Es gibt Gedichte, die liest man und denkt: Das hätte ich selbst schreiben können. Genau so fühle ich. Genau so klingt mein Alltag, meine Sehnsucht, mein verpasster Bus am Morgen. Doch dann merkt man, dass es einer ganz besonderen Begabung bedarf, das Selbstverständliche so zu sagen, dass es plötzlich leuchtet. Mascha Kaléko besaß diese Begabung. Ihre Gedichte und Verse trafen den Ton einer ganzen Generation – jener Berliner der späten Weimarer Republik, die zwischen Aufbruch und Abgrund lebten. Sie schrieb über Stenotypistinnen und Liebeskummer, über Hinterhofwohnungen und das Glück eines freien Nachmittags, und sie tat es mit einer Leichtigkeit, die das Kunststück verbarg. Man hat Mascha Kaléko mit Tucholsky und Kästner verglichen, und der Vergleich ist berechtigt. Doch ihre Stimme war eigen: zärtlicher, weiblicher, melancholischer. Dies ist die Geschichte einer Dichterin, die Berlin eroberte, von Berlin vertrieben wurde und deren Lyrik heute eine Renaissance erlebt, wie sie zu Lebzeiten kaum vorstellbar gewesen wäre.
Die Stimme des Berliner Alltags
Mascha Kaléko wurde am 7. Juni 1907 als Golda Malka Aufen im galizischen Schidlow geboren, einer Kleinstadt im heutigen Polen. Die Familie – jüdisch, vielsprachig, von den Unruhen Osteuropas getrieben – zog früh westwärts, erst nach Frankfurt am Main, dann nach Marburg, schließlich 1918 nach Berlin. Es war das Berlin der Nachkriegsjahre, chaotisch und elektrisch, und das Mädchen Mascha wuchs hinein in eine Stadt, die sie nie wieder loslassen sollte.
In Berlin besuchte Kaléko die Schule und später Vorlesungen in Philosophie und Psychologie. Sie heiratete 1928 den Hebraisten Saul Aaron Kaléko, dessen Namen sie fortan trug. Doch wichtiger als Studium und Ehe war für die junge Frau das Schreiben. Schon seit ihrer Jugend verfasste sie Verse – zunächst für die Schublade, dann mit wachsendem Selbstbewusstsein für die Öffentlichkeit. Was Mascha Kaléko von vielen Dichterinnen ihrer Zeit unterschied, war ihre Sprache: kein expressionistisches Pathos, keine hermetische Verdunklung, sondern ein Ton, der dem Gespräch auf der Straße abgelauscht schien. Ihre Gedichte klangen, als würden sie im Café erzählt, bei einer Tasse Kaffee, zwischen zwei Zigaretten.
Ab 1929 veröffentlichte Kaléko regelmäßig in der Vossischen Zeitung, einem der renommiertesten Blätter Berlins. Unter der Rubrik „Alltagslyrik“ erschienen ihre Verse, und der Titel war Programm: Mascha Kaléko schrieb über den Alltag, aber sie verklärte ihn nicht. Sie beobachtete präzise, spottete liebevoll und traf mit wenigen Zeilen, was andere in ganzen Romanen nicht sagen konnten.
Im Romanischen Café
Wer in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren zum literarischen Berlin gehören wollte, ging ins Romanische Café am Kurfürstendamm. Hier saßen die Schriftsteller, Journalisten, Maler und Schauspieler der Weimarer Republik an marmornen Tischchen beisammen: Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Erich Kästner, Billy Wilder. Und zwischen ihnen, anfangs noch schüchtern, bald mit wachsender Sicherheit: Mascha Kaléko.
Das Romanische Café wurde für die junge Dichterin zum zweiten Wohnzimmer. Hier traf sie Gleichgesinnte, hier las sie ihre Gedichte vor, hier erntete sie erste Anerkennung. Außerdem besuchte sie das Künstlerkabarett „Kü-Ka“, wo ihre Verse auf der Bühne vorgetragen wurden – ein Brückenschlag zwischen Literatur und Unterhaltung, der typisch war für Kalékos Kunst. Denn ihre Lyrik war nicht für den Elfenbeinturm bestimmt. Sie wollte gehört werden, und sie wurde gehört.
Hier, im Romanischen Café, lernte Mascha Kaléko auch den Musiker und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen, einen aus Russland stammenden Chordirigenten und Experten für liturgische Musik. Die Begegnung sollte ihr Leben verändern. Kaléko verliebte sich in Vinaver, eine Verbindung, die zur Scheidung von ihrem ersten Mann und später zur Heirat mit Vinaver führte. Er wurde ihr Lebensgefährte, Vater ihres Sohnes Steven und Begleiter durch die dunkelsten Jahre.
Das lyrische Stenogrammheft und der frühe Ruhm
1933, in jenem verhängnisvollen Jahr, in dem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, erschien Mascha Kalékos erstes Buch: Das lyrische Stenogrammheft, herausgegeben vom Rowohlt Verlag. Der Titel war so klug gewählt wie die Gedichte selbst – er spielte auf die Welt der Angestellten an, der Stenotypistinnen und Büromenschen, über die Kaléko mit so viel Witz und Empathie schrieb. Das Buch wurde ein überraschender Erfolg. In einer Zeit, in der sich die politischen Verhältnisse dramatisch verdunkelten, sehnten sich die Leserinnen und Leser nach diesen leichten, klugen, menschlichen Versen.
Die Kritik war begeistert. Man verglich Mascha Kaléko mit Heinrich Heine – jenem „Urvater“, wie sie ihn später selbst nannte, dessen Mischung aus Ironie und Gefühl auch ihre eigene Lyrik prägte. Wie Heine verstand Kaléko es, im leichten Ton das Schwere zu verhandeln, in der Pointe den Schmerz zu verbergen. Und wie Heine war sie eine jüdische Dichterin in Deutschland, was bald zur existentiellen Bedrohung werden sollte.
Bereits 1935 folgte der zweite Gedichtband: Kleines Lesebuch für Große. Auch dieses Buch fand seine Leser, obwohl sich die Lage für jüdische Autoren in Deutschland rapide verschlechterte. 1938 setzte das nationalsozialistische Regime die Gedichte von Mascha Kaléko auf die Liste der verbotenen Literatur. Doch verbotene Bücher verschwinden nicht so leicht. Kalékos Verse kursierte weiter – abgeschrieben, weitergereicht, auswendig gelernt. Die Gedichte hatten längst ein Eigenleben begonnen.
Exil und der Verlust der Sprache
1938 floh Mascha Kaléko mit Chemjo Vinaver und dem gemeinsamen Sohn Steven über Paris nach New York. Das Exil – für so viele deutschsprachige Künstler Rettung und Tragödie zugleich – traf die Dichterin an ihrem empfindlichsten Punkt: der Sprache. Denn Kalékos Gedichte lebten von der deutschen Umgangssprache, vom Klang des Berliner Alltags, von der Melodie der Straßen und Cafés. In New York war diese Sprache plötzlich ohne Resonanzraum.
Die Familie lebte bescheiden. Mascha Kaléko schrieb Werbetexte und Reklameslogans, um den Lebensunterhalt zu bestreiten – eine bittere Ironie für eine Dichterin, die das Werbesprech in ihren Berliner Gedichten so treffsicher parodiert hatte. Daneben veröffentlichte sie Artikel und Verse in der deutschsprachigen Exilzeitung Aufbau, die in New York erschien und zum wichtigsten Forum der emigrierten jüdischen Intelligenz wurde.
1945, noch bevor der Krieg in Europa endete, erschien in Cambridge (Massachusetts) Kalékos dritter Gedichtband: Verse für Zeitgenossen. Es war das erste deutschsprachige Lyrikbuch, das in den Vereinigten Staaten publiziert wurde – ein bemerkenswerter Akt kultureller Selbstbehauptung. Die Gedichte in diesem Band waren anders als die früheren: ernster, nachdenklicher, geprägt von der Erfahrung des Verlusts. Der leichte Berliner Ton war einem tieferen Timbre gewichen. Mascha Kaléko schrieb nun über Heimweh, über die Fremde, über das Weiterleben nach der Katastrophe. Und doch blieb jene Klarheit erhalten, die ihre frühen Verse ausgezeichnet hatte – die Fähigkeit, das Wesentliche in wenige Zeilen zu fassen.
„Mein schönstes Gedicht? / Ich schrieb es nicht. / Aus tiefsten Tiefen stieg es. / Ich schwieg es.“
Dieses Vierzeiler-Zitat ist heute eines der bekanntesten Zitate von Mascha Kaléko – ein Miniaturgedicht, das das Verhältnis von Sprache und Schweigen, von Dichtung und Erfahrung in vier Zeilen verdichtet.
Ein Comeback mit Prinzipien
Nach dem Krieg und den langen Jahren des Exils kehrte Mascha Kaléko nicht dauerhaft nach Deutschland zurück, doch sie kehrte zurück in das Bewusstsein der deutschen Leser. Ab 1956 wurden ihre Bücher in Deutschland neu aufgelegt, und die Resonanz war überwältigend. Eine neue Generation entdeckte die Gedichte der Kaléko und erkannte in ihnen eine Aktualität, die über die historische Situation hinausging. 1958 unternahm die Dichterin eine ausgedehnte Lesereise durch Deutschland und die Schweiz. Die Säle waren voll, das Publikum begeistert. Es schien, als könne Mascha Kaléko an ihren frühen Ruhm anknüpfen.
Dann kam der Fontane-Preis. 1960 sollte Kaléko den renommierten Berliner Literaturpreis erhalten, eine späte Ehrung für ihr Lebenswerk. Doch als sie erfuhr, dass in der Jury ein ehemaliges NSDAP-Mitglied saß, lehnte sie die Auszeichnung ab. Es war eine einsame Entscheidung, denn der Preis hätte ihre Rückkehr ins literarische Establishment besiegelt. Doch Mascha Kaléko war keine Frau der Kompromisse. Die Ablehnung kostete sie Sympathien im Kulturbetrieb und verzögerte ihre Wiederentdeckung in Deutschland um Jahre. Aber sie bewahrte ihre Selbstachtung – und die Nachwelt hat ihr recht gegeben.
Der Vorfall um den Fontane-Preis ist mehr als eine Fußnote der Literaturgeschichte. Er wirft ein Schlaglicht auf das Nachkriegsdeutschland der sechziger Jahre, in dem die Vergangenheit so oft unter den Teppich gekehrt wurde, während die Opfer des Nationalsozialismus Haltung zeigten. Mascha Kaléko, die Dichterin der leichten Verse, bewies in diesem Moment eine Schwere, die in keinem ihrer Gedichte steht und die doch alles durchzieht.
Jerusalem und die späten Jahre
Anfang der sechziger Jahre zog Mascha Kaléko mit Chemjo Vinaver nach Jerusalem. Die Entscheidung hatte persönliche und politische Gründe – der Wunsch nach einer jüdischen Heimat, die Enttäuschung über Deutschland, das Bedürfnis nach einem Neuanfang. Doch Jerusalem war nicht Berlin und nicht New York. Die Dichterin, die ihre Sprache aus der Großstadt bezogen hatte, fand sich in einer Umgebung wieder, in der Deutsch eine Randsprache war.
Die Jahre in Jerusalem waren geprägt von persönlichen Verlusten. 1968 starb ihr Sohn Steven im Alter von nur 31 Jahren. Es war ein Schlag, von dem sich Mascha Kaléko nie erholte. Wenig später verlor sie auch Chemjo Vinaver, ihren Mann und engsten Vertrauten. Die Einsamkeit der letzten Lebensjahre spiegelt sich in Gedichten von schneidender Trauer und stiller Resignation.
Doch Kaléko schrieb weiter. Sie arbeitete an neuen Versen, übersetzte englischsprachige Lyrik und unterhielt eine umfangreiche Korrespondenz. Ihre späten Gedichte sind schmaler geworden, konzentrierter, jedes Wort sitzt. Die Leichtigkeit der Berliner Jahre ist einer Weisheit gewichen, die das Vergangene nicht verklärt, aber auch nicht verleugnet.
1974, ein Jahr vor ihrem Tod, unternahm Mascha Kaléko eine letzte Reise nach Europa. Sie besuchte Berlin, die Stadt ihrer Jugend, und Zürich. Es wurde ein Abschied. Am 21. Januar 1975 starb Mascha Kaléko in Zürich. Sie wurde 67 Jahre alt.
Erbe einer vergessenen Dichterin
Lange nach ihrem Tod galt Mascha Kaléko als vergessene Dichterin. Ihre Bücher waren antiquarische Raritäten, ihr Name in den Literaturgeschichten kaum erwähnt. Das hat sich gründlich geändert. Seit den neunziger Jahren erlebt das Werk der Kaléko eine bemerkenswerte Wiederentdeckung. Neue Ausgaben ihrer Gedichte erschienen bei dtv und Hanser, ihre Zitate verbreiteten sich in sozialen Medien, und eine junge Leserschaft entdeckte, dass diese Verse aus den dreißiger Jahren erstaunlich gegenwärtig klingen.
Was macht die anhaltende Faszination der Gedichte von Mascha Kaléko aus? Zunächst ihre Zugänglichkeit. Kaléko schrieb keine Lyrik für Fachleute, sondern für Menschen. Ihre Verse setzen kein Germanistik-Studium voraus, sie sprechen unmittelbar an, beim ersten Lesen. Und doch sind sie nicht simpel – unter der scheinbaren Leichtigkeit verbirgt sich handwerkliche Meisterschaft. Die Reime sitzen, die Bilder stimmen, der Rhythmus trägt. Wie bei ihrem „Urvater“ Heine ist die Einfachheit das Ergebnis höchster Könnerschaft.
Hinzu kommt die Universalität ihrer Themen. Mascha Kalékos Gedichte handeln von Liebe und Einsamkeit, von Sehnsucht und Enttäuschung, vom Glück des Augenblicks und der Flüchtigkeit allen Glücks. Das sind Themen, die nicht veralten. Und die Form, in der Kaléko sie behandelt – knapp, pointiert, mit einem Schuss Selbstironie –, entspricht dem Lebensgefühl einer Gegenwart, die für langatmige Bekenntnisse keine Geduld hat.
Schließlich ist da die Biografie. Die Geschichte der jüdischen Dichterin, die Berlin liebte und von Berlin vertrieben wurde, die im Exil ihre Sprache verlor und doch nie aufhörte zu schreiben – diese Geschichte berührt, weil sie exemplarisch ist für das Schicksal einer ganzen Generation. Mascha Kaléko steht neben Nelly Sachs und Rose Ausländer in der Reihe jener deutsch-jüdischen Dichterinnen, die das 20. Jahrhundert mit seinen Katastrophen durchlebten und in der Sprache der Täter ihre schönsten Verse schrieben.
Heute gehört Mascha Kaléko zu den meistgelesenen deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Gedichte werden in Schulen gelesen, auf Bühnen vorgetragen und in sozialen Netzwerken geteilt. Straßen und Schulen tragen ihren Namen. Und wer an einem Nachmittag in einem Berliner Café sitzt und eines ihrer Gedichte aufschlägt, der spürt vielleicht für einen Moment jene merkwürdige Nähe, die nur große Lyrik herstellen kann – die Nähe zu einem Menschen, der seit fünfzig Jahren tot ist und der dennoch genau das ausspricht, was man selbst empfindet.
Werkausgaben und Literatur
Werkausgaben (Auswahl)
- Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1956. [Nachdruck der Erstausgaben von 1933 und 1935].
- Dies.: Verse für Zeitgenossen. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1958. [Erstausgabe: Cambridge, MA 1945].
- Dies.: Das himmelgraue Poesie-Album. Hg. von E. Zoch. München (dtv) 2012.
- Dies.: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Hg. von J. Rosenkranz, unter Mitarbeit von C. Brandt. München (dtv) 2012.
Literatur (Auswahl)
- J. Rosenkranz: Mascha Kaléko. Biografie. München (dtv) 2007.
- G. Zoch-Westphal: „Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko“. In: Sinn und Form 59 (2007), H. 1, S. 85–103.
- A. Nolte: Mascha Kaléko – Dichterin zwischen Welten. Berlin 2003.
- C. Brandt: „Mein Lied geht weiter. Mascha Kaléko und das Exil“. In: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 17 (1999), S. 184–201.
