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Literatur

Horaz: Leben und Werk des großen römischen Dichters

Literatenstraßen-Serie

Kaum ein Dichter der Antike hat die westliche Kultur so nachhaltig geprägt wie Horaz. Sein berühmter Ausspruch Carpe diem – wörtlich: „Pflücke den Tag“ – schmückt bis heute T-Shirts, Tattoos und Kalendersprüche. Doch wer war der Mann hinter dieser unsterblichen Formel? Die Biografie des Quintus Horatius Flaccus liest sich wie ein römischer Aufsteigerroman: vom Sohn eines freigelassenen Sklaven zum gefeierten Hofdichter, vom geschlagenen Soldaten zum Verfasser jener Carmina, die Friedrich Nietzsche als das „Maximum in der Energie der Zeichen“ bewunderte. Begleiten Sie uns auf eine Reise durch das Leben und die Werke eines Dichters, dessen Verse nach über zweitausend Jahren nichts von ihrer Kraft verloren haben.

Horaz: Leben und Werk des großen römischen Dichters

Herkunft aus Venusia: Kindheit am Rand des Imperiums (65 v. Chr.)

Am 8. Dezember 65 v. Chr. erblickte Horaz in Venusia das Licht der Welt – dem heutigen Venosa in Süditalien. Die Kleinstadt lag an der berühmten Via Appia, jener Fernstraße, die von Rom über Capua und Beneventum bis nach Brundisium führte, dem „Tor zum Osten“. Venusia befand sich an der Grenze zwischen den Landschaften Lukanien und Apulien, also eher am Rand des römischen Kernlands als in seinem Zentrum.

Der Vater des Horaz war ein libertus, ein Freigelassener – ein Mann also, der einst als Sklave gelebt hatte und sich seine Freiheit verdiente oder erkaufte. Er betrieb laut dem antiken Biografen Sueton ein bescheidenes Gewerbe: Entweder war er Kassierer bei Auktionen oder Salzfischhändler, dazu bewirtschaftete er ein kleines Stück Land. Für die römische Gesellschaft bedeutete der Status eines Freigelassenen eine erhebliche soziale Einschränkung – seine Nachkommen galten noch auf Generationen als nicht ganz vollwertige Bürger.

Umso bemerkenswerter ist, was der Vater für seinen Sohn tat. Er erkannte offenbar früh die Begabung des Jungen und fasste einen außergewöhnlichen Entschluss: Er verließ Venusia und zog nach Rom, um dem Kind – vermutlich seinem einzigen – eine Ausbildung zu ermöglichen, wie sie eigentlich nur den Söhnen der römischen Oberschicht vorbehalten war.

Bildung in Rom und Athen: Vom plagosus Orbilius zur Philosophie

In Rom durchlief Horaz das klassische Bildungsprogramm der Oberschicht. Seinen Elementarlehrer, den Grammatiker Orbilius, hat er uns als plagosus Orbilius überliefert – den „prügelfreudigen Orbilius“. Die Formulierung ist typisch für den späteren Satiriker Horaz: Auch als berühmter Dichter vergaß er nicht die Schläge, die der strenge Schulmeister austeilte, wenn ein Schüler beim Rezitieren der alten Verse des Livius Andronicus stockte. Die Bezeichnung plagosus Orbilius wurde sprichwörtlich und steht bis heute für den Typus des prügelnden Schulmeisters.

Auf den Grammatik- und Rhetorikunterricht in Rom folgten philosophische Studien in Athen. Die Stadt war trotz ihres politischen Bedeutungsverlustes nach wie vor das intellektuelle Zentrum der antiken Welt. Junge Römer aus gutem Hause reisten dorthin wie spätere Generationen nach Paris oder Oxford – um die großen Denker zu hören und den letzten Schliff einer umfassenden Bildung zu erhalten. Horaz studierte dort Philosophie und kam mit den Lehren der Epikureer und Stoiker in Berührung, die sein späteres Werk entscheidend prägen sollten.

Im Bürgerkrieg: Philippi und der Fall der Republik (44–42 v. Chr.)

Im Herbst 44 v. Chr. veränderte ein politisches Erdbeben die Pläne des jungen Studenten. Nach der Ermordung Caesars im März desselben Jahres warb der Caesarmörder Brutus in Athen um Anhänger für die republikanische Sache. Wie viele idealistische junge Römer ließ sich auch Horaz anwerben – für die „Freiheit der Republik“, die durch Antonius und den jungen Oktavian, den späteren Augustus, bedroht schien.

Horaz war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal 21 Jahre alt, und dennoch erhielt er den Rang eines tribunus militum – eines Stabsoffiziers, der eine Legion kommandieren konnte. Dieser Rang war für den Sohn eines Freigelassenen äußerst ungewöhnlich und zeigt, wie durchlässig die sozialen Schranken in Zeiten des Bürgerkriegs werden konnten. Bei der entscheidenden Doppelschlacht von Philippi im Oktober 42 v. Chr. führte der junge Horaz möglicherweise sogar als Kommandant eine Legion ins Gefecht.

Die Schlacht ging verloren. Brutus und Cassius nahmen sich das Leben. Horaz überlebte und wurde von den Siegern begnadigt. Er kehrte nach Rom zurück – wie er selbst schrieb: „mit gestutzten Schwingen und gebeugtem Sinn“, des väterlichen Gutes beraubt, denn die Sieger hatten den Familienbesitz eingezogen. Es war diese Erfahrung der Niederlage und des Verlustes, die den Dichter Horaz formte. Wie er selbst bemerkte, gab ihm die Armut „den Wagemut und den Antrieb zum Dichten“.

Maecenas und das sabinische Landgut: Eine Freundschaft fürs Leben

Zurück in Rom, verdiente sich Horaz seinen Lebensunterhalt zunächst als scriba, als Schreiber an der Staatskasse. Nebenbei begann er zu dichten – die Epoden, eine Sammlung von Spottgedichten in der Tradition des griechischen Dichters Archilochos. Diese frühen Werke erregten die Aufmerksamkeit eines Mannes, der selbst ein herausragender Dichter war: Vergil, der Schöpfer der Aeneis.

Im Frühjahr 38 v. Chr. machte Vergil seinen jüngeren Kollegen mit Gaius Maecenas bekannt – jenem reichen Kunstmäzen, dessen Name bis heute als Synonym für großzügige Kulturförderung dient. Knapp ein Jahr dauerte es, bis Maecenas den Dichter in seinen Kreis aufnahm. Daraus erwuchs eine enge Lebensfreundschaft, die weit über das übliche Verhältnis von Gönner und Protege hinausging.

Ihr äußeres Zeichen war ein großzügiges Geschenk: ein Landgut in den Sabinerbergen, nordöstlich von Rom. Dieses Sabinum wurde für Horaz zum Ort der Zurückgezogenheit und der Schaffensfreude. Hier konnte er sich, wirtschaftlich abgesichert und frei von Sorgen, ganz der Dichtkunst widmen. Die ländliche Idylle der Sabinerberge findet sich als Motiv in zahlreichen seiner Gedichte wieder – als Gegenbild zum hektischen Treiben der Hauptstadt.

Die Werke des Horaz: Satiren, Oden und Episteln

Das Gesamtwerk des Horaz lässt sich in mehrere Schaffensphasen einteilen, die jeweils unterschiedliche literarische Gattungen bedienen. Zwischen 41 und 30 v. Chr. entstanden zunächst zwei Bücher Satiren in Hexametern, die er selbst bescheiden Sermones („Plaudereien“) nannte. In ihnen behandelt er mit feiner Ironie und scharfer Beobachtungsgabe die Probleme der menschlichen Gesellschaft und der Lebensführung – von der Habgier über die Eitelkeit bis zur rechten Art zu leben.

Mit seinen vier Büchern Oden, auch Carmina („Lieder“) genannt, schuf Horaz sein bedeutendstes Werk. Die ersten drei Bücher erschienen 23 v. Chr., das vierte wohl um 13 v. Chr. In ihnen übertrug er die Formen der griechischen Lyriker Alkaios und Sappho – das sogenannte äolische Lied – in die lateinische Sprache und begründete damit eine Tradition, die bis in die Neuzeit fortwirkt. Die Oden behandeln ein breites Spektrum von Themen: Liebe und Freundschaft, Wein und Lebensgenuss, politische Ereignisse und philosophische Betrachtungen.

Zwischen 20 und 14 v. Chr. verfasste Horaz zwei Bücher Epistulae („Briefe“), ebenfalls in Hexametern. Diese poetischen Briefe greifen ähnliche Themen auf wie die Satiren, behandeln sie jedoch in einem ruhigeren, reflektierteren Ton – der Blick des gereiften Dichters auf die Welt. Im Jahre 17 v. Chr. erhielt Horaz von Kaiser Augustus den ehrenvollen Auftrag, das Carmen saeculare, das Festlied für die Jahrhundertfeier, zu verfassen. Das in einen Marmorpfeiler eingravierte Protokoll dieser Feier wurde 1890 im Tiber gefunden – mit dem deutlich lesbaren Satz: „carmen composuit Q. Horatius Flaccus“.

Trotz seiner Nähe zum Kaiserhof war Horaz stets auf seine Unabhängigkeit bedacht. Eine feste Stellung als Privatsekretär des Augustus lehnte er ab. Diese Haltung – die Verbindung von höfischer Nähe und innerer Freiheit – durchzieht sein gesamtes Werk.

Carpe diem: Was Horaz wirklich meinte

Der wohl berühmteste Ausdruck, den Horaz der Nachwelt hinterlassen hat, stammt aus der Ode I,11: Carpe diem, quam minimum credula postero – „Pflücke den Tag, vertraue so wenig wie möglich auf den nächsten.“ Das Bild des Pflückens ist dabei keineswegs zufällig gewählt. Es verweist auf das behutsame Ernten einer reifen Frucht, nicht auf rücksichtslosen Hedonismus. Horaz meint nicht „Lebe wild und zügellos“, sondern eher: „Kosten Sie den gegenwärtigen Augenblick aus, denn niemand weiß, was morgen kommt.“

Hinter dieser Haltung steht die epikureische Philosophie, die Horaz während seiner Athener Studienzeit kennengelernt hatte. Die Epikureer lehrten nicht – wie oft fälschlich angenommen – hemmungslose Lust, sondern die Kunst des maßvollen Genusses und der heiteren Gelassenheit (ataraxia). Genau diesen Ton trifft Horaz in seinen Oden: eine kluge Balance zwischen Lebensfreude und philosophischer Reflexion.

Dass Horaz selbst durchaus ein Freund irdischer Vergnügungen war, verschweigt die Überlieferung nicht. Er sei „klein und dick“ gewesen, wie er sich selbst in den Satiren beschreibt. Kaiser Augustus soll ihn in einem Brief geneckt haben: „Ich glaube, du hast Angst, deine Werke könnten größer werden als du selbst. Aber was dir an Größe fehlt, ersetzt dein Umfang.“

An Venus: Eine Ode in deutscher Übersetzung

Zu den schönsten Stücken im Werk des Horaz gehört die Ode I,30, ein Anruf an die Liebesgöttin Venus. Die folgende Übersetzung gibt einen Eindruck davon, wie der Dichter mythologische Figuren mit leichter Hand zum Leben erweckt:

Venus, Knidos' Königin,
Paphos' stolze Herrscherin,
Laß dein Cypern jetzt im Stich!
Glycera erwartet dich.

Festlich schmückt sie die Tür,
Weihrauch streut sie opfernd dir;
Venus, kehre ein zu ihr!

Bring zu Glycera, ich bitt',
Deinen wilden Knaben mit!
Und die Grazien, gürtelfrei,
Und die Nymphen führ' herbei!

Jugend folge deiner Spur,
Ohne dich ein Trugbild nur, –
Und es folge auch Mercur!

Die spielerische Leichtigkeit dieses Gedichts täuscht über seine kunstvolle Struktur hinweg. Knidos, Paphos und Zypern – das sind die klassischen Kultstätten der Venus. Glycera ist der Name einer schönen Frau, zu der die Göttin gelockt werden soll. Und wenn am Ende neben Grazien und Nymphen auch Merkur erscheinen soll, so ist das ein feinsinniger Hinweis: Merkur galt als Gott der Beredsamkeit – ohne die rechten Worte, so legt Horaz nahe, ist auch die schönste Liebe stumm.

Nachwirkung: Von Nietzsche bis heute

Die Wirkung des Horaz auf die europäische Literatur- und Geistesgeschichte ist kaum zu überschätzen. Kaum jemand hat dies eindrucksvoller formuliert als Friedrich Nietzsche in seiner Schrift Götzen-Dämmerung:

„Bis heute habe ich an keinem Dichter dasselbe artistische Vergnügen gehabt, das mir von Anfang an eine Horazische Ode gab. In gewissen Sprachen ist das, was hier erreicht ist, nicht einmal zu wollen. Dies Mosaik von Worten, wo jedes Wort als Klang, als Ort, als Begriff nach rechts und links und über das Ganze hin seine Kraft ausströmt, dies Minimum in Umfang und Zahl der Zeichen, das damit erreichte Maximum in der Energie der Zeichen, das alles ist römisch und, wenn man mir glauben will, vornehm par excellence.“

Nietzsches Urteil trifft einen wesentlichen Punkt: Die Oden des Horaz gelten als das Äußerste, was je in lateinischer Sprache erreicht wurde. Jedes Wort sitzt, jede Silbe hat ihren Platz, jeder Klang seinen Sinn. Es ist eine Kunst, die sich in Übersetzungen bestenfalls erahnen lässt. Schon Cicero soll, wie Seneca überliefert, einmal erklärt haben, er würde – selbst wenn seine Lebenszeit verdoppelt würde – keine Zeit für die Lektüre der Lyriker finden. Man darf sich fragen, ob er dieses Urteil widerrufen hätte, wären ihm die Oden des Horaz bekannt gewesen.

Kurz nach seinem Freund und Gönner Maecenas starb Horaz am 27. November des Jahres 8 v. Chr., knapp 57 Jahre alt. Er wurde, wie er es sich in der Ode II,17 gewünscht hatte, auf dem Esquilin-Hügel in Rom neben dem Grab des Maecenas bestattet. Die Verbundenheit der beiden reichte also buchstäblich über den Tod hinaus.

Sein Werk aber lebt weiter – in den Horazstraßen europäischer Städte, in den zahllosen Zitaten, die unbemerkt unseren Alltag durchziehen, und vor allem in jenen Versen, die auch nach über zweitausend Jahren noch jeden berühren, der sich ihnen öffnet. Non omnis moriar, schrieb Horaz in der Ode III,30: „Nicht ganz werde ich sterben.“ Er hat recht behalten.

Werkausgaben und Literatur

Werkausgaben (Auswahl)

  • Horaz: Die Oden des Horaz in deutscher Sprache. Hg. u. übers. von V. Hundhausen. Berlin o. J. [ca. 1917].
  • Ders.: Werke in einem Band. Hg. u. übers. von M. Simon / W. Ritschel. (Bibliothek der Antike, Römische Reihe). 3. Aufl. Berlin/Weimar 1990.
  • Quintus Horatius Flaccus: Oden und Epoden [lat./dt.]. Hg. u. übers. von G. Fink. (Sammlung Tusculum). Düsseldorf u. a. 2002.
  • Ders.: Sämtliche Werke [lat./dt.]. Hg. u. übers. von H. Färber. (Sammlung Tusculum). 10. Aufl. München u. a. 1985.

Literatur (Auswahl)

  • H. Krasser (Hg.): Zeitgenosse Horaz. Der Dichter und seine Leser seit zwei Jahrhunderten. Tübingen 1996.
  • B. Kytzler: Horaz. Eine Einführung. (Reclams Universal-Bibliothek 9603). Stuttgart 1996.
  • G. Maurach: Horaz. Werk und Leben. (Wissenschaftliche Kommentare zu griechischen und lateinischen Schriftstellern). Heidelberg 2001.
  • E. A. Schmidt: Sabinum. Horaz und sein Landgut im Licenzatal. (Schriften der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse 1). Heidelberg 1997.
  • Ders.: Zeit und Form. Dichtungen des Horaz. (Supplement zu den Schriften der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse 15). Heidelberg 2002.

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