Ein Jäger, ein Teufel und eine Tabakdose
„Das ist aber starker Tobak!“ – so reagieren viele Menschen, wenn sie etwas Empörendes, Ungeheuerliches oder schlicht Unverschämtes hören. Die Redewendung gehört zum festen Bestand der deutschen Alltagssprache und wird seit Jahrhunderten verwendet, um Erstaunen über etwas besonders Dreistes oder Schockierendes auszudrücken. Doch woher stammt dieser bildhafte Ausdruck? Die Antwort führt in eine kuriose Anekdote, die sich vermutlich im 18. Jahrhundert herausbildete und seither in zahlreichen Volksbüchern und Sprichwörtersammlungen überliefert wird.
Die Geschichte erzählt von einem Jäger, der im dunklen Wald auf den Teufel trifft. Der Jäger trägt sein Gewehr bei sich – ein Umstand, der den Teufel neugierig macht. Er fragt den Jäger, was er da bei sich habe. Der Jäger, offenbar nicht ohne Geistesgegenwart, antwortet: „Das ist meine Tabakdose.“ Der Teufel, dem die irdischen Genüsse nicht fremd sind, bittet daraufhin um eine Prise. Der Jäger lädt sein Gewehr mit Schrot, richtet es auf den Teufel und drückt ab. Der getäuschte Teufel, von der vollen Ladung Schrot getroffen, ruft aus: „Das ist aber starker Tobak!“
In dieser Pointe liegt der Ursprung der Redewendung. Der Tobak – das heißt der Tabak – war keineswegs mild, sondern gewaltig, überwältigend, schmerzhaft. Was als harmlose Prise angekündigt wurde, entpuppte sich als gefährliche Überraschung. Genau diese Bedeutungsverschiebung – etwas, das weit über das Erwartete hinausgeht – hat sich bis heute in der Sprache gehalten.
Tobak – Bedeutung der Redewendung
„Das ist starker Tobak“ bedeutet: Das ist ungeheuerlich, empörend, schwer zu ertragen. Die Wendung geht auf eine Volksanekdote zurück, in der ein Jäger den Teufel mit einem Schuss überlistet, den er als „Prise Tabak“ ausgibt. Das Wort Tobak ist eine ältere Nebenform von Tabak.
Tabak in Europa: Vom Wunderkraut zum Alltagsgut
Um die Anekdote und ihren kulturellen Hintergrund zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Geschichte des Tabaks in Europa. Die Pflanze, die der Redewendung zugrunde liegt, stammt ursprünglich aus der Neuen Welt. Als Christoph Kolumbus im Oktober 1492 auf der Insel Guanahani landete, begegneten ihm Einheimische, die getrocknete Blätter rauchten – ein Brauch, den die Europäer so noch nicht kannten. Die Taino, ein indigenes Volk der Karibik, nannten diese Pflanze tabaco, womit sie allerdings möglicherweise nicht die Pflanze selbst, sondern das röhrenförmige Rauchgerät bezeichneten. Vom Spanischen gelangte das Wort tabaco in nahezu alle europäischen Sprachen – ins Französische als tabac, ins Englische als tobacco, ins Deutsche als Tabak oder eben in der älteren Lautform Tobak.
Im 16. Jahrhundert brachten spanische und portugiesische Seefahrer den Tabak nach Europa. Zunächst galt die Pflanze als Heilmittel. Der französische Diplomat Jean Nicot, nach dem später das Nikotin benannt wurde, empfahl Tabak um 1560 als Medizin gegen Kopfschmerzen und Geschwüre. In der Folgezeit breitete sich der Tabakkonsum rasch aus – erst als Schnupftabak unter dem Adel, dann als Pfeifentabak im bürgerlichen Milieu, schließlich als Alltagsgenussmittel in breiten Bevölkerungsschichten. Bis zum 18. Jahrhundert hatte der Tabak seinen festen Platz im europäischen Alltag eingenommen und war längst kein exotisches Kuriosum mehr, sondern ein Wirtschaftsfaktor von erheblicher Bedeutung.
Tobak und Tabak – ein feiner Unterschied
Im heutigen Sprachgebrauch ist Tabak die übliche Form, während Tobak als veraltet gilt und fast ausschließlich in der festen Wendung „starker Tobak“ fortlebt. Doch dieser Unterschied war nicht immer so klar. Im 17. und 18. Jahrhundert waren beide Formen im Deutschen gebräuchlich, wobei Tobak die ältere Variante darstellt. Die Verschiebung von o zu a in der ersten Silbe folgte dem Einfluss des Spanischen und Französischen, wo die Betonung auf der zweiten Silbe liegt und der erste Vokal zum offeneren a tendiert.
Dass sich die Form Tobak gerade in der Redewendung konservierte, ist kein Zufall. Feste Wendungen und Sprichwörter wirken häufig als sprachliche Zeitkapseln: Sie bewahren Wörter und Formen, die im freien Sprachgebrauch längst untergegangen sind. Ähnlich verhält es sich etwa mit dem Wort „Kegel“ in der Wendung „mit Kind und Kegel“, wo Kegel noch die mittelalterliche Tobak Bedeutung eines unehelichen Kindes trägt – eine Bedeutung, die außerhalb der Redewendung völlig verschwunden ist. In derselben Weise bezeugt Tobak eine ältere Sprachstufe des Deutschen, die nur noch in dieser einen Formel lebendig geblieben ist.
Tabakkultur im Deutschland des 18. Jahrhunderts
Die Anekdote vom Jäger und dem Teufel entstand in einer Zeit, in der der Tabak das gesellschaftliche Leben in Deutschland durchdrang wie kaum ein anderes Genussmittel. Im 18. Jahrhundert war das Schnupfen von Tabak in den höheren Ständen weit verbreitet. Kunstvoll gearbeitete Schnupftabakdosen aus Porzellan, Silber oder Gold gehörten zu den beliebtesten Statussymbolen des Adels und des gehobenen Bürgertums. Friedrich der Große war ein leidenschaftlicher Schnupfer, und an den europäischen Höfen gehörte die Tabakdose zur Grundausstattung eines jeden Kavaliers.
In den bürgerlichen und bäuerlichen Schichten hingegen dominierte die Pfeife. Tabakskollegien – gesellige Zusammenkünfte, bei denen gemeinsam geraucht und diskutiert wurde – entstanden bereits unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Der Tabak war dabei weit mehr als ein Genussmittel: Er war Mittel der Geselligkeit, Zeichen der Zugehörigkeit und Gegenstand zahlloser Anekdoten, Lieder und Sprichwörter. In diesem kulturellen Klima konnte eine Geschichte wie die vom Jäger und dem Teufel entstehen und auf fruchtbaren Boden fallen, denn jeder wusste, was eine „Prise“ war, und jeder konnte sich vorstellen, wie sich der arme Teufel gefühlt haben mochte.
Bemerkenswert ist auch, dass der Tabak im 18. Jahrhundert keineswegs unumstritten war. Bereits zu dieser Zeit gab es Stimmen, die vor den gesundheitlichen Folgen warnten. In manchen deutschen Staaten wurden Rauchverbote erlassen, die freilich kaum durchsetzbar waren. Der Tabak polarisierte – und genau diese Eigenschaft, die Fähigkeit, starke Reaktionen hervorzurufen, spiegelt sich in der Wendung „starker Tobak“ auf sprachlicher Ebene wider.
Wie die Anekdote in die Volksbücher fand
Die Geschichte vom Jäger und dem Teufel gehört zu jenem reichen Schatz an Volkserzählungen, in denen ein kluger Mensch den Teufel überlistet. Dieses Motiv ist in der europäischen Folklore äußerst verbreitet – man denke an die Sagen vom Teufel als getäuschtem Vertragspartner oder an die zahlreichen „Teufelsbrücken“-Legenden. Der Jäger in unserer Anekdote reiht sich in eine lange Tradition von Figuren ein, die den Teufel durch List und Schlagfertigkeit besiegen.
Überliefert wurde die Geschichte in verschiedenen Sprichwörtersammlungen und Volksbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Gebrüder Grimm nahmen verwandte Erzählmotive in ihre Sammlungen auf, und auch Karl Friedrich Wilhelm Wander, der Verfasser des monumentalen Deutschen Sprichwörter-Lexikons (1867–1880), verzeichnete die Wendung „starker Tobak“ mit Hinweis auf ihre volkskundliche Herkunft. Die mündliche Überlieferung spielte dabei eine ebenso große Rolle wie die schriftliche: Generationen von Erzählern schmückten die Geschichte aus, variierten Details und passten sie an regionale Gegebenheiten an, bis sie in der heute bekannten Form Eingang in die Standardsprache fand.
Starker Tobak in Parlament und Medien
Wer heute die Wendung „Das ist starker Tobak“ verwendet, denkt in der Regel nicht an Jäger und Teufel. Die Redewendung hat sich längst von ihrer ursprünglichen Erzählung gelöst und ein Eigenleben entwickelt. Besonders häufig begegnet sie in der politischen Sprache. In Parlamentsdebatten, Zeitungskommentaren und Talkshows dient „starker Tobak“ als Formel für empörte Zurückweisung: „Was der Minister hier behauptet, ist starker Tobak“ – so oder ähnlich klingt es regelmäßig im Deutschen Bundestag.
In den Medien hat die Wendung gleichfalls ihren festen Platz. Überschriften wie „Starker Tobak aus dem Rathaus“ oder „Starker Tobak für die Koalition“ finden sich in regionalen und überregionalen Zeitungen gleichermaßen. Die Redewendung signalisiert dem Leser sofort: Hier geht es um etwas Unerhörtes, um Vorwürfe oder Behauptungen, die über das Übliche hinausgehen. Interessanterweise kann „starker Tobak“ sowohl abwertend als auch leicht humorvoll gemeint sein – je nachdem, ob der Sprecher echte Empörung oder eher amüsiertes Kopfschütteln zum Ausdruck bringen möchte.
Im alltäglichen Sprachgebrauch zeigt sich die Lebendigkeit der Wendung auch in ihren Abwandlungen. Man hört gelegentlich „Das ist aber ganz schön starker Tobak“ oder „Ziemlich starker Tobak, was die sich da leisten“. Diese Variationen belegen, dass die Redewendung keineswegs erstarrt ist, sondern sich flexibel in unterschiedliche Kontexte einfügen lässt.
Das Wort „stark“ in der deutschen Idiomatik
Die Redewendung „starker Tobak“ ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie das Adjektiv stark in der deutschen Sprache über seine wörtliche Bedeutung hinausgewachsen ist. Stark bedeutet im Grundsinn „kräftig“ oder „mächtig“, doch in der Idiomatik nimmt es vielfältige Schattierungen an. Ein „starkes Stück“ bezeichnet etwas Unverschämtes, ganz ähnlich wie „starker Tobak“. „Stark sein“ kann seelische Belastbarkeit meinen, und wer etwas „stark findet“, kann damit sowohl Bewunderung als auch ironische Missbilligung ausdrücken.
Diese semantische Breite ist typisch für Grundadjektive, die durch ihren häufigen Gebrauch eine ganze Palette von übertragenen Bedeutungen entwickeln. Im Falle von „starker Tobak“ verbindet sich die Intensitätsbedeutung von stark mit der sinnlichen Erfahrung des Tabaks: Ein besonders kräftiger Tabak brennt in der Nase, reizt die Schleimhäute und verschlägt dem Unvorbereiteten den Atem – genau wie eine schockierende Nachricht oder eine dreiste Behauptung.
Tabakmetaphern in der Sprache
Der Tabak hat nicht nur die Wendung „starker Tobak“ hinterlassen, sondern eine ganze Reihe sprachlicher Spuren in verschiedenen europäischen Sprachen. Im Deutschen kennt man „sich etwas in die Pfeife stecken können“ – eine Aufforderung, sich mit einem Verlust abzufinden. „Jemandem den Schneid abkaufen“ hat zwar nichts mit Tabak zu tun, doch „die Lunte riechen“ verweist auf die Zündschnur, die in älteren Zeiten auch zum Entfachen der Pfeife genutzt wurde. Im Englischen spricht man davon, dass jemand fuming ist – wörtlich: rauchend –, wenn er vor Wut kocht.
Dass der Tabak so viele Metaphern hervorgebracht hat, hängt mit seiner kulturellen Allgegenwart zusammen. Über Jahrhunderte hinweg begleitete er den Alltag der Menschen in Europa, und was allgegenwärtig ist, findet unweigerlich Eingang in die Sprache. Der Rauch, das Feuer, die Dose, die Pfeife – all diese mit dem Tabakkonsum verbundenen Dinge boten reichlich Material für bildhafte Redewendungen. „Starker Tobak“ ist dabei vielleicht die lebendigste dieser Metaphern, weil sie eine ganze Erzählung in sich trägt: die Geschichte eines Betrugs, einer schmerzhaften Überraschung und einer Pointe, die seit Jahrhunderten zum Schmunzeln einlädt.
Wenn Sie also das nächste Mal jemanden sagen hören „Das ist aber starker Tobak!“, dann wissen Sie nun, dass hinter dieser alltäglichen Wendung ein Jäger mit einer geladenen Flinte steht, ein überlisteter Teufel – und eine Kulturgeschichte, die vom Tabakanbau der Taino bis in die Plenarsäle des 21. Jahrhunderts reicht.
