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Wie Metaphern unser Denken formen – von der Alltagsrede bis zur Wissenschaft

Griechische Wurzeln: Was eine Metapher eigentlich ist

Wenn jemand vom „Drahtesel“ spricht und damit ein Fahrrad meint, benutzt er eine Metapher. Das Wort stammt aus dem Griechischen: meta (hinüber) und pherein (tragen) ergeben zusammen den Begriff metaphorá – die Übertragung. In der Bedeutung der Metapher liegt also bereits ihr Wesen: Ein Wort wird aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und auf einen neuen Gegenstand übertragen, weil zwischen beiden eine Ähnlichkeit besteht.

Wie Metaphern unser Denken formen – von der Alltagsrede bis zur Wissenschaft

Die Sprachwissenschaft spricht dabei von einem Quellkonzept und einem Zielkonzept. Das Quellkonzept liefert das Bild, das Zielkonzept empfängt es. Beim „Drahtesel“ ist der Esel das Quellkonzept – ein genauerer Blick offenbart die Parallelen: Beide sind Transportmittel, beide tragen Last, und beide gelten als eher bescheiden. Solche Übertragungen sind weit mehr als rhetorischer Schmuck. Sie durchziehen unsere gesamte Sprache und prägen, wie Sie gleich sehen werden, sogar unser Denken.

Die Metapher – Kernfakten

Herkunft: Griechisch metaphorá = Übertragung (meta + pherein)

Definition: Sprachliches Bild, bei dem ein Ausdruck aus seinem eigentlichen Bedeutungsfeld in ein anderes übertragen wird, basierend auf Ähnlichkeit.

Schlüsselwerk: George Lakoff & Mark Johnson, Metaphors We Live By (1980)

Verwandte Tropen: Metonymie (Nachbarschaft), Synekdoche (Teil für Ganzes), Vergleich (mit „wie“)

Beispiele: Drahtesel, Flaschenhals, Stuhlbein, Handschuh, „Zeit ist Geld“

Unsichtbare Begleiter: Metaphern im Alltag

Metaphern begegnen Ihnen weit häufiger, als Sie vielleicht vermuten. Wenn Sie vom „Flaschenhals“ eines Produktionsprozesses sprechen, von einem „Stuhlbein“ oder einem „Handschuh“, verwenden Sie metaphorische Ausdrücke, die so fest in der deutschen Sprache verankert sind, dass ihr bildlicher Charakter kaum noch auffällt. Die Linguistik unterscheidet hier zwischen lexikalisierten Metaphern – solchen, die als feste Bestandteile in den Wortschatz eingegangen sind – und kreativen oder spontanen Metaphern, die im Moment des Sprechens neu geschaffen werden.

Ein Dichter, der den Morgenhimmel als „brennende Leinwand“ beschreibt, erschafft eine kreative Metapher. Ein Nachrichtensprecher, der von einem „Rettungsschirm“ für die Wirtschaft berichtet, bedient sich hingegen einer Metapher, die bereits auf dem Weg zur Lexikalisierung ist. Zwischen diesen Polen liegt ein breites Spektrum: Manche Metaphern sind noch lebendig und erzeugen ein deutliches Bild, andere sind so verblasst, dass nur ein etymologischer Blick ihren übertragenen Ursprung aufdeckt.

Besonders aufschlussreich sind zusammengesetzte Wörter im Deutschen. Das Wort „begreifen“ etwa enthält das Greifen mit den Händen – Verstehen wird hier als körperlicher Akt gedacht. „Erfahren“ verbindet Wissen mit der Reise, dem Fahren. Und wer etwas „herauskristallisieren“ will, bedient sich des Bildes eines chemischen Prozesses, bei dem aus einer trüben Lösung klare Strukturen entstehen. Diese Beispiele zeigen, dass die Metapher keineswegs nur ein Werkzeug der Dichtung ist, sondern ein Grundprinzip unserer Sprache.

Vergessene Bilder: Tote Metaphern im Deutschen

Sprachwissenschaftler bezeichnen Metaphern, deren bildlicher Ursprung im allgemeinen Sprachbewusstsein nicht mehr präsent ist, als tote Metaphern. Sie sind so vollständig in den Wörterbuchbestand eingegangen, dass die meisten Sprecher sie nicht mehr als Übertragung wahrnehmen. Das Wort „Tischbein“ ruft heute keine Vorstellung eines lebendigen Beines mehr hervor. Die „Motorhaube“ hat längst jede Verbindung zur textilen Kopfbedeckung verloren.

Weitere Beispiele sind reichlich vorhanden: Die „Quelle“ einer Information verweist auf sprudelndes Wasser, der „Schluss“ einer Argumentation auf das Schließen einer Tür, und die „Perle“ unter den Kolleginnen auf ein kostbares Juwel. Im Grunde ist ein beträchtlicher Teil unseres Wortschatzes metaphorischen Ursprungs – wir haben es nur vergessen. Manche Sprachforscher schätzen, dass bis zu einem Drittel aller deutschen Wörter auf metaphorische Übertragungen zurückgehen.

Interessanterweise können tote Metaphern unter bestimmten Umständen wiederbelebt werden. Wenn ein Kabarettist fragt, ob das Tischbein wohl Knieschmerzen hat, aktiviert er den bildlichen Gehalt neu und erzeugt damit komische Wirkung. Solche Wiederbelebungen zeigen, dass die metaphorische Schicht der Sprache nie vollständig verschwindet – sie schlummert nur unter der Oberfläche des Alltags.

Von Aristoteles bis Lakoff: Theorien der Metapher

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Metapher reicht bis in die Antike zurück. Aristoteles beschrieb sie in seiner Poetik als die Übertragung eines Wortes, das eigentlich etwas anderes bezeichnet. Aus dieser Grundidee entwickelten sich zwei klassische Theorien: Die Substitutionstheorie besagt, dass eine Metapher lediglich ein Ersatzwort für einen eigentlichen Ausdruck ist. „Achill ist ein Löwe“ hieße demnach nichts anderes als „Achill ist mutig“. Die Vergleichstheorie geht einen Schritt weiter und sieht in der Metapher einen verkürzten Vergleich: „Achill ist wie ein Löwe.“

Beide Theorien haben ihren Wert, stoßen jedoch an Grenzen. Sie können nicht erklären, warum Metaphern oft mehr sagen als jede wörtliche Umschreibung. Wer „Achill ist ein Löwe“ hört, denkt nicht nur an Mut, sondern auch an Wildheit, Königlichkeit, Gefährlichkeit – ein ganzes Bedeutungsfeld schwingt mit, das sich nicht auf ein einzelnes Adjektiv reduzieren lässt.

Den entscheidenden Paradigmenwechsel brachten die Linguisten George Lakoff und Mark Johnson mit ihrem Buch Metaphors We Live By (1980). Sie zeigten, dass Metaphern nicht bloß rhetorische Figuren sind, sondern kognitive Werkzeuge, die unser gesamtes Denken strukturieren. Die Bedeutung der Metapher verschob sich damit grundlegend: vom sprachlichen Ornament zum Fundament menschlicher Erkenntnis. Ihr Ansatz, die sogenannte konzeptuelle Metapherntheorie, veränderte die Linguistik, die Psychologie und die Philosophie des Geistes nachhaltig.

Denken in Bildern: Konzeptuelle Metaphern

Die zentrale These von Lakoff und Johnson lautet: Wir denken metaphorisch, nicht nur wir sprechen metaphorisch. Unser gesamtes Konzeptsystem ist von Metaphern durchzogen, die so tief in unserem Bewusstsein verankert sind, dass wir sie selten bemerken. Die Autoren nannten solche grundlegenden Übertragungen konzeptuelle Metaphern.

Ein berühmtes Beispiel ist die konzeptuelle Metapher „Argumentieren ist Krieg“. Betrachten Sie die folgenden alltäglichen Ausdrücke: Wir „greifen“ ein Argument „an“, „verteidigen“ unsere Position, suchen nach „Schwachstellen“ in der gegnerischen Argumentation und hoffen auf einen „Waffenstillstand“ in der Debatte. Diese Sprache ist kein Zufall: Sie offenbart, dass wir Diskussionen tatsächlich als eine Art Kampf verstehen – mit Gewinnern und Verlierern, Strategien und Zurückweichungen.

Ebenso grundlegend sind räumliche Metaphern, die abstrakte Konzepte in eine Oben-Unten-Achse einordnen. „Oben“ ist positiv: Wir sprechen von einem „Hochgefühl“, von „aufsteigenden“ Karrieren und „erhabenen“ Gedanken. „Unten“ hingegen ist negativ: Ein „seelisches Tief“, eine „niederdrückende“ Stimmung, ein „Tiefpunkt“ im Leben. Diese Orientierungsmetaphern sind so universell, dass sie in nahezu allen Sprachen der Welt vorkommen – vermutlich, weil sie auf grundlegenden körperlichen Erfahrungen beruhen: Wer aufrecht steht, ist wach und handlungsfähig; wer liegt, ist krank oder schwächer.

Eine weitere allgegenwärtige konzeptuelle Metapher im Deutschen lautet „Zeit ist Geld“. Wir „sparen“ Zeit, „investieren“ sie, „verschwenden“ sie oder „verlieren“ sie. Diese Metapher ist so tief verankert, dass sie unser tatsächliches Verhalten beeinflusst: In Gesellschaften, die Zeit als Geld begreifen, wird Pausen machen als unproduktiv empfunden und Pünktlichkeit als Tugend betrachtet. Die Metapher beschreibt nicht nur eine Wirklichkeit – sie erschafft sie mit.

Körper und Gefühl: Emotionale Metaphern

Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Macht der Metapher im Bereich der Emotionen. Gefühle sind abstrakt und schwer fassbar – deshalb greifen wir fast ausnahmslos auf körperliche und physikalische Bilder zurück, um sie auszudrücken. Wut wird als Hitze konzeptualisiert: Man „kocht vor Wut“, ist „aufgeheizt“ oder „entflammt“. Die Vorstellung dahinter lautet: Der Körper ist ein Behälter, in dem eine heiße Flüssigkeit brodelt, die bei zu großem Druck überkocht.

Trauer hingegen wird räumlich nach unten verortet: Man ist „niedergeschlagen“, fühlt sich „am Boden zerstört“ oder steckt in einem „Tal der Tränen“. Freude zieht nach oben: Man „schwebt auf Wolke sieben“, ist „in Hochstimmung“ oder „im siebten Himmel“. Liebe wird wahlweise als Reise („gemeinsam durchs Leben gehen“), als Naturgewalt („hingerissen sein“, „von Leidenschaft überflutet“) oder als Krankheit („liebeskrank“, „Herzschmerz“) gedeutet.

Diese Muster sind kein Zufall, sondern spiegeln eine tiefe Verflechtung von Körpererfahrung und Sprache wider. Lakoff und Johnson sprechen von embodiment: Unser Denken ist untrennbar mit unserem Körper verbunden, und die Metaphern, die wir verwenden, verraten diese Verbindung. Wer „vor Wut kocht“, beschreibt nicht nur ein Gefühl – er erlebt tatsächlich eine Erhöhung der Körpertemperatur, beschleunigten Herzschlag und erhöhten Blutdruck. Die Metapher bildet die körperliche Wirklichkeit ab.

Metapher, Metonymie, Synekdoche: Eine Abgrenzung

Die Metapher gehört zur Familie der Tropen – jener rhetorischen Figuren, bei denen ein Ausdruck in übertragener Bedeutung verwendet wird. Doch nicht jede übertragene Bedeutung ist eine Metapher. Es lohnt sich, die wichtigsten Verwandten kurz voneinander abzugrenzen.

Die Metonymie beruht nicht auf Ähnlichkeit, sondern auf räumlicher, zeitlicher oder sachlicher Nachbarschaft. Wenn Sie sagen „Das Weiße Haus erklärte...“, meinen Sie die US-Regierung – der Ort steht für die Institution. Die Synekdoche wiederum setzt einen Teil für das Ganze oder umgekehrt: „Alle Hände an Deck“ meint nicht die Hände allein, sondern die ganzen Personen. Bei der Metapher hingegen ist die Beziehung eine der Ähnlichkeit: Das „Stuhlbein“ ähnelt einem echten Bein in Form und Funktion.

In der Praxis sind die Grenzen freilich fließend. Manche Ausdrücke lassen sich sowohl als Metapher wie auch als Metonymie lesen. Die „Krone“ für einen Monarchen kann als metonymisch gelten (die Krone berührt das Haupt des Königs) oder als metaphorisch (die Krone symbolisiert Herrschaft). Für eine vertiefte Betrachtung der Metonymie sei auf unseren gesonderten Beitrag zur Metonymie verwiesen.

Sprachbilder in Politik und Medien

Nirgends wird die Macht der Metapher so deutlich wie in der politischen Sprache. Metaphern rahmen Debatten, lenken Wahrnehmungen und können ganze Diskurse prägen. Das Wort „Flüchtlingswelle“ etwa überträgt das Bild einer Naturkatastrophe auf menschliche Migration – und legt damit nahe, dass es sich um eine bedrohliche, unkontrollierbare Gewalt handelt. Der „Rettungsschirm“ für krisengeschlagene Staaten erzeugt hingegen das Bild von Schutz und Fürsorge, obwohl es sich in Wirklichkeit um milliardenschwere Kreditprogramme handelt.

Der Linguist George Lakoff hat in späteren Arbeiten gezeigt, wie politische Metaphern ganze Weltbilder transportieren. In der US-amerikanischen Politik identifizierte er zwei konkurrierende Familienmetaphern: die des „strengen Vaters“ (konservatives Weltbild) und die der „fürsorglichen Eltern“ (progressives Weltbild). Beide Metaphern strukturieren, wie über Staat, Gesellschaft und Verantwortung gedacht wird.

Auch in der deutschen politischen Sprache sind Metaphern allgegenwärtig: Der „Sargnagel“ für eine gescheiterte Reform, der „Durchbruch“ in Verhandlungen, das „Fundament“ einer Partnerschaft. Wer aufmerksam Nachrichten liest, wird feststellen, dass kaum ein politischer Kommentar ohne metaphorische Rahmung auskommt. Die Wahl der Metapher ist dabei nie neutral: Sie bestimmt mit, wie ein Sachverhalt bewertet wird – oft noch bevor die Fakten überhaupt zur Sprache kommen.

Visuelle Metaphern und Blending in der Werbung

Metaphern müssen nicht sprachlich sein. In der Werbung und in den visuellen Medien begegnen uns täglich Bilder, die nach demselben Prinzip funktionieren: Zwei Bedeutungsräume werden übereinander gelegt, sodass ein neuer Sinn entsteht. Die kognitive Linguistik spricht hier von Blending – einer Verschmelzung von Konzepten.

Ein bekanntes Beispiel aus der Werbung zeigt eine Anzeige für Hörbücher, in der Buchstaben sich zu einem Drachen formen. Die Buchstaben stehen für das geschriebene Wort, der Drache für die fantastische Welt der Erzählung – zusammen ergibt sich die Botschaft, dass Hörbücher Geschichten lebendig werden lassen. Solche visuellen Metaphern sind besonders wirksam, weil sie den Betrachter zwingen, aktiv eine Bedeutung zu konstruieren. Das Bild erklärt sich nicht von selbst – der Verstand muss die beiden Konzepte verbinden, und genau dieser Akt des Verstehens verankert die Botschaft im Gedächtnis.

Die Theorie des Blending, wie sie von Gilles Fauconnier und Mark Turner entwickelt wurde, geht über die klassische Metapherntheorie hinaus. Sie beschreibt, wie das Gehirn in sogenannten mentalen Räumen arbeitet und diese Räume kreativ kombiniert. Auch politische Karikaturen, Filmplakate und Albumcover nutzen dieses Prinzip: Sie verdichten komplexe Aussagen in einem einzigen Bild, das metaphorisch gelesen werden muss.

Warum Metaphern für Sprachlerner entscheidend sind

Wer eine Fremdsprache lernt, steht früher oder später vor einer Herausforderung, die kein Wörterbuch allein lösen kann: dem Verständnis von Metaphern. Denn metaphorische Ausdrücke lassen sich in den seltensten Fällen wörtlich übersetzen. Ein Deutscher, der „ins Gras beißen“ sagt, meint etwas völlig anderes, als der englische Sprecher, der „to bite the dust“ verwendet – und doch bedeuten beide Wendungen dasselbe: sterben. Die Bilder sind verschieden, die übertragene Bedeutung ist gleich.

Besonders tückisch für Deutschlernende sind Neuschöpfungen und Neologismen, die auf metaphorischen Übertragungen beruhen. Wenn in einer Zeitung vom „Datenhighway“ oder „Informationsflut“ die Rede ist, muss der Lernende nicht nur die einzelnen Wörter kennen, sondern auch das dahinterliegende Bild verstehen. Studien der angewandten Linguistik haben gezeigt, dass fortgeschrittene Sprachkenntnisse wesentlich davon abhängen, wie gut ein Sprecher die konzeptuellen Metaphern der Zielsprache internalisiert hat.

Die Metapher ist somit weit mehr als ein stilistisches Mittel – sie ist ein Schlüssel zum Verständnis einer Kultur. Wer die Bedeutung von Metaphern im Deutschen versteht, der versteht nicht nur einzelne Wörter, sondern die Art und Weise, wie deutschsprachige Menschen die Welt ordnen, Gefühle benennen und über abstrakte Zusammenhänge nachdenken. In der Poetik dient die Metapher der Verdichtung und Schönheit, im Alltag der Verständigung, in der Politik der Überzeugung – und in der Kognitionswissenschaft gilt sie als einer der grundlegendsten Mechanismen des menschlichen Geistes überhaupt.

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