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Zeus – Herrscher des Olymp und Vater der Götter

Antike Mythologie

Die Anfänge: Kronos, die Prophezeiung und der Aufstieg des Zeus

Kein Gott der griechischen Mythologie hat eine so dramatische Herkunftsgeschichte wie Zeus. Er wurde als jüngstes Kind des Titanenherrschers Kronos und der Göttin Rhea geboren – und hätte eigentlich nie das Licht der Welt erblicken dürfen. Denn Kronos kannte die Prophezeiung: Eines seiner Kinder werde ihn stürzen, so wie er selbst seinen Vater Uranos gestürzt hatte. Um diesem Schicksal zu entgehen, verschlang er jedes Neugeborene unmittelbar nach der Geburt. Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon – sie alle verschwanden im Schlund ihres Vaters.

Zeus – Herrscher des Olymp und Vater der Götter

Doch Rhea, verzweifelt über den Verlust ihrer Kinder, ersann eine List. Als Zeus geboren wurde, verbarg sie den Säugling in einer Höhle auf Kreta, im Diktegebirge. Kronos erhielt stattdessen einen in Windeln gewickelten Stein, den er arglos verschluckte. Auf Kreta wuchs der junge Gott heran, genährt von der Ziege Amaltheia und behütet von den Kureten, die mit ihrem Waffenlärm das Schreien des Kindes übertönten.

Als Zeus zum Mann herangewachsen war, kehrte er zurück und zwang Kronos, seine verschlungenen Geschwister wieder auszuspeien. Was folgte, war der gewaltigste Krieg, den die mythische Welt je gesehen hatte: die Titanomachie. Zehn Jahre lang kämpften die jungen Götter unter der Führung des Zeus gegen die Titanen. Der Kronide – wie Zeus nach seinem Vater Kronos auch genannt wurde – befreite die Kyklopen aus dem Tartaros, die ihm zum Dank den Blitz schmiedeten, seine furchtbarste Waffe. Am Ende siegten die Olympier, und Zeus teilte die Welt unter seinen Brüdern auf: Poseidon erhielt das Meer, Hades die Unterwelt, er selbst den Himmel und die Oberherrschaft über alles.

Metis und Hera – die Gemahlinnen des Zeus

Die erste Gemahlin des Zeus war Metis, die Titanin der Klugheit und Tochter des Okeanos. Sie galt als die Weiseste unter allen Göttern und Sterblichen. Doch auch Zeus war nicht frei von der Furcht, die seinen Vater zerfressen hatte. Ein Orakel verkündete, dass Metis zunächst eine Tochter und dann einen Sohn gebären werde – und dieser Sohn würde mächtiger sein als sein Vater. Zeus handelte, wie Kronos vor ihm gehandelt hatte, wenn auch auf andere Weise: Er verschlang Metis selbst, als sie mit dem ersten Kind schwanger war.

Die Folgen dieses Aktes waren bemerkenswert. Eines Tages plagte Zeus ein unerträglicher Kopfschmerz. Hephaistos – nach anderen Quellen Prometheus – spaltete ihm mit einer Axt den Schädel, und heraus sprang, in voller Rüstung und mit dem Schlachtruf auf den Lippen, Pallas Athene. Sie wurde zur Lieblingstochter des Zeus, zur Göttin der Weisheit, des Handwerks und der klugen Kriegführung. In der Athene vereinigten sich die Klugheit der Mutter Metis mit der Macht des Vaters Zeus – und vielleicht erklärt genau das, warum er sie unter allen seinen Kindern am meisten schätzte.

Die eigentliche Gattin des Zeus im Sinne der dauerhaften olympischen Ehe war jedoch Hera, seine Schwester und zugleich die große Himmelskönigin. Ihre Verbindung zählt zu den zentralen Erzählungen der griechischen Götterwelt. Die Werbung des Zeus um Hera war lang und einfallsreich. Einer Sage nach verwandelte er sich in einen von Sturm und Kälte durchnässten Kuckuck, den Hera mitleidig an ihre Brust drückte – woraufhin der Gott seine wahre Gestalt annahm. Alle Götter des Olymp waren zur Hochzeit geladen, und Gaia selbst schenkte dem Paar den Baum mit den goldenen Äpfeln, der später im Garten der Hesperiden stand.

Als Zeus Gemahlin gebar Hera ihm mehrere Kinder: Hebe, die Göttin der Jugend und Mundschenkin des Olymp, Ares, den Kriegsgott, und Hephaistos, den göttlichen Schmied. Doch die Ehe war alles andere als glücklich. Zeus war seinen Gattinnen gegenüber von notorischer Untreue, und Hera reagierte mit einer Eifersucht, die in der Mythologie sprichwörtlich wurde. Nicht gegen ihren Gatten selbst richtete sich ihr Zorn – denn gegen den höchsten Gott war selbst eine Himmelskönigin machtlos –, sondern gegen seine Geliebten und deren Kinder.

Töchter und Söhne: Die Nachkommen des Kroniden

Die Liste der Verbindungen des Zeus liest sich wie ein Katalog der griechischen Mythologie selbst. Mit Demeter, seiner Schwester, zeugte er Persephone, die spätere Königin der Unterwelt. Mit der Titanin Leto, die Heras Verfolgung bis ans Ende der Welt ertragen musste, bevor sie auf der Insel Delos Zuflucht fand, kamen die Zwillinge Apollon und Artemis zur Welt – er der Gott des Lichts, der Musik und der Weissagung, sie die Göttin der Jagd und des Mondes.

Die Zeus Tochter Athene blieb die bevorzugte, doch sie war bei weitem nicht die einzige. Aus der Verbindung mit Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, gingen die neun Musen hervor, Schutzgöttinnen der Künste und Wissenschaften. Der Sage nach verbrachte Zeus neun Nächte mit Mnemosyne, und jede Nacht wurde eine Muse empfangen. Mit der Götterbotin Maia zeugte er Hermes, den Gott der Kaufleute, Reisenden und Diebe, der am selben Tag seiner Geburt bereits die Rinder des Apollon stahl.

Besonders tragisch war die Geschichte der sterblichen Semele, einer thebanischen Königstochter. Zeus liebte sie leidenschaftlich, doch Hera nutzte die Verletzlichkeit der Sterblichen aus und überredete sie, Zeus zu bitten, sich in seiner wahren göttlichen Gestalt zu zeigen. Als er seinen Schwur einlöste und als Blitzgott erschien, verbrannte Semele. Aus der Asche rettete Zeus das ungeborene Kind und nähte es in seinen eigenen Schenkel ein, bis es zur Welt kommen konnte: Dionysos, der Gott des Weines und der Ekstase, der „zweimal Geborene“.

Nicht minder berühmt ist Herakles, den Zeus mit der sterblichen Alkmene zeugte. Um sie zu verführen, nahm Zeus die Gestalt ihres Ehemannes Amphitryon an und verlängerte die Nacht auf die dreifache Länge. Herakles, der stärkste aller Helden, musste zeitlebens unter Heras Hass leiden – sein Name bedeutet ironischerweise „Ruhm der Hera“. Erst nach der Vollendung seiner zwölf Arbeiten und seinem Tod auf dem Scheiterhaufen wurde er in den Olymp aufgenommen.

Der höchste Herrscher: Beinamen, Orakel und Kulte

Homer, der älteste und einflussreichste Dichter der griechischen Literatur, versah Zeus mit einer Fülle von Beinamen, die sein Wesen und seine Macht beschreiben. Er ist der „Dunkelumwölkte“ und „Wolkensammler“, der die Gewitterwolken über dem Himmel zusammentreibt. Er ist der „Donnerer“, dessen Stimme im Donnergrollen widerklingt. Er ist der „höchste Herrscher“ und „Vater der Götter und Menschen“. Der Beiname des Zeus als Kronide – Sohn des Kronos – erinnert stets an seine Herkunft und an den Kreislauf von Macht und Sturz, der die griechische Göttergeschichte durchzieht.

„Vater Zeus, der du vom Ida herab regierst, du Ruhmreicher, du Großer – gib, dass dieser Mann Gastfreundschaft und Ruhm bei allen Menschen erlange.“

– Homer, Odyssee, 9. Gesang

In der religiösen Praxis der Griechen war Zeus allgegenwärtig. Sein ältestes Orakel befand sich nicht in Delphi, sondern in Dodona im nordwestgriechischen Epirus, wo Priester den Willen des Gottes aus dem Rauschen einer heiligen Eiche deuteten. Der Kult von Dodona reicht bis in mykenische Zeit zurück und zählt zu den ältesten religiösen Stätten Griechenlands.

Zeus galt als Beschützer des menschlichen Zusammenlebens in all seinen Formen. Er wachte über die Gastfreundschaft – als Zeus Xenios –, und wer einen Fremden schlecht behandelte, musste den Zorn des höchsten Gottes fürchten. Er schützte die Staatsordnung, das Recht und die Gerechtigkeit. Könige empfingen ihre Herrschaftsgewalt aus seiner Hand, und wer einen Eid brach, verging sich gegen Zeus selbst. Er verteilte Gutes und Böses, Leid und Segen unter den Menschen, regierte über Tag und Nacht, die Jahreszeiten, Winde, Wolken und Regen.

Der berühmteste Ausdruck der Zeus-Verehrung waren die Olympischen Spiele, die alle vier Jahre im Heiligtum von Olympia auf der Peloponnes abgehalten wurden. Dort stand auch eines der Sieben Weltwunder der Antike: die gewaltige Sitzstatue des Zeus, geschaffen vom Bildhauer Pheidias um 430 v. Chr., über zwölf Meter hoch, aus Gold und Elfenbein gefertigt. Der römische Feldherr Aemilius Paullus soll beim Anblick der Statue gesagt haben, er habe Zeus selbst auf Erden gesehen.

Zeus in der abendländischen Kultur – von der Antike bis heute

Die Römer übernahmen Zeus unter dem Namen Jupiter und machten ihn zum obersten Staatsgott ihres Imperiums. Der Tempel des Jupiter Optimus Maximus auf dem Kapitol in Rom war das religiöse Zentrum des gesamten Römischen Reiches. Triumphierende Feldherren fuhren in feierlicher Prozession den Hügel hinauf, um Jupiter für den Sieg zu danken – das Gesicht rot bemalt, in Anlehnung an die Statue des Gottes.

In der bildenden Kunst des Abendlandes blieb Zeus über die Jahrhunderte allgegenwärtig. Von den Metopen des Zeustempels in Olympia über Raffaels Fresken in der Villa Farnesina bis hin zu Ingres’ Jupiter und Thetis (1811) – immer wird er als der Mächtigste unter den Mächtigen dargestellt, thronend, mit Blitz und Adler. Der Adler, der Eichenkranz und der Blitzstrahl sind seine Attribute, die auch in der politischen Symbolik weiterleben: Der Adler als Wappentier zahlreicher Staaten geht letztlich auf den Vogel des Zeus zurück.

In der modernen Populärkultur erlebt die Figur des Zeus eine bemerkenswerte Renaissance. Rick Riordans Jugendbuchreihe Percy Jackson machte die griechischen Götter einer neuen Generation zugänglich, und in Videospielen wie God of War oder Hades begegnen Millionen von Spielern dem höchsten Olympier in interaktiver Form. Auch in der Astronomie lebt sein römischer Name weiter: Jupiter, der größte Planet unseres Sonnensystems, trägt den Namen des obersten Gottes – ein stiller Hinweis darauf, wie tief die griechische Mythologie in unser Weltbild eingeschrieben ist.

Was bleibt von Zeus? Vor allem die Erkenntnis, dass selbst die Mächtigsten nicht frei von Widersprüchen sind. Der Kronide war Richter und Gesetzesbrecher zugleich, Beschützer der Ehe und notorischer Ehebrecher, Vater aller und oft genug abwesender Vater. Gerade diese Widersprüchlichkeit machte ihn für die Griechen so glaubwürdig: Ihre Götter waren keine moralischen Vorbilder, sondern Spiegelbilder des Menschlichen ins Kosmische vergrößert. Wenn Sie das nächste Mal ein Gewitter beobachten, denken Sie daran, dass Menschen dreitausend Jahre lang in jedem Blitz die Hand des Zeus sahen – des Gottes, dessen Gemahlin Hera als Einzige es wagte, ihm zu widersprechen.

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