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Hebe – Göttin der Jugend und Mundschenkin des Olymp

Antike Mythologie

Eine Tochter des höchsten Gottes – Hebes Herkunft und Wesen

Unter den zahlreichen Kindern des Zeus gibt es jene, deren Namen noch heute in aller Munde sind – Athene, Apollon, Herakles. Und es gibt jene, die in der öffentlichen Wahrnehmung beinahe vergessen wurden, obwohl sie auf dem Olymp eine unverzichtbare Rolle spielten. Hebe, die griechische Göttin der Jugend, gehört ohne Zweifel in diese zweite Kategorie. Ihr Name, der im Altgriechischen schlicht „Jugend“ bedeutet, verrät bereits alles über ihr Wesen: Sie war die Verkörperung jener blühenden Frische, die den Göttern des Olymp ihre Unsterblichkeit sichtbar machte.

Hebe – Göttin der Jugend und Mundschenkin des Olymp

Hebe galt als Tochter des Zeus und der Hera – eine jener seltenen Gottheiten, die von beiden Herren des Olymp gemeinsam abstammten. Während Zeus bekanntlich die meisten seiner Kinder mit wechselnden Partnerinnen zeugte, war Hebe ein Kind der legitimen Ehe, eine Tochter der Himmelskönigin selbst. Das verlieh ihr eine besondere Stellung. Sie war kein Bastard, kein Ergebnis einer heimlichen Liebschaft, sondern das gemeinsame Kind des höchsten Götterpaares. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – blieb ihr eine Rolle zugewiesen, die eher einer Dienerin als einer Prinzessin glich.

Die antiken Quellen beschreiben Hebe als Gestalt von überirdischer Schönheit. Sie blühte in ewiger Jugend, wie es Hesiod in seiner Theogonie andeutet, und ihr Antlitz strahlte jene Frische aus, die Sterbliche nur für wenige Jahre kennen. In der Vorstellung der Griechen war Jugend kein Zustand, der verfiel – sie war eine göttliche Gabe, und Hebe war ihr lebendiges Sinnbild.

Nektar und Ambrosia: Die Speisen, die unsterblich machten

Um Hebes Aufgabe auf dem Olymp zu verstehen, muss man sich zunächst mit den beiden Substanzen beschäftigen, die das göttliche Leben erst ermöglichten: Nektar (der Trank) und Ambrosia (die Speise der Götter). Die antiken Autoren waren sich nicht immer einig, welches der beiden Getränk und welches Nahrung war – Homer verwendete die Begriffe in der Ilias zuweilen austauschbar, während spätere Dichter strenger unterschieden.

Fest stand jedoch eines: Wer regelmäßig Nektar und Ambrosia zu sich nahm, blieb unsterblich, ewig jung und von übermenschlicher Kraft. Pindar, der große Lyriker des fünften Jahrhunderts, beschrieb Nektar als „honigsüß“ und von goldenem Schimmer. Ambrosia dagegen war – so berichteten verschiedene Quellen – duftend wie Blüten und von einer Beschaffenheit, die kein irdisches Nahrungsmittel erreichen konnte. Der Genuss beider Substanzen ließ durch die Adern der Götter nicht Blut, sondern Ichor fließen, jene Flüssigkeit, die sie unverwundbar machte.

Da Hebe selbst täglich an dieser Kost teilhatte, bewahrte sie sich ihre blühende Jugendlichkeit. Es war ein eleganter mythologischer Zirkelschluss: Die Göttin der Jugend blieb jung, weil sie die Speisen der Unsterblichkeit reichte – und sie durfte diese reichen, weil sie die Verkörperung der Jugend selbst war.

Die ewige Dienerin – Hebes Rolle auf dem Olymp

Hebes wichtigstes Amt war das der Mundschenkin. Bei den Festmählern der Götter, jenen berühmten Gelagen in den goldenen Hallen des Olymp, war es ihre Aufgabe, den Göttinnen und Göttern Nektar einzuschenken und Ambrosia darzubieten. Homer schildert in der Ilias diese Szenen mit feierlicher Pracht: Die Götter, versammelt auf ihren Thronen, empfangen aus der Hand der jugendlichen Hebe den Trank, der ihre Unsterblichkeit sichert.

Doch Hebe war mehr als nur Mundschenkin. Die Quellen berichten, dass sie ihrer Mutter Hera bei verschiedenen Aufgaben zur Hand ging. Sie half der Himmelskönigin, die Pferde vor den göttlichen Wagen zu schirren – jene Gespanne, mit denen Hera über den Himmel fuhr. Bei festlichen Anlässen führte sie zusammen mit anderen Göttinnen Reigentänze auf, begleitet vom Kitharspiel des Apollon und dem Gesang der Musen. Manchmal erschien sie auch im Gefolge der Aphrodite, der Göttin der Liebe und Schönheit.

Es ist eine bemerkenswerte Beobachtung: Hebe, die Tochter der beiden mächtigsten Gottheiten des Olymp, wurde in den Mythen nie als herrschend dargestellt. Sie diente. Sie schenkte ein, badete ihren Bruder Ares nach der Schlacht, half ihrer Mutter bei alltäglichen Verrichtungen. Die Griechen sahen darin keinen Widerspruch – für sie war Jugend nicht mit Macht verbunden, sondern mit Anmut, Gehorsam und dienender Schönheit.

Der Sturz und Ganymed – wie Hebe ihr Amt verlor

Die berühmteste Episode in Hebes Geschichte handelt paradoxerweise von ihrem Scheitern. Der Mythograph Apollodor berichtet in seiner Bibliotheke, dass Hebe während eines Göttermahles stolperte und dabei den Göttern die Gewänder in Unordnung gerieten. Ob es tatsächlich ein Sturz war oder ob sie lediglich Nektar verschüttete, darüber gehen die Quellen auseinander. Manche Autoren berichten dezenter, sie habe schlicht ihre Aufgabe nicht mehr zur Zufriedenheit der Götter erfüllt.

Die Konsequenz war jedenfalls drastisch: Zeus ersetzte Hebe durch Ganymed, einen sterblichen Jüngling von außergewöhnlicher Schönheit, den Sohn des trojanischen Königs Tros. Zeus selbst hatte den Knaben in Gestalt eines Adlers vom Ida-Gebirge in den Olymp entführt, so betört war er von dessen Anmut. Von nun an übernahm Ganymed das Amt des Mundschenken – und Hebe verlor die Rolle, die sie seit Anbeginn der Götterherrschaft innegehabt hatte.

Ob dieser Wechsel vor oder nach Hebes Vermählung mit Herakles stattfand, ist umstritten. Einige Gelehrte deuten die Szene so, dass Hebes Ablösung durch Ganymed der Auslöser für ihre Ehe war – als habe Zeus seiner Tochter eine neue Bestimmung geben wollen, nachdem die alte entfallen war. Andere sehen in der Episode lediglich eine mythologische Erklärung für die Existenz zweier verschiedener Mundschenk-Traditionen.

Hebes Vermählung mit Herakles und die Versöhnung mit Hera

Am bekanntesten ist Hebe als die jugendfrische Braut und Gattin des Herakles. Diese Verbindung zählt zu den bedeutsamsten Erzählungen der griechischen Mythologie, denn sie markiert zugleich das Ende eines der größten Konflikte der Götterwelt: den Hass der Hera gegen den unehelichen Sohn ihres Gatten.

Herakles hatte sein gesamtes sterbliches Leben unter dem Zorn Heras gelitten. Sie hatte ihm den Wahnsinn geschickt, in dem er seine eigenen Kinder tötete. Sie hatte ihm die zwölf unmöglichen Arbeiten auferlegen lassen. Erst nach seinem qualvollen Tod auf dem Scheiterhaufen des Berges Oeta – als er sich, vom Gift des Nessos gepeinigt, selbst verbrennen ließ – wurde er in den Olymp aufgenommen und erhielt die Apotheose (Vergöttlichung). Und dort, auf dem Olymp, gab ihm Zeus seine eigene Tochter Hebe zur Frau.

Viele Gelehrte haben in dieser Ehe ein Symbol der Versöhnung gesehen. Indem Hera ihre Tochter dem verhassten Herakles gab, erkannte sie ihn als Göttlichen an. Hebe und Herakles wurden zum Sinnbild dafür, dass selbst der tiefste göttliche Groll überwunden werden konnte. Die Ehe schenkte dem berühmtesten Helden der Antike zudem das, was ihm sein sterbliches Leben stets verwehrt hatte: ewige Jugend. Hebe gebar ihm, so die Tradition, zwei Söhne – Alexiares und Aniketos, deren Namen „der Abwehrende“ und „der Unbesiegbare“ bedeuten.

Der Tempel von Phlius und die Verehrung der Hebe

Die Verehrung der Hebe beschränkte sich nicht auf literarische Erwähnungen. In der Argolis, bei der Stadt Phlius auf der Peloponnes, befand sich ein bedeutender Tempel der Göttin, umgeben von einem heiligen Hain. Pausanias, der unermüdliche Reiseschriftsteller des zweiten Jahrhunderts nach Christus, beschrieb die Kultstätte in seiner Beschreibung Griechenlands und bemerkte, dass der Hain als Asylon (Zufluchtsstätte) für Verfolgte diente.

Dieses Asylrecht war in der antiken Welt von großer Bedeutung. Wer den heiligen Bezirk betrat, stand unter dem Schutz der Göttin und durfte nicht ergriffen werden – ein Prinzip, das auch an anderen Tempelstätten galt, hier aber besonders geachtet wurde. Die Bewohner von Phlius verehrten Hebe unter dem lokalen Namen Ganymeda, was die Verbindung zwischen ihr und ihrem Nachfolger Ganymed unterstreicht. Oft wurde sie gemeinsam mit Herakles verehrt, und beiden zu Ehren fanden regelmäßige Feste statt.

Auch andernorts genoss Hebe kultische Verehrung. In Athen war sie als Schutzgöttin der Jugend bekannt, und bei Hochzeitsfeiern rief man ihren Namen an, damit die Braut in blühender Schönheit erhalten bleibe. Die Verbindung zwischen Hebe und dem Übergang ins Erwachsenenalter machte sie zu einer Göttin der Lebensübergänge – eine Funktion, die ihr römisches Gegenstück noch deutlicher übernehmen sollte.

Juventas – Hebes römisches Gegenstück auf dem Kapitol

Wegen ihrer ewigen Jugendlichkeit entsprach die griechische Hebe bei den römischen Gottheiten der Juventas. Doch während Hebe in der griechischen Religion eher eine Randfigur blieb, genoss Juventas in Rom eine erhebliche kultische Bedeutung. Auf dem Kapitolinischen Hügel, dem heiligsten Ort der Stadt, stand ein Tempel der Juventas, der bereits in der Frühzeit der Republik errichtet worden sein soll.

Die römische Juventas war eng mit dem Ritual der toga virilis verbunden, jenem feierlichen Akt, bei dem ein römischer Knabe die Kindertoga ablegte und die Toga des erwachsenen Bürgers anlegte. Bei diesem Übergangsritual, das in der Regel am Fest der Liberalia im März stattfand, wurde eine Münze in die Tempelkasse der Juventas eingeworfen. Die Göttin wachte gleichsam über den Eintritt in das Erwachsenenalter – und damit in die Pflichten des römischen Bürgers, einschließlich des Militärdienstes.

Livius berichtet, dass der Tempel der Juventas so ehrwürdig war, dass er nicht abgerissen werden durfte, als der große Jupitertempel auf dem Kapitol errichtet wurde. Man integrierte ihn stattdessen in den Neubau – ein Zeichen dafür, wie tief verwurzelt der Kult der Jugendgöttin im römischen Bewusstsein war. Im Unterschied zur eher passiven griechischen Hebe war Juventas eine Göttin mit staatspolitischer Funktion: Sie symbolisierte die Erneuerung des Gemeinwesens durch die nachrückende Jugend.

Von Canova bis heute – Hebe in Kunst und Gegenwart

In der antiken Kunst wurde Hebe häufig als junges, reizendes Mädchen in leichtem Gewand dargestellt, mit Rosen bekränzt und eine Trinkschale in der Hand haltend, in die sie aus einer Kanne den Trank der Götter eingießt. Vasenmalereien zeigen sie am Arm des Herakles oder bei der Bedienung der olympischen Tafelrunde. Stets ist sie die Jüngste, die Anmutigste – und die Dienende.

In der Neuzeit wurde Hebe zu einem Lieblingsmotiv der klassizistischen Bildhauerei. Der italienische Meister Antonio Canova schuf gleich mehrere Fassungen seiner berühmten Hebe-Statue (1796–1817), die die Göttin in schwebender Haltung zeigen, eine Kanne in der erhobenen Hand. Die Skulpturen, heute in der Eremitage und in anderen großen Museen zu sehen, gelten als Inbegriff klassizistischer Eleganz. Auch der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen widmete sich dem Motiv, ebenso wie der belgische Maler François-Joseph Navez, der Hebe in ölgemalter Anmut verewigte.

Bemerkenswert ist, wie die Idee der ewigen Jugend, die Hebe verkörpert, bis in unsere Gegenwart nachklingt. Die moderne Kosmetikindustrie, die jährlich Milliarden mit Anti-Aging-Produkten umsetzt, bedient im Grunde denselben Wunsch, den die Griechen in ihrer Göttin der Jugend verdichteten: den Traum, dem Altern zu entgehen. Der Unterschied liegt freilich darin, dass die Griechen wussten, dass dieser Traum nur Göttern vorbehalten war. Der Mythos des Tithonos, dem Eos zwar ewiges Leben, aber nicht ewige Jugend erbat – woraufhin er schrumpfte und als Grille endete –, warnte eindringlich davor, die Götter um etwas zu bitten, dessen Konsequenzen man nicht überblickt.

Hebe selbst lebt auch als Name weiter. In Griechenland ist Hebe bis heute ein gebräuchlicher Vorname, der die Hoffnung der Eltern auf blühende Jugend und Lebenskraft ausdrückt. In der Astronomie trägt der Asteroid (6) Hebe ihren Namen, entdeckt 1847 von Karl Ludwig Hencke. Und in der Botanik kennt man die Pflanzengattung Hebe – Strauchveronika –, deren immerblühende Arten an die unvergängliche Frische der Göttin erinnern.

Was bleibt von Hebe? Vielleicht vor allem die Einsicht, dass Jugend in den Augen der Antike kein Selbstzweck war. Hebe war jung, schön und unsterblich – und doch wurde sie nicht für ihre Macht verehrt, sondern für ihren Dienst. Sie reichte den Becher, sie tanzte im Chor, sie half ihrer Mutter beim Anschirren der Pferde. Ihre Jugend war kein Privileg, das sie über andere erhob, sondern ein Geschenk, das sie in den Dienst der Göttergemeinschaft stellte. In einer Welt, die Jugend zunehmend als Ware begreift, mag diese antike Vorstellung seltsam bescheiden wirken – und gerade deshalb bedenkenswert sein.

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