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LITERATUR


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Boris Vian: Lest oder laßt es bleiben
Boris Vian
* 1920 Ville d'Avray
+ 1959 Paris
 
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Boris Vian hatte keine Angst vor dem Tod, wohl aber vor einem absurden Tod. Er wußte, daß er keine 40 Jahre alt werden würde, und hat in den 39 Jahren seines Lebens alles getan, um mehr als ein einziges Leben zu leben. Er war Dichter und Romanschreiber, Sänger und Textschreiber, Theaterautor und Übersetzer, Jazztrompeter, Ingenieur und Erfinder, Drehbuchautor und Schauspieler. In Deutschland ist er heute kaum bekannt - zu unrecht!

Von Kindheit und Heirat

Boris Vian wird 1920 geboren. Er wächst in Ville d'Avray auf, einem Villenvorort von Paris. Seine Eltern vertreten liberale, antiklerikale und pazifistische Ansichten, distanzieren sich aber von der Politik, um ihre Kinder vor der wirtschaftlichen und politischen Realität zu schützen. Das gilt noch mehr für den kränkelnden Boris: Mit zwölf erkrankt er an einem Herzrheumatismus, drei Jahre später an Typhus.

Ein Jahr vor der Kapitulation der französischen Armee beginnt Boris Vian das Studium der Metallurgie. Er ist technisch begabt und versucht sich als Erfinder. Aufgrund seiner Herzkrankheit muß er nicht in der französischen Armee dienen und kann sein Studium bald mit dem Ingenieurstitel abschließen.

Seine erste Frau, mit der er zwei Kinder hat, bringt ihm englisch bei, so daß er mit der Übersetzung amerikanischer Texte etwas Geld dazuverdienen kann. 1952 läßt sich Vian scheiden und heiratet zwei Jahre später erneut.

Große Liebe Teil eins: Der Jazz

Seit seiner Kindheit hat Boris Vian zwei große Lieben: den Jazz und die Literatur.

Vian ist ein großer Jazzkenner und trägt aktiv zu seiner Durchsetzung in Frankreich bei. Auch in der Besatzungszeit spielt man die "schwarze Musik" weiterhin, trotz des Verbots der Nazis. Vian wird Mitglied der Amateur-Jazzband von Claude Abadie, die in der Jazzszene für Aufsehen sorgt. In zwei Pariser Clubs spielt Vian besonders oft, im Tabou und im berühmten Club Saint-Germain-des-Prés, wo er « Prince Boris » gerufen wird.

1948 setzt ein ärztliches Verbot seiner Trompeterkarriere ein Ende: Er muß sich mit dem Verfassen von Jazzkritiken zufriedengeben. Doch obwohl er weiß, daß jeder Puster in die Trompete seine Leben verkürzt, wird er in den Kellern von Saint-Germain von Zeit zu Zeit rückfällig. Sein Leben, das ist auch eben der Jazz.

Große Liebe Teil zwei: Die Literatur

In der Zeit des Orchesters Abadie-Vian schreibt der junge Vian seine ersten beiden Romane, die von den Verrücktheiten des Jazz handeln: Aufruhr in den Andennen und Drehwurm, Swing und das Plankton. Um den Publikumsgeschmack besser zu treffen, schreibt er anschließend einen "roman noir": Ich werde auf eure Gräber spucken. Dieser Roman, unter dem Pseudonym Vernon Sullivan publiziert, einem fiktiven schwarzen Amerikaner, wird mit dem Kommentar gedruckt: "aus dem Amerikanischen übersetzt von Boris Vian". Die beachtliche Auflage verdankt er seinem Aufsehen in der Presse, denn Ich werde auf eure Gräber spucken behandelt Sex, Rassismus, Gewalt und Mord. Wenig später wird der Roman verboten, es folgt ein langes Gerichtsverfahren.

Neben dem Trubel um Vernon Sullivan finden die gleichzeitig erscheinenden Romane Der Schaum der Tage und Herbst in Peking kaum Beachtung. Die Kritiker sind immer noch beleidigt, und andere Sullivans bleiben ebenso erfolglos wie später Das rote Gras und Der Herzausreißer. Dennoch betrachtet man seine Romane heute als essentiell für die französische Literatur. Der Schaum der Tage, den Raymond Queneau als "ergreifendsten zeitgenössischen Liebesroman" bezeichnet, ist ohne Zweifel Vians Hauptwerk. Auch wenn Boris Vian sein Romanschaffen Anfang der 50er entmutigt einstellt, bedeutet dies nicht das Ende seiner schriftstellerischen Bemühungen. Ab 1951 schreibt er zahlreiche Texte für Radio und Theater, außerdem mehr als 400 Chansons.

Boris Vian und die Politik

Boris Vian ist gegen Krieg und Gewalt und glaubt nicht an politische Lösungen. Er kennt Sartre und seine Freunde, will sich aber in ihre politischen Debatten nicht einmischen, weil sie ihm zu oft die Meinung ändern. Indochinakrise und Algerienkrieg bringen ihn schließlich dazu, in politischen Texten Stellung zu nehmen. 1955 verbietet der französische Präsident Cosy sein berühmtes Lied Der Deserteur:

« Verehrter Präsident / Ich sende Euch ein Schreiben / Lest oder laßt es bleiben / Wenn Euch die Zeit sehr brennt (...) Sei's Euch auch zum Verdruß / Ihr könnt's mir nicht befehlen / Ich will's Euch nicht verhehlen / Daß ich desertieren muß (...) Sagt Eurer Polizei / Sie würde mich schon schaffen / Denn ich bin ohne Waffen / Zu schießen steht ihr frei »

Das Ende

Am 23. Juni 1959 stirbt Boris Vian an einem Herzanfall. Es passiert während der Probevorführung der Verfilmung von Ich werde auf eure Gräber spucken.

aw


Über Boris Vian:

Klaus Völker, Boris Vian: Der Prinz von Saint-Germain.

Boris Vian, Der Deserteur. Chansons, Satiren und Erzählungen. Berlin: Wagenbach 1992, DM 16,80 (mit einem biographischen Portrait von Klaus Völker).