Es gibt wenige Gestalten der deutschen Literaturgeschichte, die so sehr polarisiert haben wie Heinrich Heine. Geliebt und gehasst, bewundert und verleumdet, verehrt als lyrisches Genie und geschmäht als vaterlandsloser Geselle – Heine saß zeitlebens zwischen allen Stühlen. Zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Judentum und Christentum, zwischen Romantik und politischer Dichtung, zwischen Schwermut und beißendem Witz. Marcel Reich-Ranicki nannte ihn ein „Genie der Haßliebe“, und vielleicht ist das die treffendste Formel für einen Dichter, der sein Heimatland nicht lassen konnte und doch nicht in ihm leben durfte. Heinrich Heines Leben ist die Geschichte einer produktiven Zerrissenheit – und eines Werkes, das aus genau dieser Spannung seine ungewöhnliche Kraft bezieht.
Ein Dichter der Zerrissenheit
Am 13. Dezember 1797 kam Heinrich Heine als Harry Heine in Düsseldorf zur Welt, in eine jüdische Kaufmannsfamilie hinein, die dem aufgeklärten Bürgertum zuneigt. Die Kindheit unter französischer Besatzung prägte den Knaben früh: Napoleon brachte den Juden des Rheinlandes die bürgerliche Gleichstellung, und Heine bewahrte zeitlebens eine glühende Bewunderung für den Kaiser der Franzosen. Als die preußische Restauration nach 1815 diese Rechte wieder beschnitt, erlebte der junge Harry zum ersten Mal, was Ausgrenzung bedeutet.
Der Onkel Salomon Heine, ein wohlhabender Hamburger Bankier, finanzierte dem Neffen den Versuch, sich als Kaufmann zu etablieren. Heinrich Heine scheiterte gründlich. Das Tuchgeschäft „Harry Heine & Comp.“ ging nach wenigen Monaten ein, und der junge Mann wandte sich dem zu, was ihn wirklich umtrieb: der Literatur und dem Recht. Er studierte in Bonn, Göttingen und Berlin, hörte bei August Wilhelm Schlegel und bei Hegel, promovierte 1825 zum Doktor der Rechte – und ließ sich im selben Jahr protestantisch taufen. Aus Harry wurde Heinrich. Die Taufe war, wie Heine selbst zynisch bemerkte, das „Entréebillet zur europäischen Kultur“. Religiös empfand er dabei nichts. Es war ein pragmatischer Akt, der ihm dennoch nicht die erhoffte Karriere eröffnete. Die Zerrissenheit zwischen jüdischer Herkunft und christlicher Taufe, zwischen Anpassung und Selbstbehauptung sollte ihn nie mehr loslassen.
Zwischen Romantik und Revolution
Heines frühes Werk steht in der Tradition der Spätromantik – und bricht zugleich mit ihr. Das Buch der Lieder, 1827 erschienen, wurde zu einem der meistgelesenen Gedichtbände des 19. Jahrhunderts. Generationen von Komponisten – Schubert, Schumann, Mendelssohn, Brahms, Hugo Wolf – vertonten Heines Verse und trugen sie in die Konzerthäuser Europas. Lieder wie Leise zieht durch mein Gemüt oder Ich weiß nicht, was soll es bedeuten wurden zum Gemeingut der deutschen Sprache. Doch schon in diesem Band zeigt sich Heines Doppelnatur: Dort, wo das Gefühl am innigsten scheint, bricht plötzlich Ironie ein, kippt der romantische Ton ins Sarkastische. Diese Technik der „Stimmungsbrechung“ war Heines ureigenste Erfindung – und sie machte ihn den Romantikern verdächtig.
Die Reisebilder, zwischen 1826 und 1831 in mehreren Bänden erschienen, zeigten eine andere Seite des Dichters. Hier erprobte Heinrich Heine eine revolutionäre Prosaform: feuilletonistisch, witzig, scharf beobachtend, politisch angriffig. Er verspottete den deutschen Philister, die preußische Bürokratie, die Enge der Kleinstaaterei. Die Zensur reagierte prompt. Die Reisebilder wurden in mehreren deutschen Staaten verboten – und gerade dadurch zum Bestseller. Man rechnet Heinrich Heine dem „Jungen Deutschland“ zu, jener losen Gruppe liberal gesinnter Schriftsteller, die 1835 durch einen Bundestagsbeschluss kollektiv verboten wurde. In Preußen und Österreich fielen Heines Werke unter dieses Verbot, in Bayern wurde die Zensur 1836 verschärft. Für Heine, der Deutschland bereits verlassen hatte, bestätigte sich, was er längst wusste: In diesem Land war für ihn kein Platz.
Zugleich war Heines politische Einstellung keineswegs eindeutig. Er bewunderte Napoleon I., akzeptierte später sogar Napoleon III. Er war befreundet mit Karl Marx, teilte dessen Kapitalismuskritik, misstraute aber dem Kommunismus als politischem System. Er sympathisierte mit den Saint-Simonisten und ihrem Traum einer gerechten Gesellschaft, blieb aber skeptisch gegenüber jeder Ideologie, die das Individuum dem Kollektiv opferte. Heinrich Heines politische Einstellung lässt sich auf keine Formel bringen – außer vielleicht auf diese: Er war für die Freiheit und gegen die Dummheit.
Paris: Exil und Lebensaufgabe
Im Mai 1831 kam Heinrich Heine nach Paris, und er sollte die Stadt nie wieder dauerhaft verlassen. Was als Reise begann, wurde zum Exil – und zum Lebensort. Paris war in den 1830er Jahren die Hauptstadt des liberalen Europa, ein Magnet für politische Flüchtlinge, Künstler und Intellektuelle aus aller Welt. Heine traf hier auf Giacomo Meyerbeer, Franz Liszt, Frédéric Chopin, Honoré de Balzac, George Sand und Alexandre Dumas. Er wurde Teil der kulturellen Elite der Stadt und genoss einen Ruf, den er in Deutschland nie in dieser Freiheit hätte haben können.
In Paris begegnete Heine auch seinen beiden Frauen. Créscence Eugenie Mirat, die er Mathilde nannte, wurde 1841 seine Ehefrau – eine einfache, kaum gebildete junge Frau, die kein Wort Deutsch sprach und vermutlich nie eine Zeile ihres Mannes gelesen hat. Heine liebte sie mit einer Innigkeit, die seine Freunde verblüffte. Elise Krinitz, die er „Mouche“ nannte, trat erst in seinen letzten Lebensjahren in sein Leben – eine junge, gebildete Verehrerin, die den todkranken Dichter besuchte und ihm zur letzten Muse wurde. Zwischen Mathilde und Mouche, zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit, saß Heine auch hier zwischen den Stühlen.
Doch der wahre Grund für Heines Bindung an Paris war nicht privater, sondern kultureller Natur. Heine sah es als seine Mission, zwei große Kulturen einander näherzubringen. Marcel Reich-Ranicki hat dies prägnant formuliert: Heine wollte den Franzosen die deutsche Philosophie und Dichtung erklären – und den Deutschen die französische Lebensart und politische Kultur.
Vermittler zwischen den Kulturen
Madame de Staël hatte 1813 mit ihrem Buch De l’Allemagne den Franzosen ein idealisiertes Bild Deutschlands gezeichnet: das Land der Dichter und Denker, verträumt und apolitisch. Heine setzte dagegen. Sein eigenes De l’Allemagne, das 1833 zunächst in der Pariser Zeitschrift Europe littéraire erschien und später als Buch unter dem deutschen Titel Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland herauskam, war ein brillantes Korrektiv. Heine zeigte den Franzosen ein Deutschland, das nicht nur träumte, sondern dachte – und dessen Gedanken gefährlich werden konnten. Er warnte, in einer prophetischen Passage, vor der zukünftigen Gewalt, die aus der deutschen Philosophie erwachsen könne.
In der Gegenrichtung versuchte Heine, den Deutschen die französische Kultur nahezubringen – was ihm in Deutschland den Ruf eines „Franzosenfreundes“ eintrug und den Hass der Nationalisten. Die Werke von Heinrich Heine bewegten sich stets in diesem Spannungsfeld: Heine und Deutschland, das war eine Beziehung von schmerzhafter Intensität. Sein Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen, entstanden nach einer riskanten Reise in die Heimat 1843, ist das großartigste Zeugnis dieser Haßliebe. Mit satirischer Schärfe und lyrischer Zartheit zugleich beschreibt Heine die Fahrt von Aachen nach Hamburg – durch ein Land, das er liebt und verachtet, dem er angehört und dem er nicht mehr angehören kann.
Zweimal wagte Heine die Reise nach Deutschland: 1843 und 1844 fuhr er nach Hamburg, um seine alte Mutter zu besuchen und seinen Verleger Julius Campe zu treffen. Es waren riskante Unternehmungen, denn ein Haftbefehl lag gegen ihn vor. Beide Male kehrte er unbehelligt zurück nach Paris – reich an Eindrücken, die in seine späten Werke einflossen.
Heines Französisch war übrigens nie gut genug, um auf Französisch zu dichten. Saint-René Taillandier, der den Romanzero ins Französische übertrug, bemerkte mit feiner Ironie, dass Heines Französisch zwar flüssig, aber stets als Sprache eines Fremden erkennbar gewesen sei. Heinrich Heine blieb, auch sprachlich, ein Dichter der deutschen Sprache – einer der wenigen deutschen Poeten von europäischem Rang.
Polemiker und Provokateur
Wer über das Leben von Heinrich Heine spricht, kommt an seiner Streitlust nicht vorbei. Heine war ein Polemiker von Gnaden, ein Meister der literarischen Fehde. Sein längster und erbitterster Gegner war Ludwig Börne, der andere große deutsch-jüdische Exilant in Paris. Beide kämpften für die Freiheit, aber auf grundverschiedene Weise: Börne war der moralische Rigorist, Heine der ästhetische Ironiker. Heines Denkschrift Ludwig Börne von 1840, geschrieben nach dem Tod des Rivalen, ist ein Meisterwerk der boshaften Charakteristik – und zugleich ein Dokument der Selbstzerstörung, denn es brachte ihm den Hass der demokratischen Linken ein.
Heines polemische Kraft richtete sich jedoch nicht nur gegen Einzelne. Er griff die preußische Zensur an, den deutschen Nationalismus, die spätromantische Schwermut, den christlichen Antisemitismus und den jüdischen Selbsthass mit gleicher Schärfe. Die schlesischen Weber, jenes berühmte Gedicht von 1844, das den Weberaufstand zum Anlass nimmt, die gesamte Gesellschaftsordnung anzuklagen, gehört zu den wirkungsmächtigsten Texten der politischen Lyrik in deutscher Sprache.
Was Heine dabei leistete, war mehr als bloße Satire. Er vollzog, was die Literaturwissenschaft als „Entpathetisierung der deutschen Dichtung“ bezeichnet hat: eine radikale Ernüchterung des poetischen Tons. Wo die Romantiker in erhabenen Gefühlen schwelgten, setzte Heine den Witz, die Ironie, den Alltagston. Er zerstörte die Illusion der schönen Seele – und schuf damit eine neue, moderne Art des Schreibens. In dieser Hinsicht war er ein Nachfolger Lord Byrons, dessen Themen – enttäuschte Liebe, Todessehnsucht, romantische Ironie – Heine aufgriff und ins Deutsche übertrug.
Die letzten acht Jahre seines Lebens verbrachte Heinrich Heine in dem, was er selbst seine „Matratzengruft“ nannte. Seit 1848 an eine schwere Rückenmarkserkrankung gefesselt, lag er, nahezu vollständig gelähmt und halbblind, in seinem Pariser Zimmer. Doch Heine schrieb weiter. Der Romanzero von 1851, die Gedichte 1853 und 1854 und die Mémoires entstanden in dieser Zeit des Leidens – Werke von einer Intensität und Todesnähe, die in der deutschen Literatur ihresgleichen suchen. Am 17. Februar 1856 starb Heinrich Heine in Paris. Er wurde auf dem Friedhof Montmartre beigesetzt.
Nachwirkung: Vom Urvater Heine zur Neuen Sachlichkeit
Heines Wirkung auf die deutsche Literatur ist kaum zu überschätzen. Er hat eine ganze Tradition begründet: die Tradition der ironischen, politisch wachen, sprachlich präzisen Dichtung, die Poesie und Journalismus verbindet. Mascha Kaléko nannte ihn den „Urvater Heine“, und tatsächlich ist die Linie, die von Heine zur Neuen Sachlichkeit führt, unnüberhörbar. Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz und eben Mascha Kaléko – sie alle stehen in der Nachfolge Heines, im Ton der Ironie, in der Verbindung von Lyrik und Zeitkritik, in der Weigerung, die Dichtung von der Wirklichkeit zu trennen.
In Frankreich war die Rezeption Heines stets eng mit dem Stand der deutsch-französischen Beziehungen verknüpft. In den 1860er und 1870er Jahren, als die politischen Spannungen zwischen beiden Ländern zunahmen, wurde Heine von französischen Kritikern wahlweise als Kronzeuge gegen den deutschen Militarismus oder als typisch deutscher Dichter vereinnahmt. Heines Leistung als Kulturvermittler wurde dabei oft übersehen – oder erst spät anerkannt.
In Deutschland selbst blieb das Verhältnis zu Heine lange gespalten. Die Düsseldorfer Universität, die sich erst 1988 nach langjährigen Kontroversen den Namen „Heinrich-Heine-Universität“ gab, ist dafür ein sprechendes Beispiel. Es brauchte Jahrzehnte der Debatte, ehe sich die Stadt, in der Heine geboren wurde, dazu durchringen konnte, ihren berühmtesten Sohn auch offiziell zu ehren.
Die Loreley und das Nachleben
Keine Episode illustriert Heines paradoxe Stellung in der deutschen Kultur besser als die Geschichte seines berühmtesten Gedichts. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten – das Lied von der Loreley – war so tief ins deutsche Volksbewusstsein eingedrungen, dass selbst die Nationalsozialisten es nicht tilgen konnten. Sie beließen das Gedicht in den Schulbüchern, strichen aber den Autorennamen und ersetzten ihn durch die Angabe: „Dichter: unbekannt“. Es ist eine Geste von unfreiwilliger Komik und zugleich von erschreckender Symbolkraft: Man wollte das Werk behalten, aber den Juden Heine auslöschen.
Heute gehört Heinrich Heine zu den am meisten vertonten Dichtern der deutschen Sprache. Robert Schumann, Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy und zahllose weitere Komponisten haben seine Verse in Musik gesetzt. Der Dichterliebe-Zyklus von Schumann, nach Gedichten aus dem Buch der Lieder, zählt zu den Höhepunkten des romantischen Kunstlieds. In dieser Verbindung von Wort und Musik lebt Heines Werk auf eine Weise fort, die der Dichter selbst vermutlich am meisten geschätzt hätte.
Heines Bedeutung beschränkt sich freilich nicht auf die Lyrik. Seine Prosa – die Reisebilder, die journalistischen Arbeiten aus Paris, die großen Essays über Religion, Philosophie und Literatur – hat das deutsche Feuilleton begründet und den Weg für einen modernen, eleganten Prosastil geöffnet. In den Werken von Heinrich Heine verschmelzen Dichtung und Denken, Gefühl und Analyse, Schönheit und Angriff zu einer Einheit, wie sie in der deutschen Literatur einzigartig geblieben ist. Er war, in Reich-Ranickis Worten, ein „Genie der Haßliebe“ – und die deutsche Kultur tut gut daran, beide Seiten dieser Haßliebe anzunehmen.
Werkausgaben und Literatur
Werkausgaben (Auswahl)
- Heinrich Heine: Sämtliche Schriften. Hg. von K. Briegleb. 6 Bde. München 1968–1976.
- Ders.: Sämtliche Werke. Düsseldorfer Ausgabe. Hg. von M. Windfuhr. 16 Bde. Hamburg 1973–1997.
- Ders.: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke [= Düsseldorfer Heine-Ausgabe, DHA]. Hg. von M. Windfuhr. Hamburg 1973–1997.
- Ders.: Buch der Lieder. Hg. von B. Kortländer. (Reclams Universal-Bibliothek 2231). Stuttgart 2006.
Literatur (Auswahl)
- M. Reich-Ranicki: Der Fall Heine. Stuttgart 1997.
- J. A. Kruse: Heinrich Heine. Leben und Werk in Daten und Bildern. Frankfurt a. M. 1983.
- G. Höhn: Heine-Handbuch. Zeit, Person, Werk. 3., überarb. u. erw. Aufl. Stuttgart/Weimar 2004.
- J. Hermand / R. C. Holub: Heinrich Heine. Epoche – Werk – Wirkung. München 1997.
- R. Robertson: Heine. (Jewish Thinkers). London 1988.
