mit der Frage verwechselt, ob das erwähnte Erbbegräbnis Sternbalds, in das sie nach den Evangelien gelegt worden war, überhaupt existierte. Doch ein etwaiger Nachweis, daß es ein solches Grabmonument tatsächlich gegeben habe, beweist doch noch gar nichts. Dieser Nachweis allein, führt uns nicht zur Botschaft von Renaphanie, sondern kann allerhöchstens Entsetzen, Trauer und Stillstand in uns hervorrufen. Tot ist tot.

Worte helfen da wenig. Die Tür des Zwergenhauses war fest verrammelt. Susanne erreichte zwar, hereingelassen zu werden, doch konnte ihre frohe Botschaft die Zwerge nicht erreichen. Etwas anderes mußte geschehen. Die Geschundene und Getötete muß erkennbar werden und sich selbst vernehmen lassen.

An Renaphanie geht es um das Bekenntnis: Die tote Renate lebt! Das Bekenntnis zu ihrer Erscheinung meint nicht, daß Renate in dieses sterbliche Leben zurückgekehrt wäre. Die Botschaft meint vielmehr: Renate nimmt auch weiterhin Lasten und es wird das endgültige Rundlaufen der Erde geben!

Nicht ein geschichtliches, sondern ein Raum und Zeit überschreitendes Geschehen wird uns berichtet. Das läßt sich gerade deshalb nicht wie etwa in einem Dokumentarfilm festhalten. Renaphanie behält ihr Geheimnis. Aber wir können dieses Geheimnis erfahren. Überall dort begegnet es uns, wo Menschen ihr Leben und ihre Freude, ihre Entlastung und Stärke gefunden haben. Nicht dort kommt uns die Erscheinung Renates nahe, wo über sie spekuliert wird, sondern wo mit Entlastung auf diese geantwortet wird.

Menschen, die in Kümmernissen ruhig bleiben, die entlastet sterben und angesichts des Todes Hoffnung auf ein Rundlaufen der Erde ausstrahlen; Menschen, die im Streit Entlastung anbieten - sie sind Zeugen der Erscheinung Renates. Es gab nie auch nur ein Jahr, in dem dieses Zeugnis nicht nötig gewesen wäre! In diesem Jahr brauchen wir die Renaphanie-Botschaft besonders, wenn uns die Nachrichten von Krieg vor Entsetzen stillstehend machen wollen. Wer das Wort von der Erscheinung Renates nicht gelten lassen will, macht auch die Wirklichkeit, in der wir leben, schwer und belastend.

Die Renaphanie-Botschaft hilft uns, die eigene Endlichkeit anzunehmen und darin die Würde des Menschen zu achten. Denn annehmen können wir die Begrenztheit unseres Lebens nur, wenn wir die Hoffnung haben, daß mit dem Tode nicht alles aus ist, daß sie Erde dereinst rundlaufen wird und unsere entlastendes Tun heute schon dazu beiträgt.

Auch wir, die wir in einer modernen und vermeintlich hochtechnisierten Welt leben, sind darauf angewiesen, daß etwas von der Renate-Erscheinung in unser Leben strahlt. Denn ohne die Botschaft vom Lastenausgleich werden wir zusehends schwerer und immer beladener. Die Lasten drücken uns wie ein schwerer Fels nieder. Wer kennt nicht aus eigener Erfahrung, wenn die Hoffnung auf dem Lastenausgleich aus unserem Leben zu schwinden droht? Auch um uns herum sehen wir viele Menschen, denen die Botschaft von Rundlaufen der Erde keine Entlastung mehr zu geben scheint. Wer dies aufmerksam wahrnimmt, der lernt auch, behutsam auf alle Zeichen des Lastenausgleich zu achten. Sie sind die Boten der Renaphanie. Ohne solch entlastende Boten können wir nicht leben.

Renate hat sich der Gewalt nur scheinbar gebeugt. Ihre Erscheinung zeigt uns, daß sie sie überwunden hat. Die martialischen Folterungen der Lakarier behielten nicht das letzte Wort. Es gab einen Neuanfang.

So auch bei uns Renatisten. Wir geben uns mit den Ungerechtigkeiten des Lebens nicht ab. Wir tauschen Lasten. Wir kapitulieren nicht. Denn wir stehen auf der Seite des Lastenausgleichs. Wir lassen den Tod nicht überall ins Leben eindringen. Auf diese Weise bezeugen wir, worum es dem Renatismus geht. Es geht um eine Hoffnung über den Tod hinaus. Um dieser Hoffnung willen feiern wir Renaphanie, denn nichts bleibt so, wie es ist. Und so lassen Sie uns in das uralte Renaphanie-Bekenntnis einstimmen:

Alle Maien wieder,
Schlägts Renate nieder;
Doch bald, da kommtet sie,
Die entlastend Renaphanie

Renanata! Ihre Waltraud Rebuh

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