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Frida Kahlo: Schmerz, Liebe und die Kraft der Kunst

Es gibt Künstlerinnen, deren Leben so eng mit ihrem Werk verwoben ist, dass man das eine nicht ohne das andere verstehen kann. Frida Kahlo ist eine von ihnen – vielleicht die berühmteste. Die mexikanische Malerin, 1907 in Coyoacán bei Mexiko-Stadt geboren und dort 1954 gestorben, hat in knapp drei Jahrzehnten rund zweihundert Gemälde geschaffen, von denen die Mehrzahl Selbstporträts sind. Sie malte nicht, um die Welt abzubilden – sie malte, um sich selbst zu begreifen. Ein verheerender Busunfall prägte ihren Körper und ihre Kunst für immer. Die Ehe mit dem Muralisten Diego Rivera wurde zur großen Liebe und zur größten Qual ihres Lebens. Und die Bilder, die sie in Phasen unerträglicher Schmerzen malte – im Bett, im Korsett, zwischen Operationen –, gehören heute zu den meistdiskutierten Werken der Kunstgeschichte.

Frida Kahlo: Schmerz, Liebe und die Kraft der Kunst

Kindheit in Coyoacán: La Casa Azul

Magdalena Carmen Frieda Kahlo y Calderón wurde am 6. Juli 1907 in Coyoacán geboren, einem beschaulichen Vorort im Süden von Mexiko-Stadt. Das Haus, in dem sie zur Welt kam und den größten Teil ihres Lebens verbrachte, war ein leuchtend blau gestrichenes Gebäude im Kolonialstil: La Casa Azul, das Blaue Haus. Es steht noch heute in der Calle Londres 247 und ist längst eines der meistbesuchten Museen Mexikos. Die farbenprächtigen Wände, die Kakteen im Innenhof, die präkolumbianischen Figuren und die mexikanische Volkskunst – all das floss später in die Bildwelt der Künstlerin ein.

Ihr Vater, Carl Wilhelm Kahlo – ein aus Pforzheim stammender Deutscher, der sich in Mexiko Guillermo nannte –, war ein angesehener Fotograf. Unter der Regierung von Porfirio Díaz dokumentierte er die mexikanische Architektur. Von ihm erbte Frida den präzisen Blick für Details und die Liebe zur Komposition. Guillermo litt an Epilepsie, und die Tochter, die ihn häufig auf Fotoexpeditionen begleitete, lernte früh, mit Krankheit umzugehen. Die Mutter, Matilde Calderón y González, war eine tief religiöse Mexikanerin indigener und spanischer Abstammung. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter blieb schwierig, doch das mexikanische Erbe der mütterlichen Seite – Volkskunst, Retablos, farbenfrohe Textilien – wurde zu einem Grundpfeiler von Kahlos künstlerischer Identität.

Bereits als Kind erkrankte Frida an Kinderlähmung, die ihr rechtes Bein verkümmern ließ. Die Mitschüler verspotteten sie als „Frida pata de palo“ – Holzbein. Doch das Mädchen war zäh und widerspenstig. Trotz der Einschränkung schwamm sie, fuhr Rad und boxte sogar. 1922 wurde sie an der Escuela Nacional Preparatoria aufgenommen, der besten Oberschule des Landes. Ihr Ziel war die Medizin. Das Schicksal hatte andere Pläne.

Der Unfall, der alles veränderte

Am 17. September 1925 bestieg die achtzehnjährige Frida Kahlo nach der Schule gemeinsam mit ihrem Freund Alejandro Gómez Arias einen Holzbus in Mexiko-Stadt. Es war eine alltägliche Fahrt – bis der Bus an einer Kreuzung mit einer elektrischen Straßenbahn zusammenstieß. Der Aufprall war verheerend. Der Bus wurde zerdrückt, und die Passagiere durch den Innenraum geschleudert.

Was Kahlo bei diesem Unfall widerfuhr, ist von einer Brutalität, die kaum in Worte zu fassen ist. Eine Eisenstange durchbohrte ihren Körper – sie trat im Beckenbereich ein und auf der anderen Seite wieder aus. Die Wirbelsäule brach an drei Stellen. Das Schlüsselbein und zwei Rippen waren gebrochen. Das rechte Bein, ohnehin durch die Kinderlähmung geschwächt, erlitt elf Frakturen. Der rechte Fuß war zertrümmert, das Becken an drei Stellen gebrochen, die Schulter ausgerenkt. Gómez Arias, der den Unfall überlebte, berichtete später, dass ein Mitfahrer, der Goldpuder bei sich trug, dieses über den blutenden Körper verstreute – ein grotesk schönes Bild inmitten des Grauens.

Die Ärzte gaben der jungen Frau kaum Chancen. Doch sie überlebte. Was folgte, waren Monate der Bettlägerigkeit, eingezwängt in Gipskorsetts, und ein lebenslanger Kampf gegen den Schmerz. Insgesamt musste sie sich über dreißig Operationen unterziehen – an der Wirbelsäule, am Fuß, am Bein. Der Unfall zerstörte nicht nur ihren Körper, er machte auch Schwangerschaften lebensgefährlich. Frida Kahlo erlitt mindestens drei Fehlgeburten – eine Erfahrung, die zu den schmerzhaftesten Motiven ihres Werkes wurde.

Doch aus der Katastrophe erwuchs etwas Unerwartetes. Im Bett liegend, in Gipskorsetts gefangen, begann die junge Frau zu malen. Die Eltern ließen eine spezielle Staffelei anfertigen und brachten einen Spiegel an der Unterseite des Bettbaldachins an. So blickte Kahlo in ihr eigenes Gesicht – und malte, was sie sah. Der Unfall, der ihr das Leben als Ärztin nahm, gab ihr das Leben als Künstlerin.

Malerei als Überleben

Bereits das erste Selbstporträt, das Kahlo 1926 für Alejandro Gómez Arias malte – Autorretrato con traje de terciopelo (Selbstporträt im Samtkleid) –, verrät ein bemerkenswertes Bewusstsein für Farbe, Form und psychologische Tiefe. Auf die Frage, warum sie so viele Selbstporträts male, antwortete die Malerin später: „Ich male mich selbst, weil ich so oft allein bin und weil ich das Motiv bin, das ich am besten kenne.“

Doch die Kunst von Frida Kahlo ist weit mehr als Selbstporträtmalerei. Ihre Bilder verbinden Elemente der mexikanischen Volkskunst – leuchtende Retablos, die Bildsprache präkolumbianischer Kulturen, die Ikonografie katholischer Votivbilder – mit einer schonungslosen Offenheit. Sie malte ihren zerbrechenden Körper, ihr blutendes Herz, ihre Fehlgeburten. Sie malte Wunden, Korsetts, chirurgische Instrumente. Die Bilder sind von einer Direktheit, die auch heute noch verstört.

André Breton, der Begründer des Surrealismus, bezeichnete Kahlos Kunst als surrealistisch. Die Künstlerin widersprach entschieden: „Man hielt mich für eine Surrealistin. Das ist falsch. Ich habe nie Träume gemalt. Ich habe meine eigene Wirklichkeit gemalt.“ Tatsächlich unterscheidet sich ihre Bildwelt grundlegend von den Traumlandschaften eines Dalí oder Magritte. Wo die Surrealisten das Unbewusste erkundeten, malte Frida Kahlo das allzu Bewusste: den Schmerz, den sie fühlte, den Körper, den sie kannte. Ihre Kunst ist nicht Flucht in den Traum, sondern Konfrontation mit der Wirklichkeit.

Stilistisch schöpfte die Malerin aus vielen Quellen. Die symbolische Aufladung einzelner Motive – Affen, Papageien, Dornen, Blut, Wurzeln – verweist auf die indigene Mythologie Mexikos. Die akribische Genauigkeit anatomischer Details verrät den Einfluss des Vaters und jener medizinischen Bücher, die sie während langer Genesungszeiten studierte. Das Ergebnis ist eine Kunst, die keiner Schule zuzuordnen ist: eigenwillig, unverwechselbar, zutiefst persönlich.

Diego Rivera: Die große Liebe

Im Jahr 1929 heiratete Frida Kahlo den einundzwanzig Jahre älteren Wandmaler Diego Rivera. Der Vater soll die Verbindung als „Hochzeit zwischen einem Elefanten und einer Taube“ bezeichnet haben. Rivera, ein massiger Mann von immensem künstlerischem Ehrgeiz und notorischer Untreue, war damals bereits der berühmteste Maler Mexikos. Seine monumentalen Wandgemälde – die Murales – erzählten die Geschichte des mexikanischen Volkes in einem Stil, der sozialistische Botschaften mit der Ästhetik der Renaissance verband.

Die Ehe wurde legendär – und legendär schwierig. Beide waren leidenschaftlich und ständig in Außenbeziehungen verstrickt. Rivera hatte zahllose Affären, darunter eine besonders verheerende mit Cristina, Fridas jüngerer Schwester. Kahlo rächte sich mit eigenen Liebschaften, darunter Beziehungen zu Männern und Frauen. Die Ehe war ein Kreislauf aus Verrat, Versöhnung, Trennung und Rückkehr.

1939 ließen sich die beiden scheiden. Einige der eindringlichsten Gemälde stammen aus dieser Phase: Las dos Fridas (Die zwei Fridas, 1939) zeigt zwei nebeneinandersitzende Selbstporträts – eines in europäischer Kleidung, eines im Tehuana-Kleid –, durch eine freiliegende Arterie verbunden. Es ist ein Bild der gespaltenen Identität und der zerrissenen Liebe.

Doch die Trennung währte nicht lange. Bereits 1940 heirateten sie ein zweites Mal, in San Francisco, unter der Bedingung getrennter Schlafzimmer. Rivera blieb untreu und egozentrisch, zugleich aber der Mensch, der Kahlos Kunst am tiefsten verstand. „Ich erlitt zwei schwere Unfälle in meinem Leben“, sagte Frida Kahlo später. „Der eine war der Bus. Der andere war Diego.“

Trotzki, Politik und Leidenschaft

Frida Kahlo und Diego Rivera waren überzeugte Kommunisten. Beide traten in den zwanziger Jahren der Kommunistischen Partei Mexikos bei. Kahlo änderte später sogar ihr Geburtsjahr von 1907 auf 1910, um ihre Geburt symbolisch mit dem Beginn der Mexikanischen Revolution zusammenfallen zu lassen – eine typische Geste der Verschmelzung von persönlicher Biografie und nationaler Geschichte.

1937 kam es zu einer Begegnung, die ihr Leben um ein dramatisches Kapitel bereicherte. Leo Trotzki, einst Weggefährte Lenins und von Stalin aus der Sowjetunion verbannt, erhielt auf Riveras Fürsprache politisches Asyl in Mexiko. Er zog mit seiner Frau Natalja in La Casa Azul ein, in jenes blaue Haus in Coyoacán, in dem Kahlo aufgewachsen war. Was folgte, war eine kurze, leidenschaftliche Affäre zwischen der Malerin und Trotzki – politisch brisant und persönlich verhängnisvoll.

Die Beziehung zu Trotzki dauerte nur wenige Monate. Die Künstlerin schenkte dem sechzigjährigen Revolutionär zum Geburtstag ein Selbstporträt mit persönlicher Widmung. Die Affäre endete, doch die politischen Folgen reichten weiter. 1940 wurde Trotzki in seinem Haus in Coyoacán von einem stalinistischen Agenten ermordet. Rivera war kurzzeitig unter Verdacht, Kahlo wurde verhört, aber nicht angeklagt.

Die politische Überzeugung blieb zeitlebens wichtig. Frida Kahlo trug bewusst traditionelle indigene Kleidung als Zeichen kultureller Identität und sah ihre Kunst als Ausdruck nationalen Selbstbewusstseins. In ihren späten Jahren integrierte sie verstärkt politische Motive in ihre Gemälde. Eines ihrer letzten Bilder trägt die Inschrift „Viva la vida“ – es lebe das Leben.

Internationale Anerkennung

Lange stand Frida Kahlo im Schatten ihres Ehemannes. Doch in den späten dreißiger Jahren begann sich das zu ändern. 1938 stellte die Julien Levy Gallery in New York eine Auswahl ihrer Gemälde aus – die erste Einzelausstellung, und sie wurde ein Erfolg. Die Kritiker lobten die Intensität der Bilder, und etwa die Hälfte der Werke fand Käufer.

Im Jahr darauf reiste Kahlo nach Paris, wo André Breton eine Ausstellung mit dem Titel Mexique organisiert hatte. Die Malerin war von der Pariser Szene wenig beeindruckt, doch die Reise brachte einen historischen Triumph: Der Louvre erwarb das Gemälde The Frame (1938). Es war das erste Werk einer mexikanischen Künstlerin in der Sammlung des berühmtesten Museums der Welt.

Zurück in Mexiko wuchs das Ansehen stetig. 1943 erhielt Kahlo eine Professur an der Kunstakademie La Esmeralda. Als die Gesundheit es nicht mehr erlaubte, unterrichtete sie ihre Schüler – später als „Los Fridos“ bekannt – im Garten von La Casa Azul. 1953, ein Jahr vor ihrem Tod, veranstaltete die Galerie de Arte Contemporáneo in Mexiko-Stadt die erste Einzelausstellung in der Heimat. Die schwer kranke Künstlerin ließ sich in ihrem Bett zur Eröffnung tragen – ein Triumph und ein Abschied zugleich.

Die letzten Jahre

Die letzten Lebensjahre waren geprägt von fortschreitendem Verfall. Die Folgen des Unfalls, die zahllosen Operationen, die chronischen Schmerzen forderten ihren Tribut. Kahlo griff zunehmend zu Alkohol und Schmerzmitteln. Ihre Abhängigkeit verschlimmerte sich, und die Qualität einiger später Gemälde litt – die Pinselführung wurde unsicherer, die Konturen weniger präzise.

1953 musste das rechte Bein unterhalb des Knies amputiert werden. Eine Wundbrandinfektion ließ den Ärzten keine Wahl. Für Frida Kahlo, die sich zeitlebens gegen die Zerstörung ihres Körpers gestemmt hatte, war die Amputation ein verheerender Schlag. In ihrem Tagebuch schrieb sie: „Pies, para qué los quiero si tengo alas para volar“ – Füße, wozu brauche ich sie, wenn ich Flügel zum Fliegen habe.

Kahlo starb am 13. Juli 1954 in La Casa Azul in Coyoacán. Sie war siebenundvierzig Jahre alt. Die offizielle Todesursache lautete Lungenembolie, doch ihr letzter Tagebucheintrag nährt Zweifel: „Ich hoffe, der Abgang ist fröhlich – und ich hoffe, nie wiederzukommen.“ Diego Rivera beschrieb den Tag ihres Todes als den schlimmsten seines Lebens. Er überlebte sie um nur drei Jahre.

Doch der Tod war nicht das Ende, sondern der Anfang einer beispiellosen posthumen Karriere. Ab den achtziger Jahren setzte eine Wiederentdeckung ein, die Frida Kahlo zur Ikone machte – weit über die Kunstwelt hinaus. Die feministische Bewegung erkannte in ihr eine Pionierin, die den weiblichen Körper zum Gegenstand großer Kunst erhoben hatte. Die LGBTQ-Bewegung feierte ihre Bisexualität. Ihr Gesicht – die markanten Augenbrauen, der durchdringende Blick, der Blumenkranz im Haar – wurde zum globalen Symbol für künstlerische Unbeugsamkeit.

Heute hängen ihre Gemälde in den großen Museen der Welt, und La Casa Azul in Coyoacán empfängt jährlich Hunderttausende Besucher. Die Malerin, die einst im Schatten ihres Mannes stand, hat Rivera in der öffentlichen Wahrnehmung längst überflügelt. Frida Kahlo ist nicht nur eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts – sie ist ein kulturelles Phänomen, dessen Strahlkraft mit jedem Jahrzehnt wächst.

Weiterführende Literatur

Werkverzeichnisse und Biographien

  • H. Herrera: Frida. A Biography of Frida Kahlo. New York (Harper & Row) 1983. – Dt.: Frida Kahlo. Die Gemälde. München (Schirmer/Mosel) 1992.
  • R. Tibol: Frida Kahlo. An Open Life. Albuquerque (University of New Mexico Press) 1993.
  • A. Kettenmann: Frida Kahlo 1907–1954. Leid und Leidenschaft. Köln (Taschen) 1999.
  • G. Ankori: Frida Kahlo. (Critical Lives). London (Reaktion Books) 2002.

Primärquellen

  • Frida Kahlo: The Diary of Frida Kahlo. An Intimate Self-Portrait. Hg. von C. Fuentes. New York (Abrams) 1995.
  • Dies.: Frida Kahlo. Briefe 1922–1954. Hg. von M. Zamora. München (Schirmer/Mosel) 2002.

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