OKTOBER
2003

 
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LITERATUR


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Literatenstraßen: Johannes R(obert) Becher

Das abgebildete Straßenschild findet sich im Süden Potsdams, im Neubauviertel Waldstadt aus dem Beginn der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die vier- und fünfgeschossigen Wohnblocks sind städtebaulich so geordnet, daß vielfältige Durchblicke entstehen. Die Straße trägt seit ihrer Anlage den Namen des sozialistischen Schriftstellers und ersten Kulturministers der DDR.

ZUR ZUSAMMENFASSUNG DES ARTIKELS

Am 22. 5. 1891 kam "Hans" Becher als erster Sohn der Apothekerstochter Johanna ("Betty", geb. Buerck) und des Amtsrichters und späteren Oberlandesgerichtspräsidenten Dr. Heinrich Becher in München zur Welt. Sein Elternhaus war evangelisch. Obwohl er in guten Verhältnissen aufwuchs, hat er dies selbst nie so empfunden. So entstammen seine düsteren Kindheitseindrücke einem tiefen Unbehagen gegenüber dem bourgeoisen Familienbild und dem chauvinistischen Kaiserreich. Während sein Vater ein aufstrebender Jurist war, sah er sich als ewig Angeklagten. Seine Mutter gab sich bürgerlich-liberal, besuchte Konzerte und Ausstellungen; dennoch beugte sie sich ganz den Bevormundungen ihres Gatten.

Ab 1897 besuchte Becher in München die Volksschule. Im Jahr 1900 wurde er in das Maximilians-Gymnasium aufgenommen. Auf Grund von Erziehungsschwierigkeiten mußte er die Oberschulen mehrfach wechseln. Das Öttinger Johannes-Internat, wo er sich in seinen Mitschüler "Mops" verliebte und dessen römisch-katholischen Rituale nachahmte, mußte er verlassen, nachdem er mit einem Kadetten zusammen im Bett erwischt worden war. Wegen ungenügender Leistungen in Deutsch wiederholte er eine Klassenstufe, auch bekam er Arrest wegen "groben Unfugs" und "fortgesetzter Nachlässigkeit". Gleichzeitig verfaßte er bereits Hunderte von Gedichten.

Da die sieben Jahre ältere Zigarettenverkäuferin Fanny Fuß zu einer Ehe mit einem ungeliebten Mann gezwungen werden sollte, folgte sie Bechers Idee, in Anlehnung an das Ende Heinrich von Kleists und Henriette Vogels gemeinsam in den Tod zu gehen. Am 17. April 1910 erschoß er zunächst Fanny. Weil er jedoch nicht daran gedacht hatte, sich wie sein Vorbild in den Mund zu schießen, verletzte er sich selbst nur schwer. Sein Onkel operierte ihn und rettete ihm damit Leben und Denkvermögen. Auf Grund der Intervention seines Vaters kam es zu keiner Strafverfolgung.

Die Schußverletzung hatte ihm wohl im weiteren sein Leben gerettet, denn nach dem Abitur wurde er als Offiziersanwärter für den Kriegsdienst als untauglich ausgemustert. So begann er im Wintersemester 1911/12 in Berlin mit dem Studium der Philologie, Philosophie und Medizin (später in München und Jena). Sein Gefühlsleben war zu dieser Zeit ganz aufs eigene Geschlecht gerichtet. 1911 erschien auch als erste Veröffentlichung, die im neuromantischen Ton gehaltene Kleist-Hymne "Der Ringende" anläßlich dessen 100. Todestags. Von 1912 an war er Mitarbeiter bei Franz Pfemferts Zeitschrift "Aktion" und veröffentlichte zudem die Gedichtsammlung "Die Gnade eines Frühlings" sowie den Roman "Erde". Ab 1913 beteiligte er sich an den Münchner expressionistischen Zeitschriften "Revolution" und "Die neue Kunst". Der kurz vor Kriegsausbruch erschienene Band "Verfall und Triumph" machte ihn zu einem der führenden Vertreter des Expressionismus. Die nahezu endlosen Aneinanderreihungen von Hauptwörtern spiegeln gut das Lebensgefühl der Vorkriegs-Dichterjugend wider. Da er eine entschiedene Haltung gegen den Krieg bezog, kam es zum Bruch mit dem Elternhaus.

Seit 1914 - bereits in Jena - machte sich fortschreitende Morphiumsucht bemerkbar. Mehrfach begab er sich in stationäre Behandlung. Er war halt- und ruhelos, sowie von maßloser Sexsucht getrieben. Doch blieben Verhältnisse mit Frauen von kurzer Dauer. Obwohl er als Charmeur galt, war er brutal, um die jeweilige schnell wieder loszuwerden. 1916 gab er seinen Gedichtband "An Europa" heraus. Über diesen hatte er kurz zuvor im Kaffeehaus prophezeit, der Krieg würde nun bald zu Ende sein, da nach dem Lesen weiteres Kriegführen absurd wäre... Für Becher war es die bourgeoise Gesellschaft, die die ideale Entwicklung verhinderte. So sollte die sprachliche Zertrümmerung des Bestehenden den Boden für die Erneuerung der Menschheit bereiten. In Bewunderung der russischen Revolution trat Becher 1917 in die neugegründete USPD ein. 1918 schloß er sich dem Spartakusbund an. Wegen wiederholten Fälschens von Rezepten wurde er jedoch bereits im Januar von der Polizei in eine geschlossene Anstalt eingeliefert. Als er im Juni vom Suizid seines Bruders erfuhr, schnitt er sich die Pulsadern auf. Wieder überlebte er. Mit Hilfe der Ärztin Käthe Ollendorf gelang ihm im November 1918 der völlige Entzug.

Nach der Therapie wurde er im Januar 1919 in die gerade gegründete KPD aufgenommen. Am 1. April heiratete er Käthe, ließ sich aber bald wieder scheiden. 1920 brach er das Studium ohne Abschluß ab und siedelte nach Berlin über. Getrieben von ständiger innerer Unruhe und enttäuscht über die gescheiterte Novemberrevolution, ließ er die Parteimitgliedschaft erst einmal ruhen und durchlebte eine religiöse Phase. Er las die Bibel, versenkte sich in Psalmen, mußte aber bald feststellen, daß er auch hier sein Heil nicht finden konnte. Seine Resignation fand 1921 im Band "Um Gott" ihren Ausdruck: "Gottes Angesicht schaute ich - nicht!"

Erst 1922/23 vollzog sich sein eigentlicher Umbruch hin zum Kommunisten, als ihm Essays von Gorki in die Hände fielen. Er beschäftigte sich eingehend mit sowjetischer Literatur, insbesondere den Schriften Lenins, und wurde wieder in der KPD aktiv. Literatur war für ihn nun Bestandteil der planmäßigen Parteiarbeit. Die gegen Hindenburg gerichtete Gedichtsammlung "Der Leichnam auf dem Thron" von 1925 wurde beschlagnahmt. 1926 erschien der Roman "Levisite oder Der einzig gerechte Krieg", in dem sich Becher mit den Folgen eines Gaskriegs auseinandersetzte. Beide Werke führten zu einem Hochverratsprozeß. Breite internationale Proteste namhafter Persönlichkeiten führten jedoch zu einer Verschleppung des Verfahrens.

Im selben Jahr wurde er in das Sekretariat des Internationalen Büros für revolutionäre Literatur gewählt. Anläßlich des zehnten Jahrestags der Oktoberrevolution reiste er zum ersten Mal in die Sowjetunion. Ein Jahr später nahm er am ersten internationalen Kongreß revolutionärer Schriftsteller in Moskau teil. 1928 siedelte in die frisch erbaute Berliner Künstlerkolonie (Laubenheimer Straße 2) über. Mit Ludwig Renn, Alexander Abusch u.a. gründete er den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, wurde dessen Erster Vorsitzender und Herausgeber der Zeitschrift "Die Linkskurve", in der er grundlegende theoretische Beiträge veröffentlichte. Dagegen bewegte sich seine homoerotische "Sehnsucht nach einem Arbeiter, nach einem Bauern, nach Schweißgeruch und Handarbeit" durchaus im Stereotypen.

Dessen ungeachtet heiratete er in jenem Jahr in zweiter Ehe die Chemikerin Lotte Rotter. 1930 wurde als einziges Kind Jan (John) Thomas geboren. Bald darauf ließ sich seine Frau wieder scheiden. 1931 erschien Bechers Buch "Der große Plan. Epos des sozialistischen Aufbaus". 1932 war er Feuilleton-Redakteur der "Roten Fahne" und Reichstagskandidat für die KPD. Das Chorwerk "Der Große Plan" wurde von der Jungen Volksbühne in Berlin aufgeführt. Zum 15. Jahrestag der Oktoberrevolution hielt er in Moskau eine Rede.

Nach der Machtergreifung Hitlers emigrierte er kurz vor der Großrazzia am 15. März 1933 in der Künstlerkolonie zunächst nach Wien, Prag und Paris. Bereits 1934 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Im Juni 1935 richtete er in Paris als Beauftragter der Komintern noch den Kongreß zur Verteidigung der Kultur aus und siedelte danach nach Moskau über. Dort war er Mitglied des Zentralkomitees der KPD sowie Chefredakteur der Monatsschrift "Internationale Literatur - Deutsche Blätter". Hier erschienen Werke von Heinrich Mann, Anna Seghers und Lion Feuchtwanger. Mit der linksradikalen Journalistin Lilly Korpus bestritt er die für beide dritte und letzte Ehe, die kinderlos blieb.

Becher war zutiefst schockiert über die stalinistische Massenverhaftungswelle und die Schauprozesse, bei denen treue und überzeugte Parteimitglieder als Gegner der Sowjetunion abgeurteilt wurden. Obwohl er Mitbegründer und Sekretär war, durfte er im Mai 1937 nicht nach Valencia zum zweiten Kongreß der Internationalen Schriftstellervereinigung zur Verteidigung der Kultur reisen. Auch er galt als politisch unzuverlässig. Dem hielt er innerlich nicht stand. Mehrfach verübte er Selbsttötungsversuche - diese und die "politischen Säuberungen" sollte er durch Opportunismus überleben.

Mit glorifizierenden Gedichten an Stalin unterwarf er sich der herrschenden Parteilinie. Dennoch entwickelte er sich schriftstellerisch weiter. Während des Exils wandelte sich sein Stil endgültig vom ekstatischen Expressionismus zum Sozialistischen Realismus. Er schloß Freundschaft mit dem Philosophen Georg Lukács. Durch diesen angeregt, wandte sich Becher dem klassischen Erbe zu und entdeckte für sie die Form des Sonetts. Ähnlich wie Thomas Mann verstand er sich als literarischer Stellvertreter der besseren deutschen Tradition. Die Zeit der Verbannung weckte in ihm die Sehnsucht nach der an die NS-Herrschaft verlorene Heimat. Von deren Schönheit handeln die Sonette seiner "Deutschland"-Dichtung.

Du mächtig deutscher Klang: Bachs Fugen und Kantaten!
Du zartes Himmelblau, von Grünewald gemalt!
Du Hymne Hölderlins, die feierlich uns strahlt!
O Farbe, Klang und Wort: geschändet und verraten!

1940 beendete er sein wohl bekanntestes Werk, den weitgehend autobiographischen Roman "Abschied", in dem er mit seiner bourgeoisen Kindheit abrechnet. Als im Spätherbst 1941 deutsche Truppen vor Moskau standen, wurden alle Deutschen nach Taschkent evakuiert. Dort entstand innerhalb von vierzehn Tagen das Drama "Winterschlacht". 1942 kehrte er nach Moskau zurück und wohnte im Hotel Lux, dem "goldenen Käfig der Komintern". 1943 war er Gründungsmitglied des "Nationalkomitees Freies Deutschland", das alle Hitlergegner sammeln und organisieren sollte. In Rundfunkreden wandte er sich an Kriegsgefangene, Frontsoldaten und HörerInnen in Deutschland.

Als einer der ersten kehrte er im Juni 1945 nach Deutschland zurück, wo ihm eine beschlagnahmte Nazi-Villa im sog. Städtchen in Berlin-Pankow zugewiesen wurde. Am 2. Juli begründete er im Funkhaus Masurenallee den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands mit, dessen erster Präsident er auch war. Entsprechend dem in Moskau festgelegten Konzept sammelte Becher die bürgerlich-antifaschistischen Kräfte und bemühte sich, viele exilierte AutorInnen zurückzuholen. Des weiteren gründete er den Aufbauverlag, die Monatszeitschrift "Aufbau" und die Wochenzeitung "Sonntag". 1946 veröffentlichte er die Lyriksammlung "Heimkehr", in der er die Eindrücke des Exils mit dem Hoffen nach Neuanfang und Aufbau vereinigte.

Bechers Haus im Pankower Majakowskiring 34

Nach Gründung der SED war er Mitglied im Parteivorstand. Noch sollte der im Oktober 1947 in den Berliner Kammerspielen abgehaltene erste deutsche Schriftstellerkongreß die geistige Einheit der Nation demonstrieren. Unter den Teilnehmenden waren Arnold Zweig und Anna Seghers; Heinrich Mann war Ehrenpräsident, die einen Monat später verstorbene Ricarda Huch Alterspräsidentin. Doch zerstörte das Verbot des Kulturbundes in den Westsektoren am letzten Kongreßtag den Traum der Einheit.

1949 gründete er mit Paul Wiegler "Sinn und Form", die bedeutendste Literaturzeitschrift der DDR. Anläßlich des 200. Geburtstags Gœthes begrüßte er Thomas Mann in Weimar. Durch die Verleihung sowohl des Frankfurter als auch des Weimarer Gœthepreises an Mann sollte noch einmal die Unteilbarkeit der deutschen Kultur demonstriert werden. Zwei Monate später textete Becher die Hymne für die gerade gegründete DDR. Nicht nur inhaltlich ist sie von der Sehnsucht nach Einheit geprägt, auch formal könnte sie mit der Haydnschen Melodie gesungen werden. Dennoch komponierte Hanns Eisler eine eigene. Becher wurde Abgeordneter der Volkskammer und 1950 ins ZK der SED gewählt. Er war Gründungsmitglied der Akademie der Künste. Im Herbst jenen Jahres kam sein Sohn John aus England zu Besuch. Da dieser die DDR als stalinistischen Vasallenstaat ansah, durfte ihn Becher in seinem Haus nicht empfangen.

Im Frühjahr 1951 wurde er anläßlich seines 60. Geburtstages mit einem Staatsakt geehrt. Die Philosophische Fakultät der Humboldt-Universität ernannte ihn - der sein Studium nie abgeschlossen hatte - zum Ehrendoktor. Im Band "Verteidigung der Poesie. Vom Neuen in der Literatur" erörterte er 1952 den Zwiespalt zwischen dichterischem Selbstverständnis und politischer Funktion. Er war innerlich weiterhin zerrissen. Seine damaligen Reflexionen zur "Selbstzensur" gelangten jedoch erst 1988 in "Sinn und Form" zur Veröffentlichung. In seinem Refugium am Scharmützelsee in Bad Saarow spielte sich sein von zahlreichen Legenden umgebenes Privatleben ab. Am bekanntesten ist die Erzählung, wonach er seine Sekretärin entließ, weil sie sich dort seinen Handgereiflichkeiten entzogen hätte. Ähnlich wie Ludwig Renn wagte er es nicht, das Thema Homosexualität zu berühren. Immerhin führte er 1952 eine Demonstration zur ersatzlosen Streichung des §175 Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich (das damals in der DDR noch Gültigkeit hatte) an. Im selben Jahr wurde er zudem als Nachfolger Arnold Zweigs Präsident der Akademie der Künste (bis 1956).

1954 wurde er zum ersten Minister für Kultur berufen. Obwohl er aus politischer - fast religiöser - Einstellung schrieb und als Parteidichter galt, ging er mit der offiziellen DDR-Kulturpolitik nie völlig konform. Als unter Nikita Chruschtschow 1956 die Verbrechen Stalins aufgedeckt wurden, zeigte sich Becher schockiert. Einerseits waren seine Ahnungen und Ängste im Moskauer Exil durchaus berechtigt gewesen, anderseits hatte er auf Stalin noch zu dessen Tode Lobeshymnen geschrieben... Während der danach auch in der DDR spürbaren Tauwetter-Zeit trat er zunächst für politische Reformen ein. Mit seinem Freund und zeitweisen ungarischen Ministerkollegen Georg Lukács verbrachte er den Sommer im Harz. Nach dem blutig niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand (23. 10. - 4. 11. 56) - in dessen Folge Lukács interniert wurde, brachen auch in der DDR die neuen Freiheiten ab. Als Wolfgang Harig und Walter Janka ins Gefängnis mußten, reagierte Becher scharf. Er wurde im Politbüro vorstellig, konnte jedoch nichts erreichen. Es kam zu Schauprozessen um Janka, dem vorgeworfen wurde, er habe Lukács - nun abgekanzelt als das "Oberhaupt der Konterrevolution" - aus Ungarn in die DDR bringen wollen. Zwar war diese Rettungsaktion tatsächlich zusammen mit Seghers und Becher geplant worden, doch spielten beide eine sehr unrühmliche Rolle. Sie schwiegen während der ganzen Zeit und stellten sich in der Öffentlichkeit ganz hinter den Prozeß. Entsprechend der Tradition des Exils "Passe dich an oder du bist dran" verspielte Becher hier ein großes Stück moralischen Renommees. Um so mehr, weil er zu diesem Zeitpunkt den DDR-Sozialismus bereits als den "Grundirrtum meines Lebens" (erstmals 1988 in der BRD veröffentlicht) ansah.


Becher-Grabstätte
auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte
Ab 1957 verlor er jeden politischen Einfluß. Schwerkrank leitete er das Ministerium nur noch formell. Auch wenn er sich im Konflikt um Opposition und Parteitreue äußerlich fügte, brach er darüber zusammen. Da die Narbe an der Schußverletzung von 1910 eine Röntgendiagnose verhinderte, wurde der Krebs zu spät erkannt. Den zweiten Teil seines "Abschieds" konnte er nicht mehr beenden. 1958 gab er sozusagen als Epochenrückblick und Lebensbilanz seinen letzten Gedichtband "Schritt der Jahrhundertmitte" heraus. Am 11. Oktober starb Becher in Berlin. Entgegen seinem testamentarischen Willen wurde er mit großem Pomp auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt. Seit 1964 befand sich bis zur Wende in seinem Wohnhaus im Majakowskiring 34 die Becher-Gedenkstätte der Akademie der Künste der DDR. Das Haus beherbergte die originalen Wohnräume, eine Dauerausstellung im Keller und das Becher-Archiv im Obergeschoß.
Strikt war er dagegen, Gelungenes von Mißglücktem zu scheiden. Für ihm galt es, die dichterische Existenz eines vielschichtigen Lebens als Einheit zu verstehen. Mit Sicherheit spiegelt Bert Brechts Urteil über Becher, wonach dieser nur vier oder fünf gute Gedichte gemacht hätte, eher die persönliche Abneigung der beiden wider, als daß es einen objektiven Wertmaßstab böte. Doch macht Bechers Ruf als ausgesprochener Partei- und Staatsdichter sowohl in Ost als auch in West (aus unterschiedlichen Gründen) einen vorurteilsfreien Zugang zu seinem Werk schwer. In der BRD beschäftigt sich die Wissenschaft - was die Literatur der Weimarer Republik betrifft - hauptsächlich mit jenen Autoren, gegen die sich Bechers Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller entschieden gewandt hatte (darunter Döblin oder auch Brecht). In der ehemaligen DDR dürfte Becher, durch dessen Haus haufenweise FdGB-Gruppen geschleust wurden, nunmehr ebenfalls auf wenig Interesse stoßen.

Becher-Denkmal im Pankower Bürgerpark

Dennoch bleibt er, dessen Leben von ewiger Suche nach Sinngebung geprägt war, eine beachtenswerte Persönlichkeit. Gerade seine Entwicklung vom gefühlsbetonten Lyriker zum Parteifunktionär - wo er zu funktionieren hatte -, seine Zerrissenheit, Widersprüche und Schwächen machen ihn interessant. Im Grunde ist er der ewig Angeklagte seiner Kindheit geblieben. Gerade für ihn empfehlen sich die Worte Walter Benjamins, nur solche Bücher zu lesen, die andere nicht mehr lesen wollen.

Werkausgaben (Auswahl):
Johannes R. Becher; Briefe; ed. Harder, R.; (Veröffentlichung der Stiftung Archiv der Akademie der Künste); 2 Bd.e; Berlin 1993.
Ders.; Ausgewählte Dichtung aus der Zeit der Verbannung 1933-1945; Berlin 1945 (Nachdruck Berlin/Weimar 1985).
Ders.; Um Gott; Leipzig 1921.
Ders.; Schritt der Jahrhundertmitte. Neue Dichtungen; Berlin 2. Aufl. 1959.
Ders.; Verfall und Triumph; Berlin 1914.
Ders.; Werke; 3. Bd.e; Berlin/Weimar 1971.
Ders.; Wiedergeburt. Buch der Sonette; Leipzig 1987.
Berger, U. (Hg.); Becher. Ein Lesebuch für unsere Zeit; Berlin/Weimar 7. Aufl. 1989.

Literatur (Auswahl):
(Art.) Becher, Johannes R.; in: Hergemöller, B.-U.; Mann für Mann. Ein biographisches Lexikon; Ffm 2001; S. 110-112.
(Art.) Becher, Johannes R(obert); in: Kosch, W. (Hg.); Deutsches Literatur-Lexikon; Bd. 1; Bern/München 1968; Sp. 334-340.
Dietz, L./Knobloch, Chr.; (Art.) Johannes Robert Becher; in: Jens, W. (Hg.); Kindlers Neues Literatur-Lexikon; Bd. 2; München 1989; S. 358-363.
Dwars, J.-F.; Abgrund des Widerspruchs. Das Leben des Johannes R. Becher; Berlin 1998.
Franke, K.; (Art.) Becher, Johannes R(obert); in: Killy, W. (Hg.); Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache; Bd. 1; Gütersloh/München 1988; S. 365-367.
Killy, W.; (Art.) Becher, Johannes R(obert); in: Killy, W./Vierhaus, R. (Hgg.); Deutsche biographische Enzyklopädie (DBE); Bd. 1; München u.a. 1995; S. 366.
Nopster, N.; Das Frühwerk Johannes R. Bechers; (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft 78); Bonn 1969.
Rohrwasser, M.; Der Weg nach oben. Johannes R. Becher. Politiken des Schreibens; Basel 1980.
Siebert, I.; Das Johannes-R.-Becher-Haus; Berlin o.J.


ZUSAMMENFASSUNG
Johannes R(obert) Becher

"Hans" kam am 22. 5. 1891 als erster Sohn der Apothekerstocher Johanna (geb. Buerck) und des Amtsrichters und späteren Oberlandesgerichtspräsidenten Dr. Heinrich Becher in München zur Welt. Ab 1897 besuchte er die Volksschule. Auf Grund von Erziehungsschwierigkeiten mußte er die Oberschulen mehrfach wechseln. Am 17. April 1910 wollten er und die sieben Jahre ältere Zigarettenverkäuferin Fanny Fuß in Anlehnung an das Ende Heinrich von Kleists und Henriette Vogels sich erschießen. Becher sollte jedoch schwerverletzt überleben.

Im Wintersemester 1911/12 begann er in Berlin zu studieren (später in München und Jena). Sein Gefühlsleben war zu dieser Zeit ganz aufs eigene Geschlecht gerichtet. 1911 erschien die im neuromantischen Ton gehaltene Kleist-Hymne "Der Ringende" anläßlich dessen 100. Todestags. Ab 1913 beteiligte er sich an den Münchner expressionistischen Zeitschriften "Revolution" und "Die neue Kunst". Der kurz vor Kriegsausbruch erschienene Band "Verfall und Triumph" machte ihn zu einem der führenden Vertreter des Expressionismus.

Seit 1914 machte sich fortschreitende Morphiumsucht bemerkbar. Als er im Juni 1818 vom Suizid seines Bruders erfuhr, schnitt er sich die Pulsadern auf. Wieder überlebte er. Mit Hilfe der Ärztin Käthe Ollendorf gelang ihm im November 1918 der völlige Entzug. Im Januar 1919 wurde er in die gerade gegründete KPD aufgenommen. Am 1. April heiratete er Käthe, ließ sich aber bald wieder scheiden. 1920 brach er das Studium ohne Abschluß ab und siedelte nach Berlin über. Die gegen Hindenburg gerichtete Gedichtsammlung "Der Leichnam auf dem Thron" von 1925 wurde beschlagnahmt. 1926 erschien der Roman "Levisite oder Der einzig gerechte Krieg", in dem sich Becher mit den Folgen eines Gaskriegs auseinandersetzte. Beide Werke führten zu einem Hochverratsprozeß. Breite internationale Proteste namhafter Persönlichkeiten führten jedoch zu einer Verschleppung des Verfahrens. Mit Ludwig Renn, Alexander Abusch u.a. gründete er 1928 den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, wurde dessen Erster Vorsitzender und Herausgeber der Zeitschrift "Die Linkskurve". In jenem Jahr heiratete er in zweiter Ehe die Chemikerin Lotte Rotter. 1930 wurde als einziges Kind Jan (John) Thomas geboren. Bald darauf ließ sich seine Frau wieder scheiden.

Gleich nach der Machtergreifung Hitlers emigrierte er über mehrere Stationen 1935 nach Moskau. Mit der linksradikalen Journalistin Lilly Korpus bestritt er die für beide dritte und letzte Ehe, die kinderlos blieb. Obwohl im ZK der KPD, galt Becher als politisch unzuverlässig. Mehrfach verübte er Selbsttötungsversuche - diese und die "politischen Säuberungen" unter Stalin sollte er durch Opportunismus überleben. 1940 beendete er sein wohl bekanntestes Werk, den weitgehend autobiographischen Roman "Abschied", in dem er mit seiner bourgeoisen Kindheit abrechnet.

Bereits Juni 45 kehrte er nach Deutschland zurück. Er gründete u. a. den Aufbauverlag, die Monatszeitschrift "Aufbau" und die Wochenzeitung "Sonntag". 1946 veröffentlichte er die Lyriksammlung "Heimkehr", in der er die Eindrücke des Exils mit dem Hoffen nach Neuanfang und Aufbau vereinigte. 1949 gründete er mit Paul Wiegler "Sinn und Form", die bedeutendste Literaturzeitschrift der DDR. 1954 wurde er zum ersten Minister für Kultur berufen. Obwohl er aus politischer - fast religiöser - Einstellung schrieb und als Parteidichter galt, ging er mit der offiziellen DDR-Kulturpolitik nie völlig konform. Ab 1957 verlor er jeden politischen Einfluß. Schwerkrank leitete er das Ministerium nur noch formell. Auch wenn er sich im Konflikt um Opposition und Parteitreue äußerlich fügte, brach er darüber zusammen. 1958 gab er sozusagen als Epochenrückblick und Lebensbilanz seinen letzten Gedichtband "Schritt der Jahrhundertmitte" heraus. Am 11. Oktober starb Becher in Berlin. Entgegen seinem testamentarischen Willen wurde er mit großem Pomp auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt.

Mit Sicherheit spiegelt Bert Brechts Urteil, wonach Becher nur vier oder fünf gute Gedichte gemacht hätte, alleinig die persönliche Abneigung der beiden wider, jedoch macht Bechers Ruf als Partei- und Staatsdichter einen vorurteilsfreien Zugang zu seinem Werk schwer. Dennoch bleibt er, dessen Leben von ewiger Suche nach Sinngebung geprägt war, eine beachtenswerte Persönlichkeit. Gerade seine Entwicklung vom gefühlsbetonten Lyriker zum Parteifunktionär - wo er zu funktionieren hatte -, seine Zerrissenheit, Widersprüche und Schwächen machen ihn interessant.