In Berlin-Mitte, unweit der Spree, trägt eine Straße den Namen einer Frau, die im 18. Jahrhundert zu den berühmtesten Persönlichkeiten der preußischen Hauptstadt zählte. Heute kennen nur noch wenige ihren Namen: Anna Louisa Karsch -- von den Zeitgenossen kurz die Karschin genannt. Ihre Geschichte klingt wie ein Roman, den sich niemand auszudenken wagte. Vom verarmten Hirtenmädchen zur gefeierten Dichterin, von der Magd zur Gesprächspartnerin Goethes -- kaum ein Lebenslauf in der deutschen Literaturgeschichte ist so ungewöhnlich wie der ihre.
Eine Kindheit zwischen Büchern und Rinderherden
Am 1. Dezember 1722 kam Anna Louisa als Tochter des Gastwirts Christian Dürbach auf der Meierei "Hammer" zwischen Züllichau und Krossen in der Neumark zur Welt. Ihr Vater, ein wohlwollender Mann, starb bereits 1728, als das Mädchen gerade sechs Jahre alt war. Die Mutter, wenig geneigt, sich um die Bildung der Tochter zu kümmern, gab sie zu einem Großonkel nach Tirschtiegel bei Meseritz.
Dieser Großonkel war Amtmann und erkannte offenbar die Begabung des Kindes. Er brachte ihr Lesen, Schreiben und Rechnen bei und begann sogar, sie in den Grundzügen des Lateinischen zu unterrichten. Vier Jahre lang dauerte dieses Glück -- es sollten die einzigen Jahre bleiben, in denen Anna Louisa Karsch eine formale Ausbildung genoss. Denn die mittlerweile wiederverheiratete Mutter forderte sie zurück: als Magd, als Hüterin der jüngeren Geschwister, als Viehhirtin.
Gerade diese Erniedrigung wurde zum Stoff einer poetischen Legende. Während sie Rinder hütete, verschlang das Mädchen alte Volksbücher, Märchen aus Tausendundeiner Nacht und den "Robinson Crusoe". Später gestaltete sie diese Zeit zu einer geradezu mythischen Berufungsgeschichte aus: Ein flüchtendes Rind soll sie zu einem lesenden Hirten geführt haben, der ihr die Welt der Bücher eröffnete. Die Biographen glaubten es ihr bereitwillig. Ob wahr oder erfunden -- die Geschichte zeigt bereits die erzählerische Kraft, die Anna Louisa Karsch zeitlebens auszeichnete.
Zwei Ehen, keine Rettung
Das Schicksal begabter Frauen im 18. Jahrhundert folgte einem grausam vorhersagbaren Muster. Mit gerade einmal fünfzehn Jahren wurde Anna Louisa 1738 mit dem Tuchmacher Hirsekorn in Schwiebus verheiratet. Ihr Mann war fleißig, berechnend, geizig -- und für alles Geistige ohne jeden Sinn. Elf Jahre ertrug sie diese Verbindung. Als das Gesetz es 1745 endlich zuließ, ließ sich Hirsekorn schleunigst von seiner dichtenden Frau scheiden. Sie war wieder schwanger.
Ohne Mittel und ohne Unterstützung heiratete sie bald darauf den Schneider Karsch, einen mitleidigen Wandergesellen, dem sie ins polnische Fraustadt folgte. Drei weitere Kinder brachte sie dort zur Welt. Doch auch diese Ehe brachte kein dauerhaftes Glück: Karsch verfiel dem Trunk und wurde gewalttätig. Was ihr jedoch blieb, war eine neue Einkommensquelle, die sie aus schierer Not entdeckte.
Sie begann, Gelegenheitsverse zu verfassen. Strophen für Beerdigungen, Sprüche für Taufen und Hochzeiten, Schnellreime aus dem Stegreif zur Unterhaltung verblüffter Gesellschaften -- wofür auch immer Verse verlangt wurden, Anna Louisa lieferte sie. Ihr erstes Honorar war ein geschenkter Rock. Es war die nackte Not, die sie dichten lehrte. In diesen frühen Jahren war sie, wie ein Chronist bemerkte, eine "Marketenderin der Poesie" -- noch keine Dichterin, aber eine Frau, die das Wort zu ihrem Werkzeug machte.
Der Ruf der Hauptstadt
Das Blatt wendete sich, als Lehrer und Pfarrer auf die begabte Verseschmiedin aufmerksam wurden und ihr 1755 die Übersiedlung ins preußische Glogau ermöglichten. Hier schrieb Anna Louisa Karsch Gesänge auf die Siege Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg -- patriotische Hymnen, die auf Flugblättern gedruckt und bis nach Berlin getragen wurden. Der Philosoph Moses Mendelssohn bescheinigte ihr zunächst ein "ungemeines Genie".
Durch diese Lobgedichte auf den König öffneten sich ihr die Türen der preußischen Junkersfamilien. Die Bekanntschaft mit preußischen Offizieren bot ihr schließlich sogar die Möglichkeit, sich ihres trunksüchtigen Mannes zu entledigen: Mit Hilfe ihrer Bekannten ließ sie ihn zum Militärdienst einziehen. Als Karsch später anbettelte, zu ihr zurückkehren zu dürfen, setzte ihr Selbsterhaltungstrieb der Herzensgüte eine vernünftige Grenze. Sie lehnte ab.
Im Januar 1761 brachte Baron von Kottwitz die Karschin schließlich nach Berlin. Der Gelehrte Johann Georg Sulzer berichtete dem Schweizer Dichter und Kritiker Bodmer in überschwänglichen Worten von ihrer Ankunft:
"[...E]ine Dichterin, die bloß die Natur gebildet hat und die, nur von den Musen gelehrt, große Dinge verspricht. [...] Sie besitzt einen ausnehmenden Geist, eine schnelle und sehr glückliche Vorstellungskraft. Sie drückt sich über alles mit der größten Fähigkeit so gut aus, wie irgend ein Mensch tun kann, der sein ganzes Leben mit Nachdenken zugebracht hat [...]. Ich zweifle sehr, ob jemals ein Mensch die Sprache und den Reim so sehr in seiner Gewalt gehabt hat, als diese Frau."
Johann Georg Sulzer an Johann Jakob Bodmer, 1761
Jongleurin der Worte: Die Karschin in den Berliner Salons
Die Berliner Gesellschaft empfing die Karschin mit einer Mischung aus Neugier und Herablassung. Sie besaß nämlich drei Eigenschaften, die in den Augen der Zeit wenig zusammenzupassen schienen: Sie war eine Frau, sie galt als wenig ansehnlich, und sie sprach in Versen. Da sich in fast allen Epochen das Weibliche und die Poesie mit Vorstellungen von Schönheit verbanden, verblüffte es die Gesellschaft, dass beides sich nun in so robuster Gestalt zeigte.
In den vornehmen Häusern wurde sie herumgereicht wie ein Naturphänomen. Man warf ihr Reimworte zu, wie einem Jongleur die Bälle. Sie musste sie fangen, ordnen, in Verse verwandeln. Die Reihe "Ehe, Sehe, Paradies, Ließ, Seide, Freude, Brust" formte sie in Blitzesschnelle zum folgenden Gelegenheitsgedicht:
Sei mir gesegnet, goldne Ehe,
Anna Louisa Karsch, improvisiertes Gelegenheitsgedicht
Die ich in einem Traum mit Seelenauge sehe!
Du lächelst und du bist vielleicht das Paradies,
Das nicht ein Gott verschließen ließ.
Du knüpfest Herzen nur mit Banden weicher Seide,
Und ihr Geschäft ist nichts als Freude,
Aus beiden wird nur Eine Brust! [...]
Natürlich sprang die feine Gesellschaft mit der Dichterin um, wie der Adel es mit dem gemeinen Volk zu tun pflegte. Doch wäre Anna Louisa Karsch lediglich dem Mutwillen der oberen Kreise ausgeliefert gewesen, wäre sie kaum in die Literaturgeschichte eingegangen. Was sie auszeichnete, war etwas anderes: Die Karschin kümmerte sich weder um manieristisches Gehabe noch um Verslehre und metrische Regeln. Sie verließ sich ganz auf ihren Menschenverstand, auf ihr spontanes musikalisch-rhythmisches Empfinden. Und genau das machte sie für die Dichter und Gelehrten ihrer Zeit zu einem regelrechten Naturereignis.
Die deutsche Sappho und ihr Kreis
Bereits im Jahr 1761 besuchte der Dichter Ludwig Gleim die Karschin in Berlin. Der Kanonikus aus Halberstadt war der erste, der ihren Ruhm mit unermüdlichem Eifer in seinem weiten Freundeskreis verbreitete. Bald lud er sie nach Halberstadt ein. Dort führte er die "deutsche Sappho" -- so der Ehrentitel, den sie fortan trug -- seinen Domherren vor, die sie feierlich zur Dichterin krönten.
Nach ihrem Aufenthalt in Halberstadt lebte die Karschin ein Jahr in Magdeburg, wo sie erneut gefeiert und reich beschenkt wurde. Da sie die Siege Friedrichs des Großen besungen hatte, drang ihr Ruf bis an den preußischen Hof. Die Königin Elisabeth Christine, die vor den russischen Truppen nach Magdeburg geflohen war, lud sie 1762 zu Tee und Vortrag. Für Prinzessin Amalie, die komponierende Schwester des Königs, verfasste Anna Louisa Karsch den Text zu einer Kantate. Bei jeder festlichen Gelegenheit erwies sie der vielköpfigen königlichen Familie ihre Reverenz in Versen und knüpfte so enge Beziehungen zum Hofe.
Die dichtenden Grafen zu Stolberg-Wernigerode zahlten ihr ein jährliches Taschengeld, ebenso später die Herzöge von Braunschweig. Für den täglichen Lebensunterhalt reichte das allerdings bei weitem nicht. Als die Karschin im Oktober 1762 nach Berlin zurückkehrte, musste sie mit Elendsquartieren vorliebnehmen. Schließlich hauste sie in einer Kammer unter dem Dach, die sie selbst bitter als "einer Kammer in der Bastille gleich" beschrieb.
Ein König, der sein Wort nicht hielt
Die Anfänge der deutschen Literatur standen im Preußen Friedrichs des Großen unter keinem günstigen Stern. Der "Philosoph von Sanssouci" las und schrieb ausschließlich auf Französisch. Zu den wenigen deutschen Autoren, denen er Aufmerksamkeit schenkte, gehörte der sächsische Fabeldichter Gellert. Dass die Karschin -- die mit dem Monarchen übrigens die Schwäche in der deutschen Orthographie teilte -- überhaupt eine Audienz erhielt, verdankte sie allein ihrer Hartnäckigkeit.
Nach wochenlangem Antichambrieren wurde sie am 11. August 1763 endlich vorgelassen, wohl nicht ohne Hilfe des ihr gewogenen Generals von Seydlitz und des königlichen Gesellschafters Guichard, der eigens zwei ihrer Gedichte ins Französische hatte übersetzen lassen. Der König versprach ihr ein Haus und eine Jahrespension. Erhalten sollte sie beides nicht.
Zehn Jahre später, 1773, wurde die Karschin erneut vorstellig und bat um das versprochene Haus. Als Antwort erhielt sie ein Schreiben mit Hofstaatssiegel -- und zwei Talern Inhalt. Sie schickte das Almosen zurück und verfasste dazu Verse, die zu den selbstbewusstesten Zeilen gehören, die je eine Untertanin an einen Monarchen richtete:
Zwey Thaler gibt kein großer König,
Anna Louisa Karsch an Friedrich den Großen
Ein solch Geschenk vergrößert nicht mein Glück,
Nein, es erniedrigt mich ein wenig,
Drum geb ich es zurück.
1783, als an der Fischerbrücke endlich eine passende Baustelle gefunden war, wandte sie sich ein weiteres Mal an den König. Diesmal waren es drei Taler, die als Antwort kamen. Auch diese sandte sie zurück. Friedrich der Große hat sein Versprechen nie eingelöst.
Zwischen Bewunderung und Kritik
Während die Karschin um ihre materielle Existenz kämpfte, war Gleim seinem Versprechen treu geblieben. Zusammen mit Sulzer gab er 1764 die "Auserlesenen Gedichte" heraus. Doch gerade diese Veröffentlichung wurde der Dichterin zum Verhängnis. Solange sie ihre Verse im Augenblick schuf, war sie zugleich angepasst und ungewöhnlich, modern und altmodisch -- eine Figur zwischen den Zeiten. Ihr Ruhm speiste sich aus genau dieser Verwirrung der Maßstäbe.
Als die Gedichte nun aber schwarz auf weiß vorlagen, konnte verglichen und geurteilt werden. Sulzer selbst wurde es bang, als er sah, was sie ihm täglich an Material vorlegte -- eine Flut von Versen, unter denen kaum ein mittelmäßiges hervorstach. Die Karschin hatte Gelegenheitsdichtung verfasst: Verse für bestimmte Anlässe, die in einem Buch ihren eigentlichen Zweck verloren. Da sie Poesie als Handwerk betrieb, dichtete sie für Feiertage feierlich, was im Moment wirkte, als gedruckter Text aber seinen Reiz einbüßte. Ihre Metaphorik von Blitz und Donner, Sturm und Regenguß, brennender Sonne und kühlender Nacht entstammte dem barocken Herrschergedicht -- ein hoher Ton, den das aufgeklärte Zeitalter bereits als abgeschmackt empfand.
In seinen "Literaturbriefen" widmete Moses Mendelssohn der Karschin sechzig Seiten. Er ging jeden Vers durch, entdeckte zwar viele gute Anlagen, konstatierte aber einen auffälligen Mangel an Bildung. Ausgerechnet die deutsche Sappho beherrschte nicht einmal die Aussprache der griechischen Namen, mit denen sie spielte -- die Metren zeigten, dass sie deren Betonung oft auf die falsche Silbe legte. Selbst Herder, der gerade die Lehre von der Naturhaftigkeit des Genies formuliert hatte, wollte an dieser deutschen Sappho nichts vom Griechentum erkennen.
Trotz vernichtender Kritik musste die Karschin zum Broterwerb weiterdichten. Gleim betrieb weiterhin ihr Geldgeschäft und legte 2000 Taler günstig an, sodass sie von den Zinsen hätte leben können. Doch Anna Louisa konnte sich aus dem traditionellen Sippendenken nicht lösen: Zahlreiche Geschwister und Halbbrüder wollten miternährt werden.
Goethe, das eigene Haus und die letzten Jahre
Einen besonderen Platz in den letzten Jahrzehnten der Karschin nimmt ihre Korrespondenz mit dem jungen Goethe ein. Der Dichter aus Frankfurt erfreute sich an der Unverwüstlichkeit dieser Frau, die, wie er fand, "ein Stück Komödie im Leben" war. 1775 schrieb er ihr:
"Schicken Sie mir doch auch manchmal was aus dem Stegreif, mir ist alles lieb und werth, was treu und stark aus dem Herzen kommt, mags übrigens aussehen wie ein Igel oder wie ein Amor."
Johann Wolfgang von Goethe an Anna Louisa Karsch, 1775
1778 besuchte Goethe sie während seines Berlinaufenthaltes persönlich. Es war eine jener Begegnungen, die zeigen, dass die Karschin trotz aller Rückschläge nie aufgehört hatte, die literarische Welt zu faszinieren.
Die Erlösung kam erst mit dem Thronwechsel. Friedrich Wilhelm II. löste 1786 anlässlich seines Regierungsantritts das königliche Versprechen seines Vorgängers ein und ließ der Dichterin das Haus in der Neuen Promenade 1 erbauen. Im Mai 1789 -- im selben Jahr, in dem in Paris die Revolution ausbrach -- konnte Anna Louisa Karsch endlich in ihr eigenes Heim einziehen. Es sollten ihr nur noch zwei Jahre darin bleiben.
Während einer Reise nach Frankfurt an der Oder erkrankte sie schwer. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin verstarb sie am 12. Oktober 1791. Man begrub sie neben der Berliner Sophienkirche. Noch heute findet sich dort an der Kirchmauer eine Tafel mit der Inschrift: "Kennst Du, Wandrer, sie nicht, / So lerne sie kennen."
Was bleibt: Das Vermächtnis der Karschin
Um die Leistung der Anna Louisa Karsch gerecht einzuordnen, lohnt es sich, zwischen ihren verschiedenen Schaffensbereichen zu unterscheiden. Bei den Fabeln, Epigrammen, Anakreontika, Idyllen und Romanzen -- den Werken also, die bewusste Stilkunst erforderten -- versagte sie zumeist. Wenn sie jedoch ihren natürlichen Empfindungen freien Lauf ließ, wurde sie zu einer kühnen Wortschöpferin, die noch heute unmittelbar berühren kann. Vor allem ihre Briefe an Gleim besitzen eine Unmittelbarkeit, wie sie in der deutschsprachigen Literatur bis 1770 kaum anzutreffen ist.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Karschin an der Literarisierung ihrer eigenen Person aktiv mitwirkte. Die vier autobiographischen Briefe aus den Jahren 1761 und 1762 sind keine schlichten Berichte, sondern bereits bewusst gestaltete Lebensschilderungen. Die Legende vom Hirtenmädchen, das durch ein flüchtendes Rind zum Lesen fand, ist ihr eigenes literarisches Kunstwerk. Und es war gerade diese Literarisierung ihrer Lebensgeschichte, die die Karschin im kulturellen Gedächtnis bewahrte -- denn ihre Gedichte verschwanden nach dem Zusammenbruch Preußens in der napoleonischen Ära aus den Anthologien.
In den 1930er Jahren wurde sie im Zuge völkischer Ideologie in einer "Ahnenreihe deutscher Frauendichtung" wiederentdeckt -- ein zweifelhafter Ruhm, der ihr gerade noch gefehlt hatte. Erst die feministische Bewegung unternahm den ernsthaften Versuch, die Karschin als das zu würdigen, was sie tatsächlich war: die erste Frau in Deutschland, die sich ihren Lebensunterhalt mit Schreiben verdiente. Heute erinnert die Karschstraße in Berlin-Mitte an diese außergewöhnliche Frau, die in einer Welt voller Hindernisse ihren Weg fand -- mit nichts als der Kraft ihrer Worte.
