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Vom Fischmarkt ins Wohnzimmer – die erstaunliche Karriere des Backfischs

Was bedeutet „Backfisch“ eigentlich?

Kaum ein deutsches Wort hat eine so seltsame Doppelkarriere hinter sich wie der Backfisch. Wer heute über einen Fischmarkt an der Nordsee schlendert, versteht darunter einen panierten, knusprig gebratenen Fisch. Wer hingegen ältere Literatur aufschlägt, stößt auf eine ganz andere Backfisch Bedeutung: Dort bezeichnet das Wort ein halbwüchsiges Mädchen, eine Jugendliche im Alter zwischen dreizehn und siebzehn Jahren – nicht mehr Kind, noch nicht Frau. Die Geschichte dieses Wortes führt zurück auf mittelalterliche Fischmärkte, in die Hörsäle früher Universitäten und in die Mädchenpensionate des 19. Jahrhunderts.

Vom Fischmarkt ins Wohnzimmer – die erstaunliche Karriere des Backfischs

Woher stammt das Wort „Backfisch“?

Die wahrscheinlichste Herleitung führt ins Englische und auf die Fischmärkte des späten Mittelalters. Im Englischen existierte der Ausdruck backfish, der junge Fische bezeichnete, die zu klein waren, um verkauft zu werden. Diese winzigen Exemplare warf man zurück – englisch back – ins Wasser, weil sich ihr Fang nicht lohnte. Die Metapher lag nahe: Ein junger Mensch, der erst noch reifen musste, bevor die Gesellschaft ihn als vollwertig anerkannte, war gleichsam ein zurückgeworfener Fisch. Interessanterweise hat das Wort also nichts mit dem deutschen Verb „backen“ zu tun, obwohl die kulinarische Bedeutung später genau diese Verbindung nahelegt.

Backfisch – kurz erklärt

Das Wort „Backfisch“ geht vermutlich auf das englische backfish zurück und bezeichnete kleine Fische, die man ins Wasser zurückwarf (back). Daraus entwickelten sich zwei Bedeutungen: eine für junge Mädchen (veraltet) und eine für gebratenen Fisch (bis heute gebräuchlich).

Kommt „Backfisch“ vom Baccalaureus?

Eine zweite Herleitung führt in die Universitäten des Mittelalters. Manche Sprachforscher vermuten, dass „Backfisch“ auf das lateinische Baccalaureus zurückgeht – jenen akademischen Grad, der junge Studenten bezeichnete, die ihre erste Prüfung bestanden hatten. Der Baccalaureus war gewissermaßen ein Halbfertiger: kein Anfänger mehr, aber noch weit entfernt vom abgeschlossenen Studium.

Diese Herleitung ist unter Linguisten umstritten, denn die lautlichen Veränderungen von Baccalaureus zu „Backfisch“ sind schwer nachzuweisen. Dennoch hat die Theorie ihren Reiz: Möglicherweise haben sich beide Herleitungen gegenseitig verstärkt und in der Vorstellung des Unvollendeten zu einem einzigen Wort verschmolzen.

Wie wurde aus einem Fisch ein junges Mädchen?

Spätestens im 16. Jahrhundert hatte sich die übertragene Bedeutung im Deutschen fest etabliert. Man verwendete „Backfisch“ nun vorwiegend für junge Mädchen in der Pubertät – Halbwüchsige, die zu jung für Konversation und Ball waren, zu alt für Puppenspiel und Kinderstreiche. Es ist bezeichnend, dass der Ausdruck fast ausschließlich auf Mädchen angewandt wurde. Für Jungen gab es „Grünschnabel“ oder „Milchbart“, doch keines dieser Wörter hatte die liebevolle Note des „Backfischs“: Noch unreif, gewiss – aber man durfte gespannt sein, was einmal aus ihr werden würde.

In scherzhafter Zuspitzung entstand sogar der Ausdruck „Backfischkasten“ für Mädcheninternate und Pensionate – jene Einrichtungen, in denen junge Damen auf ihre Rolle als Ehefrau vorbereitet wurden. Ein Backfischkasten war gewissermaßen ein Ort, an dem die zurückgeworfenen Fische so lange aufbewahrt wurden, bis sie groß genug waren für den gesellschaftlichen Fang.

Welche Rolle spielte der Backfisch in der Literatur?

Seine größte kulturelle Blüte erlebte der Backfisch im 19. Jahrhundert, als ein eigenes literarisches Genre nach ihm benannt wurde: der Backfischroman. Diese Romane erzählten von ersten Schwärmereien, Konflikten mit Erzieherinnen und dem langsamen Hineinwachsen in die Rolle der erwachsenen Frau. Das bekannteste Beispiel ist Emmy von Rhodens Der Trotzkopf (1885) – die Geschichte der eigensinnigen Ilse, die im Pensionat zur „gesitteten“ Dame heranreift. Clementine Helms Backfischchen’s Leiden und Freuden (1863) zählt zu den frühesten Vertretern.

Was diese Romane verband, war eine eigentümliche Doppelbotschaft: Einerseits feierten sie den Eigensinn junger Mädchen, andererseits endeten sie fast ausnahmslos mit der Anpassung der Heldin an die gesellschaftlichen Erwartungen. Der Backfisch durfte trotzig sein, solange er am Ende brav wurde.

Wie lebten „Backfische“ im Kaiserreich?

Das Backfischalter – die Jahre zwischen Konfirmation und Verlobung – war im Kaiserreich eine Phase extremer Reglementierung. Höhere Töchter besuchten Pensionate, ihr Umgang mit jungen Männern war auf ein Minimum beschränkt. Und dennoch galt gerade diese Lebensphase als die ungezähmteste: Ein Backfisch tollte herum, wenn er sitzen sollte, lachte zu laut und verliebte sich in den Falschen.

Vergleichbare Figuren finden sich in anderen europäischen Kulturen. Das französische ingénue beschreibt das naive, unschuldige junge Mädchen, allerdings ohne die Konnotation des Unbeholfenen. Das englische tomboy betont die burschikose Seite, während der Backfisch eher die Phase des Übergangs selbst verklärt: das Unfertige, noch nicht Festgelegte.

Gibt es den Backfisch auch in anderen Sprachen?

Bemerkenswert ist, dass das Wort „Backfisch“ nicht an den Grenzen des deutschen Sprachraums haltmachte. Im Niederländischen bürgerte sich die Form bakvis (auch backvisch) ein, und zwar in derselben übertragenen Bedeutung: ein junges, unreifes Mädchen. Auch das Dänische übernahm den Ausdruck als bakfisk, was darauf hindeutet, dass die Metapher des zurückgeworfenen Fisches eine universelle Anziehungskraft besitzt.

In allen drei Sprachen hat der Ausdruck dieselbe Entwicklung durchgemacht: Von einer verbreiteten Alltagsbezeichnung im 19. Jahrhundert wandelte er sich zu einem altmodischen, leicht nostalgischen Wort, das heute vor allem in historischen Texten oder in bewusst humorvoller Sprache begegnet. Die Tatsache, dass benachbarte Sprachgemeinschaften das Wort unabhängig übernahmen, zeigt, wie treffend die Metapher empfunden wurde.

Was passt zu Backfisch – und wie gelingt er in der Pfanne?

Während die Bezeichnung für junge Mädchen aus der Mode kam, ist der kulinarische Backfisch quicklebendig geblieben. An den Küsten Norddeutschlands, in Imbissen an der Ostsee und auf Volksfesten gehört Backfisch in der Pfanne zu den beliebtesten Gerichten. Paniert und goldbraun ausgebacken, serviert im Brötchen mit Remoulade, ist er ein Inbegriff der norddeutschen Küche. Wenn Sie sich fragen, was passt zu Backfisch: Kartoffelsalat, Bratkartoffeln oder Pommes frites, dazu Zitrone und grüner Salat. Kabeljau, Seelachs und Scholle sind die gängigsten Fischsorten dafür.

Die Verwandtschaft zum britischen fish and chips ist offensichtlich. Regionale Varianten wie Matjesfilet, Bratfisch oder Kibbelinge zeigen die Vielfalt der norddeutschen Fischküche. Es ist eine hübsche Pointe der Sprachgeschichte, dass der kulinarische Backfisch – der tatsächlich gebacken wird – seinen Namen vermutlich nicht dem Verb „backen“ verdankt, sondern dem englischen „back“ im Sinne von „zurück“.

Warum verschwand der Backfisch aus dem Sprachgebrauch?

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es still um den Backfisch als Bezeichnung für junge Mädchen. Der „Teenager“ – ein englisches Lehnwort – löste ihn ab. Die Vorstellung, dass ein Mädchen eine Phase der „Unreife“ durchlaufen müsse, bevor es als vollwertig gelten durfte, erschien im Zeitalter der Emanzipation fragwürdig. Der Backfisch war ein Kind des 19. Jahrhunderts, geboren in einer Zeit streng getrennter Lebensabschnitte.

Ganz verschwunden ist das Wort dennoch nicht. In nostalgischen oder bewusst ironischen Kontexten taucht es gelegentlich auf – in historischen Romanen etwa oder wenn Feuilletonisten die Kaiserzeit beschwören. Und wer mit einem Fischbrötchen am Hamburger Hafen steht, ahnt vielleicht nicht, dass er ein Wort im Mund führt, dessen Geschichte bis in die Fischmärkte des Mittelalters und die Mädchenpensionate der Gründerzeit reicht.

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