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Johann Peter Uz: Meister der Anakreontik und Dichter der Aufklärung

Literatenstraßen-Serie

Es gibt Dichter, deren Name auf ewig mit einer einzigen literarischen Strömung verbunden bleibt. Johann Peter Uz ist ein solcher Fall. Als begabtester Vertreter der deutschen Anakreontik – jener leichten, lebensfreudigen Lyrik, die Wein, Liebe und Frühlingsblumen besang – galt er seinen Zeitgenossen als Inbegriff poetischer Anmut. Herder nannte seine Ode „Theodicee“ eines der größten Gedichte der deutschen Sprache. Papst Clemens XIV. soll dem Ansbacher Markgrafen Alexander gestanden haben, er dürfe sich glücklich schätzen, einen der größten Dichter Deutschlands in seinen Landen zu wissen. Und doch ist Johann Peter Uz heute beinahe vergessen – ein Dichter, der sich selbst überlebt zu haben glaubte, lange bevor der Tod ihn ereilte. Wer war dieser Mann, dessen Verse Franz Schubert noch Jahrzehnte später in Musik setzte?

Johann Peter Uz: Meister der Anakreontik und Dichter der Aufklärung

Kindheit in Ansbach und Studium in Halle

Johann Peter Uz wurde am 3. Oktober 1720 in Ansbach geboren, der Residenzstadt der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach in Mittelfranken. Sein Vater Friedrich August Uz war ein angesehener Goldschmied, die Familie gehörte zum soliden Handwerkerbürgertum der kleinen Residenz. Die Kindheit des Dichters verlief in den geordneten Bahnen, die man für einen Sohn aus gutem Hause erwarten durfte: Lateinschule, Privatunterricht, frühe Beschäftigung mit den klassischen Sprachen.

1739 bezog der neunzehnjährige Uz die Universität Halle, um Rechtswissenschaften zu studieren – ein Fach, das seinem Temperament kaum entsprach, das aber einem jungen Mann ohne Vermögen den sichersten Broterwerb versprach. Halle war zu dieser Zeit ein außergewöhnlicher Ort. Die Universität, erst 1694 gegründet, hatte sich rasch zu einem Zentrum der Aufklärung entwickelt. Hier lehrte Christian Wolff seine rationale Philosophie, hier predigten die Pietisten um August Hermann Francke ihre fromme Innerlichkeit – und hier, zwischen den Fronten von Vernunft und Frömmigkeit, entstand eine junge Dichterbewegung, die beides hinter sich lassen wollte.

Für Johann Peter Uz wurde Halle zum Erweckungserlebnis. Nicht die Pandekten und Institutionen des römischen Rechts begeisterten ihn, sondern die Verse der antiken Dichter – und vor allem ein griechischer Lyriker, dessen Name bald zum Programm einer ganzen literarischen Bewegung werden sollte: Anakreon.

Der Hallesche Dichterkreis: Anakreon am Saaleufer

Anakreon von Teos, ein griechischer Lyriker des 6. Jahrhunderts v. Chr., hatte Gedichte über Wein, Liebe und heiteren Lebensgenuss verfasst – oder besser: Man schrieb ihm solche zu, denn die meisten der unter seinem Namen überlieferten Texte, die sogenannten Anacreontea, stammten aus späterer Zeit. Für die jungen Hallenser Dichter spielte diese philologische Feinheit keine Rolle. Sie fanden in diesen Versen ein Gegenmodell zur biederen Barocklyrik ebenso wie zum finsteren Ernst der Pietisten: eine Poesie des Augenblicks, der Freude, der sinnlichen Wahrnehmung. Anakreontik – so nannte man diese literarische Strömung, die zwischen den 1740er und 1760er Jahren die deutsche Lyrik prägte.

In Halle fand Johann Peter Uz Gleichgesinnte. Gemeinsam mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Johann Nikolaus Götz bildete er den Kern des sogenannten Halleschen Dichterkreises. Die drei jungen Männer lasen gemeinsam die antiken Texte, übersetzten, diskutierten und dichteten. Es war eine jener intensiven Freundschaften, wie sie das 18. Jahrhundert mit seiner Kultur der Empfindsamkeit hervorbrachte – brieflich besiegelt, tränenreich bekräftigt, in Versen verewigt. Gleim, der spätere „Vater Gleim“, wurde zum unermüdlichen Förderer und Netzwerker der deutschen Dichtung. Götz, ein begabter Übersetzer, teilte mit Uz die Begeisterung für die griechische Lyrik.

Gemeinsam mit Götz unternahm Johann Peter Uz 1746 eine Übersetzung der Oden Anakreons ins Deutsche – ein Werk, das die anakreontische Mode in der deutschsprachigen Literatur entscheidend befeuerte. Die Übertragungen waren frei, musikalisch und von einer Leichtigkeit, die dem deutschen Publikum bis dahin kaum bekannt war. Sie zeigten, dass die deutsche Sprache durchaus fähig war, den Ton heiterer Anmut zu treffen, den man bisher nur den romanischen Sprachen zugetraut hatte.

Zurück in der Provinz: Ansbach und die Einsamkeit

1743 kehrte Johann Peter Uz nach Ansbach zurück – und betrat damit eine Welt, die mit dem intellektuellen Treiben in Halle nichts gemein hatte. Die kleine Residenzstadt bot weder literarische Salons noch geistreiche Gesprächspartner. Uz, der in Halle die beglückende Erfahrung einer Dichtergemeinschaft gemacht hatte, fand sich in einer geistigen Ödnis wieder, die ihn in den folgenden Jahren zunehmend bedrückte.

1748 erhielt er eine Anstellung als Sekretär beim Justizratskollegium in Ansbach – eine bescheidene Beamtenposition, die seinem juristischen Studium entsprach, aber kaum seinen dichterischen Ambitionen. Die Arbeit war eintönig, das Gehalt mäßig, die Aufstiegschancen gering. Johann Peter Uz ertrug seine Lage mit stiller Resignation, dichtete in den Abendstunden und unterhielt einen regen Briefwechsel mit seinen Hallenser Freunden – insbesondere mit Gleim, der in Halberstadt inzwischen eine bedeutende Stellung als Domherr innehatte.

Die Briefe dieser Jahre sind ein bewegendes Dokument der Einsamkeit. Uz klagte über die „Barbarey“ seiner Umgebung, über den Mangel an gebildeten Menschen, über die Enge einer Provinzstadt, in der ein Dichter als Sonderling galt. Und doch gab er das Dichten nicht auf. Es war seine Zuflucht, sein Trost, seine Verbindung zu einer Welt, die über die Ansbacher Stadtmauern hinausreichte.

Römhild und die Freundschaft mit Grötzner

Die glücklichste Zeit im Leben des Johann Peter Uz waren die Jahre 1752 und 1753, die er in Römhild verbrachte – einem kleinen Ort in Thüringen, wohin ihn dienstliche Verpflichtungen führten. Hier lernte er einen Mann kennen, der sein engster Vertrauter werden sollte: Johann Peter Grötzner, einen jungen Juristen aus Ansbach, der wie Uz die Dichtkunst liebte und wie er unter der geistigen Enge der Provinz litt.

Die Freundschaft zwischen Uz und Grötzner war von jener Innigkeit, die das 18. Jahrhundert als höchste Form menschlicher Verbundenheit feierte. Man sprach damals von „Seelenfreundschaft“ – einer Beziehung, die über das bloß Gesellige hinausging und den ganzen Menschen umfasste. Grötzner wurde für Uz, was Maecenas für Horaz gewesen war: nicht ein Gönner im materiellen Sinne, sondern ein Gefährte des Geistes, ein Spiegel, in dem der Dichter sich selbst erkannte.

Nach der Rückkehr aus Römhild setzte sich die Freundschaft zwischen Uz und Grötzner in Ansbach fort. Grötzner war einer der wenigen Menschen, denen Uz seine neuen Gedichte anvertraute, bevor er sie veröffentlichte. In den Briefen an Gleim erwähnte Uz den Freund immer wieder mit spürbarer Wärme – als den einzigen Lichtblick in einer Umgebung, die ihm ansonsten wenig bot.

Die Lyrischen Gedichte und der Streit mit den Pietisten

1749 veröffentlichte Gleim, ohne das ausdrückliche Einverständnis seines Freundes, eine erste Sammlung der Gedichte von Johann Peter Uz unter dem Titel Lyrische Gedichte. Die Reaktion war überwältigend. Die Kritik feierte Uz als den begabtesten Lyriker der neuen Schule, als einen Meister jener leichten, musikalischen Verse, die das Programm der Anakreontik verkörperten. Es war ein Erfolg, den der zurückhaltende Dichter in seiner Ansbacher Abgeschiedenheit kaum zu fassen vermochte.

Die Gedichte feierten den Wein, die Liebe, den Frühling – die ewigen Themen der anakreontischen Dichtung. Doch Uz war mehr als ein bloßer Nachahmer. Wo andere Anakreontiker sich in tändelnder Oberflächlichkeit erschöpften, verband er die Leichtigkeit der Form mit philosophischer Tiefe. Seine Ode „Theodicee“, ein Versuch, die Güte Gottes angesichts des Leidens in der Welt zu rechtfertigen, wurde von Herder als eines der bedeutendsten Gedichte der deutschen Sprache gewürdigt. Hier zeigte sich Johann Peter Uz als Dichter der Aufklärung im besten Sinne: als ein Mann, der die Vernunft feierte, ohne die Empfindung zu verraten.

„Einmal empfind ich, Freund, das Glück zu leben,
Und tausend Freuden schweben
Um mich, wohin mein Auge sieht.
Der Schöpfer hat zu meiner Lust
Die ganze Welt geschmückt;
Er hat in meine Brust
Den Keim des Glücks gedrückt.“

Diese Verse aus der „Theodicee“ zeigen den typischen Ton des Uz: eine Verbindung von sinnlicher Wahrnehmung und metaphysischer Zuversicht, die in der deutschen Dichtung des 18. Jahrhunderts ihresgleichen suchte.

Eine erweiterte Ausgabe der Lyrischen Gedichte erschien 1755 und 1756 in zwei Bänden. Doch der Erfolg brachte auch Feinde. Die Pietisten, jene fromme Bewegung innerhalb des Protestantismus, die in Halle ihr Zentrum hatte, sahen in den heiteren Versen des Anakreontikers eine Bedrohung der Sittlichkeit. Ein Prediger aus Ansbach verdammte die Gedichte von der Kanzel als „gottlose Schriften“. Uz, der sich als gläubigen Christen verstand, war tief getroffen. Der Streit mit den Pietisten belastete ihn über Jahre und trug dazu bei, dass er sich zunehmend aus der literarischen Öffentlichkeit zurückzog.

Vom Dichter zum Richter: Die späten Jahre

1763 wurde Johann Peter Uz zum Assessor am Kaiserlichen Landgericht in Ansbach ernannt – eine Beförderung, die seinem juristischen Wirken Anerkennung zollte und seine materielle Lage verbesserte. In den folgenden Jahrzehnten stieg er weiter auf und erwarb sich den Ruf eines gewissenhaften und integren Richters. Die Dichtkunst trat dabei immer weiter in den Hintergrund.

Um 1765 hörte Uz auf zu dichten. Er tat dies nicht aus plötzlichem Überdruss, sondern aus einer nüchternen Selbsteinschätzung heraus, die für einen Dichter ungewöhnlich und beinahe bewundernswert war. Er habe, so schrieb er, „sich selbst überlebt“ als Schriftsteller. Die Zeit der Anakreontik war vorüber. Klopstock hatte mit dem Messias einen neuen Ton angeschlagen, Lessing schrieb seine Dramen, und bald sollte der junge Goethe mit dem Werther die Literaturlandschaft umstürzen. Johann Peter Uz spürte, dass seine Art zu dichten einer vergangenen Epoche angehörte – und zog die Konsequenz.

Statt zu dichten, widmete er sich nun geistlichen Arbeiten. 1781 wirkte er an der Erstellung des Neuen Anspachischen Gesangbuchs mit – eine Aufgabe, die seinen tiefen Glauben ebenso widerspiegelte wie sein metrisches Können. Die Kirchenlieder, die er beisteuerte, waren handwerklich tadellos, aber es fehlte ihnen der Funke jener frühen Verse, in denen der junge Uz den Frühling und die Liebe besungen hatte.

Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte Johann Peter Uz in stiller Zurückgezogenheit. Er blieb unverheiratet, lebte bescheiden und pflegte den Kontakt zu den wenigen verbliebenen Freunden. Am 12. Mai 1796 starb er in Ansbach, sechsundsiebzig Jahre alt. Er wurde auf dem Heilig-Kreuz-Friedhof beigesetzt – in derselben Stadt, in der er geboren worden war und die er, von wenigen Reisen abgesehen, nie für längere Zeit verlassen hatte.

Nachwirkung und Vergessen

Die unmittelbare Nachwirkung des Johann Peter Uz war beträchtlich. Seine Zeitgenossen zählten ihn zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern, und noch Jahrzehnte nach seinem Tod fanden seine Verse begeisterte Leser. Franz Schubert vertonte mehrere seiner Gedichte – ein Zeichen dafür, dass die musikalische Qualität seiner Verse auch Komponisten inspirierte, die einer ganz anderen Epoche angehörten.

1825, fast dreißig Jahre nach seinem Tod, wurde im Ansbacher Hofgarten eine Bronzebüste des Dichters aufgestellt – eine Ehrung, die zeigt, dass die Stadt ihren berühmtesten Sohn nicht sofort vergessen hatte. Noch heute erinnert eine Straße in Ansbach an Johann Peter Uz, und in der Literaturgeschichte hat er seinen festen Platz als Hauptvertreter der deutschen Anakreontik.

Und doch ist das Vergessen nicht ausgeblieben. Die Anakreontik als literarische Strömung wurde schon von den Zeitgenossen als überholt empfunden, als der Sturm und Drang und später die Romantik neue Maßstäbe setzten. Die leichten Verse über Wein und Rosen, über Schäferinnen und Frühlingsblumen wirkten im Zeitalter Goethes und Schillers wie Relikte einer harmlosen Vorzeit. Johann Peter Uz selbst hatte dieses Schicksal vorausgesehen: Er wusste, dass er einer Epoche angehörte, die unwiderruflich zu Ende ging.

Vielleicht liegt gerade darin eine überraschende Aktualität. In einer Zeit, die von Beschleunigung und Dauererregung geprägt ist, könnte die Kunst des Johann Peter Uz – das Innehalten, das Genießen des Augenblicks, die Feier des Einfachen und Schönen – wieder an Bedeutung gewinnen. Seine Verse sind keine weltbewegenden Manifeste. Aber sie erinnern uns daran, dass das Glück manchmal in einem Glas Wein liegt, in einem Frühlingsmorgen, in der Gesellschaft eines Freundes. Und dass es eine Kunst sein kann, davon zu erzählen.

Werkausgaben und Literatur

Werkausgaben (Auswahl)

  • Johann Peter Uz: Lyrische Gedichte. Hg. von J. W. L. Gleim. Berlin 1749.
  • Ders.: Lyrische und andere Gedichte. 2 Bde. Ansbach 1755/56.
  • Ders.: Poetische Werke. Hg. von A. Sauer. (Deutsche Literaturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, 33–38). Stuttgart 1890. [Repr. Nendeln 1968].
  • Ders.: Sämtliche poetische Werke. Hg. von A. Sauer. 2 Bde. Stuttgart 1890.
  • Johann Peter Uz / Johann Nikolaus Götz: Die Oden Anakreons in reimlosen Versen. Frankfurt/Leipzig 1746.

Literatur (Auswahl)

  • E. Schüddekopf: Briefwechsel zwischen Gleim und Uz. (Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart, 218). Tübingen 1899.
  • J. Stenzel: Johann Peter Uz und die Anakreontik. In: H. A. Glaser (Hg.): Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 4. Reinbek 1980, S. 88–102.
  • G. Grimm: Literatur und Gelehrtentum in Deutschland. Untersuchungen zum Wandel ihres Verhältnisses vom Humanismus bis zur Frühaufklärung. Tübingen 1983.
  • H. Zeman (Hg.): Die deutsche Anakreontik in der Aufklärung. Stuttgart 1972.
  • W. Adam: Freundschaft und Geselligkeit im 18. Jahrhundert. Heidelberg 1997.

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