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Extra Antike Mythologie

Eros – Gott der Liebe in der griechischen Mythologie

Ursprünge des Eros: Zwischen Chaos und Olymp

Kaum eine Gestalt der griechischen Mythologie hat so viele Gesichter wie Eros, der Gott der Liebe. Je nachdem, welcher antiken Quelle man folgt, erscheint er als urzeitliche Kraft, die am Anfang aller Dinge stand, oder als geflügelter Knabe mit Pfeil und Bogen, der Götter und Menschen gleichermaßen in die Liebe stürzt. Diese Doppelnatur – kosmisches Prinzip einerseits, schelmischer Junge andererseits – macht den Eros der griechischen Mythologie zu einer der faszinierendsten Figuren des antiken Pantheons.

Eros – Gott der Liebe in der griechischen Mythologie

Die älteste Überlieferung stammt von Hesiod, der in seiner Theogonie um 700 v. Chr. berichtet, dass Eros gemeinsam mit dem Chaos und der Erde (Gaia) zu den allerersten Wesen gehörte. In dieser Vorstellung ist er kein Kind bestimmter Eltern, sondern eine kosmische Urkraft, die alles Werden erst ermöglicht. Auch Platon lässt in seinem Symposion verschiedene Redner über das Wesen des Eros streiten – und kommt zu dem Schluss, dass die Liebe eine treibende Kraft ist, die den Menschen zum Schönen und Guten hinzieht.

Die spätere, populärere Tradition sieht Eros hingegen als Sohn der Aphrodite, der Göttin der Schönheit, die in der römischen Mythologie Venus heißt. Wer sein Vater war, darüber gingen die Meinungen auseinander: Manche nannten Ares, den Kriegsgott, andere Hermes oder Zeus. Diese Unklarheit war für die Griechen kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer tieferen Wahrheit: Die Liebe lässt sich nicht auf eine einzige Herkunft festlegen.

Eros – Steckbrief

Griechisch: Eros (Έρως), Gott der Liebe und des Verlangens.
Römisch: Amor (auch Cupido).
Eltern: Aphrodite (Venus); Vater umstritten (Ares, Hermes oder Zeus).
Attribute: Goldener Bogen, zwei Arten von Pfeilen, Flügel.
Sprachliches Erbe: Erotik (griech.), Amor/amour/amore (lat.).

Bogen, Pfeile und göttlicher Übermut

Die bekannteste Darstellung zeigt den Gott Eros als geflügelten Knaben, der einen goldenen Bogen trägt und Pfeile verschießt, denen sich niemand entziehen kann. Schon bevor er laufen konnte, soll er sich Bogen und Pfeile geschnitzt haben. Seine ersten Ziele waren Tiere: Vögel, die plötzlich einander nachjagten, Hirsche, die ohne Grund stehenblieben. Doch bald wandte sich Eros größeren Opfern zu – den Menschen und schließlich den Göttern selbst.

Seine Pfeile waren dabei keineswegs einheitlich. Die mit goldener Spitze lösten angenehme Gefühle aus: Zuneigung, Sehnsucht, leidenschaftliche Liebe. Die mit bleierner Spitze hingegen bewirkten das Gegenteil: Abscheu, Gleichgültigkeit, Flucht vor der Liebe. Dieses Motiv findet sich besonders eindrücklich in Ovids Metamorphosen, wo Eros – dort unter seinem römischen Namen Amor – den Gott Apollon mit einem goldenen Pfeil trifft, die Nymphe Daphne hingegen mit einem bleiernen. Apollon verfolgt Daphne in rasender Liebe, während sie ihn mit ebensolcher Heftigkeit flieht – bis sie in einen Lorbeerbaum verwandelt wird.

Der Übermut des jungen Gottes Eros kannte kaum Grenzen. Er stahl Apollons Pfeile, entwendete Hermes die geflügelten Sandalen und bemächtigte sich sogar des Blitzbündels des Zeus. Kein Wunder, dass man ihn bald den „Bezwinger der Götter und Menschen“ nannte.

Anteros und die Reife des Liebesgottes

Trotz all seiner Macht hatte der junge Eros ein Problem: Er wuchs nicht. So zumindest berichtet es eine Überlieferung, die vermutlich auf die Allegorien der hellenistischen Zeit zurückgeht. Die Götter erkannten, dass Liebe allein nicht ausreicht, wenn sie keine Erwiderung findet. Erst als Eros einen kleinen Bruder bekam – Anteros, den Gott der Gegenliebe –, begann er zu wachsen und sich zu einem jungen Mann zu entwickeln.

Die Botschaft dieser Erzählung ist bestechend klar: Liebe braucht Gegenseitigkeit, um zu gedeihen. Einseitige Liebe bleibt kindlich, unvollendet. Anteros wurde denn auch zum Beschützer der erwiderten Liebe, und in Athen soll ein Altar für ihn im Gymnasion gestanden haben – ein Hinweis darauf, dass die Griechen die Gegenliebe nicht weniger verehrten als die Liebe selbst.

Eros und Psyche: Die berühmteste Liebesgeschichte der Antike

Unter allen Erzählungen, die sich um den Gott der Liebe ranken, ist der Mythos von Eros und Psyche die längste, die ergreifendste und die einflussreichste. Die ausführlichste Fassung stammt von dem römischen Schriftsteller Apuleius, der sie im 2. Jahrhundert n. Chr. in seinen Roman Der goldene Esel einflocht. Es ist eine Geschichte, die alle Elemente eines großen Märchens vereint: verbotene Liebe, göttliche Eifersucht, tödliche Prüfungen und am Ende die Erlösung.

Psyche – in der Mythologie die Verkörperung der menschlichen Seele – war eine Königstochter von so außergewöhnlicher Schönheit, dass die Menschen sie als „zweite Venus“ verehrten und die Tempel der echten Venus vernachlässigten. Die Göttin war außer sich vor Zorn und erteilte ihrem Sohn Eros einen Auftrag: Er solle Psyche mit einem Pfeil treffen und dafür sorgen, dass sie sich in das hässlichste Wesen der Erde verliebe.

Eros gehorchte – zunächst. Doch als er sich der schlafenden Psyche näherte, ritzte er sich versehentlich mit seinem eigenen goldenen Pfeil und war von diesem Moment an selbst rettungslos verliebt. Statt Psyche zu verderben, entführte er sie in einen verborgenen Palast, wo unsichtbare Diener jeden ihrer Wünsche erfüllten. Nur eine Bedingung stellte Eros: Psyche durfte sein Gesicht niemals sehen. Nacht für Nacht besuchte er sie in völliger Dunkelheit.

Der Verrat der Schwestern

Das Glück währte, bis Psyche ihre beiden eifersüchtigen Schwestern zu Besuch einlud. Diese flüsterten ihr ein, ihr Liebhaber sei in Wahrheit ein grauenhaftes Ungeheuer. Psyche solle sich mit einer Lampe und einem Messer bewaffnen und ihn im Schlaf betrachten.

In der folgenden Nacht zündete Psyche eine Öllampe an, ergriff das Messer – und erblickte den schönsten aller Götter. Goldene Locken, zarte Flügel, der berühmte Bogen neben dem Lager. Überwältigt ließ sie das Messer sinken, doch ein Tropfen heißen Öls fiel von der Lampe auf die Schulter des Eros. Er erwachte, sah den Verrat – und flog davon.

Psyches Prüfungen und die Gnade des Zeus

Psyche durchstreifte die Welt auf der Suche nach dem verlorenen Eros. Sie betete in den Tempeln der Demeter und der Hera um Hilfe, doch keine Göttin wagte es, sich gegen Venus zu stellen. Schließlich stellte sich Psyche der Zürnenden selbst und wurde ihre Dienerin.

Venus legte ihr Aufgaben auf, die kein Mensch bestehen konnte: einen Berg vermischter Getreidesorten sortieren, goldene Wolle von gefährlichen Sonnenschafen sammeln, Wasser aus der drachenbewachten Quelle des Styx schöpfen. Jedes Mal erhielt Psyche Hilfe – von Ameisen, einem flüsternden Schilfrohr, einem Adler des Zeus. Und schließlich die schrecklichste Prüfung: Sie sollte in die Unterwelt hinabsteigen und von Persephone ein Kästchen mit göttlicher Schönheitssalbe holen.

Psyche bestand auch diese Prüfung, doch auf dem Rückweg öffnete sie das Kästchen. Statt Schönheit entströmte ihm ein todesartiger Schlaf, und sie sank leblos zu Boden.

Doch Eros hatte seine Geliebte nie vergessen. Er fand sie, wischte den Todesschlaf von ihren Lidern und flog mit ihr zum Olymp. Dort bat er Zeus, Psyche zur Göttin zu erheben. Zeus stimmte zu. Psyche erhielt Ambrosia und wurde unsterblich und ewig jung – anders als der arme Tithonos, dem die Göttin Eos zwar ewiges Leben, nicht aber ewige Jugend erbeten hatte.

Die Hochzeit wurde mit einem großen Fest auf dem Olymp gefeiert. Selbst Venus versöhnte sich mit ihrer einstigen Rivalin. Seit jener Verbindung, so erzählt es der Mythos, zog sich Eros allmählich von der Erde zurück. An seiner Stelle überließ er seinem Bruder Pothos – dem Gott der Sehnsucht – die Herrschaft über die Herzen der Menschen.

Amor und Eros: Römische Entsprechung und sprachliches Erbe

Als die Römer die griechische Götterwelt übernahmen, erhielt Eros den lateinischen Namen Amor – manchmal auch Cupido, was „Begierde“ bedeutet. Vergil, Ovid und Apuleius formten das Bild, das später die europäische Kunst prägen sollte: ein pausbäckiger Knabe mit Flügeln und Bogen, der blind seine Pfeile verschießt.

Bemerkenswert ist das sprachliche Nachleben. Der Name Eros lebt im griechischen Sprachraum und in den davon abgeleiteten Bildungswörtern weiter: Erotik, erotisch, das Erotikon als literarische Gattung. Die romanischen Sprachen hingegen – die Erben des Lateinischen – bevorzugen den römischen Namen: Spanisch amor, Französisch amour, Italienisch amore. In den germanischen und slawischen Sprachen wiederum hat sich der griechische Stamm im gelehrten Wortschatz durchgesetzt. So stehen Eros und Amor bis heute als Zwillinge nebeneinander: derselbe Gott, zwei Namen, zwei Sprachtraditionen, die sich wie goldene und bleierne Pfeile durch die europäische Kulturgeschichte ziehen.

Nachleben: Von der Antike bis heute

Die Gestalt des Eros hat die Künste aller Epochen durchdrungen. In der antiken Vasenmalerei erscheint er als schöner Jüngling mit Flügeln, in der hellenistischen Plastik zunehmend als dicklicher Knabe – jener Putto, der über die römische Kunst in die Renaissance und den Barock gelangte. Antonio Canovas Marmorskulptur Amor und Psyche (1793) gilt als eines der vollkommensten Werke des Klassizismus.

In der Literatur wurde die Erzählung von Eros und Psyche zur Urform des Märchens. Folkloristen erkannten in ihr das Grundmuster der „Tierbrautigam“-Geschichten: ein unsichtbarer Gatte, ein Verbot, das gebrochen wird, eine lange Suche und die Versöhnung. „Die Schöne und das Biest“ trägt ebenso Spuren dieser alten Psyche-Mythologie wie Andersens „Kleine Meerjungfrau“.

Auch die Psychologie bediente sich des Mythos. Sigmund Freud prägte den Begriff des Eros als Bezeichnung für den Lebenstrieb, den er dem Thanatos, dem Todestrieb, gegenüberstellte. Carl Gustav Jung deutete die Geschichte von Eros und Psyche als Allegorie der Individuation: Die Seele muss durch Prüfung gehen, um sich mit der Liebe auf höherer Ebene zu vereinen.

So bleibt der Eros der griechischen Mythologie eine Figur von ungewöhnlicher Lebendigkeit. In der Valentinstagskarte begegnet er als pummeliger Engel mit Pfeil und Bogen; in der Philosophie steht er für das Streben nach Verbindung; in der Psychoanalyse für die Kraft, die uns am Leben hält. Die alten Griechen wussten, warum sie ihn zu den ältesten Göttern zählten: Ohne Eros gäbe es schlicht nichts. Es ist diese kosmische Dimension, die den Gott der Liebe von einem bloßen Märchenwesen unterscheidet und dafür sorgt, dass sein Name – ob als Eros oder als Amor – auch dreitausend Jahre später nichts von seiner Strahlkraft verloren hat.

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