Es gibt Götter, die man vergessen hat. Und es gibt Hermes. Der Name des griechischen Gottes begegnet uns noch heute auf Schritt und Tritt – auf Paketen, die ein Logistikunternehmen zustellt, in der Apotheke, wo der geflügelte Stab als Symbol der Heilkunst prangt, und in den Schaufenstern des Pariser Luxushauses, das seine seidenen Tücher nach dem Götterboten Hermes benannte. Doch wer war diese Gestalt, die seit über zweieinhalbtausend Jahren die menschliche Vorstellungskraft beflügelt? Wer war der Gott Hermes wirklich – jenseits der Markenlogos und Firmennamen?
Die Antwort führt uns in eine Welt, in der Götter noch stehlen konnten, in der ein Neugeborenes am Tag seiner Geburt eine Leier erfand und in der der Tod kein Ende war, sondern eine Reise, für die man einen zuverlässigen Führer brauchte. Die Hermes Mythologie erzählt von einem Gott, der sich jeder einfachen Zuordnung entzieht – listig und weise, verspielt und erhaben, ein Freund der Menschen und ein Diener der Götter zugleich.
Ein Name, der niemals verstummt
Kaum ein Name aus der griechischen Götterwelt hat eine so erstaunliche Karriere hingelegt wie der des Hermes. Das französische Modehaus Hermès, 1837 als Sattlerei in Paris gegründet, wählte den griechischen Gott Hermes nicht ohne Grund als Namensgeber: Der Gott der Reisenden und Kaufleute passte vorzüglich zu einem Unternehmen, das zunächst Reitausrüstung und Reisegepäck fertigte. Im Versandhandel steht der Name für Schnelligkeit – denn wer wäre ein besseres Symbol für zügige Zustellung als der geflügelte Bote der Götter? Und selbst in der Medizin lebt Hermes weiter: Der Hermesstab, obwohl mythologisch gesehen ein Instrument des Schlafes und des Traumes, wurde im Laufe der Jahrhunderte zum Zeichen der Ärzte und Apotheker – eine Verwechslung mit dem Stab des Asklepios, die sich längst verselbständigt hat.
All diese modernen Aneignungen verraten etwas über den Charakter des Gottes Hermes: Er ist der Gott der Verbindungen, der Übergänge, der fließenden Grenzen. Wo andere Götter für einen klar umrissenen Bereich zuständig waren – Ares für den Krieg, Demeter für die Ernte, Poseidon für das Meer –, war Hermes überall dort zu finden, wo etwas in Bewegung geriet: Waren, Worte, Wanderer, Seelen.
Die Nacht, in der alles begann: Hermes’ Geburt und erster Streich
Die Geschichte des Gottes Hermes beginnt in einer Höhle auf dem Berg Kyllene in Arkadien. Dort kam er als Sohn des Zeus und der Nymphe Maia zur Welt. Seine Mutter war eine der sieben Pleiaden, Töchter des Titanen Atlas – jenes Atlas, der das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trägt. Die Göttin Hera, eifersüchtige Gattin des Zeus, ahnte nichts von der heimlichen Verbindung, denn Zeus pflegte Maia stets in der Dunkelheit der Nacht aufzusuchen, während Hera schlief.
Was in den ersten Stunden nach der Geburt geschah, gehört zu den berühmtesten Erzählungen der Hermes Mythologie. Noch am Tag seiner Geburt, so berichtet der Homerische Hymnus an Hermes, kroch der Säugling aus seiner Wiege und machte sich auf den Weg. In Thessalien stieß er auf die heilige Rinderherde seines Halbbruders Apollon – und stahl fünfzig Kühe. Mit einer für ein Neugeborenes bemerkenswerten Gerissenheit trieb er die Tiere rückwärts, damit ihre Hufspuren in die falsche Richtung wiesen, und band sich selbst Zweige unter die Füße, um seine eigenen Spuren zu verwischen.
Zwei der gestohlenen Rinder schlachtete der kleine Hermes und opferte sie den zwölf olympischen Göttern – wobei er sich selbst als den Zwölften mitzählte, denn bescheiden war er nicht. Aus dem Panzer einer Schildkröte und den Darmsaiten der geschlachteten Kühe fertigte er ein Instrument, das die Welt zuvor noch nicht gehört hatte: die Leier. Als der erzürnte Apollon den kleinen Dieb schließlich aufspürte und vor das Gericht des Zeus brachte, spielte Hermes auf seiner neuen Erfindung – und Apollon, der Gott der Musik, war so hingerissen, dass er dem Bruder die Rinder verzieh. Hermes schenkte ihm die Leier als Versöhnungsgabe, und fortan wurde sie zum Attribut Apollons, der ohne sie heute kaum vorstellbar wäre.
Diese Episode enthält bereits alles, was den Gott Hermes ausmacht: Erfindungsgeist, List, Charme und die Fähigkeit, Konflikte nicht durch Gewalt, sondern durch Klugheit und Großzügigkeit zu lösen.
Im Auftrag des Olymp: Hermes als Götterbote
Seine wichtigste Funktion im olympischen Pantheon war die des Herolds und Boten. Wenn Zeus eine Nachricht an Götter oder Sterbliche zu übermitteln hatte, war es Hermes, der diese Aufgabe übernahm. In Homers Ilias und Odyssee begegnen wir ihm immer wieder als dem ewig jugendlichen Überbringer göttlicher Befehle. Er geleitet den greisen König Priamos durch das feindliche Lager der Griechen, damit dieser die Leiche seines Sohnes Hektor zurückfordern kann. Er überbringt Kalypso den Befehl des Zeus, Odysseus nach zehn Jahren Gefangenschaft endlich freizulassen. Und er warnt Odysseus vor den Zauberkünsten der Kirke, indem er ihm das schützende Kraut Moly schenkt.
Der Götterbote Hermes war dabei stets mehr als ein einfacher Laufbursche. Er war Diplomat, Vermittler, manchmal auch Komplize. Sein Auftreten war von jener gelassenen Selbstsicherheit geprägt, die nur jemand aufbringen kann, der zwischen allen Welten zu Hause ist. Die Griechen stellten sich Hermes als ewig jugendlichen Mann vor – schlank, flink, mit einem Lächeln, das Vertrauen weckte, ohne je ganz aufrichtig zu sein.
Kaufleute, Diebe und Redner: Die vielen Gesichter des Gottes
Die Zuständigkeitsbereiche des Gottes Hermes sind so vielfältig, dass sie auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. Er war der Gott des Handels und der Kaufleute – und zugleich der Gott der Diebe, der Betrüger und der Falschspieler. Er war der Beschützer der Straßen und der Reisenden – und der Patron der Hirten und Herden. Er war der Gott des Schlafes und der Träume, der Gott der Beredsamkeit und des klugen Gedankens, und schließlich auch der Gott des Glücks und des glücklichen Zufalls.
Diese scheinbar widersprüchliche Vielfalt löst sich auf, wenn man die innere Logik der griechischen Mythologie versteht. Für die antiken Griechen war der Handel ein Geschäft, das Geschick und List verlangte – und der Übergang vom cleveren Händler zum Betrüger war fließend. Wer geschickt handeln konnte, der konnte auch geschickt reden: So wurde aus dem Gott der Kaufleute der Gott der Rhetorik und des scharfen Denkens. Und wer gut denken und reden konnte, der verdiente es, die Jugend zu unterweisen: So wurde Hermes zum Schutzgott der Schulen und der Erziehung – eine Rolle, die der Hermes logios, der „redegewandte Hermes“, in der späteren Antike verstärkt übernahm.
Auch sein Beiname als Glücksgott führt uns tief in die griechische Lebenswelt. Das Wort Hermaion („Hermesfund“) bezeichnete im Griechischen einen glücklichen Zufallsfund, einen unverhofften Gewinn – ähnlich wie wir heute von einem „Glücksgriff“ sprechen. Wer am Wegesrand einen Geldbeutel fand, der hatte ein Hermaion gemacht: ein Geschenk des Hermes.
Flügelhelm und Heroldsstab: Die Ausrüstung des Hermes
In der bildenden Kunst ist der Gott Hermes an seinen unverwechselbaren Attributen zu erkennen. Er trägt den Petasos, einen breitkrempigen Reisehut, der häufig mit Flügeln versehen ist, und die Talaria, die geflügelten Sandalen, die ihn schneller als den Wind über Länder und Meere tragen. Sein wichtigstes Attribut aber ist das Kerykeion – der Heroldsstab, den die Römer später Caduceus nannten.
Dieser Stab war mehr als ein bloßes Rangzeichen. Der Mythologie zufolge besaß das Kerykeion magische Kräfte: Es konnte Menschen in Schlaf versetzen und sie wieder aufwecken, es konnte Streit schlichten und Feinde versöhnen. Die beiden Schlangen, die sich um den Stab winden, sollen der Sage nach entstanden sein, als Hermes seinen Stab zwischen zwei kämpfende Schlangen hielt und diese sich friedlich um das Holz rankten – ein Sinnbild für die versöhnende Macht des Götterboten.
Mit eben diesem Stab vollbrachte Hermes auch eine seiner berühmtesten Taten. Die eifersüchtige Göttin Hera hatte den hundertäugigen Riesen Argos Panoptes damit beauftragt, die in eine Kuh verwandelte Io zu bewachen. Zeus sandte seinen Sohn Hermes, um die Gefangene zu befreien. Der listige Gott näherte sich dem Riesen, erzählte ihm Geschichten und spielte auf seiner Flöte, bis alle hundert Augen des Argos zufielen. Dann tötete er den Schlafenden mit einem einzigen Streich. Fortan trug Hermes den Beinamen „Argostöter“ (Argeiphontes) – und seine Herrschaft über Schlaf und Traum war besiegelt.
Steine am Wegesrand: Die Hermen und ihr Schicksal
Die Verbindung zwischen dem Gott Hermes und den Straßen und Wegen war nicht nur mythologischer Natur – sie war im griechischen Alltag buchstäblich in Stein gemeisselt. An Kreuzungen, Weggabelungen und Grenzsteinen standen die sogenannten Hermai (Singular: Herme), kleine Statuetten oder Steinpfeiler, die dem Gott der Reisenden geweiht waren. In ihrer ältesten Form bestanden sie aus einfachen Steinhaufen, unter denen ein Bildnis des Gottes verborgen lag. Jeder Wanderer, der vorüberkam, warf einen Stein auf den Haufen – ein Gruß an den Beschützer der Wege.
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich diese schlichten Steinhaufen zu kunstvollen Skulpturen. Die älteren Hermen zeigten Hermes als bärtigen Mann mit einem erigierten Phallos – ein Symbol für Fruchtbarkeit und Abwehrkraft gegen üble Mächte, das den heutigen Betrachter überraschen mag, in der Antike aber völlig selbstverständlich war. Erst später wandelte sich das Bild: Der Bart fiel weg, und Hermes wurde zum jugendlichen, bartlosen Gott, den wir aus den Museen kennen.
Im Jahre 415 v. Chr., am Vorabend der verhängnisvollen athenischen Sizilienexpedition, geschah etwas Ungewöhnliches: In einer einzigen Nacht wurden nahezu sämtliche Hermen in Athen verstümmelt. Unbekannte hatten den Statuen die Phalloi abgeschlagen – ein Sakrileg, das die Stadt in Aufruhr versetzte. Der Hermenfrevel, wie das Ereignis später genannt wurde, galt als böses Omen für den bevorstehenden Feldzug. Der Feldherr Alkibiades geriet unter Verdacht, an dem Frevel beteiligt gewesen zu sein – eine Anklage, die seine politische Karriere zerstörte und den Lauf des Peloponnesischen Krieges beeinflusste.
In den Jahrhunderten nach diesem Ereignis wandelte sich die Form der Hermen grundlegend. Der große Bildhauer Praxiteles schuf im 4. Jahrhundert v. Chr. jenen berühmten Hermes mit dem Dionysosknaben, der noch heute in Olympia zu bewundern ist. Fortan wurde die Herme vom Kultbild zum dekorativen Element: ein Kopf auf einem schlichten Pfeiler, versehen mit einer Inschrift – einer Entfernungsangabe oder einem Sinnspruch. In dieser Form überlebte die Herme die Antike und diente noch in der Neuzeit als Ehrensäule und Wegmarkierung.
Der letzte Begleiter: Hermes als Seelenführer
Die vielleicht feierlichste aller Aufgaben des Gottes Hermes war die des Psychopompos – des Seelenführers. In dieser Funktion geleitete er die Seelen der Verstorbenen aus der Welt der Lebenden in das Reich des Hades. Es war Hermes, der die Toten an den Fluss Styx brachte, wo der greise Fährmann Charon sie übersetzte. Ohne den Götterboten hätten die Seelen den Weg in die Unterwelt nicht gefunden – sie wären als ruhelose Schatten zwischen den Welten umhergeirrt.
Diese Rolle passt auf den ersten Blick nicht zum listigen Rinderdieb und charmanten Glücksgott. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich eine tiefe Kohärenz: Hermes war immer der Gott der Übergänge gewesen – zwischen Göttern und Menschen, zwischen Freund und Feind, zwischen Schlaf und Wachen. Der Übergang vom Leben zum Tod war nur der letzte und größte dieser Grenzen, und es gehörte zur inneren Logik des Mythos, dass ausgerechnet Hermes ihn begleitete.
In Homers Odyssee findet sich eine der eindrücklichsten Schilderungen dieser Aufgabe. Im 24. Gesang führt Hermes die Seelen der getöteten Freier in die Unterwelt. Homer beschreibt, wie die Seelen „fledermausgleich“ piepsend dem Gott folgen, der seinen goldenen Stab schwingt, „mit dem er die Augen der Sterblichen schließt, wen er will, und andere wieder vom Schlummer erweckt“. Es ist ein Bild von erschreckendem Ernst und zugleich von seltsamer Trostlosigkeit – die Seelen quietschen wie Fledermäuse, und doch ist da einer, der sie führt und ihnen den Weg weist.
Von der Antike bis heute: Hermes in Literatur und Alltag
Die Römer übernahmen den Gott Hermes unter dem Namen Merkur (Mercurius) und verehrten ihn vor allem als Gott des Handels – das lateinische Wort merx („Ware“) steckt bereits im Namen. Der Planet Merkur, der schnellste Himmelswanderer unseres Sonnensystems, trägt seinen Namen ebenso wie der Wochentag Mittwoch in den romanischen Sprachen: mercredi auf Französisch, mercoledì auf Italienisch.
In der europäischen Literatur hat die Hermes Mythologie immer wieder Schriftsteller inspiriert. Eine der originellsten modernen Bearbeitungen stammt von dem deutschen Autor Sten Nadolny. In seinem 1994 erschienenen Roman Ein Gott der Frechheit versetzt Nadolny den Gott Hermes in die Gegenwart. Nach zweitausendjährigem Schlaf erwacht Hermes im 20. Jahrhundert und muss sich in einer Welt zurechtfinden, die sich grundlegend verändert hat – und doch, so die heitere Pointe des Romans, im Grunde die gleichen Bedürfnisse hat wie die antike: nach List, nach Verbindung, nach jemandem, der zwischen den Welten vermittelt.
Auch in der Philosophie hinterließ Hermes seine Spuren. Das Wort Hermeneutik – die Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten – leitet sich von seinem Namen ab. Hermes als Götterbote übermittelte nicht einfach Nachrichten; er übersetzte die Worte der Götter in eine Sprache, die Sterbliche verstehen konnten. Er war, wenn man so will, der erste Interpret, der erste Übersetzer – und damit der mythische Ahnherr aller Philologen, Übersetzer und Textdeuter.
Es gibt Götter, die mächtiger waren als Hermes. Zeus herrschte über den Himmel, Poseidon über das Meer, Hades über die Toten. Doch keiner von ihnen war so vielseitig, so wendig, so unentbehrlich wie der Götterbote Hermes. Er war der Gott, der zwischen allen anderen Göttern stand – und gerade deshalb derjenige, ohne den das gesamte System nicht funktioniert hätte. In einer Welt, die zunehmend von Vernetzung, Kommunikation und ständigem Unterwegssein geprägt ist, erscheint Hermes aktueller denn je. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sein Name – auf Paketen, in Apotheken, auf seidenen Tüchern – noch immer überall dort auftaucht, wo Menschen Dinge in Bewegung setzen.
