Seit 2001 · Literatur, Sprache, Kunst, Musik, Medien
StartseiteLiteraturBoris Vian: Genie zwischen Jazz und Literatur
Literatur

Boris Vian: Genie zwischen Jazz und Literatur

Es gibt Menschen, deren Leben so übervoll ist, dass eine einzige Biographie nicht auszureichen scheint. Boris Vian war so ein Mensch. Ingenieur, Romancier, Dichter, Jazztrompeter, Chansonnier, Übersetzer, Schauspieler, Operettenlibrettist, Erfinder und Provokateur – in neununddreißig Lebensjahren tat er mehr, als andere in einem doppelt so langen Dasein zustande bringen. Er war der Mann, der unter dem Pseudonym Vernon Sullivan einen Skandalroman schrieb, der ganz Frankreich in Aufruhr versetzte; der mit seiner Trompete die Jazzkeller von Saint-Germain-des-Prés zum Beben brachte; der ein Antikriegslied verfasste, das in Frankreich verboten wurde; und der mit neununddreißig Jahren in einem Pariser Kino starb, während auf der Leinwand die Verfilmung eben jenes Skandalromans lief. Boris Vian lebte, als wüsste er, dass ihm nicht viel Zeit blieb. Und tatsächlich wusste er es.

Boris Vian: Genie zwischen Jazz und Literatur

Kindheit und Jugend in Ville-d'Avray

Boris Vian wurde am 10. März 1920 in Ville-d'Avray geboren, einer kleinen Gemeinde westlich von Paris, eingebettet zwischen Wäldern und Teichen. Die Familie gehörte dem gehobenen Bürgertum an. Der Vater, Paul Vian, lebte von Kapitalerträgen und pflegte einen kultivierten Lebensstil; die Mutter Yvonne stammte aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Boris wuchs mit seinen Geschwistern Lélio, Alain und Ninon in einer Villa mit großem Garten auf – eine behütete, fast idyllische Kindheit, die sich erst später verfinstern sollte.

Mit fünfzehn Jahren erlitt Boris Vian einen rheumatischen Fieberanfall, der sein Herz dauerhaft schädigte. Die Diagnose war ein Aortenklappenfehler – ein Zustand, der ihn für den Rest seines Lebens begleiten und sein Handeln zutiefst prägen sollte. Die Ärzte rieten zu Schonung, zu einem ruhigen Leben ohne übermäßige körperliche Anstrengung. Vian entschied sich für das genaue Gegenteil. Er begann Trompete zu spielen – ein Instrument, das dem Herzen alles abverlangt –, stürzte sich in die Nacht, tanzte, feierte und lebte mit einer Intensität, die seine Freunde erstaunte und seine Ärzte entsetzte. Die Diagnose des kranken Herzens war kein Grund zur Vorsicht; sie war der Anlass, jede Minute auszukosten.

Die Familie erlebte in den dreißiger Jahren einen wirtschaftlichen Niedergang. Der Vater verlor große Teile seines Vermögens, und die Villa in Ville-d'Avray musste verkauft werden. Für den jungen Boris Vian war dieser Verlust des Kindheitsparadieses ein prägendes Erlebnis, das in seinen Romanen immer wieder anklingt – als Sehnsucht nach einem verlorenen Glück, das sich nicht zurückholen lässt.

Ingenieur, Jazzmusiker, Schriftsteller

Trotz seines früh erwachten künstlerischen Temperaments schlug Boris Vian zunächst einen bodenständigen Weg ein. Er studierte an der École Centrale des Arts et Manufactures, einer der renommiertesten Ingenieurschulen Frankreichs, und schloss sein Studium 1942 mit dem Diplom ab. Von 1942 bis 1946 arbeitete er als Ingenieur bei der AFNOR, dem französischen Normungsverband – eine Tätigkeit, die denkbar weit von der Boheme entfernt lag und die er mit der ihm eigenen Mischung aus Pflichtbewusstsein und ironischer Distanz ausübte.

Doch die eigentliche Leidenschaft gehörte dem Jazz. Seit seiner Jugend spielte Boris Vian Trompete, und nach der Befreiung von Paris wurde er zu einer festen Größe in den Jazzkellern von Saint-Germain-des-Prés. Im Tabou und im Club Saint-Germain spielte er mit seiner Band, während um ihn herum die Existentialisten ihre Debatten führten und die Nachkriegsjugend tanzte. Vian kannte sie alle: Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Raymond Queneau, Jacques Prévert. Mit Sartre verband ihn ein kompliziertes Verhältnis aus Freundschaft, gegenseitiger Bewunderung und leiser Rivalität. Sartre schätzte Vians Intelligenz und Witz; Vian wiederum respektierte den Philosophen, ließ sich aber nicht vor dessen Karren spannen. Der Existentialismus war ihm im Grunde zu ernst, zu systematisch. Boris Vian bevorzugte die Pataphysik – jene von Alfred Jarry begründete „Wissenschaft der imaginären Lösungen“, die die Welt nicht erklären, sondern vergrößern wollte. Später wurde er Mitglied des Collège de »Pataphysique«, jener ehrwürdigen Institution der gelehrten Absurdität.

Neben dem Trompetenspiel und der Ingenieurarbeit schrieb Vian Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Er übersetzte amerikanische Kriminalromane, verfasste Theaterkritiken und Jazzbesprechungen für die Zeitschrift Jazz Hot, deren Chefredakteur er zeitweilig war. Die Frage, was Boris Vian eigentlich „von Beruf“ war, lässt sich nicht beantworten. Er war alles gleichzeitig – und jedes davon mit einer Begabung, die an Besessenheit grenzte.

Der Skandal um Vernon Sullivan

Im Herbst 1946 erschien bei dem Pariser Verleger Jean d'Halluin ein Roman mit dem Titel J'irai cracher sur vos tombes – auf Deutsch: Ich werde auf eure Gräber spucken. Auf dem Einband stand der Name Vernon Sullivan, und ein Vorwort von Boris Vian stellte das Buch als Übersetzung eines amerikanischen Romans vor. Die Geschichte eines hellhäutigen Schwarzen, der im rassistischen Süden der USA Rache an weißen Frauen nimmt, war von expliziter Gewalt und drastischer Sexualität durchzogen – ein Affront gegen die bürgerliche Moral, wie ihn das französische Nachkriegs-Frankreich selten erlebt hatte.

Das Buch wurde ein Skandal – und ein Bestseller. In wenigen Monaten verkaufte es sich über hunderttausend Mal und wurde damit zum meistverkauften Roman des Jahres. Die Presse tobte, die Sittewächter emporten sich, und als ein Mord geschah, bei dem das Buch am Tatort gefunden wurde, war die Hysterie perfekt. Vian wurde als wahrer Autor enttarnt, und es folgte ein Prozess wegen Verstoßes gegen die Sittlichkeit. Das Buch wurde 1949 verboten – ein Verbot, das erst 1953 aufgehoben wurde.

Für Boris Vian war der Skandal ein zweischneidiges Schwert. Einerseits machte ihn Ich werde auf eure Gräber spucken berühmt – oder vielmehr berüchtigt. Andererseits überschattete der Erfolg des Pseudonyms Vernon Sullivan seine ernsthaften literarischen Werke. Vian schrieb unter dem Sullivan-Namen drei weitere Romane, darunter Les morts ont tous la même peau (Die Toten haben alle die gleiche Haut) und Et on tuera tous les affreux (Und die Hässlichen werden alle getötet). Sie verkauften sich gut; seine unter eigenem Namen veröffentlichten Romane hingegen, die er selbst für seine eigentlichen Werke hielt, fanden kaum Leser. Diese Diskrepanz verbitterte ihn zutiefst.

L'Écume des jours – Der Schaum der Tage

1947 veröffentlichte Boris Vian den Roman L'Écume des jours, auf Deutsch bekannt als Der Schaum der Tage. Es ist die Geschichte von Colin, einem jungen Mann in einer zauberhaften, surrealen Welt, der sich in Chloé verliebt und sie heiratet. Doch Chloé erkrankt an einer Seerose, die in ihrer Lunge wächst – eine Krankheit, die nur durch frische Blumen gelindert werden kann. Colin gibt sein ganzes Vermögen aus, um Blumen zu kaufen, doch die Wohnung schrumpft, die Decken senken sich, das Licht schwindet, und am Ende stirbt Chloé. Was als farbenfrohe Phantasmagorie beginnt, endet als Tragödie – eine Allegorie auf die Zerstörungskraft der Krankheit und den unaufhaltsamen Verfall des Glücks.

Der Roman ist voller Erfindungen, die an die Grenze zwischen Poesie und Ingenieurskunst rühren: das „Pianocktail“, ein Klavier, das je nach gespieltem Akkord einen anderen Cocktail mixt; Schuhe, die in der Sonne wachsen; Mauern, die atmen. Die Sprache ist spielerisch, musikalisch, voller Wortneuschöpfungen und versteckter Anspielungen auf Jazz, Philosophie und die Pariser Boheme. In der Figur des Jean-Sol Partre parodierte Boris Vian liebevoll seinen Freund Jean-Paul Sartre – eine Satire, die Sartre mit Humor nahm.

Bei seinem Erscheinen fand L'Écume des jours kaum Beachtung. Die Kritik war unentschieden, die Verkäufe waren bescheiden. Vian hatte das Manuskript für den Prix de la Pléiade eingereicht, doch die Jury – in der unter anderem Raymond Queneau saß – entschied sich knapp dagegen. Es gehört zu den Ironien der Literaturgeschichte, dass dieses Werk, das zu Vians Lebzeiten kaum jemand las, heute als sein Meisterwerk gilt und zu den meistverkauften französischen Romanen des zwanzigsten Jahrhunderts zählt.

In rascher Folge schrieb Vian weitere Romane: L'Automne à Pékin (Herbst in Peking, 1947), eine absurde Erzählung, die weder im Herbst noch in Peking spielt; L'Herbe rouge (Das rote Gras, 1950), ein Science-Fiction-Roman über eine Maschine, die Erinnerungen löscht; und L'Arrache-cœur (Der Herzausreißer, 1953), die Geschichte einer überfürsorglichen Mutter, die ihre Kinder buchstäblich einsperrt. Keines dieser Bücher fand zu Vians Lebzeiten ein nennenswertes Publikum.

Le Déserteur und die Chansons

Neben dem Romanschreiben entwickelte Boris Vian eine zweite künstlerische Leidenschaft: das Chanson. Er verfasste über vierhundert Liedtexte, viele davon satirisch, provokant oder von einer Zärtlichkeit, die im Kontrast zu seinem öffentlichen Image als Enfant terrible stand. Er sang sie selbst, mit seiner etwas nasalen, unverwechselbaren Stimme, begleitet von Klavier oder kleiner Band.

Im Februar 1954 schrieb Boris Vian das Lied Le Déserteur – und löste damit einen Skandal aus, der denjenigen um Vernon Sullivan beinahe in den Schatten stellte. Das Chanson ist als Brief an den Präsidenten der Republik verfasst: Ein junger Mann teilt dem Staatspräsidenten mit, dass er den Einberufungsbefehl erhalten habe, aber nicht in den Krieg ziehen werde. Er habe den Ersten Weltkrieg als Kind erlebt, seinen Vater im Zweiten verloren und werde nun nicht seinerseits töten. Frankreich befand sich mitten im Indochinakrieg, und das Lied traf einen rohen Nerv. Es wurde vom Rundfunk verboten, bei öffentlichen Aufführungen kam es zu Tumulten, und Veteranenverbände erstatteten Anzeige. Le Déserteur wurde zum Hymnus der Kriegsgegner und ist es bis heute geblieben – eines der berühmtesten Antikriegslieder der französischen Musikgeschichte.

Zu Vians Chansons gehören auch lyrische Stücke wie Je voudrais pas crever (Ich möchte nicht krepieren), ein Gedicht von überraschender Verletzlichkeit, in dem das lyrische Ich alle Schönheiten der Welt aufzählt, die es nicht missen möchte – und das, geschrieben von einem Mann, der um sein krankes Herz wusste, eine beklemmende Dringlichkeit gewinnt. Daneben stehen beißend satirische Nummern wie La Complainte du progrès (Die Klage des Fortschritts), eine Parodie auf die Konsumgesellschaft, und Le Petit Commerce, eine Satire auf den Spätkapitalismus. Boris Vian war als Chansonnier ebenso vielseitig wie als Romancier – und ebenso wenig bereit, Kompromisse einzugehen.

Die letzten Jahre

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre verschlechterte sich Boris Vians Gesundheitszustand dramatisch. Das kranke Herz, das ihn seit seiner Jugend begleitete, forderte seinen Tribut. Die Jahre des Trompetenspiels, der durchfeierten Nächte und der unermüdlichen Arbeit hatten den Herzmuskel weiter geschwächt. Die Ärzte verboten ihm das Trompetenspiel; Vian gehorchte nur widerwillig. Er litt unter Atemnot, Erschöpfung und wiederkehrenden Lungenödemen. Dennoch arbeitete er weiter – an Opernlibretti, Chansons, Drehbüchern und Übersetzungen.

Sein Privatleben hatte sich gewandelt. Die erste Ehe mit Michelle Léglise, die ihn durch die wilden Jahre von Saint-Germain-des-Prés begleitet hatte, war gescheitert. Boris Vian hatte 1954 die Schauspielerin und Tänzerin Ursula Kübler geheiratet, eine Schweizerin, die ihm in seinen letzten Jahren treu zur Seite stand. Er arbeitete nun für die Schallplattenfirma Philips als künstlerischer Direktor, entdeckte und förderte junge Talente und übersetzte amerikanische Krimis – unter anderem von Raymond Chandler und Peter Cheyney.

Der 23. Juni 1959 wurde Boris Vians letzter Tag. An diesem Morgen fand im Pariser Kino Marbeuf die Voraufführung des Films J'irai cracher sur vos tombes statt – jener Verfilmung seines Vernon-Sullivan-Romans, gegen die sich Vian vehement gewehrt hatte. Er hatte seinen Namen zurückgezogen und das Drehbuch abgelehnt, weil er den Film für eine Verhöhnung seines Buches hielt. Dennoch ging er zur Vorstellung. Wenige Minuten nach Beginn des Films sackte Boris Vian in seinem Kinosessel zusammen. Man brachte ihn in ein Krankenhaus; dort wurde sein Tod festgestellt. Er war neununddreißig Jahre alt. Die Todesursache war ein Herzinfarkt. Dass er ausgerechnet bei der Vorführung eines Films starb, den er verachtete und der auf jenem Buch basierte, das seinen Ruf als ernsthafter Autor jahrelang überschattet hatte – diese makabren Umstände hätten der Phantasie eines Boris Vian entstammen können.

Nachwirkung: Vom Vergessenen zum Klassiker

Zum Zeitpunkt seines Todes war Boris Vian in Frankreich mehr als Provokateur und Jazzer bekannt denn als Schriftsteller. Seine Romane waren weitgehend vergriffen, seine Gedichte kaum gedruckt, seine Chansons nur einem kleinen Kreis vertraut. Es bedurfte einer neuen Generation, um Vians Werk wiederzuentdecken. In den sechziger Jahren, als die französische Jugend gegen die Enge der gaullistischen Gesellschaft aufbegehrte, wurde Boris Vian zu einer Kultfigur. Sein anarchischer Witz, seine Ablehnung von Autoritäten, seine Verbindung von Poesie und Protest – all das machte ihn zum Idol der Studenten, die 1968 auf die Barrikaden gingen.

L'Écume des jours wurde in den sechziger Jahren neu aufgelegt und entwickelte sich zum Millionenseller. Die Taschenbuchausgabe bei „10/18“ wurde zur Pflichtlektüre einer ganzen Generation. Die französischen Surrealisten, die Vian zu Lebzeiten kaum beachtet hatten, erkannten in ihm einen Geistesverwandten. Raymond Queneau, der ihn stets gefördert hatte, sah sich bestätigt. Und die Pataphysiker des Collège de »Pataphysique« ehrten ihren verstorbenen „Satrapen“ – so der Titel, den sie Vian verliehen hatten – mit der ihm gebührenden Feierlichkeit.

Heute zählt Boris Vian zu den bedeutendsten französischen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Werke sind in die Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen worden – jene Reihe des Verlags Gallimard, die in Frankreich als höchste literarische Kanonisierung gilt. L'Écume des jours wurde 2013 von Michel Gondry mit Audrey Tautou und Romain Duris verfilmt. Le Déserteur wird bei Friedensdemonstrationen in aller Welt gesungen. Und der Name Vernon Sullivan, einst Synonym für literarischen Skandal, ist längst als Teil von Vians vielschichtigem Gesamtwerk anerkannt.

Was bleibt von Boris Vian? Ein Werk, das sich jeder Einordnung entzieht – Romane, die zwischen Surrealismus und Sozialkritik schweben; Chansons, die zwischen Zärtlichkeit und Zorn pendeln; Gedichte, die das Leben feiern und zugleich den Tod anschauen. Und die Erinnerung an einen Mann, der mit einem kranken Herzen mehr gelebt hat als die meisten mit einem gesunden. Vian hat einmal geschrieben: „Was mich interessiert, ist nicht das Glück aller Menschen, sondern das jedes Einzelnen.“ In diesem Satz steckt seine ganze Philosophie – und vielleicht auch der Grund, warum sein Werk, sechseinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod, noch immer lebendig ist.

Weitere Beiträge