Hinter den Kulissen der Namensvertauschung
Stellen Sie sich eine gewöhnliche Szene im Restaurant vor. Eine Kellnerin wendet sich an ihren Kollegen und sagt: „Das Schnitzel wartet auf die Rechnung.“ Niemand würde annehmen, dass ein paniertes Stück Fleisch tatsächlich Geduld aufbringt. Gemeint ist natürlich der Gast, der ein Schnitzel bestellt hat. Genau das ist eine Metonymie – eine Namensvertauschung, bei der ein Ausdruck durch einen anderen ersetzt wird, der in einer sachlichen, räumlichen oder zeitlichen Beziehung zu ihm steht. Das griechische Wort metonymia setzt sich aus meta (verändert) und ónyma (Name) zusammen und bedeutet wörtlich „Namensvertauschung“ oder „Umbenennung“.
Während die Metapher auf Ähnlichkeit zwischen zwei Konzepten beruht, gründet die Metonymie auf Nachbarschaft – auf einer realen Verbindung zwischen dem genannten und dem gemeinten Gegenstand. Diese Unterscheidung ist grundlegend für das Verständnis beider rhetorischer Figuren und beschäftigt Sprachwissenschaftler seit der Antike. In diesem Beitrag erfahren Sie, warum metonymische Ausdrücke weitaus häufiger sind, als Sie vielleicht vermuten, wie sie funktionieren und welche Rolle sie in unserem Denken spielen.
Metonymie – Kernfakten
Herkunft: Griechisch metonymia = Namensvertauschung (meta + ónyma)
Definition: Rhetorische Figur, bei der ein Ausdruck durch einen anderen ersetzt wird, der in einer sachlichen, räumlichen oder kausalen Beziehung zu ihm steht.
Abgrenzung: Im Gegensatz zur Metapher (Ähnlichkeit) beruht die Metonymie auf Kontiguität (Nachbarschaft).
Beispiele: „Berlin entscheidet“ (Regierung), „Hans liest Schiller“ (Schillers Werke), „Das Weiße Haus erklärte“ (US-Präsident)
Hinweis: Die gelegentlich anzutreffende Schreibweise „Metonomie“ ist eine fehlerhafte Variante.
Metonymien im Alltag: Vom Blinddarm bis zum Schnitzel
Die Metonymie ist kein exotisches Stilmittel der gehobenen Literatur. Sie durchdringt unsere Alltagssprache in einem Maße, das die meisten Sprecher überraschen dürfte. Betrachten Sie folgende Sätze, die in Krankenhäusern täglich fallen: „Der Blinddarm braucht neue Medikamente.“ Keine Krankenschwester meint damit das Organ selbst – gemeint ist der Patient, dessen Blinddarm behandelt wird. Hier steht das erkrankte Körperteil für die gesamte Person. In der Gastronomie verhält es sich ähnlich: „Das Schnitzel an Tisch vier wartet auf die Rechnung“ – das bestellte Gericht steht für den Gast, der es verzehrt hat.
Auch in der Kultur begegnen uns Metonymien auf Schritt und Tritt. Der Satz „Hans liest Schiller“ bedeutet nicht, dass Hans den Dichter Friedrich Schiller persönlich liest – er liest ein Werk von Schiller. Der Autorenname steht metonymisch für sein gesamtes Schaffen. Ebenso verhält es sich, wenn jemand sagt: „Ich höre gerade Mozart“ oder „Wir schauen heute Abend Hitchcock.“ In all diesen Fällen wird der Produzent für sein Produkt eingesetzt – ein so geläufiges Muster, dass wir es kaum noch als Stilmittel wahrnehmen.
Besonders häufig sind geographische Metonymien. „Berlin hat weitere Maßnahmen angekündigt“ bedeutet nicht, dass eine Stadt spricht, sondern dass die Bundesregierung, die ihren Sitz in Berlin hat, eine Erklärung abgegeben hat. „Ganz Deutschland feierte nach dem Tor“ meint nicht 83 Millionen Menschen, sondern eine große Mehrheit der Bevölkerung. „Brüssel verschärft die Regeln“ verweist auf die EU-Institutionen, „Hollywood produziert immer mehr Sequels“ auf die amerikanische Filmindustrie, und „Wall Street reagierte nervoes“ bezeichnet die Börsenhändler und Finanzmärkte. Der Ort steht jeweils für die Institution, die sich dort befindet.
Typen der Metonymie: Ein Überblick
Die Sprachwissenschaft unterscheidet zahlreiche Typen metonymischer Beziehungen. Es lohnt sich, die wichtigsten systematisch zu betrachten, denn sie offenbaren, wie vielfältig die Nachbarschaftsverhältnisse sind, auf denen Metonymien beruhen.
Der häufigste Typ ist die Ort-für-Institution-Metonymie: „Berlin entscheidet“, „Brüssel reguliert“, „Das Kreml schweigt.“ Ebenso verbreitet ist die Produzent-für-Produkt-Beziehung: „Ich fahre einen Mercedes“, „Sie trinkt gern einen Riesling“, „Er liest Kafka.“ Hinzu kommt die Material-für-Gegenstand-Variante: „Er griff zum Stahl“ (Schwert), „Sie kleidet sich in Seide“ (Seidenkleidung). Außerdem gibt es die Behälter-für-Inhalt-Metonymie („Trink noch ein Glas!“ – gemeint ist der Wein), die Ursache-für-Wirkung-Variante („Die Sonne hat mich heute fertiggemacht“ – gemeint ist die Hitze) und die Körperteil-für-Person-Beziehung („Sie braucht kluge Köpfe“).
Diese Vielfalt zeigt, dass die Metonymie kein einzelnes Verfahren ist, sondern eine ganze Familie von Bedeutungsverschiebungen, die allesamt auf dem Prinzip der sachlichen Nachbarschaft beruhen. Jeder dieser Typen folgt einer eigenen Logik, und jeder ist in bestimmten Kommunikationssituationen besonders nützlich. Die Ort-für-Institution-Metonymie dominiert in der politischen Berichterstattung, die Produzent-für-Produkt-Variante in der Alltagskultur, die Material-Metonymie in der Dichtung.
Wenn Metonymien ins Wörterbuch wandern
Viele Metonymien haben sich so fest in der Sprache verankert, dass ihr übertragener Charakter vollkommen verblasst ist. Sprachwissenschaftler sprechen dann von lexikalisierten oder toten Metonymien. Ein besonders anschauliches Beispiel ist das französische Wort bureau. Ursprünglich bezeichnete es einen groben Wollstoff (bure), mit dem Schreibtische bespannt waren. Vom Stoff wanderte die Bezeichnung auf den Tisch, vom Tisch auf den Raum, in dem der Tisch stand, und vom Raum auf die Institution, die darin arbeitet. Vier metonymische Verschiebungen in einem einzigen Wort – und die meisten französischen Sprecher ahnen nichts davon.
Im Deutschen finden sich ähnliche Fälle. Das Wort „Kanzlei“ geht auf das lateinische cancelli (Schranken, Gitter) zurück – gemeint war der abgetrennte Bereich in einem Gerichtssaal. Vom physischen Ort wanderte die Bezeichnung auf die dort arbeitenden Personen und schließlich auf die Institution selbst. Das Wort „Gericht“ wiederum verweist etymologisch auf das Richten, also den Vorgang des Urteilens, und steht heute sowohl für die Institution als auch für das Gebäude. Selbst der „Sender“ im Fernsehen vereint drei metonymische Ebenen: das technische Gerät, die Institution und das ausgestrahlte Programm.
Diese Beispiele verdeutlichen eine wichtige Eigenschaft der Metonymie: Sie ist nicht nur ein Stilmittel, sondern ein Grundmechanismus des Sprachwandels. Zahllose Wörter, die wir heute als völlig normal empfinden, verdanken ihre aktuelle Bedeutung einer metonymischen Verschiebung in der Vergangenheit. Die Sprache bewahrt diese Verschiebungen in sich, auch wenn das Bewusstsein für sie längst erloschen ist.
Die Synekdoche: Ein Sonderfall
Eine besondere Spielart der Metonymie ist die Synekdoche. Bei ihr steht ein Teil für das Ganze (pars pro toto) oder das Ganze für einen Teil (totum pro parte). „Alle Hände an Deck!“ meint nicht bloß die Hände, sondern die ganzen Matrosen. „Deutschland gewinnt das Spiel“ meint die elf Spieler auf dem Platz, nicht die gesamte Nation im wörtlichen Sinne. Umgekehrt kann auch das Ganze für den Teil stehen: „Die Polizei hat den Täter gefasst“ meint nicht die gesamte Polizei, sondern einige wenige Beamte.
Ob die Synekdoche eine Unterkategorie der Metonymie oder eine eigenständige Figur ist, wird in der Forschung unterschiedlich bewertet. Die klassische Rhetorik behandelte sie meist als eigene Trope. Die kognitive Linguistik hingegen ordnet sie der Metonymie zu, da auch sie auf einer Nachbarschaftsbeziehung – nämlich der Beziehung zwischen Teil und Ganzem – beruht und nicht auf Ähnlichkeit. In der Praxis sind die Übergänge fließend: Wenn jemand sagt „Kein Schwein ruft mich an“, liegt sowohl eine metonymische Verschiebung (Tier für Person) als auch eine synekdochische (kein einziges Exemplar für „niemand“) vor. Solche Grenzfälle zeigen, dass rhetorische Kategorien Werkzeuge der Beschreibung sind – nicht starre Schubladen.
Metonymie und Metapher – Nachbarschaft gegen Ähnlichkeit
Die Unterscheidung zwischen Metonymie und Metapher gehört zu den grundlegendsten Unterscheidungen der Sprachwissenschaft. Das Prinzip lässt sich knapp formulieren: Die Metapher beruht auf Ähnlichkeit (Similarität), die Metonymie auf Nachbarschaft (Kontiguität). Wenn Sie ein Stuhlbein „Bein“ nennen, ist das eine Metapher – der Holzpfosten ähnelt einem Bein in Form und Funktion. Wenn Sie „Berlin entscheidet“ sagen, ist das eine Metonymie – Berlin steht nicht ähnlich zur Regierung, sondern ist der Ort, an dem die Regierung sitzt.
Der russisch-amerikanische Linguist Roman Jakobson hat diese Doppelstruktur in den 1950er Jahren in eine einflussreiche Theorie überführt. Er ordnete die Metapher der paradigmatischen Achse der Sprache zu (der Auswahl aus ähnlichen Elementen) und die Metonymie der syntagmatischen Achse (der Verknüpfung benachbarter Elemente). Jakobson beobachtete zudem, dass bei bestimmten Aphasien – also erworbenen Sprachstörungen – die Fähigkeit zur Metaphernbildung oder zur metonymischen Verschiebung selektiv gestört sein kann. Patienten mit einer Störung der Similaritätsachse konnten keine Metaphern bilden, verwendeten aber problemlos Metonymien; bei einer Störung der Kontiguitätsachse war es umgekehrt. Dieser Befund legte nahe, dass Metapher und Metonymie nicht bloß rhetorische Figuren sind, sondern auf unterschiedlichen kognitiven Mechanismen beruhen.
In der Praxis sind die Grenzen allerdings weniger scharf, als die Theorie vermuten lässt. Das Wort „Krone“ für einen Monarchen kann als Metonymie gelten (die Krone berührt das Haupt des Königs – eine räumliche Nachbarschaft) oder als Metapher (die Krone symbolisiert Macht und Herrschaft – eine Ähnlichkeitsbeziehung). Viele Ausdrücke liegen in einem Graubereich, in dem beide Prinzipien zusammenwirken. Die Linguistik spricht in solchen Fällen gelegentlich von Metaphtonymie – einem Portmanteauwort, das die Verschränkung beider Figuren benennt.
Die Metonymie in der klassischen Rhetorik
Die Rhetorik der Antike und der frühen Neuzeit betrachtete die Metonymie vor allem als Stilmittel – als eine Figur, die der Rede Eleganz, Kürze und Anschaulichkeit verleiht. Quintilian, der große römische Rhetoriker des 1. Jahrhunderts, zählte sie zu den wichtigsten Tropen und empfahl sie für die öffentliche Rede: Sie ermögliche es, komplexe Sachverhalte in ein einziges Wort zu fassen. Wer „Mars“ sage und damit den Krieg meine, spare nicht nur Silben, sondern verleihe seiner Rede zugleich mythische Würde.
Innerhalb dieser Tradition galt die Metonymie primär als bewusste Ersetzung – als ein Verfahren, das der Redner oder Dichter absichtlich einsetzt, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Die Substitutionstheorie, wie sie später genannt wurde, beschreibt die Metonymie als eine „Steht-für“-Relation: Das Wort „Schiller“ steht für „ein Buch von Schiller“, „Berlin“ steht für „die Bundesregierung“, „das Schnitzel“ steht für „den Gast, der das Schnitzel bestellt hat“. In jedem Fall lässt sich der metonymische Ausdruck durch den eigentlich gemeinten ersetzen, ohne dass sich der Wahrheitsgehalt der Aussage ändert.
So einleuchtend dieses Modell auf den ersten Blick wirkt, so unbefriedigend ist es bei genauerer Betrachtung. Wenn die Metonymie nichts weiter wäre als eine Abkürzung, warum verwenden wir sie dann so oft? Warum sagen wir nicht einfach, was wir meinen? Die Antwort gaben erst die kognitiven Theorien des späten 20. Jahrhunderts – und sie veränderten unser Verständnis der Metonymie von Grund auf.
Kognitive Wende: Lakoff, Johnson und die mentalen Modelle
In den 1980er Jahren begann in der Linguistik ein Paradigmenwechsel, der auch das Verständnis der Metonymie grundlegend veränderte. George Lakoff und Mark Johnson, die mit ihrem Buch Metaphors We Live By (1980) bereits die Metaphernforschung revolutioniert hatten, richteten ihren Blick zunehmend auch auf metonymische Prozesse. Ihre zentrale These: Metonymien sind keine bloßen Wortspiele, sondern Ausdruck grundlegender kognitiver Operationen. Wenn eine Krankenschwester vom „Blinddarm“ spricht und den Patienten meint, dann handelt es sich nicht um eine bewusste Stilentscheidung. Vielmehr greift sie auf ein mentales Schema zurück, in dem das erkrankte Organ den einfachsten und unmittelbarsten Zugang zum Patienten darstellt.
Diese Sichtweise verschiebt den Fokus vom sprachlichen Ausdruck auf den dahinterliegenden Denkprozess. Lakoff sprach von conceptual metonymy – konzeptueller Metonymie – und betonte, dass die Verbindung nicht in der Welt liegt, sondern in unseren mentalen Konstrukten. Wenn wir „Hans liest Schiller“ sagen, aktivieren wir ein Konzept der Autorschaft, das Autor und Werk untrennbar miteinander verbindet. Das Wort „Schiller“ ermöglicht den konzeptuellen Zugang zum Werk, weil in unserem Denken der Autor und sein Schaffen in einem gemeinsamen geistigen Rahmen verankert sind.
Der Linguist Günter Radden und Zoltán Kövecses, die Lakoffs Ansätze weiterentwickelten, definierten die kognitive Metonymie als einen Prozess, bei dem ein konzeptuelles Element – das Vehikel – den mentalen Zugang zu einem anderen Element – dem Ziel – innerhalb desselben Erfahrungsrahmens ermöglicht. Entscheidend ist der Zusatz „innerhalb desselben Rahmens“: Anders als bei der Metapher werden nicht zwei verschiedene Erfahrungsbereiche verbunden, sondern zwei Elemente innerhalb eines einzigen Bereichs. Das Schnitzel und der Gast gehören zum selben Rahmen „Restaurantbesuch“; Schiller und sein Werk zum selben Rahmen „literarisches Schaffen“; Berlin und die Regierung zum selben Rahmen „politische Macht in Deutschland“.
Diese kognitive Perspektive erklärt auch, warum Metonymien so mühelos verstanden werden. Wir müssen keine Ähnlichkeit konstruieren wie bei der Metapher – wir müssen lediglich innerhalb eines bereits bekannten Rahmens von einem Element zum nächsten navigieren. Das macht die Metonymie zu einem der ökonomischsten Verfahren der Sprache: Sie funktioniert schnell, zuverlässig und beinahe automatisch.
Metonymien in Politik und Werbung
Die politische Sprache ist ein wahres Eldorado der Metonymie. Wenn Nachrichtensprecher berichten, „Berlin und Paris sind sich einig“, wissen alle Zuhörer, dass nicht Steine und Straßen verhandelt haben, sondern die deutsche und die französische Regierung. Diese Ort-für-Institution-Verschiebung ist so alltäglich, dass sie kaum mehr auffällt – und genau darin liegt ihre rhetorische Kraft. Indem der Ortsname die Institution ersetzt, wird Komplexität reduziert. „Berlin“ klingt einheitlicher und entschlossener als „die aus mehreren Koalitionspartnern bestehende Bundesregierung in ihrer jüngsten Kabinettssitzung“.
Politische Metonymien können aber auch gezielt eingesetzt werden, um Verantwortung zu verschleiern oder zuzuschreiben. Wer sagt „Das Rathaus hat versagt“, benennt keinen konkreten Schuldigen – die Verantwortung wird auf eine abstrakte Institution übertragen. Umgekehrt kann die Metonymie Verantwortung personalisieren: „Merkels Flüchtlingspolitik“ suggeriert, dass eine einzelne Person eine gesamte politische Linie bestimmt habe, obwohl an den Entscheidungen zahlreiche Akteure beteiligt waren. Die Metonymie ist also kein unschuldiges Stilmittel – sie kann rahmen, vereinfachen und lenken.
In der Werbung dient die Metonymie der emotionalen Aufladung. „Deutschland trinkt Krombacher“ verwendet die Synekdoche (ganz Deutschland für eine große Zahl an Konsumenten) und zugleich den Markennamen als metonymischen Platzhalter für das Produkt. Modemarken nutzen das Prinzip systematisch: „Sie trägt Chanel“ meint nicht die Person Coco Chanel, sondern die von diesem Haus entworfene Kleidung. Luxusmarken setzen bewusst auf diese Verschmelzung von Produzent und Produkt, weil der Markenname nicht nur das Kleidungsstück bezeichnet, sondern zugleich einen ganzen Lebensstil evoziert. Die Metonymie wird so zum Instrument der Markenkommunikation.
Von Aristoteles bis Jakobson: Eine Begriffsgeschichte
Die Geschichte der Metonymie als theoretischer Begriff beginnt in der griechischen Antike. Bereits Aristoteles erwähnte in seiner Rhetorik die Figur der Namensvertauschung, ordnete sie jedoch der Metapher als Oberbegriff unter – eine Zuordnung, die für Jahrhunderte Bestand haben sollte. Die römische Rhetorik, insbesondere bei Quintilian und der anonymen Rhetorica ad Herennium (1. Jh. v. Chr.), behandelte die Metonymie dann als eigenständige Trope und unterschied sie systematisch von Metapher, Synekdoche und Ironie.
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit blieb die Lehre von den Tropen weitgehend stabil. Rhetoriklehrbücher übernahmen die antiken Kategorien und vermittelten sie an Generationen von Studenten, Predigern und Dichtern. Erst im 20. Jahrhundert erlebte die Metonymie eine theoretische Aufwertung. Der Strukturalist Roman Jakobson erhob sie in den 1950er Jahren zum gleichberechtigten Gegenpol der Metapher. Er argumentierte, dass die gesamte Sprache – und darüber hinaus die gesamte Semiotik, also die Lehre von den Zeichen – auf zwei grundlegenden Achsen beruhe: der Achse der Ähnlichkeit (Metapher) und der Achse der Nachbarschaft (Metonymie). Jakobson wandte dieses Modell nicht nur auf die Sprache an, sondern auch auf Literatur, Film und Malerei. Der realistische Roman mit seiner detaillierten Beschreibung angrenzender Gegenstände sei metonymisch gepraegt, während die Lyrik mit ihren Übertragungen und Vergleichen metaphorisch verfahre.
In den 1980er und 1990er Jahren vollzog die kognitive Linguistik den nächsten großen Schritt. Lakoff, Johnson, Radden, Kövecses und andere zeigten, dass die Metonymie nicht nur ein sprachliches, sondern ein kognitives Phänomen ist – ein Grundmechanismus unseres Denkens, der tief in der Art und Weise verankert ist, wie wir die Welt strukturieren. Damit wandelte sich die Metonymie vom Stilmittel der Rhetorik zum Gegenstand der Kognitionswissenschaft – eine Entwicklung, die bis heute andauert.
Die Metonymie erweist sich bei genauer Betrachtung als eine der grundlegendsten Operationen unserer Sprache und unseres Denkens. Sie ist kein Schmuck, den wir der Rede hinzufügen, sondern ein Verfahren, ohne das Kommunikation kaum denkbar wäre. Jedes Mal, wenn wir „Berlin“ sagen und die Regierung meinen, wenn wir „Schiller“ sagen und sein Werk meinen, wenn wir „das Schnitzel“ sagen und den Gast meinen, nutzen wir ein Prinzip, das Aristoteles beschrieb, Jakobson systematisierte und Lakoff als Denkform erkannte. Die Metonymie verbindet Nahes miteinander – und macht uns damit das Sprechen über eine komplexe Welt ein wenig einfacher.
