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Leoparden küsst man nicht – Hawks’ unsterbliche Screwball-Komödie

Hollywood-Klassiker

Die Handlung: Ein Wissenschaftler, eine Erbin und ein Leopard

Leoparden küsst man nicht (Bringing Up Baby), USA 1938, Regie: Howard Hawks. Der zerstreute Paläontologe David Huxley – gespielt von Cary Grant – steht kurz vor zwei entscheidenden Ereignissen: Er will seine Kollegin Alice heiraten, und er versucht, einen Geldgeber für sein Naturkundemuseum zu gewinnen. Eine Million Dollar soll für die Fertigstellung eines Brontosaurus-Skeletts beschafft werden. Es fehlt nur noch ein einziger Knochen: die interkostale Klavikula.

Leoparden küsst man nicht – Hawks’ unsterbliche Screwball-Komödie

Dann trifft David auf Susan Vance, gespielt von Katharine Hepburn. Susan ist kaprizös, unberechenbar und vom ersten Augenblick an entschlossen, den schüchternen Wissenschaftler für sich zu gewinnen. Sie stiehlt sein Auto, zerstört seinen Abend mit dem potenziellen Mäzen und bringt sein gesamtes Leben durcheinander. Und dann wäre da noch Baby – Susans zahmer Leopard, ein Geschenk ihres Bruders aus Brasilien, der nach Connecticut gebracht werden muss.

Was folgt, ist ein Wirbelsturm aus Verwechslungen, nächtlichen Jagden durch den Wald, einem entlaufenen Zirkusleoparden, einem gestohlenen Knochen und einem Zusammenbruch sämtlicher bürgerlicher Konventionen. Am Ende verliert David alles – seinen Knochen, sein Skelett, seine Verlobte – und gewinnt dafür etwas, das er nie gesucht hatte.

Was ist eine Screwball-Komödie? Das Genre und seine Wurzeln

Um Leoparden küsst man nicht zu verstehen, muss man das Genre kennen, das der Film verkörpert wie kaum ein zweiter: die Screwball-Komödie. Der Begriff stammt aus dem Baseball, wo ein screwball einen unberechenbar gedrehten Wurf bezeichnet. Übertragen auf das Kino meint er Filme, in denen die Handlung ebenso unberechenbar verläuft wie das Verhalten der Figuren.

Das Genre entstand in den frühen 1930er Jahren, mitten in der Großen Depression. Während Millionen Amerikaner arbeitslos waren, zeigten Screwball-Komödien eine Welt der Reichen und Privilegierten – allerdings als chaotische, leicht verrückte Gestalten, die trotz ihres Wohlstands kein bisschen souveräner durchs Leben kamen als der einfache Kinobesucher. Klassenspannungen wurden durch Romantik aufgelöst, gesellschaftliche Hierarchien durch Komik unterlaufen. Frank Capras Es geschah in einer Nacht (1934) gilt als Initialzündung des Genres, doch Hawks’ Bringing Up Baby trieb die Formel auf die Spitze.

Charakteristisch für die Screwball-Komödie ist der Kampf der Geschlechter. Die weibliche Hauptfigur ist dabei fast immer die Stärkere: klug, schnell, dominant. Der Mann wird von ihr überwältigt, entwaffnet, buchstäblich seiner Würde entkleidet. In Leoparden küsst man nicht ist dieses Muster in Reinform zu beobachten. Susan Vance führt David Huxley vor, bringt ihn zum Stolpern und zwingt ihn, einen Morgenmantel mit Federn zu tragen. Es ist eine Umkehrung der Machtverhältnisse, verpackt in Slapstick.

Howard Hawks und die Kunst des überlappenden Dialogs

Howard Hawks war einer der vielseitigsten Regisseure Hollywoods. Er drehte Western, Gangsterfilme, Kriegsdramen und Komödien – in jedem Genre mit der gleichen handwerklichen Präzision. Für Leoparden küsst man nicht entwickelte er eine Technik, die das Tempo des Films entscheidend prägte: den überlappenden Dialog. Hepburn und Grant sprechen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Sie fallen sich ins Wort, reden durcheinander, überschlagen sich förmlich.

Hawks bestand darauf, dass die Schauspieler ihre Sätze schneller sprachen als in jeder anderen Produktion. Das Ergebnis ist ein atemloses Tempo, das den Zuschauer mitreißt, bevor er über die Unwahrscheinlichkeit der Handlung nachdenken kann. Der Regisseur sagte später, er habe den Film gedreht, weil er wissen wollte, wie schnell eine Komödie sein könne, ohne dass das Publikum den Faden verliert. Die Antwort lautete: sehr schnell.

Katharine Hepburn als Susan Vance: Körperkomik und Improvisation

Katharine Hepburns Leistung als Susan Vance zählt zu den großen komischen Darbietungen der Filmgeschichte. Hepburn, die damals vor allem für ernste Rollen bekannt war, entdeckte in dieser Figur ein Talent für Körperkomik, das sie selbst überraschte. Sie stolpert, fällt, reißt Dinge um und bewegt sich mit einer Mischung aus Eleganz und Tollpatschigkeit durch die Szenen.

Eine der berühmtesten Szenen des Films entstand angeblich durch Zufall. Während einer Restaurantsequenz trat Hepburn versehentlich auf den Saum ihres eigenen Kleides und riss den Stoff. Grant reagierte blitzschnell, stellte sich hinter sie und bedeckte den Riss. Hawks ließ die Kameras laufen, und die Szene blieb im Film. Diese Art von Improvisation prägte die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Darstellern – Hawks ermutigte seine Schauspieler stets, auf spontane Einfälle zu vertrauen.

Tragischerweise konnte Hepburn den Erfolg des Films nicht sofort genießen. Kurz vor den Dreharbeiten war sie von der Independent Theatre Owners Association auf eine Liste von Schauspielern gesetzt worden, die als „Kassengift“ galten. Ihre letzten Filme hatten an den Kinokassen enttäuscht, und die Kinobetreiber weigerten sich zunehmend, Filme mit ihr zu buchen. Hepburn verließ daraufhin Hollywood und kehrte erst mit Die Nacht vor der Hochzeit (1940) triumphant zurück.

Cary Grant als David Huxley: Vom Würdeträger zum Chaosopfer

Für Cary Grant war die Rolle des David Huxley eine Offenbarung. Der Schauspieler, der bis dahin vor allem als eleganter Liebhaber besetzt worden war, entdeckte in Hawks’ Komödie sein komisches Talent. Grant modellierte seine Darstellung des zerstreuten Professors nach dem Komiker Harold Lloyd – Hornbrille, steife Körperhaltung, hilfloser Blick. Die Transformation vom würdevollen Wissenschaftler zum völlig aufgelösten Chaosopfer gelingt ihm mit einer Präzision, die jede seiner Gesten kontrolliert und zugleich mühelos wirken lässt.

Grant, der im wahren Leben als Inbegriff männlicher Eleganz galt, spielte hier gegen sein Image. Er lässt sich von Hepburn durch den Schmutz ziehen, trägt einen Damenmorgenmantel und verliert Stück für Stück jede äußere Würde. Es ist eine mutige Leistung, die den Grundstein für Grants spätere komische Meisterwerke legte – von Arsen und Spitzenhäubchen bis Der unsichtbare Dritte.

Die berühmte „Gay“-Szene und ihre Bedeutung für die Filmgeschichte

Eine Szene aus Leoparden küsst man nicht hat es in die Lehrbücher der Filmgeschichte geschafft. Als David Huxley in einem flauschigen Damenmorgenmantel an die Tür geht und gefragt wird, warum er so gekleidet sei, antwortet er: „Weil ich plötzlich schwul geworden bin!“ – im englischen Original: „Because I just went gay all of a sudden!“

Diese Szene gilt als einer der frühesten Belege für die Verwendung des Wortes gay im Sinne von „homosexuell“ in einem Hollywood-Film. Ob Grant die Zeile improvisierte oder ob sie im Drehbuch stand, ist bis heute umstritten. Filmhistoriker wie Vito Russo haben in ihrem Standardwerk The Celluloid Closet auf die Szene hingewiesen und sie als Beispiel dafür analysiert, wie das klassische Hollywood queere Anspielungen unter dem Deckmantel der Komik ins Kino schmuggelte. Die Frage, ob Cary Grant schwul war oder bisexuell, beschäftigt Biographen und Fans bis heute – seine langjährige Wohngemeinschaft mit Randolph Scott nährte die Spekulationen über Jahrzehnte.

Nissa, der echte Leopard: Dreharbeiten zwischen Komik und Gefahr

Für die Rolle des Leoparden Baby wurde die dressierte Raubkatze Nissa eingesetzt, die der Tiertrainerin Olga Celeste gehörte. Die Arbeit mit dem Tier war weniger harmlos, als es auf der Leinwand wirkt. Nissa war zwar an Menschen gewöhnt, blieb aber ein Raubtier mit unberechenbaren Instinkten. Katharine Hepburn, die keine Angst vor dem Leoparden zeigte, drehte ihre Szenen selbst und wurde von Celeste als „furchtlos“ beschrieben.

Cary Grant hingegen weigerte sich kategorisch, gemeinsam mit Nissa vor der Kamera zu stehen. In sämtlichen Szenen, in denen Grant und der Leopard gleichzeitig zu sehen sind, wurde mit geschickter Kameraführung und Schnitten gearbeitet, um die Illusion räumlicher Nähe zu erzeugen. Grants Angst war nicht unbegründet: Bei den Dreharbeiten sprang Nissa einmal in Hepburns Richtung, und nur das schnelle Eingreifen der Trainerin verhinderte einen Unfall. Der Schrecken über diesen Vorfall saß dem gesamten Team noch lange in den Knochen.

Vom Kassenflop zum Klassiker: Die späte Wiederentdeckung

Bei seiner Premiere im Februar 1938 war Leoparden küsst man nicht ein kommerzielles Desaster. Der Film spielte an den amerikanischen Kinokassen nur rund 715.000 Dollar ein – bei einem Budget von über einer Million. RKO Pictures, das produzierende Studio, erlitt erhebliche Verluste. Das Scheitern wurde Katharine Hepburn angelastet, deren „Kassengift“-Status sich damit zu bestätigen schien. Auch Howard Hawks’ Vertrag mit RKO wurde in der Folge nicht verlängert.

Die Wiederentdeckung des Films begann in den 1950er Jahren, als amerikanische Fernsehsender begannen, ältere Hollywoodfilme auszustrahlen. Plötzlich erreichte die Komödie ein Millionenpublikum, das den Film bei seiner Erstausstrahlung verpasst hatte. In den 1960er und 1970er Jahren wurde Bringing Up Baby zum festen Bestandteil universitärer Filmprogramme und Retrospektiven. Filmkritiker und Wissenschaftler erkannten in Hawks’ Werk eine Meisterleistung des komischen Timings und der visuellen Erzählung.

Der Einfluss auf spätere Komödien ist kaum zu überschätzen. Peter Bogdanovichs Is’ was, Doc? (What’s Up, Doc?, 1972) mit Barbra Streisand und Ryan O’Neal ist eine direkte Hommage an Leoparden küsst man nicht: zerstreuter Professor, dominante Frau, absurde Verfolgungsjagden. Auch in Filmen wie Tootsie (1982) und Und täglich grüßt das Murmeltier (1993) lassen sich Spuren des Screwball-Prinzips erkennen, das Hawks 1938 perfektionierte.

Die fehlende interkostale Klavikula, der Knochen, den David Huxley für sein Brontosaurus-Skelett benötigt, ist dabei mehr als ein komischer MacGuffin. Sie ist eine Metapher für das, was David im Leben fehlt: Spontaneität, Leidenschaft, das Unberechenbare. Am Ende des Films steht er vor dem endlich vollendeten Skelett – und bringt es selbst zum Einsturz, als Susan auf die Leiter klettert. Das Chaos siegt über die Ordnung, das Leben über die Wissenschaft, die Liebe über die Vernunft. Es ist ein Bild, das die Screwball-Komödie in einem einzigen Moment zusammenfasst.

1990 wurde Bringing Up Baby in das National Film Registry der Library of Congress aufgenommen – als kulturell, historisch oder ästhetisch bedeutsamer Film. Es war die endgültige Anerkennung für ein Werk, das bei seiner Premiere niemand haben wollte. Leoparden küsst man nicht ist heute nicht nur ein Klassiker des Genres, sondern ein Beweis dafür, dass große Kunst manchmal erst von der nächsten Generation erkannt wird.

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