JULI
2004

 
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viventura-Reisen

Drei Märchenprinzen, der Zufall und die Erkenntnis

Eine Sache haben z. B. Christopher Kolumbus, Alexander Fleming und Wilhelm Conrad Röntgen gemeinsam, auch wenn alle drei unterschiedliche Tätigkeiten ausübten, zu unterschiedlicher Zeit lebten und sich vielleicht nicht einmal ähnlich sahen: Alle drei machten zufällige Entdeckungen, als sie eigentlich etwas ganz anderes erforschen wollten. Statt Indien entdeckte Kolumbus Amerika, bei der Untersuchung von Bakterienkulturen fand Fleming das Penicillin und Röntgen entdeckte bei Kathodenstrahlversuchen die nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Natürlich faszinieren diese Glücksfunde und dies sogar so sehr, dass es eigens ein Wort für dieses Phänomen gibt: Serendipität.

Serendipität bedeutet gerade, dass auf der Suche nach einer ganz anderen Sache per Zufall eine neue Entdeckung gemacht wird. Ursprünglich stammt der Begriff von dem englischen Autor Horace Walpole, weshalb das Wort "serendipity" v. a. im englischen Sprachraum geläufig ist. In einem seiner Briefe an Horace Mann prägt er die Bezeichnung für das beschriebene Phänomen. Das Wort leitet sich dabei von "Serendip", einem alten Namen für Sri Lanka, ab. Dieser taucht nämlich in einem überlieferten persischen Märchen von Amir Khusrau - "Die drei Prinzen von Serendip" - auf. Das Märchen beschreibt die Reise der drei klugen Prinzen, die auf ihrem Weg durch Zufall verschiedene Spuren bemerken und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Dadurch können sie dem vorbeikommenden Kameltreiber genau sagen, welche Eigenschaften sein entlaufenes Kamel, das die Spuren hinterlassen hat, besitzt und werden deshalb prompt verdächtigt, es gestohlen zu haben. Auch hier also Entdeckungen und Erkenntnisse, nach denen gar nicht geforscht wurde. Übrigens kann man das englische "serendipity" zusätzlich als Wortspiel aus "serene" (heiter) und "pity" (Pech) aufzufassen: Man hat zwar Pech, nicht das zu finden, was man suchte, wird aber durch eine unerwartete Entdeckung versöhnt.

Übrigens wurde die Legende im Folgenden immer wieder aufgegriffen. So geschehen z. B. bei Michele Tramezzino (1557) oder in Voltaires Zadig (1748). Aber auch wenn sicherlich viele wichtige Entdeckungen auf diese Weise gemacht wurden, reicht dennoch das Warten auf den Zufall nicht aus. Vielmehr ist es nötig, sich für Neues zu öffnen, einen gewissen Forschergeist und Entdeckerfreude zu entwickeln. So sieht z. B. Umberto Eco die Fähigkeit, die verschiedenen Zeichen, die einem der Zufall beschert, in ein harmonisches Ganzes zu fügen, quasi wie einen zusammenhängenden Text zu lesen, als entscheidend an: Ohne die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, hätte es z. B. Fleming nicht viel geholfen, seine vom Schimmel verunreinigten und eigentlich unbrauchbaren toten Bakterienkulturen zu betrachten.

V. a. in der Wissenschaft und zur Rechtfertigung von nicht anwendungsbezogener Grundlagenforschung wird das Prinzip der Serendipität oft herangezogen. Aber nicht nur hier: Auch im Management-Vokabular taucht der Begriff z.B. in Verbindung mit Brainstorming auf. Und eine wichtige Rolle spielt er auch im Zusammenhang mit dem Internet. Wie häufig sucht man hier nicht nach etwas und entdeckt eine Menge ganz anderer viel interessanterer Dinge, indem man der relativ unsystematischen Hyperlinkstruktur folgt. Serendipität wird von dieser Art der Informationsaufarbeitung also geradezu gefordert. Allerdings kann allgemein der Einsatz des Computers Möglichkeiten, die menschliche Fähigkeit zur Serendipität zum Tragen zu bringen, einschränken. Je mehr automatisch berechnet wird, desto weniger hat man die Gelegenheit rechts und links des strikt vorgegebenen Lösungswegs neue, unerwartete Entdeckungen zu machen.

Im Englischen hat sich "serendipity" durch seine Faszination der neuen Erkenntnis fast schon zu einem Modewort gemausert: Restaurants, Hochzeitsausstatter, Anbieter für Abenteuerurlaub, Buchhandel oder Versandunternehmen für Geschenkkörbe haben sich diesen Begriff als Namen zugelegt. Und vor ein paar Jahren gab es sogar einen Film, in dem sich ein Paar durch Zufall findet und dessen Titel "Serendipity" lautete.

bk