Die Handlung: Ein Postbeamter im hohen Norden
Der Postbeamte Philippe Abrams lebt mit seinem Sohn und seiner nörgeligen Frau Julie in Salon-de-Provence. Julie träumt von einer Versetzung an die Côte d'Azur. Philippe, ein gutmütiger, aber willensschwacher Mann, versucht alles: Um die begehrte Stelle zu bekommen, gibt er sich beim Vorstellungsgespräch als Rollstuhlfahrer aus. Der Schwindel fliegt auf – und Philippe wird strafversetzt. Nicht an die Côte d'Azur, sondern so weit weg wie möglich: nach Bergues, eine Kleinstadt in der Region Nord-Pas-de-Calais, direkt an der Grenze zu Belgien. Julie überlässt ihren Mann seinem Schicksal.
In Bergues angekommen, fährt Philippe seinen neuen Mitarbeiter Antoine über den Haufen. Als Antoine zu sprechen beginnt, glaubt Philippe, er habe ihn schwer am Kiefer verletzt. Doch die Bewohner reden wirklich so – in einem Dialekt, der für südfranzösische Ohren klingt wie eine Fremdsprache. Philippe muss sich mit der komischen Schti Sprache, dem gewöhnungsbedürftigen Essen und dem schrulligen Verhalten der Nordfranzosen arrangieren. Doch zu seiner eigenen Überraschung fühlt er sich schnell pudelwohl, dank der herzlichen Aufnahme in den Kollegenkreis. Als er dies seiner Frau erzählen will, tut er stattdessen so, als sei alles schrecklich – mit dem Resultat, dass Julie vor Mitleid in neuer Liebe entflammt. Das Lügengebäude wächst und wächst, bis es unweigerlich in sich zusammenstürzt.
Dany Boon – vom Einwandererkind zum Superstar
Der Regisseur und Hauptdarsteller von Willkommen bei den Sch'tis wurde am 26. Juni 1966 als Daniel Hamidou in Armentières geboren, einer Industriestadt im Département Nord. Sein Vater war ein algerischer Einwanderer, der als Kabyle nach Frankreich gekommen war. Seine Mutter stammte aus der Region. Boon – den Künstlernamen wählte er später in Anlehnung an den Komiker Daniel Boone – wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und erlebte von Kindesbeinen an, was es bedeutete, aus einer Region zu kommen, auf die der Rest Frankreichs herabblickte.
In den neunziger Jahren machte sich Boon als Stand-up-Komiker einen Namen. Seine Bühnenauftritte, in denen er die Eigenarten des Nordens liebevoll karikierte, füllten die größten Hallen. Im Film Bienvenue chez les Ch'tis spielte er die Rolle des Antoine, des herzensguten Briefträgers mit dem markanten Ch'ti-Akzent, während er gleichzeitig Regie führte und das Drehbuch verfasst hatte. Boon kannte das Leben, das er auf die Leinwand brachte, aus eigener Erfahrung. Das verlieh dem Film eine Authentizität, die das Publikum spürte.
Nord-Pas-de-Calais: Eine Region kämpft gegen ihr Image
Um den Erfolg der Sch'tis zu verstehen, muss man die Region kennen, um die es geht. Nord-Pas-de-Calais – seit 2016 Teil der Großregion Hauts-de-France – war jahrhundertelang das industrielle Herz Frankreichs. Kohlebergbau, Textilindustrie, Stahlwerke: Hier wurde der Wohlstand geschaffen, der Paris ernährte. Doch ab den sechziger Jahren begann der Niedergang. Die Minen schlossen, die Fabriken machten dicht, die Arbeitslosigkeit stieg auf Höchststände. Was blieb, war eine graue Landschaft unter grauem Himmel – zumindest im kollektiven Bewusstsein der Franzosen.
Im Süden, in der Provence und an der Côte d'Azur, galt der Norden als Inbegriff von Trostlosigkeit. Man stellte sich die Bewohner als rückständige Biertrinkende vor, die in einer unverständlichen Sprache nuscheln und bei ewigem Regen in hässlichen Industriestädten leben. Diese Vorurteile waren so tief verwurzelt, dass Versetzungen in den Norden unter Beamten tatsächlich als Strafmaßnahme galten – genau wie im Film. Boon nahm diese Klischees und drehte sie um: Die Nordfranzosen in seinem Film sind herzlich, gastfreundlich und von einer Lebensfreude, die den vermeintlich kultivierten Südfranzosen beschämt.
Das Ch'ti – Eine Sprache mit Geschichte
Der eigentliche Eckstein der Unterschiede zwischen Nord- und Südfranzosen ist die Sprache. Das Ch'ti, auch Chtimi genannt, ist eine Variante des Picardischen, einer romanischen Sprache, die zur Familie der Langues d'oïl gehört – jener Sprachgruppe also, aus der auch das heutige Französisch hervorgegangen ist. Es handelt sich nicht um einen französischen Dialekt im engeren Sinne, sondern um eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und eigener Phonologie.
Der Begriff ch'ti entstand wohl im Ersten Weltkrieg. Wenn sich Soldaten an der Front begegneten und einander erkannten, fragten sie auf Picardisch: « Ch'est ti? » (Bist du's?) – und die Antwort lautete: « Ch'est mi. » (Ich bin's.) Aus dieser Erkennungsfloskel wurde der Name für die Bewohner und ihre Sprache. Zu den auffälligsten Merkmalen der Sch'tis Sprache zählen die Verschiebung von s zu ch (so wird aus c'est ein ch'est) und die Verwendung von ti statt toi sowie mi statt moi. Außerdem erscheint das harte k dort, wo das Standardfranzösische ein weiches ch verwendet.
Im Film liefert die Sprache den komischen Motor. Die berühmteste Szene ist wohl der „Biloute“-Gag: Antoine nennt Philippe immer wieder biloute, was auf Ch'ti ein freundschaftliches „Kumpel“ oder „Kamerad“ bedeutet, im Standardfranzösischen jedoch an ein derbes Wort für das männliche Geschlechtsteil erinnert. Philippes Entsetzen und Antoines ahnungslose Herzlichkeit – in dieser Szene verdichtet sich das gesamte Thema des Films: Missverständnisse, die auf Vorurteilen beruhen, und die Überwindung dieser Vorurteile durch menschliche Nähe.
Das Picardische ist seit dem Mittelalter als Schriftsprache belegt. Es besitzt eine reiche literarische Tradition, die bis zu den Trouvères des 12. und 13. Jahrhunderts zurückreicht. Heute wird es von der UNESCO als gefährdete Sprache eingestuft. Der Film hat dazu beigetragen, das Bewusstsein für diese sprachliche Vielfalt zu schärfen – ein Verdienst, das über bloße Unterhaltung weit hinausgeht.
Kassenrekord: Wie die Sch'tis Titanic überholten
Willkommen bei den Sch'tis startete am 27. Februar 2008 in den französischen Kinos. Die Produktionskosten waren mit elf Millionen Euro vergleichsweise bescheiden. Niemand, am wenigsten Dany Boon selbst, rechnete mit dem, was folgte. Bereits am ersten Wochenende strömten über vier Millionen Zuschauer in die Kinos. Nach drei Wochen hatte der Film die Zehn-Millionen-Marke durchbrochen. Am Ende standen über 20,4 Millionen Zuschauer zu Buche – in einem Land mit 65 Millionen Einwohnern hatte nahezu jeder Dritte den Film gesehen.
Damit überholte Bienvenue chez les Ch'tis den bisherigen Rekordhalter Titanic (1997, 20,1 Millionen Zuschauer in Frankreich) und wurde zum erfolgreichsten Film in der französischen Kinogeschichte. Die Filmkritik reagierte gespalten: Manche feierten den Film als liebenswürdige Komödie, andere bemängelten den simplen Humor und die vorhersehbare Handlung. Doch die Zahlen sprachen eine eindeutige Sprache. Es war offensichtlich, dass der Film etwas berührte, das tiefer lag als bloße Komik – er verhandelte die französische Identität selbst.
Das Problem der deutschen Synchronisation
Ein Film, dessen komischer Kern auf einem Dialekt beruht, stellt jede Synchronisation vor ein nahezu unlösbares Problem. Wie übersetzt man das Ch'ti ins Deutsche? Welcher deutsche Dialekt könnte dieselbe Funktion erfüllen – belächelt, aber liebenswert, regional verwurzelt, aber für ein gesamtes Publikum verständlich? Die deutsche Fassung wählte einen Kunstdialekt, der an nordeuropäische Färbungen erinnerte, ohne einem real existierenden Dialekt zu entsprechen. Das Ergebnis war umstritten.
Die Rolle des Antoine übernahm in der deutschen Synchronfassung Christoph Maria Herbst, der durch seine Darstellung des Stromberg einem Millionenpublikum bekannt war. Herbst brachte sein komisches Timing und seine Fähigkeit zur sprachlichen Übertreibung ein, doch die Magie des Originals ließ sich nicht vollständig übertragen. Das grundlegende Dilemma blieb: Wer den Film auf Deutsch sah, konnte zwar über die Situationskomik lachen, verpasste aber den sprachlichen Witz, der im Französischen den Kern des Vergnügens ausmachte. Es ist eine der großen Herausforderungen des internationalen Filmvertriebs: Humor, der auf Sprache basiert, lässt sich übersetzen – aber nicht transplantieren.
Interessant ist der Vergleich mit deutschen Nord-Süd-Vorurteilen. Auch in Deutschland gibt es das Phänomen regionaler Herabsetzung: Norddeutsche gelten als unterkühlt, Bayern als provinziell, Sachsen als komisch klingend, und die Diskrepanz zwischen Ost und West ist auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung spürbar. Ein deutscher Regisseur, der einen ähnlichen Film über etwa einen Süddeutschen im Ruhrgebiet oder einen Hamburger in Oberbayern gedreht hätte, wäre möglicherweise auf ähnliche Resonanz gestoßen – oder vielleicht auch nicht, denn die Deutschen pflegen ihre regionalen Animositäten mit weniger Selbstironie als die Franzosen.
Benvenuti al Sud – Das italienische Remake und das universelle Thema
Dass die Sch'tis ein universelles Thema getroffen hatten, bewies spätestens das italienische Remake Benvenuti al Sud (2010), bei dem Luca Miniero Regie führte. Die Handlung wurde gespiegelt: Ein Postbeamter aus Mailand wird nach Kampanien im Süden Italiens versetzt – und erlebt dort dieselbe Geschichte von Vorurteil und Bekehrung, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. In Italien ist es der Mezzogiorno, der als rückständig gilt, während der industrialisierte Norden sich überlegen fühlt. Auch dieses Remake wurde ein enormer Kassenerfolg.
Die Tatsache, dass dasselbe Grundmuster in völlig verschiedenen Kulturen funktionierte, zeigt, wie tief regionale Vorurteile in europäischen Gesellschaften verankert sind. Ob Französisch, Italienisch oder Deutsch – die Angst vor dem Fremden beginnt oft nicht an der Staatsgrenze, sondern schon an der Grenze zum nächsten Département, zur nächsten Provinz, zum nächsten Bundesland. Willkommen bei den Sch'tis hat diese Erkenntnis in eine Form gebracht, die Millionen von Menschen zum Lachen brachte – und gerade deshalb zum Nachdenken.
Vermächtnis: Was von den Sch'tis bleibt
Der unmittelbarste Effekt des Films war ein touristischer. Bergues, die kleine Stadt in Flandern, in der die Handlung spielt, erlebte nach 2008 einen beispiellosen Besucherstrom. Die Postfiliale, in der Philippe und Antoine arbeiteten, das Café und der Glockenturm (Beffroi) wurden zu Pilgerstätten für Filmfans aus ganz Frankreich und darüber hinaus. Die Region Nord-Pas-de-Calais verzeichnete einen Anstieg der Touristenzahlen um über 30 Prozent im Jahr nach dem Filmstart. Zum ersten Mal in Jahrzehnten sprach man über den Norden nicht als Problemzone, sondern als Reiseziel.
Doch die Wirkung ging tiefer. Der Film veränderte das Selbstbild einer ganzen Region. Die Menschen in Nord-Pas-de-Calais, die jahrzehntelang unter den Vorurteilen ihrer Landsleute gelitten hatten, empfanden den Erfolg als Rehabilitation. Sie identifizierten sich mit den liebenswerten Figuren des Films und trugen die Botschaft stolz nach außen: Wir sind nicht so, wie ihr denkt. Oder besser: Wir sind genau so, wie der Film es zeigt – herzlich, gastfreundlich, voller Lebensfreude. Der Slogan „Ch'Nord“ wurde zum Markenzeichen einer Region, die ihr Image erneuerte.
Sprachlich hat der Film dem Picardischen einen Dienst erwiesen, den kein Sprachförderprogramm hätte leisten können. Plötzlich kannten Millionen Franzosen Ausdrücke wie biloute, ch'est mi und hein. In Schulen wurde über Dialektvielfalt diskutiert, Linguisten nutzten den Film als Anschauungsmaterial, und im Norden begannen junge Menschen, sich wieder für die Sprache ihrer Großeltern zu interessieren. Es wäre übertrieben zu behaupten, der Film habe das Ch'ti gerettet – aber er hat ihm eine Bühne gegeben, die es ohne das Kino nie gehabt hätte.
Und was ist aus Dany Boon geworden? Er drehte weitere Komödien, keine davon erreichte auch nur annähernd den Erfolg der Sch'tis. Das muss ihn nicht kümmern. Ein einziger Film, der das Selbstverständnis einer Nation verändert, ist mehr, als die meisten Regisseure in einem ganzen Leben schaffen. Bienvenue chez les Ch'tis bleibt ein Beweis dafür, dass Kino im besten Fall beides kann: unterhalten und versöhnen. Wer den Film nicht auf Französisch gesehen hat, sollte dies nachholen – denn nur im Original entfaltet die Sch'tis Sprache ihre volle, komische und rührende Kraft.
