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Uranos – Der Himmelsgott am Anfang aller Dinge

Antike Mythologie

Aus dem Chaos geboren: Hesiods Kosmogonie

In der griechischen Mythologie war es keineswegs so, dass die den Olymp bewohnenden Göttinnen und Götter schon immer geherrscht hätten. Bevor Zeus seinen Blitz schleuderte, bevor Kronos die Sichel führte, gab es eine noch ältere Ordnung – oder besser: eine Abwesenheit von Ordnung. Am Beginn, so berichtet der böotische Dichter Hesiod in seiner Theogonie (entstanden um 700 v. Chr.), stand das Chaos – kein Durcheinander im heutigen Sinne, sondern ein gähnender, leerer Schlund, ein Zustand reiner Möglichkeit ohne Form und Gestalt.

Uranos – Der Himmelsgott am Anfang aller Dinge

Aus diesem Chaos traten die ersten Urmächte hervor: Gaia, die Erde, Tartaros, die tiefste Tiefe, und Eros, die treibende Kraft des Werdens. Gaia ihrerseits brachte aus sich selbst heraus Uranos hervor – den gestirnten Himmel, der sie als gleichmäßige Kuppel von allen Seiten umschloss. Es ist ein Bild von erstaunlicher Anschaulichkeit: Die Erde gebärt sich ihren eigenen Himmel, damit sie nicht nackt und unbedeckt daliegen muss. Uranos, die Personifikation des Firmaments, war also kein Geschaffener im Sinne eines göttlichen Schöpfungsaktes, sondern ein Hervorgebrachter – Sohn und zugleich künftiger Gemahl der Gaia.

Für die heutige Leserin mag dieses Ineinander von Mutter und Ehemann befremden. Doch für die ältesten griechischen Dichter drückte es eine kosmische Wahrheit aus: Himmel und Erde gehören zusammen wie Decke und Boden, wie Regen und Ackerfurche. Von Uranos selbst, so die Vorstellung, geht die Fruchtbarkeit aus, die die Erde vom Himmel in der Feuchtigkeit des warmen, befruchtenden Regens empfängt.

Gaia und Uranos – eine Hochzeit von kosmischem Ausmaß

Die Verbindung von Gaia und Uranos ist das, was die Religionswissenschaft als Hieros Gamos bezeichnet – eine „heilige Hochzeit“ zwischen kosmischen Prinzipien. Erde und Himmel vereinigen sich, und aus ihrer Umarmung entsteht alles, was danach kommt: Götter, Ungeheuer, Naturkräfte. Es ist eines der ältesten Motive der Menschheitsgeschichte. In der mesopotamischen Mythologie finden wir ein ähnliches Paar in An (Himmel) und Ki (Erde), in der vedischen Tradition Indiens begegnet uns Dyaus Pitar – der „Himmelsvater“, sprachlich verwandt mit dem römischen Jupiter und dem griechischen Zeus.

Doch die Gattin des Uranos ist mehr als eine passive Empfängerin. Gaia handelt, plant und greift ein, wenn es sein muss. In Hesiods Erzählung ist sie es, die später den entscheidenden Umsturz in Gang setzt. Damit unterscheidet sich die Uranos-Mythologie grundlegend von vielen späteren Himmelsvater-Mythen: Hier ist die Erde nicht untergeordnet, sondern die eigentlich treibende Kraft.

Die heilige Hochzeit von Himmel und Erde spiegelte sich auch im Kult wider. In verschiedenen Regionen Griechenlands feierte man Rituale, bei denen der befruchtende Regen des Himmels auf das gepflügte Feld fiel – ein Echo jener uralten Vorstellung, dass Uranos und Gaia in ihrer Vereinigung das Leben selbst ermöglichten.

Titanen, Kyklopen, Hekatoncheiren: Die Kinder des Himmels

Aus der Verbindung von Uranos und Gaia ging ein gewaltiges Geschlecht hervor. Zunächst die zwölf Titanen: sechs Söhne – Okeanos, Koios, Kreios, Hyperion, Iapetos und Kronos – sowie sechs Töchter: Theia, Rhea, Mnemosyne, Phoibe, Tethys und Themis. Sie werden nach ihrem Vater auch Uraniden genannt. Als weibliche und männliche Kraft gepaart vorgestellt, verkörpern diese Gottheiten die Urkräfte der Natur, die bei der Entstehung der Welt gewirkt haben. Okeanos ist der Weltstrom, der die Erde umfließt; Hyperion der Vater von Helios, Selene und Eos; Mnemosyne die Göttin der Erinnerung, spätere Mutter der Musen.

Doch Gaia gebar Uranos auch Wesen von furchtbarer Gestalt. Da waren die drei Kyklopen: Brontes (der Donner), Steropes (der Blitz) und Arges (der Leuchtende). Mit lediglich einem flammenden Auge in der Mitte der Stirn ausgestattet, sind sie Versinnbildlichungen der Gewitterwolke mit dem leuchtenden und zündenden Blitz nebst dem krachenden Donner. Da nun die Erscheinungen vulkanischer Ausbrüche mit denen des Gewitters den damaligen Menschen als ähnlich erschienen, wurde der Wohnsitz der Kyklopen in feuerspeiende Berge verlegt – namentlich den Ätna auf Sizilien, wo sie als Gesellen dem Hephaistos beim Schmieden der Blitze halfen.

Und schließlich die drei Hekatoncheiren – die „Hundertarmigen“: Kottos, Briareos und Gyges. Diese ungeheuerlichen Wesen, jedes mit hundert Armen und fünfzig Köpfen, sind Personifikationen der furchtbaren Kräfte der Meereswogen, die erschütternd wie Erdbeben wirken. Da alle diese übermenschlichen Wesen die furchtbarsten Naturkräfte symbolisieren, werden sie als ungeheure Riesen dargestellt.

Die Sichel des Kronos – wie ein Sohn den Himmel stürzte

Hesiod berichtet, dass Uranos die Gewalt und Stärke seiner Kinder als Gefahr für seine Herrschaft ansah. Er hasste sie vom ersten Augenblick an und verstieß sie in den Tartaros, jenen finsteren Abgrund tief unter der Erde, wo er sie gefangen hielt. Er ließ sie nicht ans Licht – und freute sich, so der Dichter, an dieser bösen Tat.

Seine Gattin Gaia jedoch schmerzte das harte Schicksal ihrer Kinder. Sie sann auf Vergeltung und fertigte eine gewaltige Sichel aus Adamas – einem unzerstörbaren, grau schimmernden Metall, das später als Stahl oder als mythisches Urmetall gedeutet wurde. Dann wandte sie sich an ihre Söhne, die Titanen, und forderte sie auf, den Vater zu bestrafen. Doch Furcht ergriff sie alle. Nur der Jüngste, Kronos, der „krumm Sinnende“, fasste den Mut. Er nahm die Sichel und legte sich in den Hinterhalt.

Als Uranos sich in der Nacht über Gaia breitete, um sich mit ihr zu vereinen, griff Kronos zu. Mit der linken Hand packte er das Glied seines Vaters, mit der Rechten führte er die Sichel – und trennte es ab. Das abgeschnittene Glied warf er hinter sich ins Meer. Die Uranos-Mythologie kennt kaum eine eindrücklichere Szene: Der Himmel, seiner Zeugungskraft beraubt, trennte sich für immer von der Erde. Was einst eine Umarmung war, wurde zu dem Abstand, den wir heute zwischen Boden und Firmament sehen.

Kronos befreite daraufhin die Titanen aus der Unterwelt. Diese vermählten sich nach dem Sturz ihres Vaters mit ihren Schwestern und hinterließen ein zahlreiches Göttergeschlecht. Kronos selbst übernahm die Herrschaft – doch die Kyklopen und Hekatoncheiren ließ er im Tartaros, denn auch er fürchtete ihre Macht.

Schönheit aus Gewalt: Die Geburt der Aphrodite

Was Kronos achtlos ins Meer geschleudert hatte, versank nicht einfach. Hesiod erzählt, dass um das abgetrennte Glied des Uranos weißer Schaum aufwallte. Aus diesem Schaum – griechisch aphrós – stieg eine Göttin empor, schöner als alles, was die Welt bis dahin gesehen hatte: Aphrodite, die „Schaumgeborene“. Der Westwind trug sie über die Wellen, zunächst nach Kythera, dann an die Küste von Zypern, wo sie an Land stieg und das Gras unter ihren Füßen zu blühen begann.

Diese Aphrodite – die Aphrodite Urania, die „Himmlische“ – ist die älteste und ehrwürdigste Gestalt der Liebesgöttin. Platon unterschied in seinem Symposion später zwischen der himmlischen Aphrodite, Tochter des Uranos, die für die geistige, erhabene Liebe steht, und der Aphrodite Pandemos, der „Volkstümlichen“, zuständig für die körperliche Anziehung. Dass die Schönheit und die Liebe ausgerechnet aus einem Akt roher Gewalt entstanden – das ist eine jener Paradoxien, an denen die griechische Mythologie so reich ist.

Blut und Vergeltung – Erinnyen, Giganten und die Folgen

Nicht nur Schönheit entstand aus dem Sturz des Uranos. Als das Blut aus der Wunde auf die Erde tropfte, empfing Gaia davon und gebar die Erinnyen: Tisiphone, Megaira und Alekto. Diese Rachegöttinnen – später von den Römern Furien genannt – verfolgten fortan jeden, der sich des Verwandtenmords schuldig machte. Sie waren die Verkröperung eines Prinzips, das älter ist als alle olympischen Gesetze: dass vergossenes Blut nach Sühne schreit. In Aischylos’ Orestie begegnen wir ihnen als den furchtbaren Jägerinnen des Muttermorders Orest – erst Athene kann sie schließlich in die „Wohlgesinnten“ (Eumeniden) verwandeln und in die Rechtsordnung der Polis einbinden.

Aus denselben Blutstropfen entstanden ferner die Giganten – gewaltige Krieger, die der Sage nach mit Drachenfüßen ausgestattet waren – sowie die Melischen Nymphen, die Nymphen der Eschenbäume, aus denen die Kriegslanzen gefertigt wurden. Die Giganten sollten später, aufgehetzt von Gaia, im Kampf gegen die olympischen Götter antreten: die Gigantomachie, jene gewaltige Schlacht, die Zeus nur mit Hilfe des sterblichen Herakles gewinnen konnte. So wirkte die Gewalt, die Kronos an Uranos verübt hatte, über Generationen fort.

Väter und Söhne: Der Kreislauf der Entmachtung

Die Geschichte des Uranos ist der Auftakt zu einem Muster, das die gesamte griechische Göttergeschichte durchzieht: Jeder Vater wird von seinem Sohn gestürzt. Uranos fiel durch Kronos. Kronos wiederum verschlang seine Kinder, weil er wusste, dass eines von ihnen ihn entmachten würde – und fiel dennoch durch Zeus. Die Prophezeiung wiederholte sich in jeder Generation wie ein Fluch.

Erst Zeus durchbrach den Kreislauf. Er tat es, indem er die Göttin Metis verschlang, als sie mit Athene schwanger war – und so den Sohn, der ihn hätte stürzen können, gar nicht erst entstehen ließ. Zeus lernte aus den Fehlern seiner Vorgänger. Wo Uranos seine Kinder in den Tartaros stieß und Kronos sie verschlang, wählte Zeus den subtileren Weg und sicherte seine Herrschaft durch Klugheit statt durch rohe Gewalt. Dass ausgerechnet die Weisheitsgöttin Athene als einziges Kind aus dieser Verbindung hervorging, ist kein Zufall: Die Ordnung des Zeus gründet sich auf Vernunft.

Für die Griechen war dieses Muster mehr als eine spannende Geschichte. Es spiegelte eine tiefe Überzeugung wider: dass Herrschaft, die auf Unterdrückung beruht, sich selbst zerstört. Uranos hasste seine Kinder und sperrte sie ein – und gerade dadurch säte er den Samen seines eigenen Untergangs.

Vom Mythos zum Planeten – Uranos in der modernen Welt

Der Name Uranos verschwand nie ganz aus dem europäischen Bewusstsein, doch seinen größten modernen Moment erlebte er am 13. März 1781. In jener Nacht richtete der deutsch-britische Astronom Wilhelm Herschel sein selbst gebautes Teleskop auf den Himmel über Bath und entdeckte ein Objekt, das er zunächst für einen Kometen hielt. Es war der siebte Planet unseres Sonnensystems. Herschel wollte ihn „Georgium Sidus“ nennen, zu Ehren König Georgs III. – doch die internationale Gemeinschaft entschied sich für Uranus, den Himmelsgott und Vater der Titanen. So passte er in die mythologische Reihe: Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn – und nun der Vater Saturns, also Uranos.

Wenige Jahre später, 1789, entdeckte der deutsche Chemiker Martin Heinrich Klaproth ein neues Element und benannte es nach dem gerade gefundenen Planeten: Uranium. Dass dieses Element einmal zur Grundlage der Kernspaltung werden sollte – eine Kraft von ähnlich mythischer Zerstörungsgewalt, wie sie die antiken Dichter den Uraniden zuschrieben –, konnte Klaproth freilich nicht ahnen.

Auch in der Astrologie hat Uranos seinen festen Platz gefunden. Seit seiner Entdeckung im späten 18. Jahrhundert gilt der Planet Uranus als Symbol für Umbruch, Revolution und plötzliche Veränderung – eine Zuschreibung, die durchaus zur mythologischen Vorlage passt. Der Sturz des Uranos war schließlich die erste Revolution der Weltgeschichte.

Was bleibt von diesem ältesten Himmelsgott? Vor allem ein Gedanke, der überraschend modern anmutet: dass jede Ordnung eine Vorgeschichte hat. Bevor es Gesetz und Gerechtigkeit gab, herrschte rohe Kraft. Bevor die Olympier auf ihren Thronen saßen, gab es Uranos, der sich über die Erde legte und seine Kinder im Dunkel verbarg. Wenn Sie in einer klaren Nacht den Blick nach oben richten und den fernen Planeten Uranus suchen – unsichtbar für das bloße Auge, aber dennoch da –, dann erinnern Sie sich daran, dass die Griechen den Himmel selbst als ein lebendes Wesen verstanden, das liebte, hasste und am Ende für seine Fehler bezahlte.

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