Kaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts hat das Bild des Menschen so radikal in Frage gestellt wie der Maler Francis Bacon. Seine Gemälde zeigen keine heile Welt, keine tröstliche Schönheit: Sie zeigen Fleisch, das sich auflöst, Gesichter, die zu Schreien erstarren, Körper, die sich in gläsernen Käfigen winden. Bacon – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen englischen Philosophen des 16. Jahrhunderts – ist der Maler der Kreatur, des ungeschützten, verwundbaren Lebens. In einer Epoche, die zwei Weltkriege, den Holocaust und die atomare Bedrohung erlebt hatte, fand er eine Bildsprache, die dem Entsetzen seiner Zeit eine Form gab. Wer war dieser Mann, der sein ganzes Leben lang das Leid malte und dabei eine geradezu obsessive Freude am Malen empfand?
Einführung: Der Autodidakt aus Dublin
Francis Bacon wurde am 28. Oktober 1909 in Dublin geboren – als Sohn englischer Eltern, die in Irland Pferde züchteten. Sein Vater, ein ehemaliger Offizier, war streng und unnahbar; seine Mutter stammte aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Der junge Bacon war von frühester Kindheit an asthmatisch, und die Krankheit sollte ihn sein Leben lang begleiten. Das Verhältnis zum Vater war von Anfang an zerrissen. Als der Jugendliche dabei erwischt wurde, die Unterwäsche seiner Mutter anzuprobieren, warf ihn der Vater aus dem Haus. Bacon war gerade siebzehn Jahre alt.
Was folgte, waren Jahre des Umherwanderns. Francis Bacon ging nach Berlin, das in den späten 1920er Jahren eine Stadt der künstlerischen Avantgarde und der sexuellen Freizügigkeit war. Hier entdeckte er seine Homosexualität, hier lernte er die Nachtclubs, das Theater und die Künstlerkreise der Weimarer Republik kennen. Von Berlin aus reiste er weiter nach Paris, wo eine Begegnung sein Leben verändern sollte: 1927 besuchte er eine Ausstellung mit Werken von Pablo Picasso in der Galerie Paul Rosenberg. Die biomorphen Formen, die verzerrten Körper, die rohe Kraft dieser Bilder trafen den jungen Mann wie ein Blitz. Bacon beschloss, Maler zu werden – obwohl er keinerlei formale Ausbildung besaß und nie eine Kunstakademie besuchen sollte. Alles, was er fortan auf die Leinwand brachte, erarbeitete er sich selbst: durch Betrachten, durch Experimentieren, durch endloses Verwerfen.
Zurück in London versuchte sich der junge Bacon zunächst als Innenarchitekt und Möbeldesigner, entwarf Teppiche und Räume im Stil des Art déco. Einige frühe Gemälde entstanden, doch Bacon betrachtete sie später als völlig misslungen und zerstörte die meisten. Es sollte mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis er ein Werk schuf, das er gelten ließ.
Die Kreuzigung: Bacons Durchbruch
Das Jahr 1944 markiert den Wendepunkt im Schaffen von Francis Bacon. Mitten im Zweiten Weltkrieg stellte er in der Londoner Lefevre Gallery ein Triptychon aus, das die Kunstwelt erschütterte: Drei Studien für Figuren am Fuße einer Kreuzigung. Das Werk zeigt drei grotesk verzerrte Kreaturen vor einem glühenden Orange – Wesen, die halb menschlich, halb tierisch wirken, mit aufgerissenen Mäulern, bandagierten Augen, auf seltsamen Podesten kauernd. Es war kein Bild, das den Betrachter trösten wollte. Es war ein Schrei.
Die Kreuzigung war für Bacon kein religiöses Thema im herkömmlichen Sinne. Er sah in ihr das ultimative Bild menschlichen Leidens: einen Körper, der aufgehängt, gefoltert, zur Schau gestellt wird. Die drei Studien griffen das Motiv auf, ohne es illustrativ zu behandeln – stattdessen schufen sie eine Atmosphäre existenziellen Grauens, die weit über jede biblische Erzählung hinausging. Die Kritiker reagierten bestürzt, fasziniert, polarisiert. Der Maler Francis Bacon war mit einem Schlag eine feste Größe der britischen Kunstszene.
Jahre später, 1962, schuf Bacon eine zweite Fassung des Triptychons: Drei Studien für eine Kreuzigung, diesmal in noch drastischeren Farben und mit explizit fleischlichen Motiven. Die Kreuzigung blieb ein Leitmotiv, das sein gesamtes Werk durchzog – als Metapher für das Ausgeliefertsein des Menschen an Schmerz und Tod.
Der schreiende Papst: Nach Velázquez
Neben der Kreuzigung gibt es ein zweites großes Motiv, das untrennbar mit dem Namen Francis Bacon verbunden ist: der schreiende Papst. Zwischen 1949 und 1971 malte Bacon über fünfzig Variationen über das berühmte Porträt Papst Innozenz X. von Diego Velázquez, jenes Meisterwerk aus dem 17. Jahrhundert, das den Pontifex mit einem durchdringenden, beinahe feindseligen Blick zeigt. Velázquez’ Original hängt in der Galeria Doria Pamphilj in Rom – Bacon hat es, nach eigenen Angaben, nie im Original gesehen, sondern arbeitete ausschließlich nach Reproduktionen.
Was Bacon aus dieser Vorlage machte, gehört zu den berühmtesten Bildfindungen der modernen Kunst. Sein Papst sitzt nicht mehr auf einem Thron, sondern in einem durchsichtigen Käfig, einem gläsernen Gefängnis. Der Mund ist weit aufgerissen, als ob die Figur schreien würde – ein Schrei, der nie verklingt. Die purpurnen Gewänder des Papstes verschwimmen, das Fleisch darunter scheint sich aufzulösen. Bacon hat für dieses Motiv auf den berühmten Filmstill aus Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin zurückgegriffen: das Bild der schreienden Krankenschwester auf der Treppe von Odessa, mit zerbrochener Brille und blutender Wunde.
Die Papst-Bilder von Francis Bacon sind keine Krichelei über Kirchenkritik. Sie handeln von Macht und Ohnmacht, von der Einsamkeit desjenigen, der scheinbar alles hat, und von der Unmöglichkeit, dem eigenen Körper zu entkommen. Bacon, der sich als Atheist verstand, sah im Papst nicht den Stellvertreter Gottes, sondern eine Figur der menschlichen Verletzlichkeit – gerade weil sie in Prunk gehüllt ist. Das Papst-Motiv machte Bacon als Maler international bekannt und ist bis heute eines der meistzitierten Bildmotive der Nachkriegskunst.
George Dyer und die Triptychon-Werke
Im Jahr 1963 betrat ein Mann Bacons Leben, der sein Werk und sein persönliches Schicksal auf dramatische Weise prägen sollte: George Dyer, ein Kleinkrimineller aus dem Londoner East End. Der Legende nach lernte Bacon ihn kennen, als Dyer in sein Atelier einbrach. Statt die Polizei zu rufen, lud Bacon ihn ein zu bleiben. Aus dem Einbrecher wurde ein Geliebter, ein Modell und eine Obsession.
Dyer war das genaue Gegenteil des intellektuellen, weltgewandten Bacon: ungebildet, unsicher, von Alkohol und Tabletten abhängig. Bacon malte ihn immer wieder – seinen Körper, sein Gesicht, seine Gestalt auf einem Stuhl, auf einer Toilette, vor einem Spiegel. Es sind Bilder von zerbrechlicher Schönheit und brutaler Ehrlichkeit. Bacon verklärte Dyer nicht; er zeigte ihn, wie er ihn sah – verletzlich, schön und verloren.
Die Beziehung war zerrüttend. Dyer litt unter der Abhängigkeit von Bacon, der ihm materiell alles bot, emotional aber wenig geben konnte. Im Oktober 1971, zwei Tage vor der Eröffnung einer großen Francis-Bacon-Retrospektive im Pariser Grand Palais, nahm sich George Dyer in ihrem gemeinsamen Hotelzimmer das Leben. Er starb an einer Überdosis Schlaftabletten. Bacon erföffnete die Ausstellung trotzdem – es wurde einer der größten Triumphe seiner Karriere und zugleich der schmerzhafteste Moment seines Lebens.
In den Jahren nach Dyers Tod schuf Bacon einige seiner eindringlichsten Werke: die sogenannten Schwarzen Triptychon-Gemälde von 1972 und 1973. Das Triptychon Mai–Juni 1973 zeigt George Dyer in drei Stadien des Sterbens: auf einer Toilette sitzend, sich über ein Waschbecken beugend, als schwarzen Schatten, der unter einer Tür verschwindet. Es sind Totenbilder von erschreckender Intimität – Bacon malte den Moment, in dem er den Menschen verlor, den er am meisten geliebt hatte. Das Triptychon gilt als eines der bedeutendsten Werke der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Das Format des Triptychons war für Bacon mehr als eine formale Entscheidung. Es erlaubte ihm, Erzählungen in drei Akten zu entfalten, Bewegungen einzufangen, verschiedene Perspektiven auf denselben Körper oder dasselbe Gesicht zu zeigen. Triptychon-Werke ziehen sich durch sein gesamtes Schaffen – von den frühen Drei Studien von 1944 bis zu den späten Arbeiten der 1980er Jahre. Bacon liebte die Spannung zwischen den drei Tafeln, den Raum dazwischen, in dem der Betrachter die Geschichte selbst ergänzen muss.
Das Atelier: Chaos als Methode
Wer das Atelier von Francis Bacon betrat, erlebte einen Schock. Der Raum in der Reece Mews 7 im Londoner Stadtteil South Kensington – ein ehemaliger Pferdestall, kaum größer als eine Garage – war ein Chaos sondergleichen. Hunderte von Fotografien, Zeitungsausschnitte, Reproduktionen alter Meister, medizinische Abbildungen, Filmstills und pornografische Bilder lagen übereinander, zwischen Farbtuben, verschmierten Pinseln, leeren Champagnerflaschen und aufgeschlagenen Büchern. Die Wände waren mit Farbspritzern übersät, der Boden mit einer zentimeterdicken Schicht aus eingetrockneter Farbe und Staub bedeckt.
Für Bacon war dieses Chaos kein Zeichen von Unordnung, sondern Methode. Er brauchte die Unordnung, die zufälligen Konstellationen von Bildern und Materialien, als Ausgangspunkt für seine Arbeit. Das Francis Bacon Atelier war eine Art visuelles Gedächtnis: Alles, was den Maler je beschäftigt hatte, lag hier verstreut, und jeder Blick konnte eine neue Idee auslösen. Bacon sammelte Fotos von Unfällen, medizinische Lehrbücher über Mundkrankheiten, Aufnahmen von ringenden Männern, Reproduktionen von Velázquez, Rembrandt und van Gogh – ein Arsenal an Bildmaterial, das er nach Belieben kombinierte, verzerrte und in Malerei verwandelte.
Nach Bacons Tod im Jahr 1992 wurde das Atelier in seiner Gesamtheit – mit allen 7.000 Gegenständen, die sich darin befanden – nach Dublin überführt und in der Dublin City Gallery The Hugh Lane rekonstruiert. Es ist dort bis heute zu besichtigen: ein begehbares Kunstwerk, das die Arbeitsweise eines der ungewöhnlichsten Künstler des 20. Jahrhunderts dokumentiert.
Vermächtnis: Malerei jenseits des Erträglichen
Francis Bacon malte fast ausschließlich den menschlichen Körper – und er malte ihn so, wie ihn zuvor niemand gemalt hatte. Seine Figuren sind verzerrt, aufgerissen, in Auflösung begriffen. Fleisch wird bei Bacon zu einer Substanz, die gleichzeitig lebendig und tot erscheint – roséfarben, roh, verletzlich. Die Körper sitzen oft auf einfachen Stühlen oder Betten, eingesperrt in geometrische Käfigkonstruktionen aus dünnen Linien, vor monochromen Hintergründen in Orange, Schwarz oder tiefem Violett. Bacon schuf keine Umgebungen, keine Landschaften, keine Stillleben: Ihn interessierte einzig die menschliche Figur in ihrer Ausgesetztheit.
Die Technik des Malers Francis Bacon war ebenso eigenwillig wie seine Motive. Er arbeitete auf der ungrundrierten Rückseite der Leinwand, weil die raue Textur die Farbe auf unvorhersehbare Weise aufsog. Er benutzte Lumpen, Schwämme, seine Hände und gelegentlich den Deckel einer Staubsaugerdüse, um Farbe aufzutragen und zu verwischen. Zufall spielte eine entscheidende Rolle: Bacon suchte gezielt nach Momenten, in denen die Farbe etwas tat, was er nicht geplant hatte. „Der Zufall“, sagte er, „ist fruchtbarer als die Absicht.“
Bacon malte fast immer nach Fotografien, nie nach lebenden Modellen. Er benutzte Aufnahmen von Eadweard Muybridge, dem Pionier der Bewegungsfotografie, ebenso wie Schnappschüsse seiner Freunde, Passfotos und Filmstills. Das Arbeiten nach der Fotografie gab ihm die Freiheit, den Körper zu manipulieren, ohne Rücksicht auf die Gefühle eines Gegenübers nehmen zu müssen. Francis Bacon Maler Bilder – so ließe sich seine Methode auf eine knappe Formel bringen: Bilder, die aus Bildern entstehen.
Hinter all dieser formalen Kühnheit stand eine Philosophie, die Bacon mit entwaffnender Klarheit formulierte: „Wir werden geboren und wir sterben, dazwischen ist nichts.“ Er war überzeugt, dass das Leben keinen höheren Sinn hat – keine göttliche Ordnung, kein Jenseits, kein Trost. Gerade deshalb aber, so Bacon, sei es umso wichtiger, die Intensität des Augenblicks festzuhalten, das Gewaltsame und Schöne der Existenz auf die Leinwand zu bannen. Seine Kunst ist keine Anklage, sondern eine Bestandsaufnahme – eine Malerei, die dem Betrachter nichts erspart, aber auch nichts aufzwingt.
Die großen Retrospektiven bestätigten Bacons Rang unter den bedeutendsten Malern des 20. Jahrhunderts. Nach der legendären Ausstellung im Grand Palais 1971 folgten umfassende Werkschauen in der Tate Gallery London (1985), im Museum of Modern Art in New York und in zahlreichen weiteren Häusern weltweit. Sein Gemälde Drei Studien für ein Porträt von Lucian Freud erzielte 2013 bei einer Auktion den damaligen Weltrekordpreis von 142,4 Millionen Dollar – ein Beleg für die anhaltende Faszination, die von der Francis Bacon Kunst ausgeht.
Persönlich war Bacon ein Mann der Widersprüche. Er lebte seine Homosexualität offen aus – in einer Zeit, als sie in Großbritannien noch unter Strafe stand. Er war ein leidenschaftlicher Spieler, der große Summen im Casino verlor und dies mit einem Achselzucken quittierte. Er trank exzessiv, Champagner vorzugsweise, und war dennoch diszipliniert genug, jeden Morgen in seinem Atelier zu stehen und zu malen. Er war großzügig bis zur Selbstvergessenheit – er lud Freunde und Fremde gleichermaßen zum Essen ein, zahlte Rechnungen, verschenkte Geld. Und er war zugleich von einer emotionalen Kälte, die jene, die ihm nahestanden, oft verzweifeln ließ.
Am 28. April 1992 starb Francis Bacon in Madrid an einem Herzinfarkt. Er war 82 Jahre alt und auf Einladung eines Freundes in die spanische Hauptstadt gereist – ausgerechnet in jene Stadt, in der Velázquez einst gelebt und gemalt hatte. Bacon hinterließ ein Werk von über 580 Gemälden, von denen er selbst viele zerstört hatte, weil sie seinen Ansprüchen nicht genügten. Was geblieben ist, gehört zum Eindringlichsten, was die Malerei des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat: Bilder, die das Fleisch, die Gewalt und die Verletzlichkeit des Menschen in Farbe fassen – ohne Sentimentalität, ohne Trost, aber mit einer Kraft, die bis heute nachwirkt.
Weiterführende Literatur
- David Sylvester: Gespräche mit Francis Bacon. Prestel Verlag, München 1997.
- Michael Peppiatt: Francis Bacon – Anatomie eines Rätsels. Kindler Verlag, München 2008.
- John Russell: Francis Bacon. Thames & Hudson, London 1993.
- Martin Harrison: Francis Bacon: Catalogue Raisonné. The Estate of Francis Bacon, London 2016.
- Daniel Farson: The Gilded Gutter Life of Francis Bacon. Vintage, London 1994.
