Es gibt Lebensgeschichten, die sich lesen wie ein Roman – und dann gibt es die Geschichte der Henriette Herz, die jeden Roman übertrifft. Sie war eine Frau, die zehn Sprachen beherrschte, darunter Sanskrit und Malaiisch. Eine Frau, deren Schönheit Bildhauer zur Verzweiflung trieb, weil sie sie nicht einzufangen vermochten. Eine Frau, in deren Wohnzimmer in der Neuen Friedrichstraße sich die brillantesten Köpfe des späten 18. Jahrhunderts trafen – von den Brüdern Humboldt über Friedrich Schleiermacher bis zu Jean Paul. Und eine Frau, deren Name heute kaum jemandem geläufig ist, obwohl ein kleiner Platz am Hackeschen Markt – der Henriette-Herz-Platz – noch immer an sie erinnert. Es wird Zeit, diese außergewöhnliche Berlinerin wiederzuentdecken.
Die Arzttochter aus der Spandauer Straße
Henriette Herz wurde am 5. September 1764 als Henriette Julie de Lemos in Berlin geboren. Ihr Vater, Benjamin de Lemos, stammte aus einer sephardischen Arztfamilie portugiesischer Herkunft, die über Hamburg nach Preußen gekommen war. Er praktizierte als angesehener Arzt in der Spandauer Straße, mitten im älteren jüdischen Viertel der Stadt. Die Mutter, Esther, geb. Charleville, kam aus einer wohlhabenden französisch-jüdischen Familie.
Schon als Kind zeigte Henriette eine ungewöhnliche sprachliche Begabung. Der Vater, ein Mann der Aufklärung, förderte sie weit über das hinaus, was für Mädchen jener Zeit üblich war. Sie lernte Hebräisch und Französisch, las Latein und Griechisch, beschäftigte sich mit Mathematik und Geographie. Es war eine Erziehung, wie man sie in Preußen sonst nur den Söhnen des gebildeten Bürgertums zuteilwerden ließ.
Eine Anekdote aus diesen frühen Jahren verdient besondere Erwähnung. Die Prinzessin Amalie von Preußen, jüngste Schwester Friedrichs des Großen, ließ sich gelegentlich von Benjamin de Lemos behandeln und brachte dabei manchmal die kleine Henriette mit in das königliche Umfeld. Das Kind fiel durch seine Klugheit und Anmut auf. Es war ein früher Hinweis darauf, dass Henriette de Lemos einmal in den höchsten Kreisen Berlins verkehren würde – freilich auf eine Weise, die sich niemand hätte vorstellen können.
Markus Herz und das geistige Berlin
Im Jahre 1779, gerade fünfzehn Jahre alt, heiratete Henriette de Lemos den Arzt und Philosophen Markus Herz. Er war 32 Jahre alt, also mehr als doppelt so alt wie seine Braut. Die Verbindung war von den Familien arrangiert worden, doch sie sollte sich als glücklicher erweisen, als solche Arrangements es gewöhnlich sind. Markus Herz war kein gewöhnlicher Mann. Er hatte in Königsberg bei Immanuel Kant studiert und galt als dessen begabtester Schüler. Kant selbst widmete ihm seine Dissertatio de mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis, die Inauguraldissertation von 1770.
Markus Herz war der erste jüdische Professor in Preußen – ein Titel, der ihm freilich nicht an einer Universität, sondern an der Berliner Pepinière, der militärärztlichen Akademie, verliehen wurde. Daneben hielt er in seiner Wohnung philosophische Vorlesungen, die bald zum gesellschaftlichen Ereignis wurden. Zu seinen Hörern zählten nicht nur Studenten, sondern auch Minister, Diplomaten und Offiziere. Die Vorlesungen des Markus Herz waren, neben den Zusammenkünften bei Moses Mendelssohn, einer der wichtigsten Treffpunkte der Berliner Aufklärung.
Für die junge Henriette Herz bedeutete diese Ehe den Eintritt in die geistige Elite Berlins. Sie begegnete in ihrem eigenen Wohnzimmer den führenden Köpfen der Epoche. Und sie nutzte die Möglichkeit, die sich ihr bot: Sie begann, neben den philosophischen Zusammenkünften ihres Mannes einen eigenen Empfangskreis zu gestalten – einen literärischen Salon.
Ein Salon, der Geschichte schrieb
Der Salon der Henriette Herz gehört zu den berühmtesten seiner Art in der deutschen Kulturgeschichte. Er entstand in den späten 1780er Jahren und bestand in verschiedenen Formen bis in die napoleonische Zeit. Was ihn von den philosophischen Vorlesungen des Markus Herz unterschied, war sein Charakter: Hier ging es nicht um akademische Belehrung, sondern um freies, geistreichen Gespräch, um Lektüre und Diskussion, um die Begegnung von Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener Stände.
Die Gästeliste liest sich wie ein Lexikon des geistigen Berlin um 1800. Alexander und Wilhelm von Humboldt verkehrten hier ebenso wie der Bildhauer Johann Gottfried Schadow, der spätere Schöpfer der Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Der Theologe Friedrich Schleiermacher wurde zu Henriettes engstem Vertrauten. Die Schriftsteller Dorothea Veit (Tochter Moses Mendelssohns) und Friedrich Schlegel, Jean Paul und Ludwig Börne, der Däne Steffens und der Schwede Brinckmann – sie alle kamen in den Salon der Henriette Herz.
Eine Besonderheit war der sogenannte Tugendbund, den Henriette Herz 1787 begründete. Dieser Name, der heute eigenartig klingt, bezeichnete eine lose Vereinigung junger Männer und Frauen, die sich der „sittlichen Vervollkommnung“ und der Pflege der Freundschaft verschrieben hatten. Die Mitglieder – darunter die Brüder Humboldt und Schadow – tauschten Briefe aus, diskutierten moralische Fragen und pflegten einen Umgangston, der bewusst die starren Ständeunterschiede der preußischen Gesellschaft ignorierte. Es war ein frühes Experiment in sozialer Gleichheit, getragen von den Idealen der Aufklärung.
Was Henriette Herz zur idealen Salonière machte, war nicht allein ihre Bildung, sondern auch ihre Persönlichkeit. Zeitgenossen beschrieben sie als außergewöhnlich schön – der Maler Anton Graff porträtierte sie, und Schadow soll erklärt haben, sie sei die schönste Frau Berlins. Doch wichtiger als ihre äußere Erscheinung war ihre Fähigkeit, unterschiedlichste Menschen zusammenzubringen und ein Gespräch so zu lenken, dass jeder Gast sich angeregt und willkommen fühlte.
Schleiermacher und die Berliner Frühromantik
Von allen Freundschaften, die Henriette Herz pflegte, war keine so bedeutsam wie die zu Friedrich Schleiermacher. Der junge Theologe, damals Prediger an der Berliner Charité, lernte sie um 1797 kennen. Es entwickelte sich eine intensive geistige Beziehung, die über dreißig Jahre währen sollte und die beide Seiten zutiefst prägte. Schleiermacher verfasste in dieser Zeit seine berühmten Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), ein Werk, das die protestantische Theologie revolutionär verändern sollte. Es ist kaum ein Zufall, dass dieses Buch in der unmittelbaren Nähe des Herzschen Salons entstand.
Durch Schleiermacher verlagerte sich der Schwerpunkt des Salons. Waren es zuvor die Ideen der Spätaufklärung gewesen, die das Gespräch bestimmten, so rückten nun die Themen der entstehenden Romantik in den Vordergrund: das Gefühl, die Individualität, die Religion als persönliches Erlebnis, die Poesie als höchste Form der Erkenntnis. Der Salon der Henriette Herz wurde zu einem Brennpunkt der Berliner Frühromantik.
„Die Herz ist eine der wenigen Frauen, mit denen man reden kann, als rede man mit einem Manne – und das meine ich als das höchste Lob, das die Zeit einer Frau zugestehen konnte.“
So soll Schleiermacher sich geäußert haben – ein Urteil, das aus heutiger Sicht befremden mag, das aber für die Verhältnisse um 1800 eine außerordentliche Anerkennung darstellte. Henriette Herz war nicht bloß Gastgeberin, nicht bloß Muse: Sie war eine intellektuelle Partnerin auf Augenhöhe.
In diesen Jahren erweiterte Henriette Herz auch ihr ohnehin erstaunliches Sprachrepertoire. Neben Hebräisch, Griechisch, Latein, Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch erlernte sie nun auch Schwedisch – angeregt durch den schwedischen Diplomaten Karl Gustav von Brinckmann – sowie später Sanskrit, Türkisch und Malaiisch. Zehn Sprachen insgesamt, einige davon in beachtlicher Tiefe. Es war eine Gelehrsamkeit, die selbst unter den männlichen Gelehrten ihres Umkreises ihresgleichen suchte.
Zwischen Königin Luise und Napoléon
Am 19. Januar 1803 starb Markus Herz im Alter von 56 Jahren. Für Henriette bedeutete sein Tod nicht nur einen persönlichen Verlust, sondern auch den Beginn einer langen Phase wirtschaftlicher Not. Markus Herz hatte keine nennenswerten Ersparnisse hinterlassen. Die Witwenpension war bescheiden, die Einnahmen aus dem Salon ohnehin nie vorhanden gewesen – er war ein Ort der Kultur, kein Geschäft.
Henriette Herz musste von nun an ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Sie tat dies, indem sie Sprachunterricht gab und Texte übersetzte. Es war eine Tätigkeit, die ihrer Begabung entsprach, die aber auch die Grenzen aufzeigte, die einer Frau um 1800 gesetzt waren: Eine Professur, eine Akademiemitgliedschaft, eine publizistische Karriere – all das war für eine Frau undenkbar, und für eine jüdische Frau erst recht.
Dennoch verlor Henriette Herz nie ihren Platz in der Berliner Gesellschaft. Es war in jenen Jahren, dass Königin Luise von Preußen, die „Seele des Widerstands gegen Napoléon“, bei einer gesellschaftlichen Zusammenkunft auf Henriette aufmerksam wurde. Die Königin, selbst eine Frau von bemerkenswerter Bildung und Ausstrahlung, war von der Salonière offenbar so angetan, dass sie sich beim Abschied mit den Worten verabschiedete: „Adieu, Madame Herz!“ Es war ein persönlicher Gruß, der in der streng hierarchischen Welt des preußischen Hofes als außerordentliche Auszeichnung galt. Dass eine Königin eine Bürgerliche – und dazu eine jüdische Bürgerliche – beim Namen nannte, war alles andere als selbstverständlich.
Die napoleonischen Kriege veränderten Berlin von Grund auf. Nach der verheerenden Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt 1806 und der französischen Besetzung Berlins brach die alte Ordnung zusammen. Für Henriette Herz bedeuteten die Kriegsjahre eine Verschärfung ihrer finanziellen Lage. Die Inflation entwertete ihre bescheidenen Einnahmen, die Mieten stiegen, das gesellschaftliche Leben kam in weiten Teilen zum Erliegen. Zugleich trieb die politische Umwälzung viele ihrer Freunde und Bekannten in die Ferne.
Rom, Rügen, Rückkehr: Die späten Jahre
Im Jahre 1817 traf Henriette Herz eine Entscheidung, die sie viele Jahre lang vorbereitet und vor der Öffentlichkeit verborgen hatte: Sie trat zum evangelischen Glauben über. Es war kein Schritt der Überzeugung im religiösen Sinne, sondern ein Akt pragmatischer Notwendigkeit. Solange ihre Mutter Esther lebte, hatte Henriette die Konversion aufgeschoben – aus Rücksicht und Liebe. Nach dem Tod der Mutter im selben Jahr fiel dieses Hindernis weg. Schleiermacher selbst vollzog die Taufe, still und ohne Aufsehen.
Der Glaubenswechsel war im Berlin des frühen 19. Jahrhunderts keineswegs ungewöhnlich. Viele gebildete Juden traten zum Protestantismus über – Heinrich Heine nannte den Taufschein später bekanntlich das „Entreebillett zur europäischen Kultur“. Für Henriette Herz bedeutete die Konversion zunächst eine Erleichterung: Sie konnte nun leichter Sprachunterricht an höheren Töchtern erteilen und sich freier in der Gesellschaft bewegen.
Noch im selben Jahr brach Henriette Herz nach Italien auf. Die Reise führte sie über die Schweiz nach Rom, wo sie fast zwei Jahre blieb, von 1817 bis 1819. In der Ewigen Stadt traf sie auf die Gemeinschaft der deutschen Künstler und Gelehrten, die dort ihren zweiten Lebensort gefunden hatten. Die römischen Jahre wurden zu einer glücklichen Spätphase in einem Leben, das viel Entbehrung gekannt hatte. Henriette genoss das milde Klima, die Kunst, die Freiheit von den Zwängen der Berliner Gesellschaft.
Nach ihrer Rückkehr nach Berlin lebte Henriette Herz in zunehmender Zurückgezogenheit. Sie unternahm noch Reisen – nach Rügen, nach Schlesien, zu Freunden in der Provinz –, doch der große Salon gehörte der Vergangenheit an. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in bescheidenen Verhältnissen. Eine kleine Pension, die ihr der preußische Staat gewährte, sicherte das Nötigste. Besucher berichteten von einer alten Frau, die in einem schlichten Zimmer saß, umgeben von Büchern in einem Dutzend Sprachen, die Erinnerungen an ein halbes Jahrhundert Berliner Geistesgeschichte in sich tragend.
Am 22. Oktober 1847 starb Henriette Herz in Berlin, dreiundachtzig Jahre alt. Sie hatte die Aufklärung erlebt, die Romantik, die Befreiungskriege, die Restauration und den Beginn des Vormärz. Sie hatte Könige und Philosophen, Dichter und Revolutionäre gekannt. Und sie hatte dies alles nicht als passive Zuschauerin erlebt, sondern als aktive Gestalterin – in einer Zeit, die Frauen diese Rolle eigentlich nicht zugestand.
Vermächtnis einer vergessenen Pionierin
Die Nachwelt hat Henriette Herz lange Zeit vergessen. Während die Namen ihrer männlichen Zeitgenossen – der Humboldts, Schleiermachers, Schadows – fest im kulturellen Gedächtnis verankert sind, verschwand die Frau, die viele von ihnen zusammenbrachte, weitgehend aus der Erinnerung. Erst die Frauenforschung des späten 20. Jahrhunderts rückte ihre Bedeutung wieder ins Licht.
Der Henriette-Herz-Platz am Hackeschen Markt, nahe der Stelle, wo einst das jüdische Viertel lag, erinnert heute an die große Salonière. Es ist ein kleiner, unscheinbarer Ort, wie so viele Erinnerungsorte in Berlin. Doch wer dort steht und die Augen schließt, kann sich vielleicht vorstellen, wie es gewesen sein mag: ein Abend in der Neuen Friedrichstraße, Kerzenlicht, das Rauschen von Seide, das Murmeln kluger Stimmen. Wilhelm von Humboldt streitet mit Schleiermacher über die Natur der Religion. Alexander von Humboldt erzählt von seinen Plänen für eine Expedition in die Neue Welt. Schadow skizziert auf einem Blatt Papier das Profil der Gastgeberin. Und Henriette Herz, die Arzttochter aus der Spandauer Straße, das Sprachgenie, die Salonière, lenkt das Gespräch mit jener leisen Souveränität, die mehr bewirkt als jede laute Rede.
Ihr Leben lehrt uns etwas, das über die bloße Biografie hinausgeht. Es zeigt, welche Kraft im freien Gespräch liegt – in der Begegnung von Menschen, die verschiedenen Welten angehören und sich dennoch auf Augenhöhe begegnen. Der Salon der Henriette Herz war ein Ort, an dem die Grenzen zwischen Juden und Christen, zwischen Adel und Bürgertum, zwischen Männern und Frauen für einige Stunden durchlässig wurden. Es war ein Experiment, das seiner Zeit weit voraus war. Und es ist ein Experiment, das auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Werkausgaben und Literatur
Quellentexte (Auswahl)
- Henriette Herz: Ihr Leben und ihre Erinnerungen. Hg. von J. Fürst. Berlin 1850.
- Dies.: Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen. Hg. von R. Schmitz. Frankfurt a. M. / Leipzig 1984.
- Friedrich Schleiermacher / Henriette Herz: Briefwechsel. In: Kritische Gesamtausgabe, Abt. V, Bd. 3–5. Berlin/New York 1992–1999.
Literatur (Auswahl)
- D. Hertz: Jewish High Society in Old Regime Berlin. New Haven/London 1988. [Dt.: Die jüdischen Salons im alten Berlin. Frankfurt a. M. 1991.]
- P. Seibert: Der literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Aufklärung und Vormärz. Stuttgart/Weimar 1993.
- H. Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. München/Zürich 1959. [Zum Kontext der Berliner Salonkultur.]
- M. Delf von Wolzogen / U.Gedö: Henriette Herz. Berliner Salonière und Autorin. (Reihe Jüdische Miniaturen 72). Berlin 2008.
- W. Treue: Henriette Herz. In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 8. Berlin 1969, S. 711–712.
