Herkunft und Genealogie: Wessen Tochter war Tyche?
Der Name sagt es bereits: Tyche ist die griechische Göttin des Zufalls. Das Wort tyché bedeutet im Altgriechischen so viel wie „Zufall“, „Schicksal“ oder „glückliche Fügung“. Die Griechen kannten eine ganze Reihe von Schicksalsgottheiten, deren Bestimmung es war, den Willen der höchsten Götter – besonders den des Zeus – auf Erden zur Ausführung zu bringen. Ihr Walten galt als ein festes Naturgesetz, dem sich kein Sterblicher entziehen konnte.
Über die Abstammung der Tyche Göttin gehen die antiken Quellen allerdings auseinander. Bei Hesiod, dem ältesten Mythologen neben Homer, erscheint Tyche in der Theogonie als eine der dreitausend Okeaniden – Töchter des Okeanos und der Tethys. In dieser Lesart gehört sie zur ältesten Göttergeneration, den Nachkommen der Titanen, und steht dem fließenden, unberechenbaren Element des Wassers nahe. Pindar hingegen, der große Lyriker des fünften Jahrhunderts v. Chr., nennt Tyche eine Tochter des Zeus selbst und gibt ihr damit eine weitaus erhabenere Stellung. Als Tochter des höchsten Gottes wäre sie unmittelbare Vollstreckerin seines Willens – eine kosmische Kraft, die das Schicksal der Menschen nach dem Ratschluss des Olymp lenkt.
Beide Traditionen existierten nebeneinander, und es ist bezeichnend, dass die Griechen keinen Widerspruch darin sahen. In der Tyché Mythologie war es weniger die Frage der Herkunft, die zählte, als vielmehr die Wirkung: Tyche wurde vornehmlich als Göttin der glücklichen Fügung verehrt, als jene Macht, die das Leben der Menschen zum Guten oder zum Schlechten wenden konnte – ohne Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund.
Füllhorn, Steuerruder und Kugel – Die Attribute der Tyche
Die bildende Kunst der Antike hat Tyche mit einer Reihe von Attributen ausgestattet, die ihr Wesen auf eindrückliche Weise versinnbildlichen. Das wichtigste unter ihnen ist das Füllhorn (griechisch keras amaltheias), jenes mythische Gefäß, das niemals leer wird und überströmenden Reichtum spendet. Wer das Füllhorn in der Hand einer Göttin sah, verstand sofort: Hier waltet eine Macht, die Wohlstand, Fruchtbarkeit und Überfluss schenken kann. Es erinnert an die Ziege Amaltheia, die den jungen Zeus auf Kreta genährt hatte – das abgebrochene Horn des Tieres wurde zum Sinnbild unerschöpflicher Gaben.
In der anderen Hand hielt die Tyche Göttin häufig ein Steuerruder. Dieses Attribut verweist auf ihre Fähigkeit, das Lebensschiff der Menschen in gute Bahnen zu lenken. Es ist ein Bild von großer Anschaulichkeit: Das Meer ist unberechenbar, die Wellen des Schicksals sind hoch, doch wer Tyche auf seiner Seite hat, dessen Kurs wird gehalten. Dankbar, in bescheidener Demut und Weisheit sollten die Menschen diesen Segen der Tyche genießen.
Da der Zufall aber erfahrungsgemäß neben dem guten auch einen schlechten Einfluss auf das Wohlsein und die Schicksale der Menschen ausüben kann, wurden ihr mit der Zeit weitere Attribute beigegeben: die Kugel, auf der die Göttin balanciert und die ihre Unberechenbarkeit versinnbildlicht, sowie Flügel, die auf die Flüchtigkeit des Glücks hinweisen. Wer Tyche festhalten will, greift ins Leere – sie fliegt davon. Und schließlich das Rad, das wohl berühmteste Symbol überhaupt: Es dreht sich unaufhörlich, hebt den einen empor und stürzt den anderen hinab. Das Rad der Tyche wurde später zum Rota Fortunae der Römer und lebte im Mittelalter als „Glücksrad“ weiter.
Die Stadtgöttin: Tyche von Antiocheia und der Polos
In Griechenland wurde Tyche viel verehrt, besonders in Athen, dessen Bewohnerinnen und Bewohner – wie in manch anderen Städten – in ihr eine beständige Schutz- und Hausgöttin erblickten. Doch die eigentliche Blütezeit des Tyche-Kults setzte erst in der hellenistischen Epoche ein, nach den Eroberungen Alexanders des Großen. In einer Welt, die sich in atemberaubender Geschwindigkeit veränderte, in der Reiche entstanden und zerfielen, wurde der Zufall zur beherrschenden Erklärung für das Weltgeschehen.
Das berühmteste Bildnis der Tyche stammt aus dieser Zeit. Um 300 v. Chr. schuf der Bildhauer Eutychides von Sikyon – ein Schüler des Lysipp – die Tyche von Antiocheia, eine Bronzeskulptur, die zur ikonischen Darstellung der Göttin wurde. Die Figur zeigte Tyche auf einem Felsen sitzend, den rechten Fuß auf die Schulter eines schwimmenden Jünglings gestützt, der den Fluss Orontes verkörperte. Auf ihrem Haupt trug sie den Polos, eine turmförmige Mauerkrone, die sie als Schutzgöttin der Stadt auswies. In ihrer Rechten hielt sie Ährenbündel als Zeichen der Fruchtbarkeit des Landes.
Das Original ist verloren, doch zahlreiche römische Kopien und Münzbilder bezeugen seine enorme Wirkung. Das Motiv der Stadttyche mit Mauerkrone verbreitete sich über die gesamte hellenistische Welt: Jede bedeutende Stadt erhielt ihre eigene Tyche, ihre eigene göttliche Schutzherrin, die auf Münzen und in Tempeln dargestellt wurde. Von Alexandria über Ephesos bis nach Palmyra – die Tyche Göttin wurde zum Symbol urbaner Identität und städtischen Selbstbewusstseins.
Nemesis – Die Gegenspielerin der Tyche
Die Griechen dachten in Gegensätzen, und so gehörte zu Tyche stets eine Gegenspielerin: Nemesis. Wenn Tyche den Menschen übermäßiges Glück schenkte, war es Nemesis, die den Ausgleich herstellte. Ihr Name bedeutet „gerechte Zuteilung“, und sie wachte darüber, dass kein Sterblicher sich über sein Schicksal erhob. Hybris – die anmaßende Überheblichkeit – war die große Sünde der griechischen Ethik, und Nemesis war die Kraft, die sie bestrafte.
In diesem Doppelspiel von Tyche und Nemesis liegt eine tiefe Weisheit: Glück und Unglück sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Wer heute vom Glück begnadet wird, muss morgen mit dem Umschwung rechnen. Diese Einsicht durchzieht die gesamte griechische Literatur, von Herodots Erzählung über Kroisos, den reichsten Mann der Welt, bis zu den Tragödien des Sophokles. Tyche gibt, Nemesis nimmt – und der Weise ist derjenige, der beides mit Gelassenheit trägt.
Polybios und die Philosophie des Zufalls
Im Hellenismus wurde die Tyché Mythologie zu einem philosophischen Konzept von erheblicher Tragweite. Kein Autor hat dies klarer formuliert als der Historiker Polybios (ca. 200–120 v. Chr.), der in seinen Historien den Aufstieg Roms zur Weltmacht beschrieb. Für Polybios war Tyche die treibende Kraft der Geschichte – eine unberechenbare Macht, die Reiche aufsteigen und stürzen lässt. Er verwendete den Begriff in einem doppelten Sinn: einerseits als echten Zufall, der menschliche Pläne durchkreuzt, andererseits als eine Art göttliche Vorsehung, die hinter dem scheinbaren Chaos eine verborgene Ordnung erkennen lässt.
Diese doppelte Bedeutung machte Tyche zu einem Schlüsselbegriff der hellenistischen Geschichtsschreibung. Wenn Polybios schrieb, die Tyche habe das gesamte Weltgeschehen gleichsam auf ein einziges Ziel – die römische Herrschaft – hingelenkt, dann war dies mehr als Geschichtsschreibung: Es war ein Versuch, dem überwältigenden Wandel der Epoche einen Sinn abzuringen. Die stoischen Philosophen griffen den Gedanken auf und verschmolzen Tyche mit ihrem Konzept des Logos, der Weltvernunft – was dem Zufall seinen Schrecken nahm, ihm aber zugleich seine Launenhaftigkeit beließ.
Fortuna in Rom: Tempel, Kult und das Rad des Schicksals
Bei den Römern entsprach der griechischen Tyche die Göttin Fortuna. Doch Fortuna war weit mehr als eine bloße Übersetzung: Sie entwickelte ein eigenes, reiches Profil. Bereits in der frührömischen Religion genoss Fortuna hohe Verehrung. Der Tradition nach soll König Servius Tullius, selbst ein Emporgekommener niederer Herkunft, ihren Kult in Rom eingeführt haben. Als Mann, der sich vom Sklaven zum König emporgearbeitet hatte, war er das lebende Beispiel für die Macht der Fortuna.
Die bedeutendste Kultstätte der Fortuna befand sich in Praeneste (dem heutigen Palestrina), rund 35 Kilometer östlich von Rom. Das Heiligtum der Fortuna Primigenia – der „erstgeborenen Fortuna“ – war ein gewaltiger Terrassenbau, der sich über einen ganzen Berghang erstreckte. Hier wurde die Göttin als Mutter und Amme des Jupiter verehrt, als kosmische Urkraft. Berühmt war das Orakel von Praeneste: Holzstäbchen mit eingeritzten Buchstaben, die sortes, wurden von einem Knaben aus einer Truhe gezogen und als göttliche Weisung gedeutet. Der Zufall als Offenbarung – treffender lässt sich das Wesen der Fortuna kaum beschreiben.
Das Rota Fortunae, das Rad der Fortuna, wurde zum ikonischen Symbol der römischen Welt. Auf Münzen, Mosaiken und Reliefs ist es allgegenwärtig. Seneca, der stoische Philosoph, warnte eindringlich vor der Unberechenbarkeit der Fortuna: Alles, was sie gebe, könne sie auch wieder nehmen. Wer sein Glück auf äußere Güter gründe, baue auf Sand. Nur die innere Tugend sei dem Zugriff des Schicksals entzogen.
Boethius und das Fortleben der Fortuna im Mittelalter
Das Bild der Fortuna überlebte den Untergang der antiken Welt und prägte das mittelalterliche Denken auf erstaunliche Weise. Die entscheidende Brücke schlug der spätantike Philosoph Boethius (ca. 480–524 n. Chr.) mit seinem Werk Consolatio Philosophiae – „Trost der Philosophie“. Im Gefängnis verfasst, kurz vor seiner Hinrichtung, lässt Boethius die personifizierte Philosophia auftreten, die ihn über die Natur des Glücks belehrt. Fortuna, so erklärt sie, sei von Natur aus unberechenbar. Ihr Rad drehe sich ohne Unterlass: Wer oben ist, wird fallen, wer unten ist, wird steigen. Sich über das Glück zu beklagen sei ebenso töricht, wie sich über den Wind zu beschweren.
Die Consolatio wurde zu einem der meistgelesenen Bücher des Mittelalters. König Alfred der Große übersetzte es ins Altenglische, Chaucer ins Mittelenglische. In unzähligen Handschriften finden sich Miniaturen des Rota Fortunae: Vier Figuren sitzen auf einem großen Rad, das von einer blinden Göttin gedreht wird. Auf der aufsteigenden Seite steht regnabo („ich werde herrschen“), oben regno („ich herrsche“), auf der absteigenden Seite regnavi („ich habe geherrscht“), und ganz unten sum sine regno („ich bin ohne Herrschaft“). Kaum ein anderes Bild hat die mittelalterliche Vorstellung von Geschichte und Macht so nachhaltig geprägt.
Auch in der Musik hinterließ das Glücksrad seine Spuren. Die berühmten Carmina Burana aus dem 13. Jahrhundert beginnen mit dem Lied O Fortuna – einer dramatischen Anrufung der wechselhaften Schicksalsgöttin, die Carl Orff 1936 in seiner gleichnamigen Kantate unvergesslich vertonte: „O Fortuna, velut luna, statu variabilis“ – „O Fortuna, dem Mond gleich, stets veränderlich.“
Tyche in der Gegenwart – Vom Glücksrad bis zur Lotterie
Die antike Tyche Göttin mag längst keine Tempel mehr besitzen, doch ihre Idee ist lebendiger denn je. Das deutsche Wort „Glück“ trägt bekanntlich eine doppelte Bedeutung: Es meint sowohl den glücklichen Zufall (luck) als auch das Glücksgefühl (happiness). Dass diese beiden Bedeutungen in einem einzigen Wort zusammenfallen, ist kein Zufall, sondern ein fernes Echo jener Vorstellung, die schon die Griechen hatten: Das wahre Glück hängt nicht allein vom eigenen Handeln ab, sondern auch von einer Macht, die sich menschlicher Kontrolle entzieht.
Das „Rad des Schicksals“ begegnet uns in der modernen Welt auf überraschend unverhüllte Weise. Die Fernsehsendung Wheel of Fortune – im Deutschen als Glücksrad bekannt – übernimmt das antike Symbol ganz wörtlich: Ein großes Rad wird gedreht, und der Zufall entscheidet über Gewinn und Verlust. Die Lotterie, das Glücksspiel, die Börsenspekulation – sie alle sind säkulare Formen desselben Phänomens, das die Griechen mit dem Namen Tyche belegten. Selbst das Wort „Lotterie“ geht letztlich auf das germanische lot zurück, das „Los“ oder „Schicksal“ bedeutet.
In der Kunstgeschichte lebt die Tyche gleichfalls weiter. Die Tyche von Antiocheia, jene berühmte Skulptur des Eutychides, gilt als Urtyp der Stadtgöttin und hat die Darstellung allegorischer Frauenfiguren über die Jahrhunderte beeinflusst – von römischen Fortuna-Mosaiken über mittelalterliche Rota Fortunae-Illustrationen bis hin zur Freiheitsstatue, die mit ihrer Krone und erhobenen Hand eine ferne Verwandte der antiken Stadttyche ist. Die römische Göttin Fortuna wiederum lebt im italienischen Wort fortuna, im französischen fortune und im englischen fortune weiter – Begriffe, die noch immer Glück, Reichtum und Zufall in sich vereinen.
Was bleibt von Tyche? Vielleicht vor allem die Einsicht, dass es Momente im Leben gibt, die sich weder planen noch verdienen lassen. Die Griechen wussten, dass es nicht genügt, tüchtig und tugendhaft zu sein – es braucht auch jenen unerklärlichen Funken des Zufälligen, jene günstige Stunde, die Pindar tyché nannte. Wenn Sie das nächste Mal eine Münze werfen, ein Los ziehen oder einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort sind, dann ist das antike Erbe der Tyche lebendig – jener Göttin, die mit Füllhorn und Steuerruder, mit Kugel und Rad über das wechselhafte Glück der Menschen wacht.
