Was bedeutet „jemanden ins Bockshorn jagen“?
Wer jemanden ins Bockshorn jagen will, der schüchtert sein Gegenüber ein, macht ihm Angst oder versetzt ihn in Verwirrung. Die Redewendung Bockshorn gehört zu jenen Ausdrücken der deutschen Sprache, deren Herkunft seit Jahrhunderten Rätsel aufgibt. Bereits die ältesten schriftlichen Belege legen nahe, dass die Zeitgenossen sich über den Ursprung nicht mehr im Klaren waren – das Bild eines „Bockshorns“ hatte sich längst verselbständigt.
Gegenstück und logische Ergänzung ist die Wendung „sich nicht ins Bockshorn jagen lassen“, die im alltäglichen Sprachgebrauch noch häufiger vorkommt. Wer sich nicht ins Bockshorn jagen lässt, behält die Nerven und weigert sich, der Einschüchterung nachzugeben. Es ist ein Ausdruck der Standhaftigkeit, der heute in politischen Debatten ebenso auftaucht wie in Sportberichten oder Familiengesprächen.
Welchen Ursprung hat die Redewendung?
Die Etymologie des Ausdrucks jemanden ins Bockshorn jagen Bedeutung und Herkunft gleichermaßen betreffend ist bis heute nicht restlos geklärt. Was die Forschung weiß: Die Redewendung ist seit dem späten Mittelalter belegt. Die frühesten Quellen verwenden den Ausdruck bereits in seiner heutigen Bedeutung – jemanden verschüchtern oder in die Enge treiben –, doch sie liefern keinen Hinweis darauf, welches konkrete Bild am Anfang stand.
Diese Unklarheit hat im Laufe der Jahrhunderte zu mindestens drei eigenständigen Erklärungsversuchen geführt. Jede Theorie hat ihre Anhänger, keine lässt sich endgültig beweisen. Es gehört zum Reiz dieser Redewendung, dass sie ein kleines sprachwissenschaftliches Rätsel bleibt.
Auf einen Blick
Ins Bockshorn jagen – jemanden einschüchtern, ängstigen oder in Verwirrung bringen. Die Redewendung ist seit dem 15. Jahrhundert belegt. Ihr genauer Ursprung ist trotz mehrerer Theorien ungeklärt.
Steckt der Teufel hinter dem Bockshorn?
Die volkstümlichste Erklärung verknüpft das Bockshorn mit dem Teufel. Im mittelalterlichen Volksglauben wurde der Teufel häufig mit Bocksbeinen, Bockshörnern und einem Bocksbart dargestellt – eine Ikonografie, die auf die antike Gestalt des Pan und der Satyrn zurückgeht. Wer „ins Bockshorn gejagt“ wurde, geriet demnach in den Bereich des Teufels, in die Gewalt seiner Hörner. Das Horn des Bocks stand sinnbildlich für die dämonische Macht, vor der man sich fürchtete.
Gegen diese Deutung spricht, dass sich in den ältesten Belegen kein ausdrücklicher Hinweis auf den Teufel findet. Die Verbindung von Bock und Teufel mag vielen Sprechern zwar naheliegend erschienen sein, doch es fehlt der philologische Beweis, dass dies tatsächlich den Ausgangspunkt der Wendung bildete.
Hat Bockshornklee etwas damit zu tun?
Eine zweite Theorie bringt den Bockshornklee (Trigonella foenum-graecum) ins Spiel. Diese Pflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler trägt ihren Namen wegen der gebogenen, hornförmigen Schoten, die an Bockshörner erinnern. Der Bockshornklee verströmt beim Trocknen und Kochen einen kräftigen, leicht bitteren Geruch, den viele als unangenehm empfinden.
In der mittelalterlichen Medizin galt der Bockshornklee als wertvolle Heilpflanze. Er wurde gegen Verdauungsbeschwerden, Entzündungen und Hautleiden eingesetzt – Anwendungen, die die moderne Phytotherapie teilweise bestätigt hat. In der Küche spielt er bis heute eine Rolle, vor allem in der indischen, persischen und äthiopischen Küche, wo er als Gewürz und Gemüse geschätzt wird. Doch trotz dieser ehrwürdigen Tradition: Ein einleuchtender Weg vom unangenehmen Geruch einer Pflanze zur Bedeutung „jemanden einschüchtern“ lässt sich nur schwer konstruieren. Möglicherweise liegt eine Verwechslung oder eine spätere Umdeutung vor.
Liegt ein religiöser Ursprung vor?
Die dritte und vielleicht überraschendste Theorie geht von einem religiösen Hintergrund aus. Demnach soll das Wort „Bockshorn“ eine Verballhornung von „Boxhorn“ sein, das seinerseits aus „Gottes Zorn“ entstanden sein könnte. Die lautliche Verschiebung – von „Gottes Zorn“ über „Gotts-horn“ und „Boxhorn“ zu „Bockshorn“ – wäre ein Beispiel für die sogenannte Volksetymologie, bei der ein unverstandenes Wort an ein vertrautes angeglichen wird.
Diese Hypothese erklärt die Bedeutung „einschüchtern“ unmittelbar: Wer in „Gottes Zorn“ getrieben wird, hat allen Grund zur Furcht. Allerdings fehlen auch hier schlüssige Zwischenstufen in der Überlieferung. Die Sprachwissenschaft steht dieser Theorie daher mit vorsichtigem Interesse gegenüber, ohne sie endgültig annehmen oder verwerfen zu können.
Wie verwendete Martin Luther den Ausdruck?
Einen der bekanntesten frühen Belege für die Redewendung liefert Martin Luther. Der Reformator, der bekanntlich ein Meister der bildhaften deutschen Sprache war, verwendete den Ausdruck in seinen Schriften des 16. Jahrhunderts. Luther rief seine Anhänger dazu auf, sich nicht „ins Bockshorn jagen“ zu lassen – eine Ermahnung, die im Kontext der Reformationszeit besonderes Gewicht hatte. Wer sich für die neue Lehre einsetzte, sah sich Drohungen, Verfolgung und Kirchenbann ausgesetzt.
Luthers Verwendung des Ausdrucks zeigt zweierlei: Erstens war die Redewendung Mitte des 16. Jahrhunderts bereits so geläufig, dass sie in Schriften für ein breites Publikum verwendet werden konnte, ohne erklärt zu werden. Zweitens trug Luther selbst dazu bei, den Ausdruck im Schriftdeutschen zu verankern – ähnlich wie er es mit zahlreichen anderen Wendungen tat, die über seine Bibelübersetzung und seine Streitschriften Eingang in die Hochsprache fanden.
Welche Rolle spielt das Bockshorn in der Heraldik?
Abseits der Etymologie begegnet das Bockshorn auch in der Heraldik, also der Wappenkunde. In zahlreichen Familien- und Ortswappen des deutschsprachigen Raums finden sich Bockshörner als Symbole – meist als Zeichen von Wehrhaftigkeit und Stärke. Der Steinbock, dessen mächtige, geschwungene Hörner im Wappen stilisiert dargestellt werden, galt seit der Antike als Sinnbild für Ausdauer und Widerstandskraft.
Ob die heraldische Tradition die Redewendung beeinflusst hat oder umgekehrt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Bemerkenswert ist jedoch, dass in beiden Kontexten – Wappenkunde und Sprichwort – das Bockshorn mit Kraft und Einschüchterung assoziiert wird. Ein Wappentier mit Bockshörnern sollte Respekt einflößen, und wer ins Bockshorn gejagt wurde, verspürte ebendiesen Respekt in seiner unangenehmen Form.
Wie wird die Redewendung heute gebraucht?
Im heutigen Deutsch ist ins Bockshorn jagen nach wie vor lebendig, auch wenn der Ausdruck eher der gehobenen Umgangssprache als dem alltäglichen Gespräch angehört. Besonders die Verneinungsform „sich nicht ins Bockshorn jagen lassen“ erfreut sich großer Beliebtheit. Politiker verwenden sie, um Standfestigkeit zu signalisieren, Sportler, um Nervenschwäche zu dementieren, und Kommentatoren, um ihren Lesern Mut zuzusprechen.
Verwandte Ausdrücke im Deutschen sind „jemandem Angst einjagen“, „jemanden einschüchtern“ oder „jemanden kirre machen“. In anderen Sprachen finden sich ähnliche Bilder: Das englische to intimidate geht auf das lateinische intimidare zurück (wörtlich: „Furcht hineinbringen“), während das französische intimider denselben Ursprung teilt. Keine dieser Übersetzungen erreicht freilich die bildliche Kraft des deutschen Bockshorns – jenes rätselhaften Horns, in das man gejagt wird, ohne je genau zu wissen, was einen dort erwartet.
Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieser Redewendung: Ihr Ursprung bleibt im Dunkeln, ihre Wirkung jedoch ist unmittelbar verständlich. Wer ins Bockshorn gejagt wird, spürt die Beklemmung, und wer sich dagegen wehrt, zeigt Charakter. Es ist eine Wendung, die nach mehr als fünf Jahrhunderten nichts von ihrer Anschaulichkeit verloren hat.
