Seit 2001 · Literatur, Sprache, Kunst, Musik, Medien
StartseiteExtraKampf der Götter – Wie Zeus die Weltherrschaft errang
Extra

Kampf der Götter – Wie Zeus die Weltherrschaft errang

Antike Mythologie

Es gibt Schlachten, die in keinem Geschichtsbuch stehen und die dennoch das Denken des Abendlandes geprägt haben wie kaum ein historisches Ereignis. Der Kampf der Götter – jener gewaltige Krieg zwischen den alten Titanen und den jungen Olympiern – gehört zu diesen Schlachten. Als Hesiod ihn im 7. Jahrhundert v. Chr. in seiner Theogonie niederschrieb, schuf er eine Erzählung, die weit mehr war als ein Unterhaltungsstück: Sie war ein kosmologischer Entwurf, der erklären sollte, warum die Welt so ist, wie sie ist – und warum Ordnung aus dem Chaos hervorgehen kann.

Kampf der Götter – Wie Zeus die Weltherrschaft errang

Wer gewann diesen Krieg? Die Antwort kennt jeder, der je von Zeus gehört hat. Doch der Weg dorthin – über verschlungene Kinder, List und Verrat, hundertarmige Ungeheuer und Blitze, die den Himmel zerrissen – ist eine Geschichte, die es verdient, ausführlich erzählt zu werden. Es ist die Geschichte einer kosmischen Revolution, an deren Ende eine neue Weltordnung stand. Und es ist, wenn man genauer hinsieht, eine zutiefst griechische Geschichte über den Sieg der Klugheit über die rohe Gewalt.

Verschlungen im Dunkel: Kronos und die verlorenen Kinder

Am Anfang stand ein Verbrechen. Kronos, der jüngste der Titanen griechische Mythologie kennt als die älteste Göttergeneration, hatte seinen eigenen Vater Uranos entmachtet und kastriert, um die Herrschaft über die Welt an sich zu reißen. Doch Kronos wusste, dass er selbst einmal auf die gleiche Weise gestürzt werden könnte – eine Prophezeiung von Gaia und Uranos hatte es ihm angekündigt. Was er daraufhin tat, gehört zu den verstörendsten Bildern der griechischen Mythologie: Er verschlang seine eigenen Kinder, eines nach dem anderen, unmittelbar nach ihrer Geburt.

Fünf Kinder gebahr ihm seine Schwester und Gemahlin Rhea: Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon. Fünf Mal nahm Kronos den Neugeborenen in Empfang. Fünf Mal öffnete er den Schlund und verschluckte das Kind. Die Götter, die später über Himmel, Meer und Unterwelt herrschen sollten, verbrachten ihre frühesten Jahre im Bauch ihres Vaters – unsterblich zwar, aber gefangen in einer Dunkelheit, aus der es keinen Ausweg zu geben schien.

Die List der Rhea und der Knabe auf Kreta

Als Rhea zum sechsten Mal schwanger war, fasste sie einen Plan. Sie wandte sich an ihre Eltern Gaia und Uranos und bat um Rat, wie sie das Kind retten könne. Gaia, die Erdmutter, die ihren Enkel Kronos ohnehin für seinen Frevel hasste, half bereitwillig. Heimlich brachte Rhea ihren jüngsten Sohn auf der Insel Kreta zur Welt, in einer Höhle des Berges Dikte. Dem Kronos aber reichte sie statt des Säuglings einen in Windeln gewickelten Stein – und der Titan verschlang ihn, ohne den Betrug zu bemerken.

Das gerettete Kind war Zeus. Auf Kreta wuchs er heran, genährt von der Ziege Amaltheia, bewacht von den Kureten, die mit ihren Waffen lärmten, um das Schreien des Kindes zu übertönen. Als er zum Manne herangewachsen war, kehrte Zeus zurück und zwang seinen Vater mit Hilfe der Göttin Metis, einem Brechmittel und übermenschlicher Kraft, die verschlungenen Kinder wieder auszuspeien. Zuerst kam der Stein – jener Stein, den Kronos für Zeus gehalten hatte, und der später in Delphi als heiliges Zeichen aufgestellt wurde. Dann folgten, in umgekehrter Reihenfolge, die fünf Geschwister: Poseidon, Hades, Hera, Demeter, Hestia. Der Kampf der Götter konnte beginnen.

Feuer über dem Abgrund: Die Titanomachie

Was nun folgte, war kein kurzes Scharmützel, sondern ein Krieg, der zehn volle Jahre dauerte und die Grundfesten der Welt erschütterte. Hesiod nennt ihn die Titanomachie – den Krieg gegen die Titanen. Auf der einen Seite standen Zeus und seine Geschwister, die sich auf dem Olymp verschanzten. Auf der anderen Seite sammelten sich die Titanen griechische Mythologie zufolge unter der Führung des Kronos auf dem Berg Othrys, einem Gebirge in Thessalien. An ihrer Seite kämpften die Giganten, jene gewaltigen Söhne des Uranos, die als Giganten Mythologie später in einem eigenen Krieg – der Gigantomachie – noch einmal gegen die Olympier antreten sollten.

Es ist wichtig, die Titanomachie von der späteren Gigantomachie zu unterscheiden, auch wenn beide Kämpfe in der antiken Überlieferung bisweilen ineinanderfließen. Die Titanomachie war der ältere, grundlegendere Konflikt: der Sturz einer ganzen Göttergeneration durch ihre eigenen Nachkommen. Die Gigantomachie hingegen war eine Art Nachhutgefecht – ein letzter Versuch der Erde, die neue Ordnung rückgängig zu machen, indem sie ihre gewaltigsten Kinder gegen den Olymp entsandte. Beide Kämpfe zusammen bilden das, was die Griechen als den großen Kampf der Götter verstanden.

Zehn Jahre lang war der Krieg unentschieden geblieben. Keiner Seite gelang es, die Oberhand zu gewinnen. Olympier und Titanen lieferten sich Schlachten von einer Wucht, die das Meer aufkochen und die Berge erzittern ließ. Doch dann traf Zeus eine Entscheidung, die alles veränderte.

Die Hundertarmigen schlagen zu: Hekatoncheiren und Kyklopen

Tief unter der Erde, im finsteren Tartaros, schmachteten Wesen von unvorstellbarer Kraft. Uranos hatte sie dort einst eingekerkert, weil er sich vor ihrer Macht fürchtete: die Hekatoncheiren – drei Riesen mit je hundert Armen und fünfzig Köpfen, deren Namen Kottos, Briareos und Gyes lauteten – sowie die drei Kyklopen, einäugige Schmiede von übernatürlicher Kunstfertigkeit. Zeus stieg hinab in die Tiefe und befreite sie. Es war ein Akt, der gleichermaßen von Mut und strategischem Kalkül zeugte: Wer solche Verbündete gewann, der konnte jeden Krieg gewinnen.

Die Kyklopen brachten Waffen mit, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte. Zeus erhielt den Blitz und den Donner – Waffen, die ihn zum mächtigsten aller Götter machen sollten. Es waren keine bloßen Symbole, sondern, in der Vorstellung Hesiods, physische Instrumente von kosmischer Zerstörungskraft. Mit dem Blitz konnte Zeus Berge spalten und die Erde in Flammen setzen; mit dem Donner ließ er die Grundfesten des Kosmos erbeben.

Die Hekatoncheiren aber brauchten keine Waffen. Sie waren selbst eine Waffe. Als die letzte große Schlacht begann, griffen die drei Hundertarmigen mit ihren dreihundert Händen nach den Felsen der Berge und schleuderten sie auf die Titanen. Hesiod beschreibt die Szene in Versen von gewaltiger Bildkraft: Dreihundert Felsblöcke flogen gleichzeitig durch die Luft, so dicht wie Schneeflocken in einem Wintersturm. Gleichzeitig schleuderte Zeus seine Blitze. Die Flammen fraßen sich durch die Wälder, die Meere kochten, heißer Dampf stieg bis zu den Sternen. Selbst das Chaos, jener Urgrund, aus dem alles hervorgegangen war, schien zu erzittern.

An der Seite des Zeus stand Styx – die Tochter des Okeanos, eine Göttin, deren Name später zum Inbegriff des Unterweltflusses wurde. Sie war als erste unter den Göttern zu Zeus gekommen und hatte ihm ihre vier Kinder als Verbündete angeboten: Zelos (den Eifer), Nike (den Sieg), Kratos (die Macht) und Bia (die Gewalt). Styx Mythologie zufolge belohnte Zeus diese frühe Treue fürstlich: Er machte Styx zur Göttin der Eide, bei der fortan alle Götter schwören mussten. Ein Gott, der bei der Styx einen falschen Eid leistete, wurde für ein volles Jahr des Atems beraubt und musste neun weitere Jahre in Schande verbringen – ein Schicksal, das selbst Unsterbliche fürchteten.

Die Titanen hatten dieser geballten Macht nichts entgegenzusetzen. Überwältigt von Blitzen, erdrückt von Felsbergen, besiegt durch eine Allianz, die alle Kräfte der Welt vereinte, stürzten sie in den Tartaros – jene bodenlose Tiefe unter der Erde, so weit von der Oberfläche entfernt wie der Himmel über ihr. Dort wurden sie eingesperrt, hinter ehernen Toren, bewacht von den Hekatoncheiren, die nun als Gefängniswärter dienten, und überwacht von der Göttin Hekate.

Typhon – Der letzte Schrecken aus den Tiefen der Erde

Doch die Erde, Gaia, gab nicht auf. Erbittert über die Niederlage ihrer Kinder und deren Einkerkerung im Tartaros, zeugte sie mit dem Tartaros selbst ein letztes, furchtbares Wesen: den Typhon, auch Typhoeus genannt. Hesiod beschreibt ihn als ein Ungeheuer von kaum fassbarer Gestalt – hundert Schlangenköpfe wuchsen aus seinen Schultern, jeder einzelne sprühte Feuer, und aus seinen Mäulern drangen die verschiedensten Laute: das Brüllen eines Stiers, das Bellen von Hunden, Zischlaute wie von tausend Schlangen.

Typhon war, wenn man so will, der letzte Gegenspieler im großen Kampf der Götter – der verzweifelte Versuch der älteren kosmischen Mächte, die Herrschaft des Zeus zu verhindern. Doch Zeus stellte sich dem Ungeheuer. Wieder waren es seine Blitze, die den Ausschlag gaben. Er traf Typhon mit einer Salve von Donnerschlägen, die das Ungeheuer in Brand setzten und zu Boden streckten. Der besiegte Typhon wurde unter dem Ätna begraben – und die Griechen erklärten sich die Vulkanausbrüche Siziliens fortan als das wütende Toben des gefangenen Ungeheuers, das unter dem Berg noch immer Feuer spie.

Die Teilung der Welt: Drei Brüder, drei Reiche

Nach dem Sieg über die Titanen und den Typhon musste die Welt neu geordnet werden. Die drei Brüder Zeus, Poseidon und Hades losten die Herrschaftsbereiche unter sich aus – ein Verfahren, das den Griechen als besonders gerecht galt, weil es den Zufall entscheiden ließ und nicht die Macht des Stärkeren. Zeus erhielt den Himmel und damit die oberste Autorität über Götter und Menschen. Poseidon fiel das Meer zu, mit all seinen Tiefen und Ungeheuern. Hades übernahm die Unterwelt, das Reich der Toten. Die Erde selbst, die fruchtbare Oberfläche mit ihren Bergen und Ebenen, blieb allen dreien gemeinsam – ein geteilter Besitz, der noch für manche Götterquerelen sorgen sollte.

Mit dieser Teilung war die neue Weltordnung besiegelt. Der Kampf der Götter war vorüber. Eine jüngere, klügere, gerechtere Generation hatte die ältere abgelöst – so jedenfalls sahen es die Griechen. Zeus regierte fortan vom Olymp aus, nicht als Tyrann, sondern als oberster Richter, der auch die anderen Götter an Regeln band. Die Titanen lagen in Ketten. Die Kyklopen schmiedeten weiter. Und die Hekatoncheiren hielten Wache am Rand des Tartaros, damit das Alte nie zurückkehrte.

Zerstörung als Schöpfung: Die philosophische Deutung

Der Mythos vom Kampf der Götter war für die griechischen Denker weit mehr als eine abenteuerliche Erzählung. Er enthielt eine kosmologische These, die später von der Philosophie aufgegriffen und weiterentwickelt wurde: die Idee, dass Zerstörung eine Voraussetzung für höhere Ordnung sein kann. Jede Generation der Götter war mächtiger und weiser als die vorherige. Uranos war rohe Naturgewalt; Kronos war bereits ein Herrscher, wenn auch ein tyrannischer; Zeus schließlich war ein König, der Gesetze gab und Gerechtigkeit übte.

Die griechische Philosophie erkannte in diesem Muster ein Prinzip, das sie auf die gesamte Natur anwandte. Heraklit sprach vom „Krieg als Vater aller Dinge“ und meinte damit nicht die Verherrlichung der Gewalt, sondern die Einsicht, dass Wandel und Auseinandersetzung notwendig sind, damit Neues entstehen kann. Die Titanomachie war, in dieser Lesart, kein sinnloses Gemetzel, sondern der kosmische Geburtsprozess einer höheren Ordnung. Das Jüngere und Klügere überwindet das Ältere und Gewalttätigere – nicht durch noch größere Gewalt allein, sondern durch Verbündete, Strategie und die Fähigkeit, gefährliche Kräfte wie die Hekatoncheiren und Kyklopen nicht zu fürchten, sondern in den Dienst der neuen Ordnung zu stellen.

Hesiods Theogonie bleibt die älteste und wichtigste Quelle für den Kampf der Götter. Sie wurde wohl um 700 v. Chr. verfasst und ist damit eines der frühesten Werke der europäischen Literatur überhaupt. Neben Hesiod finden sich Anspielungen auf die Titanomachie bei Homer, in den Werken der attischen Tragiker und in späteren mythographischen Handbüchern wie der Bibliotheke des Pseudo-Apollodor. Doch keiner dieser Autoren erreicht die epische Wucht der Hesiodischen Darstellung – jene Verse, in denen die Erde bebt, der Himmel ächzt und das Meer kocht, als würde die Welt in ihren Grundfesten zerbrechen.

In Stein gemeisselt: Titanomachie und Gigantomachie in der Kunst

Der Kampf der Götter gehörte zu den beliebtesten Themen der griechischen Kunst. Bereits die Metopen des Parthenon in Athen, geschaffen unter der Aufsicht des Phidias im 5. Jahrhundert v. Chr., zeigten Szenen aus der Gigantomachie – Götter im Kampf gegen Giganten, Athena, die einen Riesen niederringt, Zeus, der seinen Blitz schleudert. Die Botschaft war politisch: Wie die Götter die Barbaren der Urzeit besiegt hatten, so hatten die Athener die persischen Invasoren zurückgeschlagen. Der mythische Krieg wurde zum Gleichnis für den historischen Sieg der Zivilisation über das Chaos.

Seinen künstlerischen Höhepunkt fand das Thema im Pergamonaltar, jenem gewaltigen Monumentalbau, den die Könige von Pergamon im 2. Jahrhundert v. Chr. errichten ließen und dessen Überreste sich heute im Pergamonmuseum in Berlin befinden. Der Große Fries des Altars, über 113 Meter lang und mehr als zwei Meter hoch, zeigt die Gigantomachie in einer Dramatik, die in der antiken Kunst ihresgleichen sucht. Die Figuren scheinen sich aus dem Stein zu lösen, die Körper winden sich in Schmerz und Anstrengung, die Giganten Mythologie wird hier zu einer packenden Skulpturengruppe, in der man das Keuchen der Kämpfenden beinahe hören kann. Athena packt den Giganten Alkyoneus bei den Haaren und reißt ihn von der Erde empor, während seine Mutter Gaia flehend die Hände hebt. Zeus kämpft gegen mehrere Gegner zugleich, seine Blitze durchzucken den Stein wie eingefrorene Lichtbögen.

Auch der Pergamonaltar hatte eine politische Dimension: Die Könige von Pergamon verglichen ihren Kampf gegen die einfallenden Galater mit dem Sieg der Götter über die Giganten. Doch über die Politik hinaus schuf der anonyme Bildhauer des Frieses ein Kunstwerk, das die Frage nach Ordnung und Chaos, nach dem Preis des Sieges und dem Leid der Besiegten auf eine Weise stellt, die den Betrachter noch heute erschüttert.

Der Kampf der Götter ist längst beendet – wenn er denn jemals stattgefunden hat außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft. Doch die Fragen, die er aufwirft, sind zeitlos: Kann aus Zerstörung Ordnung hervorgehen? Rechtfertigt der Zweck die Mittel? Und was geschieht mit den Besiegten, die für alle Ewigkeit im Tartaros liegen? Die Griechen beantworteten diese Fragen mit einer Erzählung von kosmischer Wucht – und schufen dabei einen Mythos, der nach fast dreitausend Jahren nichts von seiner Kraft verloren hat.

Weitere Beiträge