Bebop – der hitzige Vorgänger
Um den Cool Jazz zu verstehen, muss man zunächst seinen Gegenspieler kennen: den Bebop. In den frühen 1940er Jahren hatten Musiker wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Thelonious Monk den Jazz von Grund auf verändert. Ihre Musik war schnell, komplex und virtuos bis an die Grenze des Spielbaren. Parker spielte Altsaxophon-Läufe in atemraubendem Tempo, Gillespie trieb die Trompete in zuvor unerreichte Höhen. Der Bebop war die Antwort schwarzer Musiker auf die Kommerzialisierung des Swing – eine Musik, die man nicht einfach nebenbei hören konnte, sondern die volle Aufmerksamkeit verlangte.
Doch genau diese Intensität rief Ende der 1940er Jahre eine Gegenbewegung hervor. Entstehungsgeschichtlich scheint es sich dabei zunächst eher um eine Bewegung weißer Musiker gegen die Dominanz der schwarzen Musiker im Jazz gehandelt zu haben. Arrangeure und Instrumentalisten wie Gil Evans, Gerry Mulligan, Stan Getz und Lee Konitz suchten nach einem anderen Weg: weniger Geschwindigkeit, mehr Raum, weniger Schweiß, mehr Nachdenken. Sie wollten eine Jazzmusik schaffen, die der europäischen Kunstmusik ebenbürtig war – und die man trotzdem mit geschlossenen Augen genießen konnte. Was sie fanden, war der Cool Jazz.
Die „Birth of the Cool“-Sessions 1949–1950
Im Januar 1949 betrat eine ungewöhnliche Formation das Aufnahmestudio von Capitol Records in New York: ein Nonett – neun Musiker, darunter der junge Trompeter Miles Davis, der Baritonsaxophonist Gerry Mulligan und der Arrangeur Gil Evans. Die Besetzung war für Jazz-Verhältnisse revolutionär. Neben Trompete, Posaune und Saxophonen gehörten ein French Horn und eine Tuba dazu – Instrumente, die man eher im Sinfonieorchester erwartete als in einem Jazzclub.
In drei Aufnahmesitzungen zwischen Januar 1949 und März 1950 entstanden zwölf Stücke, die Gil Evans, Gerry Mulligan und John Lewis arrangiert hatten. Die Musik klang anders als alles, was man im Jazz bis dahin gehört hatte: weich, transparent, fast schwebend. Die Arrangements waren sorgfältig ausgearbeitet, mit Gegenmelodien und Klangfarben, die an Claude Debussy oder Maurice Ravel erinnerten. Als Capitol Records die Aufnahmen 1957 schließlich als Album zusammenfasste, erhielt die Platte den Titel Birth of the Cool – und gab damit einer ganzen Jazz-Entstehung ihren Namen.
Hörempfehlung: Beginnen Sie mit „Moon Dreams“ von diesen Sessions. Die Art, wie Gil Evans’ Arrangement das Nonett wie ein kleines Kammerorchester klingen lässt, verdeutlicht den Geist des Cool Jazz besser als jede Beschreibung.
Cool Jazz Merkmale: Klang, Stil und Instrumente
Was macht den Cool Jazz musikalisch aus? Das hervorstechendste Cool Jazz Merkmal ist der Klang selbst. Während Bebop-Musiker mit breitem Vibrato und aggressivem Ton spielten, kultivierten die Cool-Jazzer ein nahezu vibratoloses Spiel – den sogenannten „Cool Sound“. Die Blasinstrumente klangen schlank, kühl und kontrolliert. Lee Konitz’ Altsaxophon schien geradezu körperlos zu schweben, Stan Getz’ Tenorsaxophon hatte einen seidigen, fast flüsternden Ton.
Die Cool Jazz Instrumente unterschieden sich teilweise deutlich vom Bebop-Standard. Neben den üblichen Saxophonen und Trompeten kamen Flügelhörner, Oboen, Celli und sogar Harfen zum Einsatz. Gerry Mulligan gründete ein legendäres Quartett ganz ohne Klavier – eine Provokation in einer Musikwelt, die das Piano als harmonisches Fundament voraussetzte. Die Räume, die durch das fehlende Klavier entstanden, füllten Mulligan und sein Trompeter Chet Baker mit fein verwobenen Gegenmelodien.
Strukturell zeichnete sich der Cool Jazz durch sorgfältig komponierte Themen aus, manche erinnerten an Suiten oder Fugen. Die Gruppenimprovisation des frühen Jazz trat hinter die Soloimprovisation zurück, was dem Ganzen etwas Kammermusikalisches gab. Die Tempi waren langsamer als im Bebop, die Dynamik zurückhaltender. Manche Kritiker nannten diese Musik „intellektuell“ – und meinten es nicht immer als Kompliment. Doch für die Cool Jazz Musiker war genau das der Punkt: Sie wollten beweisen, dass Jazz eine ernsthafte Kunstmusik sein konnte.
West Coast Jazz und die kalifornische Szene
In den frühen 1950er Jahren verlagerte sich das Zentrum des Cool Jazz von New York an die amerikanische Westküste. Los Angeles, mit seinem milden Klima und der Nähe zur Filmindustrie, zog eine ganze Generation junger Jazzmusiker an. Im Lighthouse Café in Hermosa Beach, einem bescheidenen Lokal direkt am Pazifik, fanden allabendlich Sessions statt, die zur Keimzelle des sogenannten West Coast Jazz wurden.
Howard Rumsey, der Bassist, hatte das Lighthouse zu einem Treffpunkt gemacht. Hier spielten Shorty Rogers, der Trompeter und Arrangeur, der den Sound der Westküste prägte, und Art Pepper, dessen Altsaxophon-Spiel eine lyrische Intensität besass, die den kühlen Rahmen immer wieder sprengte. Das Label Pacific Jazz Records, gegründet von Richard Bock, dokumentierte diese Szene auf Dutzenden von Platten und wurde zum wichtigsten Verlag des West Coast Jazz.
Der West Coast Jazz war nicht identisch mit dem Cool Jazz, aber eng verwandt. Er teilte die Vorliebe für arrangierte Musik, für klassische Einflüsse und für einen kontrollierten, eleganten Sound. Gleichzeitig blieb an der Ostküste eine eigene Cool-Szene lebendig. Lennie Tristano, ein blinder Pianist aus Chicago, verfolgte in New York einen radikal anderen Ansatz: Seine Musik war streng, asketisch und experimentell. Er gilt als einer der ersten Musiker, die im Jazz mit Überspielungstechnik arbeiteten. Die geografische Spannung zwischen West und East Coast gehörte zum Wesen des Cool Jazz wie der vibratolose Ton zum Saxophon.
Dave Brubeck, „Take Five“ und der Welterfolg
Kein Cool Jazz Musiker erreichte ein so breites Publikum wie Dave Brubeck. Der Pianist, der bei Darius Milhaud und Arnold Schönberg studiert hatte, verband Jazzimprovisation mit europäischer Kompositionstechnik auf eine Weise, die auch Menschen begeisterte, die sonst keinen Jazz hörten. Sein Dave Brubeck Quartet – mit Paul Desmond am Altsaxophon, Eugene Wright am Bass und Joe Morello am Schlagzeug – wurde zur populärsten Jazzgruppe der späten 1950er Jahre.
1959 erschien das Album Time Out, und es veränderte die Geschichte des Jazz. Das Konzept war so einfach wie ungewöhnlich: Jedes Stück stand in einem anderen, für Jazz ungewöhnlichen Taktmaß. „Blue Rondo à la Turk“ basierte auf einem 9/8-Takt, den Brubeck auf einer Reise in die Türkei gehört hatte. Und dann war da „Take Five“, komponiert von Paul Desmond im 5/4-Takt – ein Stück, das zum meistverkauften Jazz-Single aller Zeiten wurde. Die Melodie, entspannt und doch raffiniert, wurde zum Inbegriff des Cool Jazz: Musik, die intelligent war, ohne sich anzustrengen.
Hörempfehlung: Hören Sie „Take Five“ einmal bewusst und zählen Sie den ungewöhnlichen Fünfertakt mit. Sie werden feststellen, dass das Stück trotz des asymmetrischen Rhythmus völlig natürlich klingt – ein kleines Wunder musikalischer Eleganz.
Chet Baker – der „James Dean des Jazz“
Unter allen Cool Jazz Musikern hat keiner die Öffentlichkeit so fasziniert und verstört wie Chet Baker. Als er 1952 mit Gerry Mulligans pianolosem Quartett auftrat, war er dreiundzwanzig Jahre alt, hatte das Gesicht eines Filmstars und spielte Trompete mit einer Zartheit, die Kritiker sprachlos machte. Seine Interpretation von „My Funny Valentine“ – leise, verletzlich, beinahe geflüstert – wurde zu einer der berühmtesten Jazzaufnahmen überhaupt.
Baker konnte auch singen, mit einer dünnen, unsicheren Stimme, die gerade durch ihre Unvollkommenheit berührte. Man nannte ihn den „James Dean des Jazz“, und wie bei James Dean war die Schönheit an die Zerstörung gekoppelt. Baker wurde heroinabhängig, verlor durch einen Überfall Zähne und damit zeitweise die Fähigkeit, Trompete zu spielen. Er kämpfte sich zurück, spielte in den 1970er und 1980er Jahren mit einer gereiften, dunkleren Klangfarbe, die manche Hörer den späten Aufnahmen den Vorzug geben lässt. Im Mai 1988 stürzte er in Amsterdam aus einem Hotelfenster in den Tod. Die Umstände blieben ungeklärt.
Bakers Leben ist die tragischste Erzählung des Cool Jazz – und zugleich ein Sinnbild für das, was das Wort „cool“ jenseits der Musik bedeutet: eine Lässigkeit, die den Schmerz verbirgt, eine Oberfläche, unter der es brodelt.
„Kind of Blue“ – Höhepunkt und Wende
Miles Davis, der die „Birth of the Cool“-Sessions initiiert hatte, blieb dem Cool Jazz nicht treu. Er war ein Suchender, der jeden Stil verließ, sobald er ihn beherrschte. Vom Bebop war er zum Cool Jazz gekommen, vom Cool Jazz bewegte er sich weiter zum Hard Bop und schließlich zum modalen Jazz. Doch bevor er den Cool Jazz endgültig hinter sich ließ, schuf er sein Meisterwerk: Kind of Blue, aufgenommen im März und April 1959.
Das Album, eingespielt mit einem Sextett aus John Coltrane, Cannonball Adderley, Bill Evans, Wynton Kelly, Paul Chambers und Jimmy Cobb, gilt als das meistverkaufte Jazzalbum aller Zeiten. Die Musik basiert auf Skalen statt auf Akkordfolgen – ein Prinzip, das Davis „modaler Jazz“ nannte. Die Stücke atmen eine Ruhe und Klarheit, die an den Cool Jazz erinnert, gehen aber in ihrer spirituellen Tiefe weit darüber hinaus. „So What“, das Eröffnungsstück, beginnt mit einem leisen Bass-Motiv, das wie eine Frage klingt – und die Antwort ist eine der schönsten Melodien der Jazzgeschichte.
Mit Kind of Blue war die Blütezeit des Cool Jazz zugleich vollendet und überwunden. Davis selbst ging weiter, über den modalen Jazz zum elektrischen Fusion der 1970er Jahre. Seine Karriere umspannte Bebop, Cool Jazz, Hard Bop, modalen Jazz und Fusion – eine Brückenfunktion zwischen den Epochen, wie sie kein anderer Jazzmusiker je erfüllt hat.
Bossa Nova, Nachwirkung und modernes Erbe
Der Einfluss des Cool Jazz reichte weit über die Jazzwelt hinaus. In Brasilien hörten junge Musiker die Platten von Stan Getz und Chet Baker und verschmolzen den kühlen amerikanischen Sound mit den Rhythmen des Samba. Das Ergebnis war die Bossa Nova. Als Stan Getz 1962 gemeinsam mit dem brasilianischen Gitarristen João Gilberto und dem Komponisten Antonio Carlos Jobim das Album Getz/Gilberto aufnahm, entstand mit „The Girl from Ipanema“ einer der größten Pophits des 20. Jahrhunderts. Die Cool Jazz Instrumente – das seidige Tenorsaxophon, die gedämpfte Gitarre – fanden so den Weg in die Wohnzimmer der ganzen Welt.
Auch in der europäischen Musik hinterließ der Cool Jazz Spuren. In Skandinavien entwickelte sich eine eigene Cool-Tradition, angeführt von dem schwedischen Baritonsaxophonisten Lars Gullin und später fortgesetzt vom norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek, dessen ätherischer Klang die Grenze zwischen Jazz und Neuer Musik auflöste. Das Münchner Label ECM Records, gegründet 1969 von Manfred Eicher, machte die kühle, raumgreifende Ästhetik des Cool Jazz zur Grundlage eines eigenen Labelklangs, der bis heute einflussreich ist.
Was bleibt vom Cool Jazz? Zunächst eine Handvoll Aufnahmen, die zur Weltmusik gehören: Birth of the Cool, Time Out, Kind of Blue, Getz/Gilberto. Dann ein ästhetisches Prinzip: dass Zurückhaltung mehr sagen kann als Virtuosität, dass Kühle eine Form von Leidenschaft sein kann. Und schließlich ein Wort, das längst über die Musik hinausgewachsen ist. Wenn wir heute etwas „cool“ nennen, meinen wir genau jene Mischung aus Eleganz und Lässigkeit, die Miles Davis und Chet Baker in den 1950er Jahren verkörperten – ohne es je darauf angelegt zu haben.
„Don’t play what’s there. Play what’s not there.“
– Miles Davis
Wenn Sie den Cool Jazz für sich entdecken möchten, beginnen Sie mit Miles Davis’ Kind of Blue an einem ruhigen Abend. Lassen Sie sich von der Stille zwischen den Tönen tragen. Denn das ist vielleicht das größte Merkmal dieser Musik: Sie lehrt uns, dass die Pausen ebenso wichtig sind wie die Noten – im Jazz und im Leben.
