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LITERATUR


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Truman Capote – Schriftsteller oder Hofnarr?
Truman Capote
„Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie. Ein intimes Gespräch mit Lawrence Grobel
Diogenes, 1986
 
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Kurz vor Truman Capotes Tod, 1984, führte der Journalist Lawrence Grobel Gespräche mit dem gefeierten Autor und einstigen Wunderkind der amerikanischen Literatur. Sie unterhielten sich über die Kindheit des Schriftstellers, seine Bücher, sein Leben, seine Probleme mit Drogen und Alkohol und klatschten ausgiebig über Capotes riesigen Bekanntenkreis, der nahezu alle amerikanischen Berühmtheiten umfaßte.

Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren. Seine Kindheit verbrachte er in den Häusern von Verwandten in Louisiana, Mississippi und Alabama. Die Erzähltradition des Südens – mit all den Spukgeschichten und Legenden – hatte großen Einfluß auf seine späteren Texte. Wegen seiner poetischen Sprache wurde Capote als „Paganini der englischen Sprache“ bezeichnet. Sein Kollege Norman Mailer bestätigte: „Er ist der perfekteste Schriftsteller meiner Generation, er schreibt die besten Sätze, Wort für Wort, Takt für Takt.“ – Diese Aussage beweist zumindest, daß Mailer selbst kein perfekter Schriftsteller war.

Mit acht Jahren begann Truman Capote, Prosa zu schreiben. „So ernsthaft, daß ich es nie jemandem zu sagen wagte,“ erzählte er Grobel. Zu einem Wettbewerb der Zeitschrift „Mobile Register“ schickte er leicht veränderte Seiten aus seinem Tagebuch und gewann. Er beschrieb die exzentrische Mutter von Harper Lee, einer Kindheitsfreundin Capotes und spätere Autorin von „Wer die Nachtigall stört“.

Berühmt wurde Capote 1948 mit seinem ersten Roman „Andere Stimmen, andere Räume“ („Other Voices, Other Rooms“). Böse Zungen behaupteten, daß er diese Berühmtheit vor allem dem aufsehenerregenden Umschlagfoto verdankte – das zu dem Wortspiel „Other Vices, Other Rooms“ inspirierte. Die literarische Qualität von Capotes Werk ist jedoch unbestritten. Romane wie „Die Grasharfe“, „Frühstück bei Tiffany“ und „Kaltblütig“ oder die Kurzgeschichtensammlung „Baum der Nacht“ gehören zu den Meisterwerken amerikanischer Literatur. – Leider wurde der Großteil der Texte miserabel ins Deutsche übersetzt.

Mit Lawrence Grobel sprach Capote nicht nur über seine eigenen Werke, sondern vor allem über die Konkurrenz. Lobend erwähnte Capote Autoren wie Malcom Lowry, Gabriel García Márquez und Tania Blixen. Nicht ganz falsch, aber sehr uncharmant äußerte er sich über Joyce Carol Oates: „Sie ist eine Monster-Witzfigur, die öffentlich geköpft werden sollte... Für mich ist sie das abscheulichste Geschöpf in ganz Amerika.“ Auf die Frage, ob er sie jemals kennengelernt habe, antwortete er: „Ich habe sie gesehen, und sie sehen heißt, sie verabscheuen. Sie zu lesen, heißt, absolut kotzen.“ Ähnlich drastische Urteil fällt er über J.D. Salinger, Robert Frost, Getrude Stein, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und über die Malerin Georgia O'Keeffe. Papst Johannes Paul II. nannte er „eine Olle im Fummel“. Mit bösartigen Bemerkungen kritisierte er auch seine ehemals beste Freundin Jackie Kennedy und John F. Kennedy. Er berichtete von einem Dinner, bei dem jemand Callgirls aus Las Vegas beschrieb und John F. Kennedy sich Notizen machte. Stolz war Capote auf die Tatsache, daß er einer der beiden Menschen war, die sowohl Kennedy als auch Lee Harvey Oswald kannten.

Enthusiastisch sprach Capote über seine Freunde aus dem Show-Business – wie Marilyn Monroe, Fred Astaire, Twiggy, Humphrey Bogart, Greta Garbo, Andy Warhol... Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Als 1984 einzelne Kapitel aus „Answered Prayers“ – einer Abrechnung mit dem internationalen Jet-set, die Capote nicht mehr vollenden konnte – in der Zeitschrift „Esquire“ erschienen, wandten sich viele Freunde von dem enfant terrible der amerikanischen Literatur ab. „Ich begreife gar nicht, warum alle so verstört sind,“ sagte er. „Was dachten sie wohl, wen sie bei sich hätten – einen Hofnarren? Sie hatten einen Schriftsteller vor sich.“ – Truman Capote versteckte wie seine beliebte Romanfigur Holly Golightly die Einsamkeit hinter einer glamourösen Fassade. Das macht den Spaßvogel, den Clown, den Spötter letztlich zu einer der tragischen Figuren der Literaturgeschichte.

vh