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StartseiteExtraDas Ampelmännchen – Der späte Sieg des Ostens
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Ampelmännchen West und Ost: Wie die LED-Technik einen stillen Sieger kürte

Wenn Ampeln Geschichten erzählen

Es gibt Dinge, die bemerkt man erst, wenn sie verschwinden. Fußgängerampeln gehören normalerweise nicht zu den Gegenständen, denen man bewusste Aufmerksamkeit schenkt. Sie leuchten rot, sie leuchten grün, man bleibt stehen oder geht weiter. Und doch tragen die kleinen leuchtenden Männchen auf den Signalgebern eine Geschichte in sich, die von der deutschen Teilung erzählt, von Ostalgie und Widerstand, von technischem Fortschritt und – ausgerechnet – von der Anatomie eines Strichmännchens.

Ampelmännchen West und Ost: Wie die LED-Technik einen stillen Sieger kürte

Wer heute durch Berlin spaziert, sieht an immer mehr Kreuzungen dasselbe Bild: ein pummeliges, fröhlich schreitendes LED-Männchen mit breitem Hut. Es ist das Ost-Ampelmännchen, jene Figur, die Karl Peglau 1961 für die DDR entwarf. Dass dieses Männchen inzwischen nicht nur den Osten, sondern auch den tiefsten Westen Berlins erobert hat, ist eine der charmantesten Pointen der jüngeren Stadtgeschichte. Und es hat, wie sich zeigen wird, einen höchst rationalen Grund.

Kernpunkte

Thema: Die schleichende Verdrängung des Ampelmännchen West durch die Ost-Variante
Hintergrund: 1996 rettete ein 40-köpfiges Komitee das Ost-Ampelmännchen vor der Abschaffung
Technischer Schlüssel: Moderne LED-Technik bevorzugt die breitere Ost-Figur
Kulturelle Dimension: Ostalgie, Identität und die Frage, was verloren geht, wenn das Vertraute verschwindet

Neue Lichter in Zehlendorf

Eine Frau in West-Berlin bemerkt eines Morgens, dass die Ampel an ihrer Straßenecke anders aussieht als gewöhnt. Statt des schmalen, aufrechten Männchens, das sie seit Jahrzehnten kennt, leuchtet dort nun eine rundlichere Figur mit Hut. Zunächst hält sie es für einen Zufall – vielleicht eine einzelne Ampel, die bei der Wartung vertauscht wurde. Doch in den folgenden Wochen beobachtet sie dasselbe Phänomen an immer mehr Kreuzungen. Die neuen LED-Männchen tauchen in Charlottenburg auf, in Wilmersdorf, in Steglitz. Und dann sogar in Zehlendorf, jener gutbürgerlichen Enklave im Südwesten, die in den Jahrzehnten der Teilung so weit vom Osten entfernt war, wie man in Berlin nur sein konnte.

Für jemanden, der in West-Berlin aufgewachsen ist, war die Form des Ampelmännchens immer ein verlässlicher Kompass gewesen. Wer früher die innerststädtische Grenze überquerte – sei es am Checkpoint Charlie, sei es später an den vielen Stellen, wo die Mauer plötzlich nicht mehr stand –, konnte an den Ampeln ablesen, in welchem Teil der Stadt man sich befand. Das dünne, aufrechte West-Ampelmännchen war der Westen. Das dickere, behutete Ost-Ampelmännchen war der Osten. Zwei Signalbilder, zwei Welten.

Vom Untergang zum Kultobjekt – Die Rettung des Ost-Ampelmännchens

Die Bedrohung nach der Wiedervereinigung

Als 1990 die Mauer fiel und die beiden Stadthälften zusammenwuchsen, geschah etwas, das im Rückblick beinahe unvermeidlich erscheint: Der Westen begann, den Osten zu standardisieren. Was nicht der westdeutschen Norm entsprach, wurde ersetzt – Telefonzellen, Briefkästen, Straßenschilder. Und eben auch die Fußgängerampeln. Die behördliche Logik war simpel: Ein vereintes Land braucht einheitliche Verkehrszeichen. Das Ost-Ampelmännchen sollte verschwinden, ersetzt durch die westdeutsche Standardfigur.

Was die Planer nicht einkalkuliert hatten, war die emotionale Wucht, die in einem kleinen Leuchtmännchen stecken kann. Für viele Ostdeutsche war die systematische Abschaffung vertrauter Alltagsgegenstände mehr als eine technische Modernisierung – sie empfanden sie als kulturelle Kolonisierung. Das Ampelmännchen wurde zum Symbol für alles, was der Osten im Zuge der Einheit verlor: nicht die großen politischen Strukturen, deren Verschwinden die meisten begrüßten, sondern die kleinen, selbstverständlichen Dinge des Alltags.

Vierzig Streiter für ein Männchen

1996 formierte sich in Berlin ein Komitee von rund 40 Mitgliedern, das sich ein ungewöhnliches Ziel gesetzt hatte: die Rettung des Ost-Ampelmännchens. Was zunächst wie eine schrullige Aktion weniger Nostalgiker klang, gewann rasch an öffentlicher Unterstützung. Medien berichteten, Politiker nahmen Stellung, und die Debatte über das Ampelmännchen wurde zu einer Stellvertreterdiskussion über den Umgang mit ostdeutscher Identität. Die Aktion war erfolgreich: Das Ost-Ampelmännchen wurde vor den „West-Kolonisatoren“ – so der damalige Kampfbegriff – gerettet und durfte zunächst in den östlichen Bezirken weiterleuchten.

Was niemand ahnte: Der wahre Siegeszug des Ost-Ampelmännchens hatte noch gar nicht begonnen. Er sollte nicht durch Protest kommen, sondern durch Physik.

LED-Technik und die Überlegenheit der runden Form

Das Ende der Glühbirne

Seit den frühen 2000er Jahren vollzieht sich an Berliner Ampeln ein technischer Wandel, der zunächst wenig spektakulär erscheint: Die alten Glühlampen werden durch LED-Technik ersetzt. Die Gründe liegen auf der Hand. Herkömmliche Glühbirnen in Ampeln verbrauchen erhebliche Mengen an Strom, müssen regelmäßig ausgetauscht werden und erzeugen bei starker Sonneneinstrahlung sogenannte Phantombilder – das gefürchtete Phänomen, bei dem eine nicht leuchtende Ampel durch reflektiertes Sonnenlicht so aussieht, als würde sie leuchten. Ein Sicherheitsrisiko, das jährlich zu Unfällen führt.

LED-Männchen lösen all diese Probleme auf einen Schlag. Leuchtdioden verbrauchen einen Bruchteil der Energie herkömmlicher Glühlampen, halten zehn- bis zwölfmal so lange und erzeugen keine Phantombilder, weil sie ihr Licht aktiv abstrahlen statt es durch eine erhitzte Glühwendel zu erzeugen. Selbst bei grällstem Sonnenlicht ist die Anzeige einwandfrei erkennbar. Die Umrüstung ist aus verkehrstechnischer Sicht ein Fortschritt ohne Nachteil – energiesparender, sicherer, praktisch wartungsfrei.

Warum der dicke Mann gewinnt

Doch hier kommt der entscheidende Punkt, der das Ampelmännchen West zum Verlierer dieser technischen Revolution macht. Bei der Umrüstung auf LED-Technik mussten die Signalbilder neu gestaltet werden. Und dabei zeigte sich ein erstaunlicher Vorteil der Ost-Figur: Das Ost-Ampelmännchen ist dicker. Nicht metaphorisch, sondern ganz konkret. Seine Silhouette ist breiter, runder, flächiger als die des westdeutschen Pendants. Der Hut, der runde Bauch, die ausgestreckten Arme – all das ergibt eine größere Leuchtfläche.

In der Welt der LED-Technik ist Fläche entscheidend. Je größer die leuchtende Fläche des Signalbilds, desto besser ist die Sichtbarkeit für den Fußgänger. Das dünne, schlaksige West-Ampelmännchen mit seinen schmalen Gliedmaßen bietet schlicht weniger Leuchtfläche. Die Figur, die Karl Peglau in den 1960er Jahren für die DDR entwarf – bewusst kindlich, einprägsam, mit breitem Hut und kräftiger Statur –, erwies sich ein halbes Jahrhundert später als überlegen. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus optischen. Die Moderne gab dem Osten einen späten, unerwarteten Sieg.

Das Ampelmännchen West – Anatomie eines Verlierers

Um zu verstehen, warum das Ampelmännchen West den Kürzeren zog, lohnt ein genauerer Blick auf beide Figuren. Das westdeutsche Ampelmännchen, wie es nach der Wiedervereinigung in ganz Berlin hätte Standard werden sollen, ist eine nüchterne, fast abstrakte Figur. Ein stilisierter Mensch mit geraden Linien, schmalen Beinen und einem kleinen runden Kopf. Es ist sachlich, funktional und – man muss es so sagen – ziemlich langweilig. Kein Hut, keine Persönlichkeit, kein Charme.

Das Ost-Ampelmännchen dagegen strotzt vor Charakter. Es wurde 1961 von dem Verkehrspsychologen Karl Peglau entworfen, der eine einfache Überlegung verfolgte: Ein Signalbild für Fußgänger muss sofort erkennbar sein, auch für Kinder und ältere Menschen. Also entwarf er eine Figur, die unverwechselbar war – mit Hut, breiter Nase und einer kräftigen Körperform, die in Bewegung unmissverständlich „Gehen“ oder „Stehen“ signalisierte. Das stehende Männchen spreizt die Arme ab und bildet so ein deutliches Stopp-Signal. Das gehende Männchen schreitet mit ausgreifendem Schritt voran, der Hut verleiht ihm Dynamik.

Was Peglau aus verkehrspsychologischen Erwägungen schuf, wurde Jahrzehnte später zum ästhetischen und technischen Argument zugleich. Die breitere Silhouette ist nicht nur einprägsamer, sie nutzt die zur Verfügung stehende Leuchtfläche besser aus. Ein Designprinzip aus der DDR, das sich erst in der Bundesrepublik vollständig entfaltete – die Ironie ist kaum zu überbieten.

Ostalgie, Identität und das Gefühl des Verlusts

Warum ein Ampelmännchen Gefühle weckt

Die West-Berlinerin, die ihren Kiez mit neuen Ost-Ampelmännchen leuchten sieht, erlebt etwas Unerwartetes: einen Trennungsschmerz. Ein Männchen auf einer Ampel ist objektiv betrachtet völlig irrelevant. Es leuchtet, es signalisiert, ob man gehen darf oder nicht. Welche Form es hat, ist für die Verkehrssicherheit weitgehend gleichgültig, solange die Botschaft klar ist. Und doch löst die Veränderung etwas aus, das sich rational nicht erklären lässt.

Es ist dasselbe Gefühl, das Millionen Ostdeutsche nach 1990 empfanden, als ihre Alltagswelt systematisch umgebaut wurde. Nicht die großen Veränderungen waren es, die am meisten schmerzten – das Ende der SED-Herrschaft, die Abwicklung der Kombinate, die Einführung der D-Mark –, sondern die kleinen. Der andere Geschmack der Milch, die verschwundenen Marken, die neuen Straßennamen. Und eben die Ampelmännchen. Die Form eines Verkehrszeichens kann, so irrational das klingen mag, ein Gefühl von Heimat transportieren.

Plötzlich versteht sie die Ostalgie-Shows

Die Frau aus Zehlendorf, so wird erzählt, verstand plötzlich etwas, das ihr bisher fremd geblieben war: die Ostalgie. Jene Sehnsucht nach den Dingen der DDR, die in Fernsehsendungen gefeiert, auf Souvenirs gedruckt und in Museen ausgestellt wurde, hatte sie stets für eine sentimentale Übertreibung gehalten. Warum sollte man einem Staat nachtrauern, der seine Bürger eingesperrt hatte? Doch nun, da ihr eigenes vertrautes Zeichen einem fremden wich, begriff sie den Kern der Ostalgie: Es ging nie um den Staat. Es ging um die Vertrautheit.

Das Ost-Ampelmännchen hatte diese Reise bereits hinter sich. Vom schlichten Verkehrszeichen war es zum Kultobjekt aufgestiegen, zum Popstar unter den Signalbildern. In den Souvenir-Shops am Checkpoint Charlie leuchtete es auf T-Shirts, Tassen und Kühlschrankmagneten. Es war längst mehr als ein Ampelsignal – es war zum Symbol für eine Identität geworden, die sich nicht einfach abschalten ließ. Dass es nun, auf technisch modernstem Weg, den einstigen Konkurrenten verdrängte, war eine Pointe, die sich kein Drehbuchautor hätte ausdenken können.

Zehn Jahre noch – und dann?

Die vollständige Umrüstung aller Berliner Ampeln auf LED-Technik wird nach Schätzungen der Verkehrsverwaltung noch zehn bis zwölf Jahre dauern. Da die alten Glühlampen-Ampeln erst bei Defekt oder im Rahmen planmäßiger Erneuerung ausgetauscht werden, handelt es sich um einen schleichenden Prozess. Doch die Richtung ist klar: Das West-Ampelmännchen verschwindet, Kreuzung für Kreuzung, Bezirk für Bezirk.

Das wirft eine Frage auf, die heute noch absurd klingt, in zehn Jahren aber vielleicht aktuell sein wird: Wird das Ampelmännchen West dann auf Souvenir-T-Shirts gedruckt werden? Wird es eine West-Ostalgie geben, eine Sehnsucht nach dem verschwundenen Signalbild, das einst den Westen markierte? Die Vorstellung hat etwas Komisches und etwas Tröstliches zugleich. Komisch, weil sich kaum jemand vorstellen kann, für das schmale Westmännchen dieselbe Zuneigung zu empfinden wie für seinen pummeligen östlichen Rivalen. Tröstlich, weil sie zeigt, dass Verlust immer relativ ist. Was gestern selbstverständlich war, kann morgen Nostalgie auslösen.

Die Berliner Verkehrsverwaltung betrachtet die Angelegenheit freilich nüchterner. Die LED-Männchen sparen der Stadt jährlich erhebliche Mengen an Strom und Wartungskosten. Jede umgerüstete Ampel verbraucht rund 80 Prozent weniger Energie als ihr Glühlampen-Vorgänger. Die längere Lebensdauer der Leuchtdioden reduziert die Zahl der Wartungseinsätze drastisch. Und die bessere Sichtbarkeit erhöht die Verkehrssicherheit. Aus dieser Perspektive ist die Verdrängung des Ampelmännchen West keine kulturelle Tragik, sondern schlichter technischer Fortschritt.

Doch Stadtgeschichte lässt sich selten auf Energiebilanzen reduzieren. In den Ampeln einer Stadt leuchten immer auch ihre Geschichten. Und die Geschichte, die Berlins Ampeln gerade erzählen, handelt von einem rundlichen kleinen Männchen mit Hut, das seinen schlanken Konkurrenten überlebt hat – nicht durch Protest, nicht durch Nostalgie, sondern durch die nüchterne Überlegenheit seiner Fläche.

Postskriptum: Ein einsamer Rebell

Es gibt, so heißt es, eine einzige Ausnahme. An einer Kreuzung in Berlin soll ein einsames West-Ampelmännchen in LED-Technik leuchten. Ein einzelnes, schmales Westmännchen inmitten einer Stadt, die sich Kreuzung für Kreuzung dem Osten ergibt. Wie es dorthin kam, ist unklar. Eine Lücke im System? Ein Übersehen bei der Bestellung? Ein subversiver Akt eines Technikers, der seinem alten Männchen ein Denkmal setzen wollte?

Vielleicht ist es auch schlicht ein Fehler, wie er in jeder großen Verwaltung vorkommt. Doch wer die Geschichte des Berliner Ampelmännchens kennt, der weiß: In dieser Stadt haben selbst Verkehrszeichen ein Eigenleben. Und so steht dieses eine, letzte, leuchtende West-Ampelmännchen vielleicht nicht als Fehler in der Landschaft, sondern als stille Revolution von unten. Ein winziger Widerstand gegen die große Vereinheitlichung. Oder einfach: eine schöne Pointe am Ende einer schönen Geschichte.

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