Die Legende: Deutschland fast Sprachgeber der USA?
Es ist eine jener Geschichten, die zu schön klingen, um wahr zu sein – und genau deshalb seit über zweihundert Jahren erzählt werden: Deutsch wäre beinahe die offizielle Landessprache der Vereinigten Staaten von Amerika geworden. Um 1790 soll im Parlament des Staates Pennsylvania eine Abstimmung darüber stattgefunden haben, ob Deutsch zur offiziellen Sprache der USA erklärt werden sollte. Der Sprecher des Parlaments, ein Deutsch-Amerikaner namens Frederick A. Mühlenberg, habe dabei die entscheidende Stimme für das Englische abgegeben. Mit nur einer einzigen Stimme Unterschied – so die berühmte Mühlenberg-Legende – sei das Schicksal einer ganzen Nation und ihrer Sprache besiegelt worden.
Eine zweite Variante der Legende behauptet etwas Bescheideneres: Das Deutsche sollte zwar nicht zur Nationalsprache, wohl aber zur offiziellen Sprache neben dem Englischen im Staat Pennsylvania gewählt werden. Auch diese Version entbehrt jeder historischen Grundlage. Keine der beiden Abstimmungen hat jemals stattgefunden. Doch woher stammt diese hartnäckige Legende, und warum hält sie sich bis heute?
Deutsche Einwanderung nach Amerika
Um die Mühlenberg-Legende zu verstehen, muss man zunächst die Bedeutung der deutschen Einwanderung in die Vereinigten Staaten begreifen. Bereits im 17. Jahrhundert begannen Deutsche, nach Nordamerika auszuwandern. Die ersten größeren Gruppen kamen aus der Pfalz und aus Süddeutschland, getrieben von religiöser Verfolgung, wirtschaftlicher Not und den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges. Im Jahr 1683 gründeten dreizehn Familien aus Krefeld unter der Führung von Franz Daniel Pastorius die Siedlung Germantown in Pennsylvania – die erste bedeutende deutsche Gemeinde auf amerikanischem Boden.
Im 18. Jahrhundert schwoll der Strom deutscher Einwanderer erheblich an. Zwischen 1727 und 1775 kamen schätzungsweise 65.000 bis 100.000 Deutsche allein nach Pennsylvania. Sie brachten ihre Sprache, ihre Bräuche und ihre lutherische oder reformierte Kirchentradition mit. Um 1790 machten Deutsch-Amerikaner etwa ein Drittel der Bevölkerung Pennsylvanias aus. Die deutsche Sprache in den USA war keineswegs eine Randerscheinung: Deutsche Zeitungen wurden gedruckt, Gottesdienste auf Deutsch gehalten, und in vielen Gemeinden war Deutsch die selbstverständliche Alltagssprache. Selbst Benjamin Franklin äußerte sich besorgt über die wachsende deutsche Präsenz und fragte sich öffentlich, ob Pennsylvania nicht bald ein deutschsprachiger Staat werden würde.
Frederick Mühlenberg (1750–1801)
Frederick Augustus Conrad Mühlenberg war der erste Sprecher des US-Repräsentantenhauses (1789–1791). Er war Sohn des lutherischen Pastors Henry Melchior Mühlenberg und stammte aus einer prominenten deutsch-amerikanischen Familie in Pennsylvania.
Frederick Mühlenberg: Der Mann hinter der Legende
Frederick Augustus Conrad Mühlenberg wurde am 1. Januar 1750 in Trappe, Pennsylvania, geboren. Sein Vater, Henry Melchior Mühlenberg, gilt als Begründer der lutherischen Kirche in Amerika und war eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Gemeinde. Frederick studierte zunächst Theologie in Halle an der Saale – jenem Zentrum des Pietismus, das für die deutsch-amerikanische Kirche von enormer Bedeutung war – und kehrte als ordinierter Pastor nach Amerika zurück.
Doch bald zog es den jungen Mühlenberg von der Kanzel in die Politik. Während der Amerikanischen Revolution engagierte er sich auf der Seite der Unabhängigkeitsbewegung und wurde 1780 in das Repräsentantenhaus von Pennsylvania gewählt. Seine politische Karriere verlief steil: 1787 war er Delegierter bei der Ratifizierungskonvention der US-Verfassung in Pennsylvania, und am 1. April 1789 wurde er zum ersten Sprecher des US-Repräsentantenhauses gewählt – eine historische Ehre, die ihn zu einem der höchsten Amtsträger der jungen Republik machte. Er bekleidete dieses Amt von 1789 bis 1791 und erneut von 1793 bis 1795.
Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet ein Mann mit so tiefgreifenden deutschen Wurzeln zum Protagonisten einer Legende wurde, in der er sich angeblich gegen die deutsche Sprache entschied. Mühlenberg war Zeit seines Lebens ein Vermittler zwischen den Kulturen, der sich gleichzeitig als Amerikaner und als Sohn der deutschen Gemeinde verstand.
Was wirklich geschah: Die Petition von 1794
Die Mühlenberg-Legende hat ihren wahren Ursprung in einem weit weniger dramatischen Ereignis. Am 9. Januar 1794 legte eine Gruppe deutscher Einwanderer aus Virginia dem Kongress der Vereinigten Staaten eine Petition vor. Sie beantragte darin keineswegs die Einführung des Deutschen als Amtssprache – das wäre ein überaus kühnes Anliegen gewesen –, sondern lediglich die Veröffentlichung einiger Bundesgesetze in deutscher Übersetzung. Dies sollte mit Rücksicht auf jene Einwanderer geschehen, die das Englische noch nicht ausreichend beherrschten und dennoch über ihre Rechte und Pflichten informiert sein wollten.
Der Antrag gelangte vor den zuständigen Hauptausschuss und wurde dort mit knapper Mehrheit abgelehnt: 42 Stimmen standen gegen 41. Über die Abstimmung zur Sprache in den USA bestehen unterschiedliche Überlieferungen, doch die gängige Darstellung besagt, dass der Sprecher des Hauses die entscheidende Stimme gegen den Antrag abgegeben habe – eben jener Frederick Mühlenberg, der als ehemaliger Sprecher in Pennsylvania und damaliger Sprecher des Repräsentantenhauses eine mächtige Position innehatte.
Mühlenbergs angebliches Argument für die Ablehnung war so pragmatisch wie unmissverständlich: Je schneller die deutschen Einwanderer Amerikaner würden, desto besser. Er sah in der sprachlichen Assimilation keinen Verlust, sondern eine Notwendigkeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt der jungen Nation. Ob er tatsächlich diese Worte in dieser Form gesprochen hat, ist historisch nicht gesichert, doch sie passen zum Bild eines Politikers, der die Integration der deutschen Gemeinschaft in die amerikanische Gesellschaft als vorrangig betrachtete.
Warum die Mühlenberg-Legende sich so hartnäckig hält
Seit den 1840er Jahren wurde die Mühlenberg-Legende von Autoren, Lehrern und der Presse immer wieder aufgegriffen und weitererzählt. Jede neue Generation schmückte die Geschichte ein wenig aus, bis aus einer abgelehnten Petition die dramatische Abstimmung über die Nationalsprache geworden war. Der Grund für die Beständigkeit der Legende lag in einem tief empfundenen Verlustgefühl: Die deutschsprachige Bevölkerung Pennsylvanias und anderer Staaten sah mit wachsender Enttäuschung, dass es der deutschen Sprache nicht gelang, eine lebendige Alltagssprache zu bleiben – und das selbst in jenen Regionen, in denen Deutsche einen erheblichen Bevölkerungsanteil stellten.
Die Legende bot eine tröstliche Erklärung: Nicht die natürliche Dynamik von Assimilation und Sprachwandel war für den Niedergang des Deutschen verantwortlich, sondern eine einzige, knappe politische Entscheidung. Der Verlust erschien so weniger unausweichlich und das Schicksal der Sprache weniger endgültig. Es fehlte lediglich eine Stimme – eine Stimme, die alles hätte ändern können.
Amish und Mennoniten: Wo Deutsch überlebte
Während die große Mehrheit der Deutsch-Amerikaner im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Englischen überging, gab es bemerkenswerte Ausnahmen. Die Mennoniten- und Amish-Gemeinden in Pennsylvania, Ohio, Indiana und anderen Staaten bewahrten das Deutsche als lebendige Sprache – nicht aus politischen Gründen, sondern als bewusstes Mittel der Abgrenzung von der Außenwelt. Die Sprache diente ihnen als Schutzschild gegen die modernen Einflüsse, die sie als Bedrohung für ihre Lebensweise empfanden.
Das sogenannte Pennsylvania Dutch (eigentlich Pennsylvania Deutsch) – ein pfälzisch geprägter Dialekt, der sich seit dem 18. Jahrhundert weitgehend eigenständig entwickelte – wird noch heute von mehreren hunderttausend Menschen in den Vereinigten Staaten und Kanada gesprochen. Es ist die vielleicht greifbarste Erinnerung daran, wie stark der deutsche Einfluss auf die amerikanische Kultur einst war.
Politische Instrumentalisierung der Legende
Die Mühlenberg-Legende blieb nicht im Bereich der harmlosen Anekdote. In den 1930er Jahren nahmen die Nationalsozialisten in Deutschland den Mythos begierig auf und nutzten ihn zu Propagandazwecken. Die Vorstellung, dass die deutsche Sprache nur knapp daran gescheitert war, zur Weltsprache aufzusteigen, passte hervorragend in die nationalistische Erzählung von der kulturellen Überlegenheit Deutschlands.
Doch auch in Amerika selbst wurde die Legende politisch instrumentalisiert – allerdings mit dem genau entgegengesetzten Ziel. Bereits im 18. Jahrhundert wurden deutschsprachige Einwanderer von manchen als Bedrohung für die sprachliche Einheit Amerikas wahrgenommen. Anti-deutsche Ressentiments hatten in verschiedenen Phasen der amerikanischen Geschichte Konjunktur, besonders ausgeprägt während des Ersten Weltkriegs, als deutsche Bücher verbrannt, deutsche Straßennamen geändert und Sauerkraut in liberty cabbage umbenannt wurde.
Später kamen Bestrebungen auf, das Englische als offizielle Sprache der USA in der Verfassung zu verankern. Die Befürworter eines solchen English Language Amendment (ELA) bedienten sich der Mühlenberg-Legende, um die Dringlichkeit ihrer Forderung zu unterstreichen: Nur um Haaresbreite sei man einer sprachlichen Übernahme durch das Deutsche entgangen – und wenn die Gefahr damals vom Deutschen ausging, drohe sie heute vom Spanischen und von asiatischen Sprachen. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass das Englische als Staatssprache der USA bis heute nie eine legale Verankerung in der Verfassung gefunden hat. Eine Umfrage aus dem Jahr 1980 ergab, dass mehr als 97 Prozent der US-Bevölkerung Englisch sprechen – eine Dominanz, die keines Gesetzes bedarf, um Bestand zu haben.
Gedankenexperiment: Was wäre, wenn Deutsch gewonnen hätte?
Dass die Mühlenberg-Legende bis heute auch in Deutschland so weit verbreitet ist, mag an der Faszination liegen, den Gedanken weiterzuspinnen – so absurd er auch scheinen mag. Stellen Sie sich vor, die deutsche Sprache wäre tatsächlich zur Sprache der USA geworden. Was hätte das für die Welt bedeutet?
Die Konsequenzen wären weitreichend gewesen: Als Sprache der führenden Wirtschafts- und Militärmacht des 20. Jahrhunderts hätte Deutsch einen globalen Einfluss errungen, der dem des Englischen heute ebenbürtig wäre. Alle bekannten Persönlichkeiten der USA – von Präsidenten über Filmstars bis hin zu Unternehmern – würden Deutsch sprechen, viele trügen deutsche Namen. Popstars würden überwiegend auf Deutsch singen, und Schüler aus aller Welt würden Deutsch als erste Fremdsprache lernen. Das Internet, dieses überwiegend englischsprachige Medium, wäre ein weitgehend deutschsprachiger Raum. Hollywood-Filme liefen im Original auf Deutsch, und die Wissenschaftssprache der Welt wäre vielleicht nie vom Deutschen zum Englischen gewechselt.
Freilich ist dieses Szenario bei näherer Betrachtung wenig plausibel. Selbst wenn Pennsylvania Deutsch als zweite Amtssprache eingeführt hätte, wären die übrigen Kolonien englischsprachig geblieben. Man darf die anderen englischen Kolonien nicht vergessen, und man muss zudem einräumen, dass die englische Sprache von ihren Strukturen her deutlich leichter zu erlernen ist als das Deutsche mit seinen Deklinationen, Konjugationen und seinem berüchtigten Satzbau. Realistischer ist ein anderes Szenario: Deutsch, Englisch und Französisch hätten sich vielleicht nebeneinander etabliert, weil keine der drei Sprachen den überwältigenden Einfluss errungen hätte, den das Englische heute besitzt. Und wer weiß – vielleicht würden wir heute in einer wahrhaft polyglotten Welt leben, anstatt dem scheinbar unaufhaltsamen englischen Sprachmonopol entgegenzuschreiten.
Die Mühlenberg-Legende mag historisch unhaltbar sein, doch sie erinnert uns daran, wie fragil sprachliche Verhältnisse sein können – und wie sehr eine einzige Entscheidung, ob real oder erfunden, unsere Vorstellung davon prägt, was hätte sein können.
