NOVEMBER
2002

 
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Renate: Jeder von uns
Alle zitierten Textstellen aus:
Renatika (in zwei Bänden)
Privatverlag D´Arbrette, Spandau 2001
© Kreatives Schreiben e.V. und bei den AutorInnen

1. Die Losung der Renatuther Brüderversammle für November 2402 steht im 4. Brief des sorgenvollen Heinrich:

Jeder von uns, der mit zerrissener Weste durch die Menge geht,
zeugt von der Schande, die wir unserem Namen antun.

(4Hein 9)

Meine Töchter, liebe Brüder!

Der sog. vierte Heinrichbrief ist fast wie ein Klagelied, das die Überschrift „Ruf der verfolgten Renatisten in der Erniedrigung“ tragen könnte. Die Not im von den Lakariern besetzt gehaltenen Lande muß unermeßlich groß gewesen sein.

Feinde bewohnen das eigene Haus. Die Daheimgebliebenen müssen das Wasser fürs Autowaschen bei den Pumpzöllnern teuer bezahlen - und das angesichts der Tatsache, daß ihnen früher die Pumpen nicht nur allerorts kostenlos zur Verfügung standen, sondern auch, daß bis zum gänzlichen Verbot von Privatwagen die Lakarier ein schikanöses Gesetz verhängen, wonach nur mit gewaschenen Autos gefahren werden dürfe. Was gewaschen bedeutet, legen die Lakarier zudem rein willkürlich aus! Daß damit die Bewegungsfreiheit äußerst eingeschränkt ist, liegt auf der Hand. Noch schlimmer ist aber, daß selbst fürs Abschlagen oder nur Sammeln von Brennholz aus dem eigenen Wald bei einem Holzbeauftragten hohe Preise gezahlt werden müssen! Frauen und Mädchen sind den lüsternen Nachstellungen und Vergewaltigungen durch die Feinde wehrlos ausgeliefert. Zeigt sich eine Frau nicht gefügig, wird sie auf der Stelle „in den Stillstand befördert“, was die euphemistische und menschenverachtende Umschreibung für „hingerichtet“ ist! Viele Männer werden zum sogenannten Zwangsstillstand abkommandiert, was heißt, daß sie oft monatelang in fensterlosen Kellerverließen dahinvegetieren.

So verhält es sich, wenn in den Renatika von der Zeit des Stillstands zu lesen ist. Wahrhaft grausame Dinge sind das, fürwahr. Wir können aber daraus lernen, was auch in der tiefsten Tiefe überleben, ja überwinden hilft. Hier wird nicht Renate angeklagt, die alles zulasse, von oben ruhig zuschaue (vgl. EvFrei 13,18) und nicht eingreife, aber auch nicht die Gegner, die so unmenschlich handeln - sondern die Renatisten selbst, deren wankelmütiges Herz sie in die Flucht geschlagen hat. Von dieser Einsicht her kann die Klage zu einem Aufruf werden. So heißt es auch im Vers 10: „Aber keiner von uns wird hier bleiben. Das letzte Wort über das Recht unseres Namen ist noch nicht gesprochen!“ Das heißt auch: In welche Lage wir immer uns gebracht haben, wir können umkehren und zurückfinden.

Machen wir uns zudem deutlich, daß mit dem Wort „Einsicht“ eine sehr anschauliche Sache gemeint ist: Wir haben Einsicht in Wegbiegungen oder Ausfahrten. Sie ist geradezu Voraussetzung für einen gefahrlosen Transport. Einsicht ist aber gleichzeitig ein vielschichtiger geistiger Prozeß, der Umsicht, Voraussicht, Rücksicht einschließt und mit Verantwortung verbunden ist. So bedeutet „Einsicht gewinnen“ oder „ein Einsehen haben“: Mir geht ein bisher verschlossener Sachverhalt auf, und ich verändere daraufhin meine Einstellung. Ich werde „einsichtig“. Die Einsicht schließt also ein „In-sich-Gehen“ ein. Und das ist der erste Schritt zur Umkehr. Einen solchen Schritt haben die neuexegetisch-poldeïschen Versammlungen beispielsweise im Jahre 2365 mit ihrer „Demokratiedenkschrift“ getan. Das grausame Geschick, das die „Constancischen Renatiker“ mit ihrem Totalitarismus einzelnen Renatisten im besonderen und vielen Menschen im allgemeinen angetan haben, mußte erst einmal erkannt und anerkannt werden „als Teil des schweren Unglücks, das Renatisten schuldhaft über sich selbst und andere gebracht haben“. Solche schmerzlichen Schritte der Schuldeinsicht sind nötig, um im eigenen Leben oder in der Gesellschaft Veränderungen hin zum vollkommenen Lastenausgleich zu bewirken.

Renanata!

Judica Palm-Sonntag, Oberversammlungsleiterin/Augsburg

fs / bä

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