Es ist immer schwer, erwachsen zu werden, sich von den Eltern loszulösen. Wie schwer muss es erst sein, wenn der Vater starb, als der Sohn acht Jahre alt war und in dessen Erinnerung nur noch geisterhaft präsent ist? Wenn dieser tote Vater aber im kollektiven Gedächtnis einer Nation, ja der ganzen Welt, um so lebendiger ist? Wenn dieser Vater Humphrey Bogart war? Stephen Bogart musste nicht nur den frühen Verlust verarbeiten – er musste sich mit seinem charismatischen Vater vergleichen lassen und die Bogart-Imitation jeder Zufallsbekanntschaft ertragen. Mit „Mein Vater Humphrey Bogart“ (Econ, 1995) begab er sich auf die Suche nach dem geliebten Phantom – auf die Suche nach dem Mann, über den er, der Sohn, weniger weiss als mancher Fan.
Ein Sohn auf der Suche nach dem Vater
Das Buch ist kein konventionelles Erinnerungswerk und keine klassische Biographie. Es ist der Versuch eines erwachsenen Mannes, einen Vater zu rekonstruieren, den er kaum kannte. Stephen Bogart war acht Jahre alt, als Humphrey Bogart am 14. Januar 1957 an Speiseröhrenkrebs starb. Was blieb, waren Fragmente: ein paar Erinnerungen an den Geruch von Zigarettenrauch, an die tiefe Stimme, an die Modelleisenbahn im Keller. Alles andere musste Stephen Bogart mühsam zusammentragen – aus Gesprächen mit alten Freunden des Vaters, aus Briefen, aus den zahllosen Büchern, die über den Star geschrieben worden waren.
Das Ergebnis ist ein eigenartig berührendes Buch. Es pendelt zwischen persönlicher Trauer und der nüchternen Chronik eines Lebens, das längst in den Kanon der Filmgeschichte eingegangen ist. Zwischen der intimen Perspektive des Sohnes und dem Blick des Außenstehenden, der staunend feststellt, wie wenig er von dem Mann weiss, dessen Gesicht er im Spiegel wiedererkennt. Gerade diese Spannung macht das Buch lesenswert – es ist keine Hagiographie, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Mythos und dem Menschen dahinter.
New York, Navy, Broadway: Die frühen Jahre des Humphrey Bogart
Humphrey DeForest Bogart wurde am 25. Dezember 1899 in New York City geboren – ein Weihnachtskind aus gutem Hause, wie Stephen Bogart betont. Der Vater, Belmont DeForest Bogart, war ein angesehener Chirurg; die Mutter, Maud Humphrey, eine erfolgreiche Illustratorin, deren Zeichnungen von Babys landesweit auf Plakatwerbungen erschienen. Humphreys Kindheit war privilegiert, aber unterkühlt. Die Eltern waren kühl und distanziert, die Erziehung streng viktorianisch. Der Junge sollte Arzt werden wie sein Vater.
Stattdessen besuchte Humphrey die Phillips Academy in Andover, Massachusetts – eine der vornehmsten Schulen des Landes. Doch er flog noch vor dem Abschluss von der Schule. Was folgte, war ein kurzes Intermezzo bei der Navy am Ende des Ersten Weltkriegs. Die Legende besagt, dass er sich während des Dienstes die Oberlippe verletzte – jene berühmte Narbe, die später sein Markenzeichen werden sollte und seinem Gesicht den charakteristischen harten Zug verlieh. Andere Quellen widersprechen dieser Version, aber Stephen Bogart hält an der Navy-Geschichte fest.
Zurück in New York, begann Humphrey Bogart seine Theaterkarriere als Bühnenarbeiter und stieg langsam zum Schauspieler auf. In den zwanziger Jahren spielte er am Broadway – zumeist junge Männer aus guter Gesellschaft, die in Salonkomödien Höflichkeitsfloskeln austauschten. Es war der Theaterregisseur und Freund Leslie Howard, der ihm schliesslich die Rolle gab, die alles verändern sollte.
Hollywood: Vom Gangster-Darsteller zum „Bogartian Man“
1935 spielte Humphrey Bogart den entflohenen Sträfling Duke Mantee in Robert E. Sherwoods The Petrified Forest – zunächst auf der Bühne, dann im Film. Leslie Howard, der die Hauptrolle spielte, bestand darauf, dass Bogart auch die Filmversion übernahm, und setzte dies gegen den Willen von Warner Bros. durch. Bogart war so dankbar, dass er später seine Tochter Leslie nannte. Die Rolle des Duke Mantee machte ihn in Hollywood bekannt – aber sie legte ihn auch fest. Jahrelang war er bei Warner Bros. auf Gangsterrollen abonniert, spielte in B-Filmen den Schwerkriminellen, der am Ende erschossen wurde.
Stephen Bogart schildert diese Jahre mit spürbarem Mitgefühl. Sein Vater war frustriert, unterfordert, gefangen in einem Studiosystem, das Schauspieler wie Leibeigene behandelte. Er trank zu viel und heiratete die falsche Frau: Mayo Methot, eine Schauspielerin mit Hang zur Hysterie und zur Flasche. Die Ehe wurde in Hollywood als die „battling Bogarts“ bekannt – Methot warf mit Geschirr, Bogart warf zurück. Stephen Bogart beschreibt diese Ehe als eine Zeit des Elends, die seinen Vater beinahe zerstört hätte.
Der Durchbruch kam 1941, doppelt: In Raoul Walshs High Sierra spielte Bogart den alternden Gangster Roy Earle – eine Rolle, die zum ersten Mal die Verletzlichkeit hinter der harten Fassade zeigte. Im selben Jahr gab ihm John Huston die Rolle des Privatdetektivs Sam Spade in The Maltese Falcon. Der Humphrey Bogart, den die Welt kennen sollte, war geboren: zynisch, aber nicht herzlos; desillusioniert, aber nicht ohne Ehrgefühl; ein Mann, der in einer korrupten Welt seine eigenen Regeln aufstellte. Die Kritiker nannten diesen Typus später den „Bogartian Man“.
Casablanca, Bacall und die goldenen Jahre
Dann kam Casablanca. Stephen Bogart widmet dem berühmtesten Film seines Vaters ein langes, liebevolles Kapitel. Der Film, 1942 unter der Regie von Michael Curtiz gedreht, war keine Prestige-Produktion – er war ein Studioprodukt, das unter Zeitdruck entstand und dessen Drehbuch erst während der Dreharbeiten fertiggestellt wurde. Niemand ahnte, dass Rick Blaine, der desillusionierte Barbesitzer im von Vichy regierten Casablanca, zum Inbegriff des romantischen Helden des 20. Jahrhunderts werden würde. „Schau mir in die Augen, Kleines“ – ein Satz, den Bogart so nie gesagt hat, der aber in der deutschen Synchronfassung zum geflügelten Wort wurde.
Die wahre Wende in Humphrey Bogarts Leben kam jedoch ein Jahr später, als er am Set von To Have and Have Not eine neunzehnjährige Schauspielerin namens Lauren Bacall kennenlernte. Sie war 25 Jahre jünger als er. Die Chemie zwischen den beiden war sofort spürbar – auf der Leinwand wie im Leben. Bogart liess sich von Mayo Methot scheiden und heiratete Bacall 1945. Lauren Bacall gab dem ruhelosen Mann, was er nie gehabt hatte: ein stabiles Zuhause, Geborgenheit und zwei Kinder – Stephen, geboren 1949, und Leslie, geboren 1952.
Stephen Bogart zeichnet die Ehe seiner Eltern mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut. Sie waren das Glamourpaar Hollywoods, aber sie waren auch ein echtes Paar. Bacall war klug, schlagfertig und stark genug, um neben Bogart zu bestehen. Sie sorgten gemeinsam dafür, dass das Privatleben hinter den Mauern ihres Hauses in Holmby Hills privat blieb. Stephen erinnert sich an die Sonntagmorgen, an die Kochkünste seines Vaters, an die Segelausflüge auf der Yacht Santana. Es sind spärliche Erinnerungen, aber sie leuchten.
Eine besonders schöne Anekdote betrifft die „zwölf Gebote“, die Bogart für seine Kinder aufstellte – handschriftlich notiert, halb ironisch, halb ernst, wie alles bei ihm. Stephen Bogart gibt sie im Buch wieder: darunter die Ermahnung, nie zu lügen, nie jemanden zu verraten und immer den eigenen Weg zu gehen.
Die fünfziger Jahre: Oscar, Spätwerk und Abschied
Die fünfziger Jahre brachten Humphrey Bogarts künstlerische Reife. 1951 drehte er mit John Huston The African Queen und erhielt dafür seinen einzigen Oscar als bester Hauptdarsteller. Die Rolle des alkoholisierten Flusskapitäns Charlie Allnut, der sich in die steife Missionarin von Katharine Hepburn verliebt, war eine Offenbarung: Bogart konnte komisch sein, charmant, verletzlich – er war weit mehr als der zynische Held seiner früheren Filme. Es folgten bemerkenswerte Arbeiten wie The Caine Mutiny (1954), in dem er den paranoid werdenden Kapitän Queeg mit erschreckender Intensität spielte, und Billy Wilders Sabrina (1954), eine romantische Komödie, in der er neben Audrey Hepburn und William Holden bestand.
Doch die Zeit lief ab. Im Januar 1956 wurde bei Bogart Speiseröhrenkrebs diagnostiziert. Er kämpfte ein Jahr lang, mit der ihm eigenen Sturheit, aber die Krankheit war stärker. Stephen Bogart war sieben Jahre alt, als sein Vater krank wurde, und acht, als er starb – am 14. Januar 1957, um zwei Uhr dreissig morgens. „Er wog am Ende neunzig Pfund“, schreibt Stephen Bogart. „Der Mann, der auf der Leinwand so unzerstörbar gewirkt hatte, war ein Skelett.“
Lauren Bacall rief die Kinder am nächsten Morgen zu sich und sagte ihnen, dass ihr Vater gestorben sei. Stephen Bogart erinnert sich nicht an die Worte seiner Mutter. Er erinnert sich an die Stille danach.
Der Bogart-Kult: Vom Filmstar zur Ikone
Was nach Humphrey Bogarts Tod geschah, hätte ihn selbst am meisten erstaunt. In den sechziger Jahren, als eine neue Generation von Filmemachern und Intellektuellen die Klassiker Hollywoods wiederentdeckte, wurde Bogart zur Kultfigur. Die französische Nouvelle Vague, allen voran Jean-Luc Godard und François Truffaut, verehrten ihn als Inbegriff des authentischen Filmschauspielers. Godards À bout de souffle (1960) ist im Grunde eine einzige Hommage an Bogart. Jean-Paul Belmondo reibt sich den Daumen über die Lippen – eine Geste, die direkt von Bogart übernommen ist.
Auf amerikanischen Universitätscampus wurden Bogart-Retrospektiven zum Kult-Event. Studierende, die gegen den Vietnamkrieg protestierten und das Establishment verachteten, fanden in Rick Blaine und Sam Spade Identifikationsfiguren: Männer, die sich keiner Autorität beugten, die ihren eigenen Kodex lebten und die – anders als die glänzenden Helden der Nachkriegszeit – ihre Verletzungen zeigten. Humphrey Bogart war im Tod cooler als die meisten Lebenden.
Stephen Bogart beschreibt diesen Kult mit einer Mischung aus Faszination und Befremden. Einerseits freute er sich, dass sein Vater nicht vergessen wurde. Andererseits machte es das Loslassen nur schwerer. Jede Bogart-Imitation, jedes „Here’s looking at you, kid“ einer Zufallsbekanntschaft erinnerte ihn daran, dass sein Vater der Welt gehörte – und ihm, dem Sohn, nur die Scherben einer Kindheitserinnerung geblieben waren.
Stephen Bogarts Vermächtnis
„Mein Vater Humphrey Bogart“ ist am Ende ein Buch über die Versöhnung. Stephen Bogart findet keinen Frieden mit Hollywood – er hat die Traumfabrik nie gemocht und sie hat ihn nie gemocht –, aber er findet Frieden mit dem Vater. Er akzeptiert, dass der Mensch Humphrey Bogart und die Ikone Humphrey Bogart zwei verschiedene Gestalten sind, die sich überlappen, aber nicht decken. Er akzeptiert, dass die Erinnerungen spärlich sind und dass das, was er über seinen Vater weiss, zum grössten Teil aus zweiter Hand stammt. Und er akzeptiert – das ist das Berührendste –, dass dies reichen muss.
Das Buch ist keine grosse Literatur, und es hätte stellenweise straffer redigiert werden können. Es wiederholt sich gelegentlich, und manche Anekdote bleibt an der Oberfläche. Aber es besitzt eine Aufrichtigkeit, die in der Flut der Hollywood-Memoiren selten ist. Stephen Bogart will seinen Vater weder verkleinern noch vergrössern – er will ihn finden. Und in den besten Momenten des Buches gelingt ihm das. Wenn er vom letzten Weihnachtsfest erzählt, das die Familie gemeinsam verbrachte, oder von der Art, wie sein Vater Lauren Bacall ansah, dann scheint durch die Zeilen ein Mann hindurch, der mehr war als die Summe seiner Rollen.
Für den Leser, der Humphrey Bogart nur aus seinen Filmen kennt, bietet das Buch einen seltenen Perspektivwechsel. Man sieht den Star durch die Augen eines Kindes, das zu jung war, um ihn wirklich zu kennen, und zu alt, um ihn jemals zu vergessen. Und man versteht, warum Bogart auch sieben Jahrzehnte nach seinem Tod nichts von seiner Faszination eingebüsst hat: Weil er auf der Leinwand war, was die meisten Menschen gerne wären – unerschrocken, lakonisch, wahrhaftig. Dass der Mensch hinter dem Image komplizierter war, macht ihn nicht weniger, sondern mehr.
Stephen Bogart: Mein Vater Humphrey Bogart. Econ Verlag, Düsseldorf 1995. 320 Seiten.
