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Literatur

Wolfram von Eschenbach: Der Schöpfer des Parzival

Literatenstraßen-Serie

Unter den großen Dichtern des deutschen Mittelalters ragt einer besonders hervor: Wolfram von Eschenbach. Um das Jahr 1200 schuf er mit dem Parzival eines der gewaltigsten Versepos der europäischen Literaturgeschichte – ein Werk von nahezu 25 000 Versen, das die Suche nach dem Heiligen Gral mit der Artussage verwebt und bis heute Leser, Forscher und Künstler fasziniert. Richard Wagner machte den Stoff unsterblich, die Germanistik widmete ihm Bibliotheken voller Forschung, und die kleine fränkische Stadt, die seinen Namen trägt, ehrt ihn als ihren berühmtesten Sohn. Doch wer war dieser Mann, der sich selbst als Ritter bezeichnete und zugleich das komplexeste Erzählwerk seiner Epoche schuf? Begleiten Sie uns auf eine Spurensuche durch das Leben und Schaffen eines Dichters, über den wir erstaunlich wenig wissen – und dessen Werk uns dafür umso mehr verrät.

Wolfram von Eschenbach: Der Schöpfer des Parzival

Herkunft und Name: Das Rätsel um Eschenbach

Der Beiname „von Eschenbach“ verweist auf den Ort Obereschenbach in Mittelfranken, etwa 40 Kilometer südwestlich von Nürnberg gelegen. Heute trägt die Kleinstadt den Namen Wolframs-Eschenbach – eine Umbenennung, die im Jahr 1917 erfolgte, um den berühmtesten Sohn der Stadt zu ehren. Schon im 13. Jahrhundert ließ sich eine Verbindung Wolframs zu diesem Ort nachweisen: Das Grab des Dichters wurde in der dortigen Frauenkirche verehrt, und spätere Quellen berichten, sein Grabstein sei bis ins 17. Jahrhundert sichtbar gewesen.

Über die genauen Lebensdaten Wolframs herrscht Unsicherheit. Die Forschung geht davon aus, dass er um 1170 geboren wurde und um 1220 starb – also in jener Blütezeit der mittelhochdeutschen Dichtung lebte, die auch Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Walther von der Vogelweide hervorbrachte. Wolfram von Eschenbach war ein Zeitgenosse dieser Meister und stand mit ihnen in einem produktiven, bisweilen polemischen Dialog.

Was seine Herkunft betrifft, gibt es kaum gesicherte Fakten. Die Familie der Eschenbächer war vermutlich dem niederen Adel zugehörig, vielleicht Ministeriale – also Dienstleute eines größeren Herrn. Wolfram selbst lässt in seinem Werk gelegentlich biografische Details einfließen, doch stets mit jener ironischen Brechung, die es der Forschung schwer macht, Dichtung von Wahrheit zu trennen.

Ritter oder Dichter? Wolframs ungewisser Stand

Im Parzival stellt sich Wolfram von Eschenbach mit einer berühmten Selbstaussage vor: Er sei ein Ritter, und der Schildesdienst sei sein Handwerk. Diese Behauptung hat die Forschung lange beschäftigt. War Wolfram tatsächlich ein kämpfender Ritter, der nebenher dichtete? Oder stilisierte er sich lediglich als solcher, um seinem Publikum auf Augenhöhe zu begegnen?

Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Als Angehöriger des niederen Adels wäre Wolfram zum Waffendienst verpflichtet gewesen. Gleichzeitig deuten Umfang und Qualität seines Werkes darauf hin, dass er einen erheblichen Teil seiner Zeit dem Dichten widmete. Er selbst beklagt an mehreren Stellen seine prekäre wirtschaftliche Lage – eine Klage, die unter mittelhochdeutschen Dichtern topisch war, aber bei Wolfram einen Ton persönlicher Aufrichtigkeit trägt.

Die berühmte Manessische Liederhandschrift, jene prachtvolle Zürcher Sammlung mittelhochdeutscher Lyrik aus dem frühen 14. Jahrhundert, zeigt Wolfram als gerüsteten Ritter zu Pferd – eine Darstellung, die seinen Selbstentwurf bestätigt. Ob sie historisch zutreffend ist, bleibt freilich offen. Sicher ist nur: Wolfram von Eschenbach verstand sich als Mann der Tat und des Wortes zugleich.

Bildung und Sprache: Ein gelehrter Laie

Zu den rätselhaftesten Aussagen Wolframs gehört sein Bekenntnis, er könne keinen einzigen Buchstaben lesen. Im Parzival erklärt er: „ine kan decheinen buochstap“ – eine Behauptung, die angesichts seines hochgelehrten Werkes auf den ersten Blick absurd erscheint. Wie sollte ein des Lesens Unkundiger ein Epos von solcher Komplexität verfassen, das französische Quellen verarbeitet, theologische Fragen erörtert und eine Fülle geographischen und naturkundlichen Wissens ausbreitet?

Die Forschung ist sich heute weitgehend einig, dass es sich um ein literarisches Spiel handelt. Wolfram inszenierte sich bewusst als Laie, als Nicht-Kleriker, der sein Wissen nicht aus Bibliotheken, sondern aus der Erfahrung des Lebens schöpft. Diese Haltung setzte ihn in einen scharfen Gegensatz zu Gottfried von Straßburg, dem Verfasser des Tristan, der in seiner Dichtung eine dezidiert gelehrte, buchgestützte Poetik vertrat. Gottfried verspottete Wolfram – ohne ihn namentlich zu nennen – als „Erfinder wilder Mären“, als ungezügelten Fabulierer.

Wolframs Sprache ist in der Tat alles andere als glatt. Sie ist eigenwillig, verdichtet, reich an überraschenden Bildern und schwer zu entschlüsseln. Wo Hartmann von Aue kristallklare Verse schmiedete und Gottfried eine musikalische Eleganz anstrebte, schuf Wolfram von Eschenbach eine Sprache von rauer Kraft und dunkler Schönheit. Seine Metaphern sind kühn, seine Syntax verschachtelt, sein Humor derb und hintergründig zugleich. Gerade diese Sperrigkeit macht seinen Stil bis heute unverwechselbar.

Am Hofe Hermanns I. von Thüringen

Wie die meisten Dichter seiner Zeit war Wolfram auf die Gunst adliger Gönner angewiesen. Sein wichtigster Förderer war Landgraf Hermann I. von Thüringen, der auf der Wartburg einen der glänzendsten Musenhöfe des mittelalterlichen Reiches unterhielt. Hermann galt als leidenschaftlicher Förderer der Dichtkunst: An seinem Hof verkehrten neben Wolfram auch Walther von der Vogelweide und Heinrich von Veldeke.

Wolfram erwähnt den Landgrafen im Willehalm als seinen Auftraggeber – Hermann habe ihm die französische Vorlage beschafft. Für den Parzival ist ein solcher direkter Auftrag nicht bezeugt, doch sprechen mehrere Hinweise im Text dafür, dass Wolfram Teile des Werkes am Thüringer Hof vortrug. Die berühmte Sage vom Sängerkrieg auf der Wartburg, die später Richard Wagner in seinem Tannhäuser verarbeitete, spiegelt die lebendige poetische Wettbewerbskultur wider, die an Hermanns Hof herrschte.

Neben der Wartburg lassen sich Verbindungen Wolframs auch zu anderen Höfen erschließen, darunter möglicherweise zum Hof der Grafen von Wertheim und der Herren von Durne. Wolfram war, so scheint es, ein fahrender Dichter, der seine Kunst an verschiedenen Höfen darbot – stets auf der Suche nach jenem Mäzenatentum, das ihm das Dichten ermöglichte.

Der Parzival: Ein Epos zwischen Artus und Gral

Das Hauptwerk Wolframs von Eschenbach ist der Parzival, ein Versroman von rund 24 810 Versen in Reimpaaren, entstanden vermutlich zwischen 1200 und 1210. Es ist eines der umfangreichsten und gedanklich tiefsten Epen des europäischen Mittelalters. Wolfram griff dabei auf den unvollendeten Perceval ou le Conte du Graal des französischen Dichters Chrétien de Troyes zurück, ging aber weit über seine Vorlage hinaus. Er behauptete, seine wahre Quelle sei ein gewisser Kyot – ein provenzalischer Dichter, dessen Existenz bis heute nicht nachgewiesen werden konnte. Ob Kyot eine reale Person oder eine Erfindung Wolframs war, gehört zu den ungelösten Rätseln der Mediävistik.

Die Handlung des Parzival umspannt zwei Generationen. Sie beginnt mit den Abenteuern von Gahmuret, dem Vater Parzivals und Vorfahre Parzivals mütterlicherseits aus dem Geschlecht der Gralkönige. Gahmuret zieht in den Orient, heiratet die schwarze Königin Belakane und später Herzeloyde, die Mutter Parzivals. Nach Gahmurets Tod im Kampf zieht Herzeloyde ihren Sohn fern von der ritterlichen Welt auf, um ihn vor dem Schicksal seines Vaters zu bewahren. Doch Parzival bricht aus der Waldeinsamkeit aus, wird Artusritter und gelangt schließlich zur Gralsburg Munsalvaesche.

Dort begeht er seinen folgenschwersten Fehler: Er unterlässt es, den leidenden Gralkönig Anfortas nach seinem Leiden zu fragen. Diese Mitleidsfrage hätte Anfortas erlöst. Parzival muss daraufhin einen langen Weg der inneren Reifung durchlaufen – durch Zweifel, Gottferne und Selbsterkenntnis –, ehe er ein zweites Mal vor den Gral treten und die erlösende Frage stellen darf.

Bemerkenswert ist Wolframs Deutung des Heiligen Grals. Während die französische Tradition den Gral als Kelch oder Schale darstellte, machte Wolfram von Eschenbach ihn zu einem kostbaren Stein – dem lapsit exillîs, einem Begriff, der bis heute nicht zweifelsfrei entschlüsselt ist. Dieser Stein spendet Nahrung, verhütet den Tod und wird von einer Schar von Rittern und Jungfrauen gehütet. Wolfram verband damit christliche Heilsvorstellungen mit orientalischen Motiven und schuf so eine ganz eigene Gralmythologie.

Willehalm und Titurel: Die späten Werke

Nach dem Parzival wandte sich Wolfram von Eschenbach einem völlig anderen Stoff zu: dem Willehalm, einem Epos über die Kämpfe zwischen Christen und Sarazenen im südfranzösischen Raum. Die Vorlage war die altfranzösische Chanson de geste Aliscans, die Wolfram im Auftrag des Landgrafen Hermann von Thüringen bearbeitete. Das Werk blieb unvollendet – es umfasst rund 14 000 Verse und bricht mitten in der Handlung ab, vermutlich weil Wolframs Tod die Arbeit beendete.

Der Willehalm ist in vielerlei Hinsicht ein erstaunliches Werk. Während die französische Vorlage die Sarazenen als bloße Feinde des Christentums darstellt, zeigt Wolfram sie als Menschen mit eigener Würde. In einer berühmten Passage lässt er die heidnische Königin Gyburg eine eindrucksvolle Rede halten, in der sie fordert, auch die Besiegten als Geschöpfe Gottes zu behandeln:

„Hört mich an, ihr Kühnen und Gütigen: Schont die Geschöpfe von Gottes Hand! [...] Auch der Heide ist Gottes Werk.“

Diese Haltung religiöser Toleranz war für das frühe 13. Jahrhundert – die Zeit der Kreuzzüge – bemerkenswert und hat dem Willehalm in der modernen Forschung besondere Aufmerksamkeit eingebracht.

Daneben verfasste Wolfram zwei Fragmente, die unter dem Titel Titurel bekannt sind. Sie erzählen die tragische Liebesgeschichte von Sigune und Schionatulander, zwei Figuren, die bereits im Parzival auftreten. Die rund 170 Strophen in einer kunstvollen, neuartigen Strophenform gehören zum Schönsten, was Wolfram geschrieben hat. Auch der Titurel blieb Fragment, wurde aber von einem späteren Dichter namens Albrecht zu einem umfangreichen Werk ausgebaut, dem sogenannten Jüngeren Titurel, der im Mittelalter fälschlich Wolfram selbst zugeschrieben wurde.

Die Tagelieder: Wolframs lyrisches Schaffen

Neben seinen epischen Werken hat Wolfram von Eschenbach auch eine kleine Zahl von Liedern hinterlassen. Die Forschung schreibt ihm zwischen fünf und neun Lieder zu, von denen die meisten der Gattung des Tageliedes (alba) angehören. Das Tagelied schildert den Abschied zweier Liebender im Morgengrauen: Die Nacht, die sie zusammen verbracht haben, geht zu Ende, der Wächter mahnt zur Eile, und das Paar muss sich trennen, ehe die Gesellschaft ihr Geheimnis entdeckt.

Wolframs Tagelieder gelten als Höhepunkt dieser Gattung in der mittelhochdeutschen Lyrik. Sie verbinden sinnliche Unmittelbarkeit mit tiefem Schmerz und einer fast dramatischen Gestaltung des Augenblicks. Besonders berühmt ist das Lied „Sîne klâwen“, in dem der anbrechende Tag als Raubtier mit Klauen dargestellt wird, das die Nacht zerreißt – ein Bild von ungewöhnlicher Kühnheit, das in der deutschen Lyrik seinesgleichen sucht.

Wolframs lyrisches Werk ist zwar schmal im Umfang, aber von höchster Verdichtung. Es zeigt dieselbe sprachliche Eigenständigkeit und Bildkraft, die auch seine Epen auszeichnet, und hat maßgeblich dazu beigetragen, das Tagelied als eine der anspruchsvollsten Formen der mittelalterlichen Liebeslyrik zu etablieren.

Nachwirkung: Vom Mittelalter bis heute

Die Wirkungsgeschichte Wolframs von Eschenbach ist gewaltig. Schon die Überlieferungslage spricht für sich: Vom Parzival sind 86 Handschriften und Fragmente erhalten – eine für mittelalterliche Verhältnisse außergewöhnlich hohe Zahl, die nur von wenigen Werken, etwa Hartmanns Iwein oder dem Nibelungenlied, übertroffen wird. Bereits 1477 erschien der Parzival als einer der ersten gedruckten Romane überhaupt im Druck – ein Zeichen dafür, dass das Interesse an Wolframs Werk auch drei Jahrhunderte nach seiner Entstehung ungebrochen war.

Im Spätmittelalter wurde Wolfram von den Meistersingern als einer der zwölf alten Meister verehrt – als Begründer und Vorbild einer hohen Dichtkunst. Die Nürnberger Meistersinger schrieben ihm einen eigenen „Ton“ zu und bewahrten so das Andenken an einen Dichter, dessen Werke sie nicht mehr vollständig verstanden, aber instinktiv als große Kunst erkannten.

Die wissenschaftliche Erschließung des Parzival begann im 19. Jahrhundert mit Karl Lachmanns kritischer Ausgabe von 1833, die bis heute als Grundlage der Forschung dient. Lachmann teilte das Werk in 16 Bücher ein – eine Gliederung, die nicht von Wolfram stammt, aber zur Standardreferenz geworden ist. Die germanistische Mediävistik hat sich seither intensiv mit Wolframs Werk befasst; die Bibliographie der Forschungsliteratur füllt ganze Bände.

Den wohl nachhaltigsten Beitrag zur populären Bekanntheit Wolframs leistete Richard Wagner mit seinem Bühnenweihfestspiel Parsifal, das 1882 in Bayreuth uraufgeführt wurde. Wagner übernahm zentrale Motive aus Wolframs Epos – die Gralssuche, den leidenden Amfortas, die erlösende Mitleidsfrage –, formte den Stoff aber zu einem eigenständigen Kunstwerk um. In Wolframs Version fehlt die christologische Überhöhung, die Wagner seinem Parsifal verlieh; Wolframs Held ist weltlicher, menschlicher, in seinen Fehlern und seinem Reifen greifbarer.

Heute ist Wolfram von Eschenbach aus dem Kanon der deutschen Literatur nicht wegzudenken. Sein Parzival wird an Universitäten gelesen und gelehrt, in Neuausgaben und Übersetzungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht und immer wieder als Bühnen- und Filmstoff adaptiert. Die Stadt Wolframs-Eschenbach pflegt das Andenken des Dichters mit einem Museum und regelmäßigen Veranstaltungen. Und die Fragen, die Wolfram vor über achthundert Jahren stellte – nach Schuld und Gnade, nach dem rechten Weg zwischen Zweifel und Glauben –, haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Werkausgaben und Literatur

Werkausgaben (Auswahl)

  • Wolfram von Eschenbach: Parzival [mhd./nhd.]. Hg. u. übers. von W. Spiewok. 2 Bde. (Reclams Universal-Bibliothek 3681/3682). Stuttgart 1981.
  • Ders.: Parzival. Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von E. Nellmann. Übertragen von D. Kühn. 2 Bde. (Bibliothek des Mittelalters 8/1–2). Frankfurt a. M. 1994.
  • Ders.: Willehalm [mhd./nhd.]. Hg. u. übers. von J. Heinzle. (Bibliothek des Mittelalters 9). Frankfurt a. M. 1991.
  • Ders.: Titurel. Hg., übers. und mit einem Stellenkommentar sowie einer Einführung versehen von H. Brackert / S. Fuchs-Jolie. Berlin/New York 2002.

Literatur (Auswahl)

  • J. Bumke: Wolfram von Eschenbach. (Sammlung Metzler 36). 8., völlig neu bearbeitete Aufl. Stuttgart/Weimar 2004.
  • Ders.: Die Wolfram-von-Eschenbach-Forschung seit 1945. Bericht und Bibliographie. München 1970.
  • D. Green / J. Johnson: Approaches to Wolfram von Eschenbach. Five Essays. (Mikrokosmos 5). Bern u. a. 1978.
  • W. Haug: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 2. Aufl. Darmstadt 1992.
  • K. Lachmann (Hg.): Wolfram von Eschenbach. Berlin 1833. (Nachdruck der 6. Ausg., bearbeitet von E. Hartl, Berlin/Leipzig 1926).

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