Demeter – Göttin der kultivierten Erde und des Getreides
Unter den zwölf olympischen Göttern gibt es eine Gestalt, deren Bedeutung für das alltägliche Überleben der Menschen größer war als die jedes anderen Gottes: Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit, des Ackerbaus und der Ernte. Während Zeus über Blitz und Donner gebot und Poseidon die Meere beherrschte, lag in Demeters Händen etwas weitaus Grundlegenderes – die Fähigkeit der Erde, Nahrung hervorzubringen. Ohne ihr Wohlwollen wuchs kein Halm, reifte kein Korn, und die Menschheit war dem Hunger ausgeliefert.
Demeter war Tochter der Titanen Kronos und Rhea und damit Schwester des Zeus, des Hades, der Hera, des Poseidon und der Hestia. Ihr Name wird von vielen Gelehrten als „Mutter Erde“ gedeutet – das griechische meter für Mutter verbunden mit einer archaischen Form von ge (Erde) oder dea (Getreide). In der Demeter Mythologie verkörpert sie nicht die wilde, ungezähmte Natur, sondern ausdrücklich die kultivierte Erde: das gepflügte Feld, die geordnete Aussaat, die regelmäßige Ernte. Sie war die Göttin der Zivilisation im ursprünglichsten Sinne, denn erst der Ackerbau ermöglichte es den Menschen, sesshaft zu werden, Städte zu gründen und Kultur zu entwickeln.
Die Griechen stellten Demeter meist als reife, mütterliche Frau dar, mit Ährenbündeln in der Hand und einem Kranz aus Getreide im Haar. Ihr heiliges Tier war das Schwein – in der Antike Symbol der Fruchtbarkeit –, und ihre Farbe war das Gold des reifen Weizens. Wo immer in der griechischen Welt ein Bauer seine Sichel ansetzte, tat er es im Bewusstsein, dass er Demeters Gabe erntete.
Der Raub der Persephone und die Trauer der Mutter
Der zentrale Mythos der Demeter Göttin der Fruchtbarkeit ist zugleich eine der ergreifendsten Erzählungen der gesamten griechischen Mythologie: die Geschichte vom Raub ihrer Tochter Persephone. Die wichtigste Quelle hierfür ist der Homerische Hymnos an Demeter, ein Gedicht von über 490 Versen, das vermutlich im 7. Jahrhundert v. Chr. entstand und zu den ältesten erhaltenen Texten der griechischen Literatur zählt.
Persephone, die Tochter von Demeter und Zeus, pflückte auf einer Wiese Blumen – Rosen, Krokus, Veilchen und Narzissen. Doch die Narzisse war eine Falle, eigens von Gaia auf Zeus’ Geheiß wachsen gelassen, um das Mädchen anzulocken. Als Persephone nach der prächtigen Blüte griff, tat sich die Erde auf. Hades, der Herrscher der Unterwelt und Bruder des Zeus, brach mit seinem von schwarzen Rossen gezogenen Wagen hervor, ergriff das schreiende Mädchen und entführte es in die Tiefe. Die Erde schloss sich wieder, als sei nichts geschehen.
Was nun folgte, war die Verwandlung einer Göttin. Demeter, die das Schreien ihrer Tochter gehört hatte, ohne die Ursache zu kennen, stürzte sich in eine verzweifelte Suche. Neun Tage lang durchstreifte sie die Welt, ohne zu essen, ohne zu trinken, ohne zu ruhen. Mit brennenden Fackeln in beiden Händen durchquerte sie Länder und Meere. Kein Gott und kein Sterblicher wagte es, ihr die Wahrheit zu sagen – bis Helios, der allsehende Sonnengott, ihr schließlich offenbarte, dass Hades ihre Tochter geraubt hatte, und zwar mit dem Einverständnis des Zeus.
Die verzweifelte Suche: Von Eleusis bis ans Ende der Welt
Die Nachricht traf Demeter wie ein Schlag. Doch statt zum Olymp zurückzukehren und Zeus zur Rede zu stellen, tat sie etwas Unerhörtes: Sie verließ die Götterwelt. In der Gestalt einer alten, gebeugten Frau – unkenntlich für Götter und Menschen – wanderte die Demeter Göttin durch die Städte und Dörfer Griechenlands. Ihre göttliche Macht verbarg sie unter dem Schleier der Trauer. So gelangte sie nach Eleusis, einer kleinen Stadt unweit von Athen, wo sie sich am Jungfrauenbrunnen niederließ.
Die Töchter des Königs Keleos fanden die vermeintliche Greisin und führten sie in den Palast, wo man ihr die Pflege des neugeborenen Königssohnes Demophon anvertraute. Demeter wollte das Kind unsterblich machen – nächtlich hielt sie es in göttliches Feuer, um seine sterblichen Anteile zu verbrennen. Doch die Mutter Metaneira ertappte sie dabei und schrie entsetzt auf. Demeter offenbarte sich in ihrem wahren göttlichen Glanz und befahl den Eleusiniern, ihr einen Tempel zu errichten. In diesem Tempel, so heißt es, saß die Göttin und trauerte – und mit ihrer Trauer begann die Katastrophe.
Denn Demeter verweigerte der Erde ihre Gabe. Kein Samen keimte, kein Gras wuchs, kein Baum trug Früchte. Die Ernte verdorrte auf den Feldern, und eine furchtbare Hungersnot brach über die Menschheit herein. Die Menschen begannen zu sterben, und – was für die Götter noch gravierender war – sie konnten keine Opfer mehr darbringen. Der Olymp drohte, seine Nahrungsquelle zu verlieren: die Verehrung der Sterblichen.
Der Kompromiss des Zeus und die Entstehung der Jahreszeiten
Zeus, der die Krise erkannte, sandte einen Götterboten nach dem anderen zu Demeter. Iris kam, die Regenbogengöttin, dann einer der Olympier nach dem anderen – mit Geschenken, mit Bitten, mit Versprechungen. Doch Demeter rührte sich nicht. Sie erklärte, sie werde keinen Fuß mehr auf den Olymp setzen und keinen Halm mehr wachsen lassen, bis sie ihre Tochter wiedergesehen habe.
Schließlich lenkte Zeus ein. Er sandte Hermes, den Boten der Götter, in die Unterwelt, um mit Hades zu verhandeln. Hades gab Persephone frei – doch nicht ohne eine letzte List. Bevor sie die Unterwelt verließ, gab er ihr einige Granatapfelkerne zu essen. Wer in der Unterwelt Nahrung zu sich genommen hatte, war für immer an sie gebunden. So kam es zu dem berühmten Kompromiss: Persephone Demeter sollten wieder vereint sein, doch nicht für immer. Vier Monate im Jahr – die Wintermonate – musste Persephone als Gemahlin des Hades in der Unterwelt verbringen. Die übrigen acht Monate durfte sie bei ihrer Mutter auf der Erde weilen.
Die Griechen erklärten sich mit diesem Mythos den Wechsel der Jahreszeiten. Wenn Persephone bei Demeter ist, blüht und gedeiht die Natur – Frühling und Sommer. Wenn sie in die Unterwelt hinabsteigt, trauert Demeter erneut, und die Erde liegt kahl und unfruchtbar da – Herbst und Winter. Das ist, soweit wir uns erinnern, immer noch so.
Die Eleusinischen Mysterien – das bestgehütete Geheimnis der Antike
Aus dem Mythos von Demeter und Persephone erwuchs einer der bedeutendsten religiösen Kulte der gesamten Antike: die Eleusinischen Mysterien. Fast zweitausend Jahre lang – von etwa 1500 v. Chr. bis zur Schließung durch den christlichen Kaiser Theodosius I. im Jahr 392 n. Chr. – wurden in Eleusis, nur zwanzig Kilometer westlich von Athen, alljährlich geheime Zeremonien abgehalten, die zu den bedeutsamsten religiösen Erfahrungen der antiken Welt zählten.
Die Mysterien bestanden aus den Kleinen Mysterien im Frühjahr und den Großen Mysterien im Herbst. Eingeweiht werden konnte praktisch jeder – Freie und Sklaven, Männer und Frauen, Griechen und später auch Römer –, solange er oder sie des Griechischen mächtig und nicht des Mordes schuldig war. Die Großen Mysterien begannen mit einer feierlichen Prozession von Athen nach Eleusis, bei der die Eingeweihten den heiligen Weg entlangzogen. Im Innersten des Tempels, dem Telesterion, fand dann das zentrale Ritual statt.
Was genau dort geschah, wissen wir nicht. Die Schweigepflicht war so streng, dass in fast zwei Jahrtausenden niemand das Geheimnis verriet – ein in der Geschichte beispielloser Vorgang. Wer die Mysterien verrät, dem droht der Tod, hieß es, und offenbar nahmen die Eingeweihten dies ernst. Selbst Alkibiades, der berüchtigte athenische Feldherr, wurde zum Tode verurteilt, weil er die Mysterien in betrunkenem Zustand parodiert haben soll. Was wir wissen: Die Teilnehmer berichteten von einer Erfahrung, die ihr Leben veränderte. Cicero schrieb, Athen habe der Menschheit nichts Größeres und Göttlicheres geschenkt als die Mysterien von Eleusis.
Triptolemos und das Geschenk des Ackerbaus
Eng mit dem Kult von Eleusis verbunden ist die Gestalt des Triptolemos, eines jungen Mannes aus königlichem Haus, dem Demeter ein Geschenk von ungehörer Tragweite machte: das Wissen um den Ackerbau. Nach einigen Versionen der Sage war Triptolemos ein Sohn des Königs Keleos von Eleusis; nach anderen ein Hirte, der Demeter während ihrer Wanderung half. Aus Dankbarkeit übergab ihm die Göttin Weizensaat und einen von geflügelten Drachen gezogenen Wagen, mit dem er über die ganze Erde fliegen und die Kunst des Getreidebaus verbreiten sollte.
In der Vorstellung der Griechen war Triptolemos also der Kulturbringer schlechthin – derjenige, der die Menschheit vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit führte. Die attische Vasenmalerei zeigt ihn häufig auf seinem Flügelwagen, in der Hand das Getreide, das er den Völkern bringt. Es ist ein Bild, das in seiner Symbolkraft kaum zu überbieten ist: Die Göttin der Ernte schenkt der Menschheit die Grundlage aller Zivilisation, und sie tut es über einen menschlichen Vermittler – ein Motiv, das später in vielen Religionen wiederkehren wird.
Von Demeter zu Ceres – die Göttin in Rom und darüber hinaus
Als die Römer die griechische Götterwelt übernahmen, wurde Demeter zu Ceres – und dieser römische Name hat sich auf Umwegen bis in unseren heutigen Alltag eingeschrieben. Das englische Wort cereal (Getreide, Frühstücksflocken) leitet sich direkt von Ceres ab; ebenso das französische céréales. Wer morgens seine Müslischale füllt, vollzieht also, ohne es zu wissen, eine kleine sprachliche Hommage an die antike Göttin der Fruchtbarkeit.
In Rom genoss Ceres besondere Verehrung durch die Plebejer, die einfachen Bürger. Ihr Tempel am Fuß des Aventin, errichtet um 493 v. Chr., war gleichzeitig Archiv und Versammlungsort der plebejischen Volkstribunen. Während Jupiter der Gott der Patrizier war, stand Ceres für das Volk, das von der Arbeit auf den Feldern lebte. Ihr Fest, die Cerealia, wurde im April gefeiert und war eines der fröhlichsten des römischen Kalenders – mit Spielen im Circus Maximus und einer eigenwilligen Tradition, bei der man Füchse mit brennenden Fackeln an den Schwänzen durch die Felder jagte, um die Ernte vor Schädlingen zu schützen.
Bemerkenswert ist auch die moderne Weiterwirkung des Namens: Der 1801 entdeckte Zwergplanet Ceres, der größte Körper im Asteroidengürtel, trägt den Namen der römischen Erntegöttin. Und seit 1928 existiert in Deutschland der Demeter-Verband, der älteste Bioverband der Welt, dessen Qualitätssiegel heute auf biologisch-dynamischen Produkten in über fünfzig Ländern zu finden ist. Dass ausgerechnet die strengste Form der ökologischen Landwirtschaft den Namen der griechischen Erntegöttin trägt, ist kein Zufall – es ist eine bewusste Rückbesinnung auf die Idee, dass die Erde nicht ausgebeutet, sondern gehütet werden muss.
Demeter in Kunst, Kultur und Gegenwart
Der Mythos von Demeter und Persephone hat Künstler durch alle Epochen inspiriert. Eines der berühmtesten Werke ist Gian Lorenzo Berninis Marmorskulptur Der Raub der Proserpina (1621–1622), die heute in der Galleria Borghese in Rom steht. Bernini war erst 23 Jahre alt, als er dieses Meisterwerk schuf, in dem sich Hades’ Finger in das Fleisch der sich wehrenden Persephone graben – eine Darstellung von solcher Lebendigkeit, dass man vergisst, Stein vor sich zu haben. Das Werk zeigt die Gewalt des Mythos ebenso wie die Hilflosigkeit des Opfers und wurde zu einem der ikonischen Werke der Barockbildhauerei.
In der Literatur taucht der Demeter-Mythos immer wieder auf, von Ovids Metamorphosen über Friedrich Schillers Klage der Ceres (1796) bis hin zu modernen Neuinterpretationen. Schiller lässt Ceres klagen: Wo sie auch suche, finde sie nur „der ewigen Sonne kaltes Licht“ – ein Bild für eine Welt, die ohne Liebe und Verbundenheit erstarrt. Der Mythos der trauernden Mutter berührt bis heute, weil er etwas Universelles anspricht: den Schmerz der Trennung und die Hoffnung auf Wiedervereinigung.
In der feministischen Mythologie-Forschung des 20. Jahrhunderts erfuhr Demeter eine Neubewertung. Wissenschaftlerinnen wie Charlene Spretnak betonten, dass der Raub-Mythos möglicherweise eine spätere, patriarchale Überformung eines älteren Mutter-Tochter-Mythos darstellt, in dem Persephone freiwillig in die Unterwelt hinabsteigt. Unabhängig von dieser Debatte bleibt die Beziehung zwischen Demeter und Persephone eine der wenigen großen Mutter-Tochter-Geschichten der Weltliteratur – ein Gegengewicht zu den unzähligen Vater-Sohn-Erzählungen, die die Mythologie sonst dominieren.
Was bleibt von der Demeter Göttin der Fruchtbarkeit? Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Jedes Mal, wenn Sie ein Brot aufschneiden, morgens Ihre Getreideflocken in die Schüssel geben oder im Frühjahr beobachten, wie die ersten grünen Spitzen aus der Erde brechen, stehen Sie in einer Tradition, die bis zu Demeters Mythos zurückreicht. Die Griechen wussten, was wir in unserer hochtechnisierten Welt manchmal vergessen: Dass alles, was wir essen, letztlich ein Geschenk der Erde ist – und dass dieses Geschenk nicht selbstverständlich ist. Die Geschichte von Demeters Zorn und der drohenden Hungersnot klingt in Zeiten des Klimawandels und bedrohter Ernten aktueller denn je. Demeter trauert nicht mehr um Persephone – aber vielleicht trauert sie um etwas anderes.
