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Truman Capote: Zwischen literarischer Brillanz und glamourösem Abgrund

Norman Mailer, selbst nicht arm an Selbstbewusstsein, nannte ihn „den perfektesten Schriftsteller meiner Generation“. Truman Capote – amerikanischer Schriftsteller, Stilist von Gnaden, Enfant terrible der New Yorker Gesellschaft – war eine jener seltenen Erscheinungen, die das Wesen einer ganzen Epoche in sich verdichten. Er schrieb Prosa von kristalliner Schönheit, erfand mit Kaltblütig eine neue literarische Gattung, feierte rauschende Feste mit dem Hochadel Hollywoods und zerstörte sich selbst mit einer Gründlichkeit, die an F. Scott Fitzgerald erinnert. Sein Leben war ein amerikanischer Roman – und er wusste das.

Truman Capote: Zwischen literarischer Brillanz und glamourösem Abgrund

Kindheit im amerikanischen Süden

Truman Capote wurde am 30. September 1924 in New Orleans als Truman Streckfus Persons geboren. Die ersten Jahre seines Lebens lesen sich wie der Auftakt eines Südstaatenromans: Die Eltern trennten sich früh, und der kleine Truman wurde zu verschiedenen Verwandten nach Louisiana, Mississippi und Alabama geschickt. Es waren ältere Damen, die sich seiner annahmen – exzentrische, erzählfreudige Südstaatenfrauen, deren Geschichten den Jungen tief prägten. Die Tradition des mündlichen Erzählens, die im amerikanischen Süden so lebendig war, wurde für den späteren Schriftsteller zur Grundlage seines Stils.

In der kleinen Stadt Monroeville, Alabama, fand Truman einen Spielkameraden, der ebenfalls in die Literaturgeschichte eingehen sollte: Nelle Harper Lee, die spätere Autorin von Wer die Nachtigall stört. Die beiden Kinder teilten eine Leidenschaft für das Erzählen und blieben einander über Jahrzehnte verbunden. Harper Lee verewigte den jungen Truman als Figur des Dill Harris in ihrem Roman – ein schmaler, fantasiebegabter Junge mit einer unbändigen Fabulierlust.

Schon mit acht Jahren begann Truman Capote Prosa zu schreiben. Er gewann als Jugendlicher einen Wettbewerb der Zeitschrift Mobile Register mit Tagebuchseiten, die bereits jene Beobachtungsgabe verrieten, die später sein Markenzeichen werden sollte. Als seine Mutter den New Yorker Geschäftsmann Joseph Capote heiratete, nahm der Junge dessen Namen an und zog nach New York – ein Ortswechsel, der sein ganzes Leben bestimmen sollte. Mit siebzehn verließ er die Schule und fand eine Anstellung als Laufbursche beim New Yorker, jenem Magazin, das zur Heimat so vieler großer amerikanischer Schriftsteller werden sollte.

Das Wunderkind der amerikanischen Literatur

Der Durchbruch kam 1948, und er kam mit einer Wucht, die in der amerikanischen Literatur ihresgleichen suchte. Truman Capotes Debütroman Other Voices, Other Rooms erschien, als sein Autor erst dreiundzwanzig Jahre alt war. Das Buch erzählt die Geschichte eines Jungen, der im tiefen Süden der Vereinigten Staaten seinen Vater sucht und dabei in eine Welt aus Verfall, Groteske und verborgener Sehnsucht gerät. Die Kritik war gespalten, aber die Aufmerksamkeit war enorm – nicht zuletzt wegen des skandalumwitterten Autorenfotos auf der Rückseite des Buches. Es zeigte den jungen Capote auf einem Sofa liegend, mit einem Blick, der zwischen Herausforderung und Verführung changierte. Spötter tauften den Roman „Other Vices, Other Rooms“.

Man nannte ihn den „Paganini der englischen Sprache“, und tatsächlich besaß Truman Capotes Prosa eine musikalische Qualität, die in der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts einzigartig war. Seine Sätze waren von einer rhythmischen Präzision, die jeden überflüssigen Laut tilgte. Die frühen Erzählungen – gesammelt in Baum der Nacht – zeigten einen Autor, der die Kunst der kurzen Form meisterhaft beherrschte. Geschichten wie Miriam oder Das Weihnachtsgedächtnis gehören bis heute zum Kanon der amerikanischen Kurzprosa.

1951 folgte Die Grasharfe, ein zarter, elegischer Roman über zwei Frauen, die in ein Baumhaus fliehen, um der Enge des Südstaatenlebens zu entgehen. Das Buch festigte Capotes Ruf als Meister der poetischen Prosa, ließ aber zugleich Stimmen laut werden, die fragten, ob dieser Schriftsteller auch größere Formen bewältigen könne. Die Antwort sollte nicht lange auf sich warten lassen.

Frühstück bei Tiffany und der Aufstieg zum Star

1958 veröffentlichte Truman Capote die Novelle Frühstück bei Tiffany, und mit Holly Golightly schuf er eine der unvergesslichsten Frauenfiguren der modernen Literatur. Holly – jung, schön, rastlos, auf der Flucht vor ihrer eigenen Vergangenheit – wurde zum Sinnbild einer neuen, urbanen Weiblichkeit. Sie war frei und verloren zugleich, und hinter ihrer glitzernden Fassade verbarg sich eine Einsamkeit, die Capote mit feinem Pinsel zeichnete.

Die Verfilmung von 1961 mit Audrey Hepburn machte Holly Golightly zur Ikone der Popkultur. Capote selbst war mit der Besetzung unzufrieden – er hatte Marilyn Monroe für die Rolle vorgesehen, eine Freundin, die der Figur in mancher Hinsicht näher war als die elegante Hepburn. Doch der Film wurde zum Klassiker, und Frühstück bei Tiffany gehört seither zu jenen Büchern Capotes, die weit über das literarische Publikum hinaus bekannt sind.

Später erkannte man, wie viel von Capote selbst in Holly Golightly steckte. Auch er verbarg hinter einer glamourösen Fassade tiefe Einsamkeit. Auch er war ein Meister der Selbstinszenierung, der seine wahren Gefühle hinter Witz und Extravaganz versteckte. Die Parallele war ihm bewusst, und sie begleitete ihn bis zum Ende.

Kaltblütig: Die Erfindung des Tatsachenromans

Im November 1959 las Truman Capote in der New York Times eine kurze Meldung über die Ermordung der vierköpfigen Familie Clutter in der Kleinstadt Holcomb, Kansas. Etwas an diesem Fall ließ ihn nicht mehr los. Gemeinsam mit seiner Kindheitsfreundin Harper Lee reiste er nach Kansas, um die Hintergründe zu recherchieren. Was als Zeitschriftenartikel geplant war, wurde zu einem sechsjährigen Projekt, das Capotes Leben und seine Kunst grundlegend verändern sollte.

Das Ergebnis war Kaltblütig (In Cold Blood), veröffentlicht 1966 – ein Buch, das die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur sprengte. Capote nannte es einen „Tatsachenroman“ (nonfiction novel) und beanspruchte damit nicht weniger als die Erfindung einer neuen Gattung. Er hatte Hunderte von Interviews geführt, Tausende von Seiten an Notizen angefertigt und daraus ein Werk geformt, das mit den Mitteln des Romans – Szene, Dialog, Perspektivwechsel – eine wahre Geschichte erzählte. Die Darstellung der Mörder Perry Smith und Dick Hickock war von einer psychologischen Tiefe, die weit über den herkömmlichen True-Crime-Bericht hinausging.

Kaltblütig wurde ein gewaltiger Erfolg, sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum. Truman Capote stand auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Doch der Preis war hoch. Die jahrelange Beschäftigung mit dem Fall – insbesondere seine ambivalente Beziehung zu Perry Smith, einem der Mörder – hatte ihn psychisch tief erschüttert. Erst nach der Hinrichtung der beiden Täter im April 1965 konnte er das Buch vollenden. Die Verfilmung von 1967 und der spätere Film Capote (2005) mit Philip Seymour Hoffman in der Titelrolle machten diese Episode zu einem der bekanntesten Kapitel der amerikanischen Literaturgeschichte.

Der Schriftsteller als Gesellschaftslöwe

Capote war nicht nur Schriftsteller – er war eine öffentliche Figur, ein Medienphänomen, ein Gesellschaftslöwe von einzigartigem Format. Seine Freundesliste las sich wie ein Who’s Who der internationalen Prominenz: Marilyn Monroe und Humphrey Bogart, Fred Astaire und Greta Garbo, Andy Warhol und Twiggy. Er verkehrte in den erlesensten Kreisen New Yorks und Hollywoods und genoß es sichtlich, dort den Hofnarren zu spielen – allerdings einen Hofnarren, der schärfer beobachtete, als seine Gastgeber ahnten.

Im November 1966, auf dem Höhepunkt seines Erfolges nach Kaltblütig, veranstaltete Truman Capote den legendären „Black and White Ball“ im New Yorker Plaza Hotel. Die Gäste – fünfhundert der berühmtesten und mächtigsten Menschen der Welt – erschienen in Schwarz und Weiß, mit Masken. Es war das gesellschaftliche Ereignis des Jahrzehnts, und Capote inszenierte es mit dem Instinkt eines Regisseurs, der wusste, dass er selbst seine größte Kreation war.

Seine Urteile über andere waren gefürchtet. Er lobte Malcolm Lowry, Gabriel García Márquez und Tania Blixen, doch über Autoren, die er nicht schätzte, konnte er vernichtend sein. Über Joyce Carol Oates, J. D. Salinger, Robert Frost und Gertrude Stein äußerte er sich mit jener giftigen Eleganz, die zu seinem Markenzeichen wurde. Über Jean-Paul Sartre befand er lakonisch, der habe nie einen lesbaren Satz geschrieben. Papst Johannes Paul II. nannte er „eine Olle im Fummel“, und über Jackie Kennedy und John F. Kennedy verbreitete er Geschichten, die das Weiße Haus erblassen ließen. Einmal behauptete er, einer von nur zwei Menschen zu sein, die sowohl die Kennedys als auch Lee Harvey Oswald persönlich gekannt hätten.

In den siebziger Jahren wurde Capote zu einem regelmäßigen Gast in den amerikanischen Fernsehshows. Mit seiner hohen, näselnden Stimme, seinen extravaganten Hüten und seinem schonungslosen Witz wurde er zu einer Fernsehpersönlichkeit, die weit über das literarische Publikum hinaus bekannt war. Doch hinter der Fassade des geistreichen Entertainers begann sich bereits jener Abgrund aufzutun, der seine letzten Jahre bestimmen sollte.

Answered Prayers und der große Verrat

Seit den frühen sechziger Jahren arbeitete Capote an einem Werk, das sein Meisterstück werden sollte: Answered Prayers (Erhörte Gebete), ein großer Gesellschaftsroman in der Tradition von Marcel Proust. Capote kündigte das Buch immer wieder an, las aus Manuskripten vor und ließ keinen Zweifel daran, dass es sein Vermächtnis werden würde.

1975 und 1976 veröffentlichte das Magazin Esquire drei Kapitel aus dem unfertigen Roman – und die Wirkung war verheerend. Capote hatte die intimsten Geheimnisse seiner reichen und mächtigen Freundinnen in kaum verschlüsselter Form zu Literatur verarbeitet. Die New Yorker High Society erkannte sich wieder, und die Reaktion war brutal: Türen, die ihm jahrelang offengestanden hatten, schlossen sich über Nacht. Freundschaften, die Jahrzehnte gewährt hatten, zerbrachen unwiderruflich.

Capote reagierte mit trotzigem Erstaunen. „Was dachten sie wohl, wen sie bei sich hätten – einen Hofnarren?“, fragte er. „Sie hatten einen Schriftsteller vor sich.“ Es war ein Satz von schneidender Wahrheit, aber er änderte nichts daran, dass der gesellschaftliche Ausschluss Capote tief verletzte. Answered Prayers blieb unvollendet – ob weil Capote die Kraft fehlte, es zu beenden, oder weil große Teile des Manuskripts nie existierten, ist bis heute umstritten. Die erhaltenen Fragmente, posthum veröffentlicht, lassen erahnen, was hätte werden können: ein schonungsloser, brillanter Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Oberschicht.

Die letzten Jahre

Truman Capotes letzte Lebensjahre waren von Alkohol, Drogen und zunehmender Vereinsamung gezeichnet. Der Schriftsteller, der einst die glänzendsten Salons New Yorks belebt hatte, wurde zu einer tragischen Figur – aufgedunsen, verwirrt, öffentlich zerfallend. Klinikaufenthalte wechselten sich ab mit kurzen Phasen der Genesung, doch die Abwärtsspirale war nicht mehr aufzuhalten. Wie bei F. Scott Fitzgerald, dessen Weg vom gefeierten Chronisten des Jazz Age zum vergessenen Trinker eine gespenstische Parallele bietet, gingen literarisches Genie und Selbstzerstörung bei Capote eine unlösbare Verbindung ein.

Kurz vor seinem Tod führte der Journalist Lawrence Grobel eine Reihe ausführlicher Interviews mit ihm – ein letztes, bewegendes Zeugnis eines Geistes, der trotz aller Zerrüttung seine Brillanz nicht ganz verloren hatte. Truman Capote sprach über die Autoren, die er bewunderte und die er verachtete, über seine Bücher, seine Freundschaften und seine Feinde. Die Interviews sind ein faszinierendes Dokument: ein Mann, der sich selbst und die Welt mit jener gnadenlosen Klarheit betrachtete, die stets sein größtes Talent und sein größter Fluch gewesen war.

Am 25. August 1984 starb Truman Capote in Los Angeles im Haus seiner Freundin Joanne Carson, der Ex-Frau des Talkshow-Moderators Johnny Carson. Er wurde neunundfünfzig Jahre alt. Das große Werk, das er der Welt versprochen hatte, blieb ungeschrieben. Doch was er hinterließ – Frühstück bei Tiffany, Kaltblütig, die frühen Erzählungen, Die Grasharfe –, genügt, um ihn als einen der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zu sichern.

Truman Capote hat einmal über sich selbst gesagt: „Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie.“ Alle drei Aussagen stimmten, und alle drei bestimmten sein Leben. Er war ein Künstler von seltener Begabung, der die englische Sprache mit der Virtuosität eines Musikers spielte. Er war ein Gesellschaftsmensch, der die Einsamkeit fürchtete und sie dennoch nie überwand. Und er war, bei aller Selbstzerstörung, ein Schriftsteller, der die amerikanische Literatur um Werke bereichert hat, die bleiben werden.

Werkausgaben und Literatur

Werke (Auswahl)

  • Truman Capote: Other Voices, Other Rooms. Random House, New York 1948. – Dt.: Andere Stimmen, andere Räume. Übers. von A. M. Brock. Zürich 1949.
  • Ders.: The Grass Harp. Random House, New York 1951. – Dt.: Die Grasharfe. Übers. von F. Güttinger. Zürich 1952.
  • Ders.: Breakfast at Tiffany’s. Random House, New York 1958. – Dt.: Frühstück bei Tiffany. Übers. von H. E. Herlitschka. Reinbek 1962.
  • Ders.: In Cold Blood. Random House, New York 1966. – Dt.: Kaltblütig. Übers. von K. H. und G. E. Herlitschka. Reinbek 1966.
  • Ders.: Answered Prayers. The Unfinished Novel. Random House, New York 1987. – Dt.: Erhörte Gebete. Übers. von H. Kossodo. Zürich 1987.

Literatur (Auswahl)

  • G. Clarke: Capote. A Biography. Simon & Schuster, New York 1988.
  • L. Grobel: Conversations with Capote. New American Library, New York 1985. – Dt.: Capote. Ein Porträt. Übers. von C. Callies. Zürich 1986.
  • G. Plimpton: Truman Capote. In Which Various Friends, Enemies, Acquaintances, and Detractors Recall His Turbulent Career. Nan A. Talese/Doubleday, New York 1997.
  • R. Long: Truman Capote – Enfant Terrible. Continuum, New York 2008.

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