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Literatur

Catull: Liebe, Leidenschaft und Lyrik im alten Rom

Literatenstraßen-Serie

Kaum ein Dichter der Antike hat die Leserinnen und Leser so direkt angesprochen wie Gaius Valerius Catullus. Waehrend viele seiner roemischen Zeitgenossen hinter mythologischen Kulissen verschwanden, stellte Catull sein Innerstes nach aussen. Er schrieb ueber Liebe, Eifersucht, Freundschaft und Hass – und das mit einer Unmittelbarkeit, die bis heute beruehrt. Seine Gedichte lesen sich stellenweise, als waeren sie gestern geschrieben worden. Dabei lebte der Mann, den wir als einen der bedeutendsten Lyriker der roemischen Literatur kennen, nur knapp dreissig Jahre.

Catull: Liebe, Leidenschaft und Lyrik im alten Rom

Herkunft und Jugend in Verona

Ueber das genaue Geburtsjahr von Catull wird bis heute diskutiert. Die Forschung schwankt zwischen 87 und 84 v. Chr. Sicher ist hingegen, dass er aus einer wohlhabenden Familie in Verona stammte – einer Stadt, die damals zur roemischen Provinz Gallia cisalpina gehoerte. Die Familie pflegte enge Kontakte zur roemischen Oberschicht. Catulls Vater besass ein praechtiges Landhaus auf der Halbinsel Sirmione am suedlichen Ufer des Gardasees. Der antike Biograph Sueton berichtet in seiner Schrift Divus Iulius (73), dass kein Geringerer als Julius Caesar dort als Gast empfangen wurde. Die Familie war also bestens vernetzt.

Wie es fuer junge Maenner aus gutem Hause ueblich war, schickte man den jungen Catull zur Ausbildung nach Rom. Die Hauptstadt des Imperiums bot alles, was ein wissbegieriger junger Mann aus der Provinz sich wuenschen konnte: Rhetorikunterricht, politische Debatten, literarische Zirkel und natuerlich ein pulsierendes Nachtleben. Catull fand offenbar rasch Anschluss an die roemische Jeunesse doree. Er fuehrte ein geselliges, ungebundenes Leben – und begann frueh zu dichten.

Bemerkenswert ist dabei ein politisches Detail: Obwohl sein Vater gute Beziehungen zu Caesar unterhielt, schlug sich Catull auf die Seite der Republikaner. Er wurde zu einem scharfzuengigen Kritiker Caesars – eine Spannung, die seine Biographie zusaetzlich reizvoll macht.

Die Neoteriker: Eine poetische Revolution

In Rom schloss sich Catull einer Gruppe junger Dichter an, die die lateinische Poesie grundlegend veraendern sollten: den Neoterikern. Diesen Namen verdanken sie keinem Geringeren als Cicero. In einem Brief an seinen Freund Atticus (Ad Atticum 7, 2, 1) erwaehnt der grosse Redner beilaeufig die neoteroi – die „Neueren“. An anderer Stelle (Orator 161) nennt er sie poetae novi, also „neue Dichter“. Der Ton, in dem Cicero ueber sie sprach, war nicht gerade begeistert. Doch genau das zeigt, wie sehr diese junge Avantgarde den Nerv der Zeit traf.

Was machte die Neoteriker so besonders? Sie nahmen die kuenstlerische Form der Dichtung auf eine Art ernst, die in Rom bis dahin unbekannt war. Waehrend die aeltere roemische Dichtung oft auf den grossen Wurf setzte – epische Verserzaehlungen, patriotische Heldengesaenge –, kultivierten die Neoteriker bewusst die kleinen Gattungen. Statt des monumentalen Epos schrieben sie Epigramme, lyrische Gedichte und Epyllien (Kurzepen). Sie stellten hoechste Ansprueche an Metrum und Stil. Jedes Wort musste sitzen. Hastiges Produzieren war verpönt – ein Gedicht durfte erst nach gruendlicher Ueberarbeitung das Licht der Oeffentlichkeit erblicken.

Als Vorbilder dienten ihnen die hellenistischen Dichter Griechenlands, allen voran Kallimachos von Kyrene, der die Maxime praegte, ein kurzes, sorgfaeltig gearbeitetes Werk sei einem langen, nachlässig verfassten stets vorzuziehen. Mit diesem Programm setzten die Neoteriker eine poetische Revolution in Gang, deren Wirkung weit ueber ihre eigene Zeit hinausreichte. Vergil, Horaz, Ovid – sie alle standen in der Schuld dieser innovativen Bewegung, auch wenn sie eigene Wege gingen.

Reise nach Bithynien und der Abschied am Grab

Im Jahr 57 v. Chr. unternahm Catull eine Reise, die sein Leben und sein Werk praegen sollte. Gemeinsam mit seinem Freund und Landsmann Helvius Cinna begleitete er den Statthalter Gaius Memmius in dessen Provinz Bithynien, an der Suedkueste des Schwarzen Meeres im heutigen Nordwesten der Tuerkei. Etwa ein Jahr lang blieb er dort. Die Reise bot ihm Abwechslung vom roemischen Treiben – doch sie brachte auch einen zutiefst persoenlichen Moment mit sich.

Auf der Rueckreise machte Catull einen Abstecher nach Troja, um das Grab seines frueh verstorbenen Bruders zu besuchen. Aus diesem Erlebnis entstand eines der ergreifendsten Gedichte der roemischen Literatur: carmen 101, das Klagegedicht am Brudersgrab. In wenigen, schlichten Versen drueckt Catull seinen Schmerz und seine Trauer aus – ohne jeden rhetorischen Pomp, ohne mythologische Verbraemung. Es ist ein Stueck reiner, unverstellter Emotion, das bis heute zu den meistzitierten Texten der Antike gehoert.

Die letzten datierbaren Anspielungen in seinen Gedichten beziehen sich auf das zweite Konsulat des Pompeius sowie Caesars Rheinuebergang und erste Britannienexpedition im Jahr 55 v. Chr. Catull starb vermutlich um 54 v. Chr. Er hatte das dreissigste Lebensjahr kaum ueberschritten. Selten hat ein so kurzes Leben ein so reiches poetisches Erbe hinterlassen.

116 Gedichte: Catulls literarisches Vermaechtnis

Von Catull sind 116 carmina erhalten geblieben – eine Sammlung, die die Jahrhunderte ueberdauert hat und nach Versmassen geordnet ist. Der Aufbau der Sammlung folgt einem klaren Prinzip: Der erste Teil (carmen 1 bis 60) versammelt kuerzere Gedichte in verschiedenen Metren – darunter leichtfuessige Liebesgedichte, spottende Epigramme und freundschaftliche Widmungen. Der mittlere Teil (carmen 61 bis 68) praesentiert die grossen, kunstvoll durchgearbeiteten Stuecke, vornehmlich in Hexametern oder elegischen Distichen verfasst. Der abschliessende Teil (carmen 69 bis 116) bietet Epigrammatisches, durchgehend im elegischen Mass.

Die Bandbreite ist beeindruckend. Catulls Gedichte reichen von zaertlichen Liebesbeteuerungen ueber beissende Spottverse bis hin zu aufwaendig komponierten Hochzeitsgedichten und mythologischen Erzaehlungen. Carmen 107 etwa faengt den Moment ein, in dem die geliebte Lesbia zu ihm zurueckkehrt – ein Gluecksgefuehl, das in jedem Wort spuerbar wird:

Geht je einem, der liebt und begehrt, unverhofft
ein Wunsch in Erfuellung,
so ist dies ein besonderes Glueck.
Deshalb macht es mich gluecklich, mehr als goldene Schaetze,
dass du zurueckkehrst, Lesbia, zu dem, der dich liebt und begehrt;
kehrst zurueck zu mir, der dich begehrt und nicht hoffte,
dich selber bringst du mir wieder.
O beglueckender, strahlender Tag!
Wer ist gluecklicher nun auf Erden als ich,
wer vermoechte zu sagen, was mehr einer im Leben sich wuenscht?

Catull, carmen 107

Doch so strahlend diese Verse klingen, so dunkel konnte Catulls Ton werden, wenn Enttaeuschung und Eifersucht die Oberhand gewannen. Carmen 58 zeigt die bittere Kehrseite der Leidenschaft – eine schonungslose Abrechnung mit der untreuen Geliebten:

Meine Lesbia, o Caelius,
jene Lesbia,
die Catullus dereinst und einzig liebte,
mehr als all die seinen und sich selber:
Diese Lesbia befriedigt
jetzt an Kreuzwegen und in Seitengassen
die hochherzigen Enkel des Remus.

Catull, carmen 58

Die Fallhoehe zwischen diesen beiden Gedichten zeigt die ganze emotionale Spannweite dieses Dichters. In wenigen Zeilen bewegt sich Catull von ekstatischer Freude zu beissendem Zynismus. Es ist diese Ehrlichkeit, die seine Verse so zeitlos macht.

Lesbia: Die Frau hinter der Dichtung

Kein Name ist so eng mit Catulls Dichtung verbunden wie der seiner Lesbia. Doch wer verbarg sich hinter diesem Pseudonym? Der roemische Dichter Martial brachte das Verhaeltnis zwischen Catull und seiner Muse in einer einzigen, meisterhaften Zeile auf den Punkt:

Lesbia dictavit, docte Catulle, tibi.

„Lesbia war es, gelehrter Catull, die dir deine Dichtungen eingab.“

Martial 8, 73, 8

Martial nennt Catull doctus – „gelehrt“. Das ist ein Ehrentitel, der die handwerkliche Meisterschaft des Dichters wuerdigt. Doch zugleich macht Martial klar: Ohne Lesbia haette es diese Meisterschaft nicht gegeben. Sie war die Quelle seiner Inspiration, die Flamme, an der sich seine Verse entzuendeten.

Der Schriftsteller Apuleius, der spaetere Verfasser des beruehmten Romans Metamorphosen (im Volksmund „Der goldene Esel“), lieferte der Nachwelt den Schluessel: Hinter dem Decknamen Lesbia verberge sich eine gewisse Clodia (Apologia 10). Der Name „Lesbia“ selbst – woertlich „die Frau von Lesbos“ – war dabei keineswegs zufaellig gewaehlt. Er verwies auf die groesste Dichterin der griechischen Antike: Sappho, die auf der Insel Lesbos wirkte und die als „zehnte Muse“ verehrt wurde. Catull kannte und bewunderte Sapphos Werk. Indem er seine Geliebte „Lesbia“ nannte, stellte er sie in eine Tradition hoechster poetischer Inspiration.

Wer die historische Clodia genau war, bleibt Gegenstand gelehrter Debatten. Manche Forscher identifizieren sie mit Clodia Metelli, der Schwester des beruechtigten Politikers Publius Clodius Pulcher – einer Frau, die fuer ihren Witz, ihre Schoenheit und ihre Skandale gleichermassen bekannt war. Doch letztlich ist es nicht ihr buergerlicher Name, der zaehlt. Was zaehlt, ist ihre Rolle in der roemischen Poesie: als Muse, als Objekt der Anbetung und der Verwuenschung, als Ausloeser einiger der grossartigsten Verse, die je in lateinischer Sprache geschrieben wurden.

Catull und die Geburt der Empfindungslyrik

Um zu verstehen, warum Catulls Gedichte so besonders sind, muss man sich vor Augen fuehren, was roemische Dichtung vor ihm war. Die griechische und noch mehr die roemische Antike kannte das, was wir seit Goethe unter „Lyrik“ verstehen, kaum als literarische Gattung. Verse dienten dazu, mythologische Stoffe zu erzaehlen, philosophische Gedanken zu formulieren oder politische Botschaften zu verbreiten. Der unmittelbare, ungefilterte Ausdruck persoenlicher Gefuehle – das, was man als „Empfindungslyrik“ bezeichnen koennte – war schlicht kein anerkannter Gegenstand der Dichtkunst.

Catull durchbrach diese Konvention. Natuerlich war er nicht der Erste, der persoenliche Gefuehle in Verse fasste – auch die grosse Sappho hatte das getan. Doch unter den roemischen Dichtern nimmt er eine einzigartige Sonderstellung ein. Waehrend Horaz und Vergil ihre individuellen Empfindungen hinter einem Schleier aus mythologischem Bildungsgut verbargen, schrieb Catull unmittelbar aus dem Erleben heraus. Seine Gedichte sind, um einen modernen Begriff zu verwenden, „subjektive Gelegenheitsgedichte“: Sie entstanden aus konkreten Situationen, realen Begegnungen, tatsaechlich erlebten Freuden und Enttaeuschungen.

Und genau darin liegt ein besonderer Wert fuer die Nachwelt. Catulls Verse oeffnen ein Fenster in den roemischen Alltag zur Zeit der spaeten Republik. Sie zeigen nicht das offizielle Rom der Senatssitzungen und Triumphzuege, sondern das private Rom der Dinner-Einladungen, der Liebschaften, der Freundschaften und Fehden. Sie sind, wie man heute sagen wuerde, ein Stueck Alltagsgeschichte aus der Perspektive eines gebildeten, wohlhabenden Buergers.

Der Mensch hinter den Versen

Wer Catulls Gedichte liest, lernt ihren Verfasser erstaunlich gut kennen. Sie verbergen nichts. Da sind seine Freunde, denen er herzliche Widmungen schreibt. Da sind seine Feinde, die er mit aeusserster Schärfe attackiert. Da ist seine Liebe zu Lesbia, die zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betruebt schwankt. Und da ist sein feiner, oft frecher Humor, der selbst vor derbsten Ausdruecken nicht zurueckschreckt.

Was sich aus den Gedichten ablesen laesst, zeichnet das Bild eines intelligenten jungen Mannes, der frech und sympathisch zugleich war. Catull konnte anstaendig sein und sauber argumentieren, aber er konnte auch – wenn es die Situation verlangte – „Tacheles reden“, wie man so schoen sagt. Manche seiner Verse sind derb, ja geradezu obszoeen. Doch das ist bei ihm kein Zeichen von Verkommenheit. Es gehoert vielmehr zu seiner Authentizitaet: Er schrieb, wie ihm der Schnabel gewachsen war, ohne Selbstzensur und ohne falsche Scham.

Catull war ein Mensch, fuer den Freundschaft und Liebe ethische Werte darstellten – nicht bloss gesellschaftliche Konventionen. Er kaempfte fuer seine Ideale, leidenschaftlich und manchmal ruecksichtslos. Er war kein Spassverderber und, wenn man seinen Versen glauben darf, ein hervorragender Kamerad. Er war ein Mann, der das Leben in vollen Zuegen genoss und der den Mut hatte, dieses Leben in all seinen Facetten niederzuschreiben.

Dass wir heute, mehr als zweitausend Jahre nach seinem Tod, noch immer seine Verse lesen und uns von ihnen beruehren lassen, ist vielleicht der beste Beweis dafuer, dass gute Dichtung keine Verfallszeit kennt. Catull hat in dreissig Jahren mehr an poetischer Substanz hinterlassen als mancher Dichter, dem ein langes Leben vergoennt war. Seine 116 carmina sind ein Denkmal der roemischen Literatur – und eine Einladung an jeden, der sich fuer das Leben, die Liebe und die Sprache begeistert.

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