„Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir’s danken werdet“ – mit diesen Worten des fiktiven Herausgebers beginnt eines der wirkungsmächtigsten Bücher der deutschen Literaturgeschichte. Als Johann Wolfgang von Goethe im Herbst 1774 Die Leiden des jungen Werthers veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, welchen Sturm er entfesseln würde. Der schmale Briefroman, in wenigen Wochen fieberhafter Arbeit niedergeschrieben, machte den fünfundzwanzigjährigen Autor über Nacht zum berühmtesten Schriftsteller Europas. Mehr als 220 Jahre später fasziniert das Werk noch immer: Neue Ausgaben erscheinen, Internetprojekte laden dazu ein, Werthers Briefe als tägliche Zuschriften zu abonnieren, und die Forschungsliteratur füllt ganze Regale. Die Leiden des jungen Werthers sind längst zum Schlüsselwerk des Sturm und Drang geworden – und zu einem Buch, das die Grenzen zwischen Dichtung und Leben auf unheimliche Weise verwischt.
Einführung: Ein Roman, der die Welt erschütterte
Im Frühjahr 1774 zog sich Goethe in sein Arbeitszimmer im Frankfurter Elternhaus zurück und schrieb in kaum vier Wochen den Roman nieder, der seinen Namen unsterblich machen sollte. Die Leiden des jungen Werthers erzählen in Briefform die Geschichte eines jungen Mannes, der sich unglücklich in die bereits verlobte Lotte verliebt, an der Unmöglichkeit dieser Liebe zerbricht und schließlich den Freitod wählt. Das Buch erschien zunächst anonym zur Leipziger Buchmesse im Herbst 1774 und wurde sofort zum Ereignis. Innerhalb weniger Monate kursierten zahlreiche Raubdrucke, Übersetzungen ins Französische, Englische und Italienische folgten in rascher Folge.
Die Wirkung war beispiellos. Junge Männer in ganz Europa kleideten sich wie Werther – im blauen Frack mit gelber Weste und braunen Stiefeln –, eine Mode, die als „Werther-Tracht“ in die Kulturgeschichte einging. Man sprach von einem regelrechten „Werther-Fieber“, das ganz Europa erfasste. Selbst Napoleon Bonaparte, der das Büchlein auf seinen Ägypten-Feldzug mitnahm und es nach eigener Aussage siebenmal gelesen hatte, zählte zu den begeisterten Lesern. Als er Goethe 1808 beim Erfurter Fürstenkongress persönlich empfing, soll er das Gespräch mit den Worten eröffnet haben: „Vous êtes un homme!“ – und sogleich auf einzelne Stellen des Werther zu sprechen gekommen sein.
Was machte diesen kurzen Roman so überwältigend? Es war die schonungslose Offenheit, mit der Goethe die Leiden des jungen Werthers schilderte: das Versinken in eine Leidenschaft ohne Ausweg, die Zerrüttung einer empfindsamen Seele, den langsamen Weg in die Selbstzerstörung. Zum ersten Mal in der deutschen Literatur stand nicht die moralische Belehrung im Vordergrund, sondern das subjektive Erleben eines Individuums in all seiner Widersprüchlichkeit.
Autobiografie und Fiktion: Charlotte Buff und Karl Wilhelm Jerusalem
Goethe schrieb Die Leiden des jungen Werthers aus eigenem Erleben heraus – freilich nicht ohne künstlerische Verwandlung. Im Sommer 1772 war der junge Jurist als Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar tätig gewesen. Dort lernte er Charlotte Buff kennen, die Tochter des Amtmanns des Deutschen Ordens, und verliebte sich leidenschaftlich in sie. Charlotte war jedoch bereits mit dem Legationssekretär Johann Christian Kestner verlobt – einem aufrechten, geduldigen Mann, der Goethes Schwärmerei mit bemerkenswert gelassener Freundschaft begegnete. Die Dreieckskonstellation – der leidenschaftliche Goethe, die anmutige Charlotte und der besonnene Kestner – wurde zum Kern der Romanhandlung.
Doch Goethe verarbeitete in Die Leiden des jungen Werthers nicht nur seine eigene unerwiderte Liebe. Im Oktober 1772 erreichte ihn die Nachricht vom Selbstmord Karl Wilhelm Jerusalems, eines jungen Braunschweiger Gesandtschaftssekretärs, der ebenfalls in Wetzlar gelebt hatte. Jerusalem hatte sich aus unglücklicher Liebe zu einer verheirateten Frau und aus Verzweiflung über gesellschaftliche Demütigungen erschossen – mit Pistolen, die er sich von Kestner geliehen hatte. Goethe, der Jerusalem flüchtig kannte, ließ sich von Kestner einen ausführlichen Bericht über die Umstände des Todes schicken und übernahm ganze Passagen daraus fast wörtlich in den Roman.
So verschmolzen in Die Leiden des jungen Werthers zwei reale Geschichten zu einer fiktiven: Goethes eigene unerfüllte Liebe lieferte die Leidenschaft, Jerusalems tragisches Ende den Ausgang. Goethe selbst bekannte später, er habe sich mit dem Roman von einer inneren „Krankheit“ befreit. In einem Brief an Carl Friedrich Zelter schrieb er 1815, er habe damals „wie ein Pelikan sein eigenes Blut den Roman genährt“. Das Buch sei eine Art Heilung gewesen: „Ich fühlte mich, wie nach einer Generalbeichte, wieder froh und frei und zu einem neuen Leben berechtigt.“
Die Briefform als Spiegel der Seele
Die Wahl der Briefform war kein Zufall. Goethe griff auf eine literarische Gattung zurück, die im 18. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebte: den Briefroman, wie ihn Samuel Richardson mit Pamela und Jean-Jacques Rousseau mit der Nouvelle Héloïse etabliert hatten. Doch Goethe ging einen entscheidenden Schritt weiter: Die Leiden des jungen Werthers bestehen fast ausschließlich aus den Briefen einer einzigen Person. Werthers Freund Wilhelm, an den die meisten Briefe gerichtet sind, kommt nie selbst zu Wort. Seine Antworten fehlen – und gerade dieses Fehlen ist von großer künstlerischer Bedeutung.
Denn durch die einseitige Perspektive wird der Leser selbst zum Adressaten. Es gibt keinen Korrektivblick von außen, keine nüchterne Einordnung, keinen Widerspruch. Man ist Werthers Welt ausgeliefert, seinem Blick, seinen Gefühlen, seiner zunehmenden Verzweiflung. Der Briefroman wird so zum Spiegel einer Seele, die sich immer tiefer in sich selbst verstrickt. „Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt“, schreibt Werther – aber diese innere Welt wird zur Falle.
Die Briefform erlaubt zudem Momente von besonderer Intensität. Werther nähert sich Lotte in sprachlichen Annäherungen – „darf ich, kann ich...“ –, die das Schwanken zwischen Sehnsucht, Hoffnung und Selbstverbot spürbar machen. Mit fortschreitender Handlung verändert sich auch die Form: Die Briefe werden kürzer, fragmentarischer, die Daten rücken dichter zusammen. Diese Fragmentierung spiegelt Werthers sich zerrüttenden Seelenzustand. Am Ende, als Werther die Kontrolle über sich selbst verliert, wechselt die Erzählperspektive: Ein fiktiver Herausgeber übernimmt den Bericht und schildert die letzten Tage aus der Distanz – ein meisterhafter Kunstgriff, der den Zusammenbruch des Briefschreibers formal vollzieht.
Es bleibt die Frage, die Generationen von Lesern beschäftigt hat: Hätte Wilhelm seinen Freund retten können? Hätten seine fehlenden Antworten – hätten sie denn den Weg in den Roman gefunden – Werther vom Abgrund zurückholen können? Goethe lässt diese Frage offen, und gerade darin liegt die beunruhigende Kraft des Romans.
Rezeption und Skandal: Kirche, Zensur und der Werther-Effekt
Die beispiellose Wirkung von Goethes Die Leiden des jungen Werthers hatte auch eine dunkle Seite. Schon kurz nach dem Erscheinen des Romans häuften sich Berichte über junge Menschen, die sich – nach Werthers Vorbild und bisweilen in Werther-Tracht – das Leben nahmen. Ob der Roman tatsächlich eine Welle von Nachahmungssuiziden auslöste oder ob die überlieferten Fälle übertrieben wurden, ist in der Forschung umstritten. Fest steht, dass der Zusammenhang zwischen dem Buch und realen Selbsttötungen schon von den Zeitgenossen hergestellt wurde – und dass das Phänomen später einen eigenen Namen erhielt: den „Werther-Effekt“.
Dieser von dem amerikanischen Soziologen David Phillips 1974 geprägte Begriff bezeichnet die Nachahmung von Suiziden nach medialer Berichterstattung. In der modernen Psychologie und Medienforschung ist der Werther-Effekt ein etabliertes Konzept, das auf Goethes Roman zurückverweist – ein bemerkenswertes Zeugnis für die Langzeitwirkung eines literarischen Werkes, dessen Titel nach über 250 Jahren noch immer als Fachbegriff dient.
Die Kirche reagierte mit scharfer Verurteilung. Der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze – derselbe, der später den erbitterten Fragmentenstreit mit Lessing führen sollte – geißelte das Buch als „Narrheiten und Tollheiten“ und forderte seine Unterdrückung. In Leipzig wurde der Roman 1775 auf Antrag der theologischen Fakultät verboten; Bayern und Österreich folgten mit eigenen Verboten, und der Vatikan setzte das Werk auf den Index der verbotenen Bücher. Doch die Zensur bewirkte das Gegenteil des Beabsichtigten: Sie steigerte die Neugier und machte Die Leiden des jungen Werthers nur noch begehrter.
Goethes Roman prägte auch die literarische Landschaft nachhaltig. Er wurde zum Initialzündung des Sturm und Drang, jener Strömung, die sich gegen den Rationalismus der Aufklärung wandte und das Gefühl, die Natur und das Recht des Individuums in den Mittelpunkt stellte. Die unmittelbare Wirkung auf die europäische Romantik – von Chateaubriands René bis zu Foscolos Le ultime lettere di Jacopo Ortis – ist kaum zu überschätzen. Goethe hatte mit seinem Briefroman eine neue Sprache der Innerlichkeit geschaffen, deren Echo durch das gesamte 19. Jahrhundert hallte.
Die zweite Fassung von 1787
Goethe ließ den Werther nicht unverändert stehen. Als er 1787 für die Ausgabe seiner Schriften bei Göschen eine überarbeitete Fassung vorbereitete, hatte sich nicht nur sein literarischer Stil geändert – auch sein Verhältnis zum Sturm und Drang war ein anderes geworden. Der nun achtunddreißigjährige Goethe, gereift durch die Weimarer Jahre und die Italienreise, überarbeitete den Roman gründlich. Er glättete sprachliche Härten, milderte einige der leidenschaftlichsten Passagen ab und fügte im zweiten Teil die Geschichte des Bauernknechts hinzu, der aus unerwiderten Gefühlen einen Mord begeht – ein Spiegelmotiv, das Werthers Schicksal in ein breiteres gesellschaftliches Licht rückt.
Die Änderungen sind subtil, aber bedeutsam. Die erste Fassung von 1774 war ein Ausbruch – ungezügelt, unmittelbar, im Ton des Sturm und Drang. Die zweite Fassung von 1787 zeigt den klassischen Goethe bei der Arbeit: distanzierter, kontrollierter, mit einem schärferen Blick für die psychologische Motivierung. Manche Leser bevorzugen die rohe Kraft der Erstfassung; andere schätzen die größere künstlerische Geschlossenheit der Zweitfassung. Beide Versionen haben ihre Berechtigung – und wer Goethes Leiden des jungen Werthers wirklich verstehen will, sollte beide kennen.
Besonders aufschlussreich ist ein Vergleich der beiden Fassungen in der Reclam-Parallelausgabe, die den Text von 1774 und den von 1787 Seite an Seite gegenüberstellt. Hier wird sichtbar, wie der reife Goethe seinen jugendlichen Geniestreich behutsam umformte, ohne dessen Wucht zu zerstören. Die Leiden des jungen Werthers sind so auch ein einzigartiges Dokument dichterischer Selbstrevision – ein Werk, das in zwei Gestalten existiert und in beiden seine Gültigkeit bewahrt.
Werkausgaben und Literatur
Werkausgaben (Auswahl)
- J. W. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Erste und zweite Fassung. Paralleldruck. Hg. von M. Holzinger. (Reclams Universal-Bibliothek 9762). Stuttgart 2012.
- Ders.: Die Leiden des jungen Werther. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bdn. Bd. 6: Romane und Novellen I. Hg. von E. Trunz. 14. Aufl. München 1996, S. 7–124.
- Ders.: Die Leiden des jungen Werthers. Die Wahlverwandtschaften. Kleine Prosa. Epen. Hg. von W. Wittkowski. (Bibliothek deutscher Klassiker 11 = Goethe, Sämtliche Werke I/8). Frankfurt a. M. 1994.
- Ders.: Die Leiden des jungen Werthers. Mit einem Nachwort von E. Beutler. (Reclams Universal-Bibliothek 67). Stuttgart 2001.
Literatur (Auswahl)
- H. Laufer: Die Leiden des jungen Werthers. Goethes Roman im Spiegel seiner Zeit. (Insel-Taschenbuch 4019). Frankfurt a. M. 2002.
- G. Sauder (Hg.): Goethes Werther. Kritisch-historische Ausgabe der beiden Fassungen mit synoptischem Apparat. Berlin/New York 1988.
- K. R. Mandelkow: Goethe im Urteil seiner Kritiker. Dokumente zur Wirkungsgeschichte Goethes in Deutschland. Teil I: 1773–1832. München 1975.
- P. Müller: Goethes „Werther“ als Briefroman. Struktur, Motivation und Wirkung. (Hermaea N. F. 53). Tübingen 1994.
- D. P. Phillips: „The Influence of Suggestion on Suicide: Substantive and Theoretical Implications of the Werther Effect“. In: American Sociological Review 39 (1974), S. 340–354.
