NOVEMBER
2003

 
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LITERATUR


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Literatenstraßen: Catull (Gaius Valerius Catullus)

Das abgebildete Straßenschild stammt aus Chiaia, einem östlich des Neapler Stadtzentrums befindlichen besseren Wohnviertel. Am Berghang gelegen, wird es mit einer Standseilbahn, der Funicolare di Posillipo als öffentlichem Verkehrsmittel erschlossen. Dazu verlaufen die Straßen etwa im rechten Winkel in Serpentinen hinab zum Meer. Sie tragen - wie auf dem abgebildeten Schild - Namen von Schriftstellern.

ZUR ZUSAMMENFASSUNG DES ARTIKELS

Als Geburtsjahr des Dichters Gaius Valerius Catullus werden die Jahre 87 und 84 v. Chr. genannt.. Über das Leben Catulls ist nicht sehr viel bekannt, und auch das Wenige noch ist äußerst zweifelhaft. Er stammte mit Sicherheit aus einem vermögenden Hause in Verona, das gute Beziehungen zur römischen Aristokratie, darunter zu Caesar, unterhielt. Sein Vater besaß auf der Halbinsel Sirmio (Sirmione) am Südende des Gardasees ein Landhaus. Die Gastfreundschaft, die Catulls Vater mit Caesar pflegte, wird bei Sueton (Divus Iulius, 73) erwähnt.

Der junge Catull - als Republikaner war er ein politischer Gegner Caesars - wurde gewiß zu seiner Ausbildung nach Rom geschickt, wie es bei Angehörigen seiner Schicht üblich war, und begann dort frühzeitig zu dichten. Er fand wohl Zugang zu der damaligen Jeunesse dorée der Hauptstadt und hat wahrscheinlich ein ziemlich ungezwungenes Leben geführt. In Rom schloß er sich einer Gruppe von jungen Dichtern an, den Neoterikern. Die Neoteriker verdanken ihren modernen Namen einer beiläufigen Bemerkung Ciceros: In einem Brief an Attikus (Ad Attikum, 7, 2, 1) werden einmal, im Zusammenhang mit einer metrischen Erscheinung, neoteroi ("Neuere") erwähnt, eine poetische Avantgarde, mit der nur der Kreis um Catull gemeint sein kann. An einer anderen Stelle (Orator 161) bezeichnet Cicero dieselben Dichter als poetae novi, als "neue Dichter". Die Neoteriker nahmen - und hierin bestand das "Neue", das sie durchsetzten - die künstlerische Form der Dichtung auf eine bis dahin in Rom unerhörte Weise ernst. Sie stellten strengste Anforderungen an Metrum und Stil; sie verwarfen alles rasche Produzieren und verlangten, daß man sich mit einem Werk erst nach sorgfältiger Überarbeitung an die Öffentlichkeit wagte. Daher pflegten die Neoteriker die kleinen poetischen Gattungen: das Epigramm, das lyrische Gedicht, das Epyllion.

Im Jahre 57 v. Chr. begleitete Catull gemeinsam mit dem Freunde Helvius Cinna, einem Landsmann, den Statthalter Gaius Memmius in dessen Provinz Bithynien; dort hielt er sich etwa ein Jahr lang auf (c. 10). Die Rückreise nutzte er, dem Grabe seines Bruders bei Troja einen Besuch abzustatten; davon zeugt das kurze Klagegedicht 101.

Die letzten Ereignisse, auf die seine Gedichte anspielen, sind das zweite Konsulat des Pompeius sowie Caesars Rheinübergang und erste Britannienexpedition (c. 113 und c. 11; 55 v. Chr.). Er starb etwa im Jahre 54 v. Chr., hat also das 30. Lebensjahr gerade erreicht oder nur um ein paar Jahre überschritten.

Von Catull hat eine aus 116 carmina bestehende Gedichtsammlung die Zeiten überdauert, die nach Versmaßen geordnet ist. Der erste Teil (c. 1 - c. 60) bietet kleinere Gedichte in unterschiedlichen Metren dar; der Mittelteil (c. 61 - c. 68) enthält die großen, kunstvollen Gedichte, die im wesentlichen in Hexametern oder elegischen Distichen verfaßt sind, und der Schlußteil (c. 69 - c. 116) bringt Epigrammatisches, durchweg im elegischen Maß.

Geht je einem, der liebt und begehrt, unverhofft ein Wunsch in Erfüllung,
so ist dies ein besonderes Glück.
Deshalb macht es mich glücklich, mehr als goldene Schätze,
daß du zurückkehrst, Lesbia, zu dem, der dich liebt und begehrt;
kehrst zurück zu mir, der dich begehrt und nicht hoffte,
dich selber bringst du mir wieder.
O beglückender, strahlender Tag!
Wer ist glücklicher nun auf Erden als ich,
wer vermöchte zu sagen, was mehr einer im Leben sich wünscht?
(carmen 107)

Amor (antikes Relief)

Keiner hat so knapp, so klar, so klug Catulls Kunst charakterisiert wie sein römischer Dichterkollege Martial. Mit nur fünf Worten, in einer meisterlichen Zeile, faßt er die Wurzeln, das Wesen der Poesie seines Vorgängers und Vorbildes unvergleichlich genau zusammen. Er redet ihn direkt an, nennt ihn docte Catulle, "gelehrter Catull". Doch der Vers (8, 73, 8) bringt noch eine weitere Komponente ins Spiel. Er enthält einen Schlüsselnamen, ein Pseudonym:

Lesbia dictavit, docte Catulle, tibi.
"Lesbia war es, gelehrter Catull, die dir deine Dichtungen eingab."

Der Schriftsteller Apuleius, berühmt durch seinen Roman Metamorphosen ("Der goldene Esel"), hat der Nachwelt den Schlüssel zu dem von Catull verwendeten Decknamen bewahrt: jene Lesbia sei eine Clodia gewesen (Apologia 10).

"Lesbia" heißt zunächst nicht mehr als "Die Frau aus Lesbos". Dabei ist man zuerst versucht , an jene große Frau aus Lesbos zu denken, die, durch ihr dichterisches Werk unsterblich geworden, einen Ehrenplatz als "Zehnte Muse" errungen hat: an Sappho. Und in der Tat ist Catull der größten Dichterin der klassischen Antike gern gefolgt. Doch ist der Bezug hier weniger abstrakt: Martial redet konkret von jener Lesbia, die Catull immer wieder besungen hat, die seine Muse geworden ist, mit ihm, ihrem Sänger, Verehrer und Verleumder zusammen Unsterblichkeit gefunden hat unter einem Namen, der nicht der ihre war. Sie soll Clodia geheißen haben; doch das ist uns heute nicht besonders wichtig. Wichtig ist ihre Rolle im Leben eines jungen Mannes aus Oberitalien - und durch ihn ihre Rolle in der römischen Poesie.


Bei einer Hetäre

Meine Lesbia, o Caelius,
jene Lesbia,
die Catullus dereinst und einzig liebte,
mehr als all die seinen und sich selber:
Diese Lesbia befriedigt
jetzt an Kreuzwegen und in Seitengassen
die hochherzigen Enkel des Remus.
(carmen 58)

Der griechischen und mehr noch der römischen Antike war das, was wir besonders seit Goethe unter "Lyrik" verstehen, kein Gegenstand der Versdichtung; zu den großen Inhalten der antiken Versdichtung gehörten vor allem die Mythologie mit ihren vielschichtigen Übergängen in die Geschichte, die gut und oft überspitzt formulierte Mitteilung von Gedanken, Betrachtungen, Erfahrungen und Gefühlen, nicht aber der unmittelbare Ausdruck der Gefühle selbst. Es gab keine "Empfindungslyrik".

Wenn auch bei Catull - und das trägt zu seiner Sonderstellung unter den römischen Lyrikern bei - häufiger als bei anderen Dichtern der Antike, mit Ausnahme Sapphos vielleicht, sich das Gefühl freier ausspricht, da Catull nicht wie die Gelehrten Horaz und Vergil zum Beispiel alles Persönliche hinter dem mythologischen Bildungsgut seiner Zeit verbirgt, so besteht der Reiz seiner Gedichte doch noch in einer anderen Qualität. Catulls Gedichte sind subjektive Gelegenheitsgedichte, entstanden aus konkreten Anlässen. Und diese konkreten Anlässe gestatten uns einen Blick in den römischen Alltag um die Zeit der sterbenden Republik. Sie sind ein Stück römischen Lebens aus der Sphäre des gehobenen Bürgers.

Wir lernen Catulls Freunde und Feinde kennen, seine Leidenschaften, seine Liebe, seinen Haß. Wir spüren, daß er ein intelligenter junger Mann gewesen sein muß, frech und sympathisch, anständig, sauber, bisweilen obszön und keinesfalls ein Spießer. Ein Mensch, für den Freundschaft und Liebe ethische Werte sind und der für seine Ideale kämpft. Ein leidenschaftlicher Mensch, kein Spaßverderber und ein guter Kamerad. Catulls oft flegelhafte Ausdrucksweise ist nicht ein Zeichen der Verkommenheit, sondern wenn es nötig scheint, kann er mit den Leuten sozusagen "Tacheles" reden. Er war sicherlich nicht zimperlich.

In seinem Vorwort zur englischen Originalausgabe "Catullus, edited with introduction, translation and notes by G. P. Goold (London 1983)" drückt der Verfasser folgenden Wunsch aus: "Dieses Buch ist für alle gedacht, die Catull mit Genuß lesen wollen: Studenten, Lehrer, Literaturfreunde und Neugierige. Ich wünschte, daß auch Leser mit nur geringen Lateinkenntnissen durch diese Ausgabe den Dichter kennenlernen und schätzen werden." Diesem Wunsche ist nichts hinzuzufügen.

pf


ZUSAMMENFASSUNG
Catull (Gaius Valerius Catullus)

Über Catulls Leben ist nur wenig bekannt, und selbst dies ist zweifelhaft. Im Jahre 87 oder 84 v. Chr. geboren, stammte er mit Sicherheit aus einem vermögenden Hause in Verona, das gute Beziehungen zur römischen Aristokratie, darunter zu Caesar, unterhielt. Sein Vater besaß auf der Halbinsel Sirmio (Sirmione) am Südende des Gardasees ein Landhaus.

Wie bei Angehörigen seiner Schicht üblich, wurde er gewiß zur Ausbildung nach Rom geschickt. Frühzeitig begann er dort zu dichten und schloß sich einer Gruppe von jungen Dichtern an, den Neoterikern, eine poetische Avantgarde. Diese nahmen - und hierin bestand das "Neue" - die künstlerische Form der Dichtung auf eine bis dahin in Rom unerhörte Weise ernst. Sie stellten strengste Anforderungen an Metrum und Stil und pflegten daher die kleinen poetischen Gattungen: das Epigramm, das lyrische Gedicht, das Epyllion.

Die letzten Ereignisse, auf die seine Gedichte anspielen, sind das zweite Konsulat des Pompeius sowie Caesars Rheinübergang und erste Britannienexpedition. Er starb somit etwa im Jahre 54 v. Chr., kaum älter als 30.

Von Catull hat eine aus 116 carmina bestehende Gedichtsammlung die Zeiten überdauert, die nach Versmaßen geordnet ist. Der erste Teil bietet kleinere Gedichte in unterschiedlichen Metren dar; der Mittelteil enthält die großen, kunstvollen Gedichte, die im wesentlichen in Hexametern oder elegischen Distichen verfaßt sind, und der Schlußteil bringt Epigrammatisches, durchweg im elegischen Maß.

In der Antike war das, was wir besonders seit Goethe unter "Lyrik" verstehen, kein Gegenstand der Versdichtung. Zu deren Inhalten gehören vor allem die Mythologie, nicht aber - mit Ausnahme Sapphos vielleicht - der unmittelbare Ausdruck der Gefühle selbst. Es gab keine "Empfindungslyrik". Anders bei Catull. Er verfaßt subjektive Gelegenheitsgedichte, entstanden aus konkreten Anlässen. Und diese konkreten Anlässe gestatten uns einen Blick in den römischen Alltag um die Zeit der sterbenden Republik. Sie sind ein Stück römischen Lebens aus der Sphäre des gehobenen Bürgers.

pf