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Kunst

Die Freiheit führt das Volk – Eugène Delacroix und das Gemälde der Julirevolution

Historienbilder erzählen

Einführung: Ein Gemälde wird zur Ikone

Wenige Gemälde der europäischen Kunstgeschichte haben sich derart tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt wie Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix. Das monumentale Historienbild, entstanden im Herbst 1830, zeigt die Pariser Barrikadenkämpfe der Julirevolution als allegorisches Schauspiel – ein Werk, das Reportage und Mythos, politische Aktualität und überzeitliche Symbolik auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Wenn Sie heute durch den Louvre gehen und vor dieser gewaltigen Leinwand stehen, spüren Sie noch immer die Wucht, die das Bild bei seiner Erstpräsentation im Salon von 1831 entfaltete. Die Freiheit führt das Volk ist nicht nur ein Schlüsselwerk der französischen Romantik, sondern zugleich eines der berühmtesten Gemälde der französischen Revolution – genauer gesagt jener Revolution, die im Juli 1830 die Bourbonen endgültig von der Macht verdrängte.

Die Freiheit führt das Volk – Eugène Delacroix und das Gemälde der Julirevolution

Werkdaten

Künstler: Eugène Delacroix (1798–1863)
Titel: La Liberté guidant le peuple (Die Freiheit führt das Volk)
Entstehung: 1830
Technik: Öl auf Leinwand, 260 × 325 cm
Standort: Musée du Louvre, Paris

Die Julirevolution von 1830 – Hintergrund und Verlauf

Um Delacroix' Historienbild zu verstehen, müssen Sie den historischen Kontext kennen. Nach Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo 1815 kehrten die Bourbonen auf den französischen Thron zurück. Während Ludwig XVIII. noch eine verhältnismäßig gemäßigte Politik verfolgte, schlug sein Nachfolger Karl X. einen zunehmend reaktionären Kurs ein. Der neue König stärkte die Privilegien von Adel und Klerus, entschädigte emigrierte Adlige für ihre während der Revolution verlorenen Güter und suchte die Restauration des Ancien Régime.

Am 25. Juli 1830 erreichte die Konfrontation ihren Höhepunkt: Karl X. erließ vier Ordonnanzen, die die Pressefreiheit aufhoben, die Abgeordnetenkammer auflösten und das Wahlrecht drastisch einschränkten. Paris antwortete mit einem dreitägigen Barrikadenkampf – den sogenannten Trois Glorieuses vom 26. bis 28. Juli. Bürger, Arbeiter, Studenten und Handwerker kämpften Seite an Seite in den engen Straßen der Hauptstadt. Karl X. floh nach England. Doch der eigentliche Gewinner war nicht das Volk, sondern das Großbürgertum: Neuer König wurde der liberale Herzog Louis-Philippe d'Orléans, der sich als „Bürgerkönig“ inszenierte, tatsächlich aber die Interessen der wohlhabenden Bourgeoisie vertrat. Der Grundsatz „Enrichissez-vous“ – bereichert euch – wurde zum Leitmotiv seiner Herrschaft, die schließlich in der Februarrevolution von 1848 ihr Ende fand.

Eugène Delacroix – Maler der Romantik

Eugène Delacroix wurde 1798 in Charenton-Saint-Maurice bei Paris geboren. Ob sein leiblicher Vater der Diplomat Charles Delacroix oder der berühmte Staatsmann Talleyrand war, ist bis heute umstritten. Bereits in jungen Jahren zeigte sich Delacroix' außergewöhnliche Begabung. Er studierte an der École des Beaux-Arts und machte 1822 mit seinem Salon-Debut Die Barke des Dante auf sich aufmerksam. Zwei Jahre später sorgte Das Massaker von Chios für einen Skandal – und für Ruhm.

Delacroix galt als Führer der romantischen Schule in der französischen Malerei. Wo die Klassizisten um Jean-Auguste-Dominique Ingres die klare Linie, die strenge Komposition und das antike Ideal bevorzugten, setzte Delacroix auf die Kraft der Farbe, die Dramatik der Bewegung und die Intensität des Gefühls. Seine Pinselführung war leidenschaftlich, seine Farbpalette leuchtend, seine Sujets oft exotisch oder gewaltsam. Er bewunderte Rubens und die venezianischen Meister, reiste 1832 nach Nordafrika und schuf ein Werk von enormer Bandbreite – von orientalischen Szenen über religiöse Motive bis hin zu Tierbildern und Historienmalerei.

Die Julirevolution erlebte Delacroix unmittelbar vor seiner Haustür. Er sah die Straßenkämpfe, hörte die Schüsse, roch den Pulverdampf. Obwohl er sich selbst nicht an den Kämpfen beteiligte, packte ihn die Szene mit solcher Wucht, dass er sie in einem der berühmtesten Historienbilder der Kunstgeschichte verewigte. In einem Brief an seinen Bruder schrieb er: „Da ich nicht für das Vaterland kämpfen konnte, werde ich wenigstens für es malen.“

Bildanalyse: Komposition, Figuren und Symbole

Das Gemälde Delacroix – Die Freiheit führt das Volk zeigt den 28. Juli 1830: Bewaffnete Pariser Bürger stürmen über eine Barrikade aus Pflastersteinen und Balken. Im Zentrum schreitet eine kräftige, halb entblößte junge Frau voran. In der rechten Hand hält sie die Trikolore hoch erhoben, in der linken ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett. Zu ihrer Linken eilt ein Junge mit zwei Pistolen heran – eine Figur, die später Victor Hugo als Vorbild für seinen Gavroche in Les Misérables gedient haben soll. Zu ihrer Rechten steht ein Mann mit Zylinder und Gewehr, in dem manche Kunsthistoriker ein Selbstporträt des Malers erkennen wollen.

Im Vordergrund türmen sich Leichen – gefällte Kämpfer beider Seiten. Ein verwundeter Mann, dessen Hemd blutverschmiert von der Schulter gerutscht ist, streckt sich flehend der Freiheitsfigur entgegen. Gemeinsam mit der zentralen Frauengestalt und dem Jungen bildet er ein kompositorisches Dreieck, dessen Spitze die Trikolore bildet. Im Hintergrund ragen die Türme von Notre-Dame durch den Pulverdampf – ein Orientierungspunkt, der die Szene unmissverständlich in Paris verortet.

Bemerkenswert ist, wie Delacroix die Farben der Trikolore – Blau, Weiß, Rot – im gesamten Bild wiederholt. Die blaue Socke eines toten Soldaten im Vordergrund, die weißen Hemden der Kämpfer, das rote Blut auf den Pflastersteinen: Die Nationalfarben durchziehen das Gemälde wie ein Leitmotiv und verwandeln die chaotische Straßenszene in eine patriotische Komposition von beeindruckender Geschlossenheit.

Die Figur der Freiheit – Göttin und Frau des Volkes

Die zentrale Gestalt des Gemäldes verdient besondere Aufmerksamkeit, denn sie ist ein Meisterstück der Ambivalenz. Einerseits trägt die Frau einfache Kleidung, ihre Füße sind nackt und schmutzig – sie gehört zum Volk. Andererseits erinnert ihre entblößte Brust an antike Göttinnendarstellungen, der Pulverdampf um ihr Haupt wirkt wie ein Heiligenschein, und ihr markantes Profil ähnelt dem einer antiken Münze. Sie ist gleichzeitig eine reale Pariserin und eine allegorische Figur, eine Kämpferin und eine Verkörperung der Idee.

Der deutsche Dichter Heinrich Heine, der die Ausstellung im Salon von 1831 besuchte, fand dafür eine unerreichte Formulierung. Er nannte die Freiheitsfigur „eine seltsame Mischung von Phryne, Poissarde und Freiheitsgöttin“ – also zugleich eine antike Kurtisane, eine Marktfrau und eine ideale Allegorie. Was Delacroix hier gelang, war eine vollkommen neuartige Verschränkung von Realismus und Idealismus: Die Freiheit ist keine ferne Göttin auf einem Wolkenthron, sondern eine Frau, die mit dem Volk kämpft, schwitzt und leidet.

Eigenartig ist, dass niemand im Bild die Freiheitsfigur direkt anzublicken scheint. Die Kämpfer schauen an ihr vorbei, sie folgen ihr, ohne sie wahrzunehmen – als wäre sie eine Kraft, die nur der sterbende Mann im Vordergrund erkennen kann. Erst im Angesicht des Todes, so ließe sich deuten, wird die Freiheit sichtbar.

Romantik gegen Klassizismus: Delacroix und David

Vergleicht man Die Freiheit führt das Volk mit einem klassizistischen Historienbild wie Jacques-Louis Davids Schwur der Horatier, werden die Unterschiede zwischen Romantik und Klassizismus unmittelbar sichtbar. Wo David kühle Klarheit, geometrische Strenge und statuarische Figuren bevorzugt, setzt Delacroix auf Bewegung, Unordnung und emotionale Überwältigung. Davids Komposition ist wie eine Bühne aufgebaut, mit symmetrisch angeordneten Figurengruppen vor einer architektonischen Kulisse. Delacroix hingegen zieht den Betrachter mitten in das Geschehen: Die Barrikade scheint sich in den Bildraum des Betrachters hinein zu erstrecken, der Rauch verschleiert die Konturen, die Figuren sind in wilder Bewegung begriffen.

Auch im Umgang mit dem menschlichen Körper zeigen sich grundlegende Unterschiede. Davids Figuren wirken wie idealisierte Skulpturen – makellos, kühl, übermenschlich. Delacroix malt dagegen Körper, die bluten, schwitzen und sterben. Die Leichen im Vordergrund seines Gemäldes sind von einer drastischen Direktheit, die das Publikum des Salons von 1831 zutiefst verstörte. Während David das Heroische im Augenblick der Entschlossenheit sucht, findet Delacroix es im Chaos des Kampfes selbst.

Dennoch teilen beide Künstler eine entscheidende Gemeinsamkeit: Beide schufen Historienbilder, die weit über den konkreten Anlass hinausweisen. Wie Davids Meisterwerk des Klassizismus das Verhältnis von Individuum und Staat thematisiert, so stellt Delacroix die zeitlose Frage nach dem Preis der Freiheit. Beide Gemälde hängen heute im Louvre – nur wenige Säle voneinander entfernt.

Rezeption und Wirkungsgeschichte

Die Erstpräsentation im Pariser Salon von 1831 löste heftige Reaktionen aus. Zahlreiche Kritiker störten sich an der „unedlen“ Darstellung: Die schmutzigen Füße der Freiheitsfigur, die realistischen Leichen, die Mischung aus Allegorie und Straßenszene – all das widersprach dem höfischen Geschmack. Dennoch erkannte die neue Regierung den propagandistischen Wert des Werks. Der Staat kaufte das Gemälde für 3.000 Francs und stellte es zunächst im Musée du Luxembourg aus. Doch bereits 1832, als die Julimonarchie konsolidiert und das revolutionäre Pathos unerwünscht geworden war, verschwand es aus der Öffentlichkeit. 1839 wurde es an Delacroix zurückgegeben.

Erst bei der Pariser Weltausstellung von 1855 wurde Delacroix' Freiheit erneut einem breiten Publikum präsentiert. Doch die endgültige Aufnahme in den Louvre erfolgte erst nach dem Tod des Künstlers im Jahr 1863. Seitdem hat das Bild einen beispiellosen Aufstieg zur kulturellen Ikone erlebt. Es zierte französische Briefmarken und Banknoten, inspirierte politische Plakate und Albumcover und wurde ungezählte Male zitiert, parodiert und umgedeutet.

Die Wirkung auf nachfolgende Künstlergenerationen war enorm. Delacroix' Verbindung von politischem Engagement und malerischer Leidenschaft beeinflusste Künstler von Gustave Courbet über die Wegbereiter des Impressionismus bis hin zu Pablo Picasso, dessen Guernica eine vergleichbare Verschmelzung von Kunstwerk und politischem Manifest darstellt. Auch für die späteren Surrealisten blieb Delacroix' radikale Subjektivität ein wichtiger Bezugspunkt.

Die Freiheit führt das Volk bleibt ein Werk von ungebrochener Aktualität. Es zeigt die Begeisterung des revolutionären Augenblicks ebenso wie seinen Schrecken, die Schönheit der Idee ebenso wie die Hässlichkeit des Kampfes. Dass die eigentlichen Gewinner dieser Revolution nicht die Kämpfer auf der Barrikade waren, sondern die Bankiers und Fabrikanten hinter den Kulissen, verleiht dem Bild eine bittere Ironie, die Delacroix möglicherweise bereits ahnte. Die Freiheit führt das Volk – aber wohin sie es führt, bleibt offen.

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