Was ist das Oderbruch?
Nach dem verheerenden Oder-Hochwasser von 1997 ging das Oderbruch zurück in die Anonymität, die es in Brandenburg seit jeher umgibt – ein Dornröschen-Dasein, aus dem es nur gelegentlich erwacht, wenn die überregionale Presse über Deichbrüche oder Hochwasserschutz berichtet. In den Lokalzeitungen liest man bisweilen, dass Hochwasser-Entschädigungsgelder dazu verwendet werden, Obstbäume an den Straßenrändern zu fällen. Ansonsten herrscht Stille. Dabei verbirgt sich hinter dem unscheinbaren Namen eine der faszinierendsten Kulturlandschaften Norddeutschlands: eine Region, deren heutiges Gesicht das Ergebnis eines der größten Landschaftsumbauten in der preußischen Geschichte ist.
Das Oderbruch erstreckt sich als langgestrecktes Niederungsgebiet östlich von Berlin bis zur Oder, der heutigen deutsch-polnischen Grenze. Zehn bis achtzehn Kilometer breit und rund sechzig Kilometer lang, bildet es eine der eigenartigsten Landschaften Brandenburgs. Wer heute über die schnurgeraden Straßen fährt, die diese Ebene durchziehen, sieht fruchtbares Ackerland bis zum Horizont, durchzogen von Entwässerungsgräben und gesäumt von kleinen Dörfern. Doch dieser Anblick täuscht über die Geschichte hinweg, die unter der Oberfläche liegt.
Wie entstand die Landschaft?
Der siebzig bis achtzig Kilometer breite Streifen zwischen Berlin und der Oder gehört zu den abwechslungsreichsten Landschaften Brandenburgs. Es scheint, als hätte die Natur sich nicht entscheiden können, ob sie Sandboden, Seenplatte, Hügelland oder Flussniederung schaffen wollte – und sich schließlich für alles zugleich entschieden. Kiefernwälder wechseln mit wunderschönen Seenketten, Mischwaldhöhenzüge mit kühlen Schluchten gehen über in die fruchtbare Überschwemmungsebene, die sich bis an den Horizont erstreckt.
Verantwortlich für diese Vielfalt ist die letzte Eiszeit, die vor rund 20.000 Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Die Gletscher, die damals aus Skandinavien nach Süden vordrängen, schoben gewaltige Erd- und Gesteinsmassen vor sich her. Ihre Ablagerungen formten die Hügel der Märkischen Schweiz – jener reizvollen Hügellandschaft, die das Oderbruch im Westen begrenzt. Schmelzwasser grub tiefe Schluchten und steile Hänge in das frische Gestänge. Zurückbleibendes Eis hinterließ bei seinem Abtauen Seen und Sümpfe.
In jener frühen Zeit reichte die Ostsee noch rund hundert Kilometer weiter ins Binnenland als heute. Die Oder mündete in ein weitläufiges Delta. Über Jahrhunderte lagerte der Fluss alluvialen Sand ab und formte so das eigentliche Bruch – jene weite, flache Senke, die später zum Oderbruch werden sollte. Es war ein Prozess, der Jahrtausende dauerte und dessen Ergebnis eine Landschaft von ungewöhnlicher Fruchtbarkeit war.
Wie sah das ursprüngliche Oderbruch aus?
Wer sich das Oderbruch vor der Trockenlegung vorstellen möchte, muss das heutige Bild der geordneten Agrarlandschaft vollständig aus dem Gedächtnis streichen. Ursprünglich war das Oderbruch eine typisch brandenburgische Sumpflandschaft – ein Labyrinth aus Wasserflächen, Feuchtwiesen und schilfbestandenen Ufern, durchzogen von zahllosen Wasserläufen. Der heutige Zustand nach der Entwässerung hat mit dem Original kaum noch etwas gemein.
Man unterschied zwischen dem mittleren und dem oberen Bruch. Das mittlere Bruch war die eigentliche Wasserlandschaft: ein Gebiet, das von unzähligen Flüssen, Bächen und Kanälen durchzogen wurde und mindestens einmal jährlich vollständig überflutet wurde. Dann verwandelte sich die gesamte Niederung in einen einzigen großen See, aus dem nur inselartige Erhöhungen – die sogenannten Horste – herausragten. Das obere Bruch lag etwas höher und war daher weniger häufig überschwemmt, doch auch hier prägte das Wasser das Landschaftsbild in jeder Hinsicht.
Der Hauptstrom der Oder folgte in jener Zeit einem anderen Lauf als heute. Er war schwächer, weil zahlreiche Nebenflüsse und Seitenarme ihm Wasser entzogen. Diese Verzweigung des Flusses in ein breites Delta war der Grund dafür, dass eine Entwässerung so schwierig und zugleich so vielversprechend erschien: Gelang es, den Fluss in ein einziges Bett zu zwingen, würde eine riesige Fläche fruchtbaren Landes gewonnen.
Wer siedelte hier?
Trotz der widrigen Bedingungen war das Oderbruch keineswegs unbewohnt. Elf Dörfer mit insgesamt 197 Fischerfamilien befanden sich im Niederungsgebiet, dazu kamen Randsiedlungen an den Höhenzügen. Die Bewohner dieser Dörfer waren überwiegend slawischer Herkunft – Nachkommen jener wendischen Stämme, die diesen Teil Brandenburgs seit dem frühen Mittelalter besiedelt hatten.
Das obere Bruch war bereits seit dem Mittelalter eingedeicht und wurde landwirtschaftlich genutzt. Hier lagen acht Dörfer, darunter Genschmar, Golzow, Zechin und Tucheband – Ortsnamen, die bis heute auf ihre slawische Gründung verweisen. In diesen Siedlungen hatte sich die slawische Besiedlung am längsten erhalten, länger als in den meisten anderen Regionen Brandenburgs. Die Fischer und Bauern dieser Gemeinden hatten sich über Jahrhunderte an das Leben mit dem Wasser angepasst und eine eigenständige Kultur entwickelt, die von der regelmäßigen Überflutung nicht bedroht, sondern geradezu geprägt wurde.
Eine besondere Rolle spielten die Kirchenbauten – oder vielmehr deren Fehlen. In den Niederungsdörfern gab es keine originalen Kirchen. Dies entsprach dem slawischen Brauch, Kirchen nicht in den Siedlungen selbst, sondern an besonderen, abgesonderten Plätzen zu errichten. Zwei bemerkenswerte Ausnahmen bildeten Falkenhagen, wo sich die ehemalige Bischofskirche der polnischen Diözese Lebus befand, und die westlichen Höhen, die bereits im Mittelalter vom Templerorden mit deutscher Bevölkerung kolonisiert worden waren. Dort stehen noch heute spätromanische Feldsteinkirchen, steinerne Zeugen einer ganz anderen Besiedlungsgeschichte.
Warum ist der Boden so fruchtbar?
Die jährlichen Überschwemmungen, die das Leben im Oderbruch so beschwerlich machten, waren zugleich der Grund für seinen größten Schatz: den außergewöhnlich fruchtbaren Boden. Jede Überflutung lagerte eine feine Schlickschicht ab, einen Sedimentfilm aus mineralhaltigen Schwebstoffen, den der Fluss aus einem riesigen Einzugsgebiet mitbrachte. Über Jahrhunderte entstand so eine fruchtbare Tonschicht von einem halben bis zwei Metern Dicke.
Dieser Boden unterscheidet sich grundlegend vom Rest Brandenburgs, dessen sandige Böden sprichwörtlich unfruchtbar sind. Der Oderbruchboden ist tief dunkelbraun, fast schwarz, und wird im feuchten Zustand klebrig wie Modellierton. Seine hohe Fruchtbarkeit war den Menschen seit Langem bekannt, doch nutzen ließ sie sich nur auf den hochwasserfreien Flächen – den Horsten und den eingedeichten Bereichen des oberen Bruchs. Die riesige Fläche des mittleren Bruchs blieb dem Ackerbau verschlossen, solange die jährlichen Überflutungen nicht gebannt waren. Hier lag das große Versprechen, das die Trockenlegung so verlockend machte: Tausende Hektar besten Ackerbodens, die nur darauf warteten, dem Wasser abgerungen zu werden.
Wie wurde das Oderbruch trockengelegt?
Die Trockenlegung des Oderbruchs gehört zu den größten wasserbaulichen Unternehmungen des 18. Jahrhunderts in Europa. Sie erstreckte sich über mehr als ein Vierteljahrhundert, von 1747 bis 1773, und veränderte die Landschaft von Grund auf. Der Kern des Projekts bestand darin, die Oder aus ihrem verzweigten natürlichen Flussbett in ein neues, künstlich angelegtes Bett umzuleiten – den Verlauf, dem der Fluss bis heute folgt. Die Alte Oder wurde buchstäblich stillgelegt.
Die Geschichte des Projekts beginnt bereits unter König Friedrich Wilhelm I., der die ersten Pläne für eine Regulierung in Auftrag gab. Doch es war sein Sohn, Friedrich der Große, der das Vorhaben tatsächlich genehmigte und durchführte – allerdings nicht ohne gründliche Prüfung. Friedrich ließ die Expertengutachten vom Schweizer Mathematiker Leonhard Euler begutachten, einem der größten Wissenschaftler seiner Zeit. Die praktische Planung lag in den Händen des holländischen Wasseringenieurs Simon Leonhard Haarlem, der die Erfahrung seiner Landsleute mit Landgewinnung und Deichbau einbrachte. Dass Friedrich gleich zwei ausländische Koryphäen heranzog, zeigt, wie ernst er das Projekt nahm – und wie bewusst ihm die Risiken waren.
Die Arbeiten umfassten die Anlage eines neuen Flussbettes, den Bau umfangreicher Deichanlagen – wohlgemerkt nur auf der heute deutschen Seite – und ein weitverzweigtes System von Entwässerungsgräben. Es war eine Mammutaufgabe, die Tausende von Arbeitern über Jahrzehnte beschäftigte und deren Kosten den preußischen Staatshaushalt erheblich belasteten. Rund 600.000 Taler verschlang das Projekt – eine gewaltige Summe, wenngleich sie im Vergleich zu den 139 Millionen Talern, die der Siebenjährige Krieg kostete, geradezu bescheiden erscheint.
Leonhard Euler (1707–1783)
Der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker aller Zeiten. Neben seinen bahnbrechenden Arbeiten in der reinen Mathematik beschäftigte er sich intensiv mit Hydrodynamik und Strömungsmechanik – Kenntnisse, die ihn für die Begutachtung der Oderbruch-Pläne prädestinierten.
Was geschah nach der Trockenlegung?
Die Trockenlegung verwandelte das Oderbruch in eine der produktivsten Agrarregionen Preußens. 320 Quadratkilometer Land wurden urbar gemacht, 43 neue Dörfer angelegt und rund 1.200 Familien angesiedelt. Es war ein Kolonisationsprojekt von beträchtlichem Ausmaß, das die Bevölkerungsstruktur der Region grundlegend veränderte.
Die bestehenden Dörfer wuchsen, doch ihre slawischen Dorfformen waren kaum noch wiederzuerkennen. Die Neusiedler kamen aus den verschiedensten Regionen Europas: aus Böhmen, aus Österreich, aus der von Frankreich besetzten Pfalz, aus dem kriegszerstörten Sachsen. Die ersten drei Gruppen waren protestantische Flüchtlinge, die in Preußen eine neue Heimat und freie Religionsausübung suchten. Mit den Siedlern kamen auch Kirchen: Die Dörfer, die im Laufe des 18. Jahrhunderts wuchsen, erhielten nun eigene Gotteshäuser – ein sichtbares Zeichen des Wandels von der slawisch-wendischen zur deutsch-protestantischen Prägung der Region.
Friedrich der Große verfolgte mit der Besiedlung nicht nur landwirtschaftliche, sondern auch machtpolitische Ziele. Eine dicht besiedelte, produktive Landschaft bedeutete höhere Steuereinnahmen, mehr Rekruten für die Armee und eine stärkere preußische Präsenz im Grenzgebiet zu Polen. Die Kolonisation des Oderbruchs war Teil einer umfassenden Strategie der inneren Landnahme, die Friedrich in vielen Teilen seines Königreichs verfolgte.
Wie lebten die neuen Siedler?
Die neuen Siedlungen im Oderbruch waren topographisch als Straßendörfer angelegt: Doppelhäuser reihten sich auf beiden Seiten einer schnurgeraden Straße, getrennt von schmalen Vorgärten. Diese Anordnung ist bis heute in vielen Oderbruch-Dörfern erkennbar; die ursprüngliche Parzellierung hat sich über mehr als zweihundert Jahre weitgehend erhalten.
Die Lebensbedingungen der Siedler waren äußerst bescheiden. Einige originale Häuser aus dem Jahr 1789 stehen noch heute – in schlechtem Zustand, doch als Zeugnisse einer Epoche von unschätzbarem Wert. Der Wohnraum bestand aus einer Küche, einer heizbaren Stube von etwa sechzehn Quadratmetern und einer Kammer von etwa sieben Quadratmetern – zusammen knapp dreiundzwanzig Quadratmeter für eine vierköpfige Familie. Die Raumhöhe betrug kaum zwei Meter. An der Rückseite des Hauses befand sich ein Stall von etwa acht Quadratmetern. Es gab weder einen begehbaren Dachboden noch einen Keller.
Die Wände waren so dünn, dass die Nachbarn jedes Wort hören konnten. Friedrich dem Großen wird der spöttische Kommentar zugeschrieben: „Da habe ich ja richtige Zankhäuser gebaut!“ Ob das Zitat authentisch ist, sei dahingestellt – doch es trifft den Kern des Problems. Die Enge förderte Konflikte, und das enge Zusammenleben in den Doppelhäusern verlangte den Bewohnern ein hohes Maß an Toleranz ab.
Trotz dieser bedrängten Verhältnisse bot das Oderbruch seinen Siedlern etwas, das sie in ihren Herkunftsländern oft nicht gehabt hatten: eigenen Grund und Boden, die Freiheit der Religionsausübung und die Möglichkeit, sich eine bescheidene Existenz aufzubauen. Für protestantische Flüchtlinge aus Böhmen oder dem Österreichischen bedeutete die Ansiedlung im Oderbruch das Ende der Verfolgung – selbst wenn der Preis dafür das Leben in einem Zankhaus war.
Was waren die Spinnerdörfer?
Unter den neuen Siedlungen des Oderbruchs nehmen die sogenannten Spinnerdörfer eine besondere Stellung ein. Ortschaften wie Baiersberg, Gerickensberg und Lehmannshöfel waren keine gewöhnlichen Bauerndörfer, sondern staatlich geplante Manufaktursiedlungen. Ihre Bewohner waren Spinner – Heimarbeiter, die Wolle zu Garn verarbeiteten und dieses an die Wollfabriken in Berlin lieferten.
Diese Spinnerdörfer waren Teil der merkantilistischen Wirtschaftspolitik Friedrichs des Großen, die darauf abzielte, möglichst alle Stufen der Produktion innerhalb der Landesgrenzen anzusiedeln. Die Berliner Wollindustrie benötigte Garn, und die Siedler im Oderbruch sollten es liefern. Für die Anlage dieser Dörfer wurde unter anderem der „Hohe Busch“ westlich von Friedrichsaue gerodet und entwässert – ein zuvor nutzloses Gebüschgebiet, das durch die Trockenlegungsarbeiten für planmäßige Besiedlung geeignet geworden war.
Die Spinnerfamilien lebten in einer eigentümlichen Doppelexistenz: Sie waren zugleich Landwirte und Heimarbeiter, bestellten den Acker und saßen am Spinnrad. Diese Kombination aus Subsistenzwirtschaft und protoindustrieller Lohnarbeit war typisch für die ländlichen Gewerberegionen des 18. Jahrhunderts und bildete eine Vorstufe der Industrialisierung, die ein Jahrhundert später ganz Deutschland erfassen sollte.
Was bleibt vom alten Oderbruch?
Das Oderbruch von heute ist eine stille Landschaft. Die großen Dramen – die Trockenlegung, die Kolonisation, das Oder-Hochwasser – liegen in der Vergangenheit. Die Dörfer wirken verschlafen, die Felder erstrecken sich endlos, und der Horizont ist so weit wie nirgendwo sonst in Brandenburg. Doch unter der Oberfläche dieser scheinbaren Ereignislosigkeit verbirgt sich eine außergewöhnlich reiche Geschichte.
Die Spuren der Vergangenheit sind für den aufmerksamen Betrachter überall sichtbar: in den schnurgeraden Straßendörfern, die noch immer die Parzellierung des 18. Jahrhunderts erkennen lassen; in den spätromanischen Feldsteinkirchen auf den westlichen Höhen, die von der Templerkolonisation zeugen; in den Ortsnamen slawischen Ursprungs, die an die wendischen Erstbesiedler erinnern; in den Entwässerungsgräben, die das gesamte Bruch wie ein Netz überziehen und ohne die das Land längst wieder zum Sumpf geworden wäre.
Das Hochwasser von 1997 hat gezeigt, dass die Natur ihre alten Ansprüche nicht aufgegeben hat. Die Deiche hielten – gerade so –, doch für einige Wochen war die Angst zurückgekehrt, dass der Fluss sich nehmen könnte, was Friedrich der Große ihm vor zweieinhalb Jahrhunderten abgerungen hatte. Die Oderbruch-Geschichte ist daher auch eine Geschichte über das Verhältnis des Menschen zur Natur: über den Versuch, eine Landschaft nach dem eigenen Willen zu formen, und über die nie ganz besiegte Macht des Wassers, die unter der fruchtbaren Oberfläche lauert.
Wer das Oderbruch besucht, sollte sich Zeit nehmen. Die Schönheit dieser Landschaft erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Es ist eine Schönheit, die sich im Stillen zeigt: im Licht über den weiten Feldern, im Wind, der ungehindert über die Ebene streicht, in den alten Obstbäumen am Straßenrand – sofern sie noch stehen – und in den Geschichten, die diese Landschaft erzählt, wenn man ihr zuhört. Das Oderbruch ist kein Ort für Eilige. Es ist ein Ort für Menschen, die wissen, dass Landschaften Erinnerungen tragen – und dass manchmal die unscheinbarsten Orte die reichsten Geschichten verbergen.
