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Katharine Hepburn – Die widerspenstige Königin Hollywoods

Hartford, Connecticut – eine ungewöhnliche Kindheit

George Cukor nannte Katharine Hepburn einmal „eine fastende Boa Constrictor“. Es war ein Kompliment. Denn die Frau, die vier Academy Awards gewann und Hollywood ein halbes Jahrhundert lang in Atem hielt, war vor allem eines: unnachgiebig. Sie verhandelte mit Studios, Agenten, Regisseuren und Drehbuchautoren so hartnäckig, dass selbst die Mächtigsten der Filmindustrie vor ihr zurückwichen. Diese Hartnäckigkeit kam fast immer der Qualität ihrer Filme zugute. 1995 wurde sie vom Guardian und Time Out zum größten weiblichen Filmstar aller Zeiten gewählt – eine Auszeichnung, die bis heute kaum jemand ernsthaft bestreitet.

Katharine Hepburn – Die widerspenstige Königin Hollywoods

Kate – wie sie zeitlebens genannt wurde – kam am 12. Mai 1907 in Hartford, Connecticut zur Welt. Ihr Vater, Dr. Thomas Norval Hepburn, war ein angesehener Urologe, der als einer der Ersten in den Vereinigten Staaten öffentlich über Geschlechtskrankheiten sprach, zu einer Zeit, als das Thema als unaussprechlich galt. Ihre Mutter Katharine Martha Houghton war eine leidenschaftliche Frauenrechtlerin, die gemeinsam mit Emmeline Pankhurst für das Frauenwahlrecht kämpfte und sich später für Geburtenkontrolle einsetzte. Es war ein Haushalt, in dem Konventionen wenig zählten und freies Denken als höchste Tugend galt.

Die Familie war wohlhabend, gebildet und exzentrisch. Die Kinder – sechs an der Zahl – wuchsen mit Sport, Büchern und politischen Debatten am Esstisch auf. Doch ein Ereignis zerbrach die Unbeschwertheit dieser Kindheit für immer. Im Frühjahr 1921, während eines Besuchs bei einer Tante in New York, fand die dreizehnjährige Kate ihren älteren Bruder Tom erhängt an einem Dachbalken. Er war fünfzehn Jahre alt. Die offizielle Todesursache wurde als Unfall deklariert – möglicherweise ein misslungener Zaubertrick –, doch die Frage, ob es Selbstmord war, verfolgte Kate ihr ganzes Leben lang. Sie zog sich nach dem Tod ihres Bruders in sich zurück, mied monatelang andere Kinder und nahm Toms Geburtstag, den 8. November, als ihren eigenen an. Die Erfahrung härtete sie ab und legte den Grundstein für jene emotionale Panzerung, die später zu ihrem Markenzeichen werden sollte.

Bryn Mawr und die ersten Schritte zur Bühne

Nach einer Privatschulerziehung, die durch Toms Tod und ihre anschließende Isolation geprägt war, schrieb sich Katharine Hepburn 1924 am Bryn Mawr College ein, einem der renommiertesten Frauencolleges der amerikanischen Ostküste. Bryn Mawr formte sie in zweierlei Hinsicht: intellektuell, weil die strenge akademische Ausbildung ihr analytisches Denken schärfte, und politisch, weil die feministische Tradition des Colleges ihre Überzeugungen festigte, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Hier lernte sie, dass eine Frau keinen Mann brauchte, um sich zu definieren – eine Haltung, die sie in einer Männerdomäne wie Hollywood später dringend benötigte.

Am College entdeckte sie die Schauspielerei. Ihre ersten Auftritte waren, nach eigenem Bekunden, entsetzlich. Doch was ihr an natürlichem Talent fehlte, glich sie durch Disziplin aus. Nach dem Abschluss 1928 ging sie nach New York und begann, sich durch das Dickicht des Broadway-Theaters zu kämpfen. Die Anfänge waren holprig: Sie wurde aus mehreren Produktionen entlassen, weil ihre Stimme zu dünn und ihr Auftreten zu eigenwillig waren. Doch zwei Rollen brachten den Durchbruch – Linda Seton in Holiday und Antiope in The Warrior’s Husband. In letzterer Stück trug sie ein knappes Kostüm, das ihre athletische Figur betonte, und sprang mit einer Energie auf die Bühne, die das Publikum elektrisierte. Hollywood wurde aufmerksam.

Der Weg nach Hollywood und der erste Oscar

1932 reiste Hepburn zum ersten Mal nach Kalifornien. RKO Pictures hatte sie unter Vertrag genommen, und ihr Leinwanddebüt in A Bill of Divorcement an der Seite von John Barrymore schlug ein wie ein Blitz. Die Kamera liebte ihr kantiges Gesicht, ihre hohen Wangenknochen, ihre ungezähmte Präsenz. Bereits ihr dritter Film brachte ihr den Oscar: Für Morning Glory (1933), in dem sie eine junge Schauspielerin auf dem Weg zum Ruhm spielte, erhielt sie die Auszeichnung als Beste Hauptdarstellerin. Es war der Beginn einer Beziehung zur Academy, die beispiellos bleiben sollte: Drei weitere Oscars folgten – 1967 für Guess Who’s Coming to Dinner, 1968 für The Lion in Winter und 1981 für On Golden Pond. Mit vier Academy Awards und zwölf Nominierungen ist Katharine Hepburn bis heute die meistprämierte Schauspielerin in der Geschichte der Oscars.

In den frühen Dreißigerjahren etablierte sie sich rasch als eine der markantesten Stimmen des amerikanischen Films. Ihre Rollen verbanden intellektuelle Schärfe mit einer Verletzlichkeit, die unter der harten Oberfläche stets spürbar blieb. In Little Women (1933) spielte sie Jo March mit einer Energie, die der Figur endlich gerecht wurde. In Alice Adams (1935) zeigte sie die verzweifelte Sehnsucht einer jungen Frau nach gesellschaftlicher Anerkennung – und erhielt dafür ihre zweite Oscar-Nominierung.

Kassengift und Rückkehr – die späten Dreißiger

Doch der frühe Ruhm hatte seinen Preis. Mitte der Dreißigerjahre wandte sich das Publikum von ihr ab. Ihre Filme floppten an der Kinokasse, und 1938 wurde sie von der Independent Theatre Owners Association offiziell zum „Kassengift“ erklärt – gemeinsam mit Marlene Dietrich, Greta Garbo und Joan Crawford. Der Stempel traf Hepburn hart, doch sie reagierte auf eine Weise, die Hollywood verblüffte: Sie kaufte sich aus ihrem RKO-Vertrag frei und kehrte nach New York zurück.

Was folgte, war einer der geschicktesten strategischen Züge der Filmgeschichte. Philip Barry schrieb das Theaterstück The Philadelphia Story eigens für sie, und Hepburn sicherte sich klugerweise die Filmrechte. Das Stück wurde am Broadway ein Triumph, und als MGM den Film drehen wollte, konnte Hepburn die Bedingungen diktieren: Cary Grant und James Stewart als Partner, George Cukor als Regisseur. Der Film wurde 1940 ein enormer Erfolg, und Hepburns Karriere war gerettet – diesmal auf ihren eigenen Bedingungen. Tracy Lord, die hochmütige Erbin, die lernt, menschlich zu sein, wurde zu einer ihrer legendärsten Rollen.

Spencer Tracy – 27 Jahre Liebe im Verborgenen

Im Jahr 1942 begegnete Katharine Hepburn dem Mann, der ihr Leben verändern sollte: Spencer Tracy. Die beiden drehten gemeinsam Woman of the Year, und vom ersten Drehtag an war klar, dass zwischen ihnen etwas Ungewöhnliches geschah. Die berühmte Anekdote besagt, dass Hepburn bei ihrer ersten Begegnung sagte: „Ich fürchte, ich bin ein bisschen groß für Sie, Mr. Tracy.“ Worauf der Produzent Joseph Mankiewicz antwortete: „Keine Sorge, Kate – er wird Sie schon auf Maß bringen.“

Spencer Tracy und Hepburn wurden ein Paar – und blieben es siebenundzwanzig Jahre lang, bis zu seinem Tod 1967. Doch ihre Beziehung war ein offenes Geheimnis. Tracy war Katholik und weigerte sich, seine Frau Louise zu verlassen, obwohl die Ehe längst nur noch auf dem Papier bestand. Hepburn akzeptierte diese Bedingung ohne erkennbaren Widerspruch. Sie pflegte ihn durch seine Anfälle von Alkoholismus, begleitete ihn durch Depressionen und stellte ihre eigene Karriere wiederholt zurück, um in seiner Nähe zu sein.

Gemeinsam drehten sie neun Filme, darunter Adam’s Rib (1949), Pat and Mike (1952) und Desk Set (1957). In Pat und Mike spricht Tracy den berühmten Satz über Hepburn: „Nicht viel dran an ihr, aber das, was dran ist... ist auserlesen.“ Die Chemie zwischen ihnen war auf der Leinwand so greifbar, dass Kritiker von der besten Partnerschaft der Filmgeschichte sprachen. Ihr letzter gemeinsamer Film, Guess Who’s Coming to Dinner (1967), drehte sich um ein Paar, das die Verlobung seiner Tochter mit einem Afroamerikaner verarbeiten muss. Tracy war während der Dreharbeiten bereits schwer krank. Siebzehn Tage nach dem letzten Drehtag starb er. Hepburn ging nicht zu seiner Beerdigung – sie sagte, das sei Louises Recht, nicht ihres.

Afrika, Malaria und Humphrey Bogart

Zwischen den Tracy-Filmen drehte Hepburn eines ihrer größten Abenteuer: The African Queen (1951), unter der Regie von John Huston, mit Humphrey Bogart als Partner. Die Dreharbeiten im Kongo und in Uganda gehören zu den legendärsten Geschichten der Filmproduktion. Das Team kämpfte mit tropischer Hitze, verschmutztem Wasser, Insektenschwärmen und Malaria. Hepburn und fast alle Crewmitglieder erkrankten schwer – nur Bogart und Huston blieben verschont, was Hepburn darauf zurückführte, dass die beiden ausschließlich Whisky tranken und kein Wasser anrührten.

Als Rose Sayer, die strenge methodistische Missionarin, die sich in den trinkfesten Flusskapitän Charlie Allnut verliebt, schuf Hepburn eine ihrer unvergesslichsten Rollen. Der Film wurde ein weltweiter Erfolg, und Bogart gewann seinen einzigen Oscar. Hepburn und Bogart, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – sie die Puritanerin aus Neuengland, er der harte Junge aus New York –, entwickelten während der Dreharbeiten eine tiefe Freundschaft, die bis zu seinem Tod 1957 hielt.

Das Spätwerk – von O’Neill bis Goldman

Nach Tracys Tod wandte sich Hepburn verstärkt anspruchsvollen Rollen zu. Bereits 1962 hatte sie in Sidney Lumets Verfilmung von Eugene O’Neills Long Day’s Journey into Night eine ihrer gewaltigsten Leistungen abgeliefert: als Mary Tyrone, die morphiumsüchtige Mutter einer zerrissenen Familie. Die Rolle verlangte ihr alles ab, und Kritiker sprachen von der besten Theateradaption, die je verfilmt worden war.

1968 folgte The Lion in Winter, in dem sie Eleanor von Aquitanien spielte, die machtbewusste Ehefrau König Heinrichs II. Ihr Partner war der junge Peter O’Toole, und die Funken, die zwischen den beiden sprühten, waren so intensiv wie einst mit Tracy. Für diese Rolle erhielt sie ihren dritten Oscar – geteilt mit Barbra Streisand, die im selben Jahr für Funny Girl ausgezeichnet wurde.

Ihren vierten und letzten Oscar gewann sie 1981 für On Golden Pond, an der Seite von Henry Fonda. Der Film über ein alterndes Ehepaar am See berührte das Publikum zutiefst, nicht zuletzt weil er die reale Gebrechlichkeit beider Stars widerspiegelte. Fonda, der kurz darauf starb, erhielt ebenfalls den Oscar – seinen ersten und einzigen. Es war Hepburns Art, auch im späten Werk noch Geschichte zu schreiben.

Hosen, Eigensinn und ein Vermächtnis für die Ewigkeit

Katharine Hepburn war in vielerlei Hinsicht ihrer Zeit voraus. In einer Ära, in der Schauspielerinnen Kleider, Schmuck und perfektes Make-up trugen, erschien sie in Hosen, ohne Lippenstift und mit ungekämmtem Haar. Es heißt, dass die Kostümabteilung von RKO einmal ihre Hosen konfiszierte, um sie zum Tragen eines Rocks zu zwingen – woraufhin Hepburn in Unterwäsche durch das Studio lief, bis man ihr die Hosen zurückgab. Die Anekdote mag übertrieben sein, doch sie illustriert perfekt den Geist einer Frau, die sich von niemandem vorschreiben ließ, wie sie zu leben hatte.

Sie gab selten Interviews, mied Premieren, unterschrieb keine Autogramme und weigerte sich jahrzehntelang, zu den Oscar-Verleihungen zu erscheinen. „Ich bin nicht neugierig auf andere Menschen“, sagte sie einmal, „und ich erwarte nicht, dass andere neugierig auf mich sind.“ Dieser Eigensinn machte sie in den Augen der Öffentlichkeit nur noch faszinierender. Während andere Stars um Aufmerksamkeit buhlten, hielt Hepburn die Welt auf Distanz – und wurde gerade dadurch zur Legende.

Ein Wort zur Verwechslung, die sie zeitlebens begleitete: Katharine Hepburn und Audrey Hepburn waren nicht verwandt. Nicht im Entferntesten. Katharine stammte aus Connecticut, Audrey aus Belgien. Katharine war die kantige, unnachgiebige Amerikanerin, Audrey die elegante, zarte Europäerin. Beide waren großartige Schauspielerinnen, doch ihre Stile hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die Verwechslung ärgerte Katharine angeblich nicht – sie pflegte lediglich zu bemerken, dass sie die „Ältere und Bessere“ sei.

Am 29. Juni 2003 starb Katharine Hepburn in ihrem Haus in Old Saybrook, Connecticut. Sie wurde sechsundneunzig Jahre alt. In den letzten Jahren hatte sie zurückgezogen gelebt, geplagt von einem Zittern, das ihr das Arbeiten vor der Kamera unmöglich machte. Doch ihr Geist blieb ungebrochen. Als man sie fragte, was sie vom Altern halte, antwortete sie in ihrer typischen Art: „Ich glaube nicht an das Alter. Ich glaube daran, für immer interessant zu bleiben.“

Was bleibt von Katharine Hepburn? Zunächst die Filme: Susan Vance in Bringing Up Baby, Tracy Lord in The Philadelphia Story, Tess Harding in Woman of the Year, Rose Sayer in The African Queen, Lizzie Curry in The Rainmaker, Eleanor von Aquitanien in The Lion in Winter. Dann die Zahlen: vier Oscars, zwölf Nominierungen, über fünfzig Filme in sechs Jahrzehnten. Und schließlich das Vorbild: eine Frau, die bewies, dass man in einer von Männern beherrschten Industrie bestehen kann, ohne sich zu verbiegen. Die Hepburn war, was man heute eine feministische Ikone nennen würde – auch wenn sie den Begriff vermutlich mit einem Stirnrunzeln quittiert hätte. Sie war einfach sie selbst. Das war immer genug.

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