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Expressionismus – Die Brücke, Der Blaue Reiter und der Aufbruch der modernen Kunst

Kunstepochen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Welt in atemberaubendem Tempo. Technische Erfindungen wie Automobil, Telefon und Röntgenstrahlung bewiesen, dass die Wirklichkeit weit mehr umfasst als das, was das bloße Auge sieht. In den rasant wachsenden Großstädten erlebten die Menschen eine nie gekannte Entindividualisierung – das Gefühl, in der anonymen Masse unterzugehen. Einsamkeit, Entfremdung und eine pessimistisch-apokalyptische Grundstimmung griffen um sich, doch zugleich keimten Visionen einer besseren Zukunft. In dieser aufgeladenen Atmosphäre formierte sich eine der wirkungsmächtigsten Bewegungen der europäischen Kunstgeschichte: der Expressionismus.

Expressionismus – Die Brücke, Der Blaue Reiter und der Aufbruch der modernen Kunst

Was ist Expressionismus in der Kunst?

Der Expressionismus ist eine Kunstströmung, die sich etwa zwischen 1905 und 1925 in Deutschland und Österreich entfaltete. Der Begriff leitet sich vom lateinischen expressio (Ausdruck) ab und bezeichnet eine Kunst, die nicht die äußere Erscheinung der Dinge abbilden, sondern innere Empfindungen, Gefühle und seelische Zustände sichtbar machen will. Die jungen Künstler dieser Generation wollten hinter die Oberfläche der Erscheinungen blicken – sie lehnten die ihrer Meinung nach bloß oberflächliche Wirklichkeitserfassung der Impressionisten entschieden ab.

Was ist Expressionismus Kunst in ihrem Kern? Es ist eine Malerei, die den subjektiven Ausdruck über die objektive Darstellung stellt. Der Künstler malt nicht, was er sieht, sondern was er fühlt. Die Natur wird verzerrt, die Proportionen werden aufgelöst, die Farben von ihrer beschreibenden Funktion befreit. Ein Himmel darf rot sein, ein Gesicht grün, ein Baum violett – wenn es dem inneren Erleben entspricht. Diese radikale Subjektivität unterscheidet den Expressionismus in der Kunst grundlegend von allen vorangegangenen Strömungen.

Als wichtiger Vorläufer gilt der norwegische Maler Edvard Munch (1863–1944). Sein Gemälde Der Schrei (1893) – jene ikonische Figur auf einer Brücke, die Hände an den verzerrten Kopf gepresst, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, während sich der Himmel in blutigen Rot- und Orangetönen windet – wurde zum Sinnbild existentieller Angst und nahm zentrale Themen des Expressionismus vorweg. Munchs Werk zeigte, dass die Malerei imstande ist, psychische Zustände unmittelbar auf die Leinwand zu übertragen, ohne den Umweg über naturalistische Darstellung zu nehmen. Neben Munch beeinflussten auch Vincent van Gogh mit seiner ekstatischen Pinselführung und Paul Gauguin mit seinen flächig-symbolischen Farbkompositionen die kommende Generation. Zudem strahlte der französische Fauvismus – jene Gruppe um Henri Matisse und André Derain, die ab 1905 mit ungebändigter Farbigkeit für Aufsehen sorgte – stark auf die deutschen Expressionisten aus.

Welche Merkmale kennzeichnen die expressionistische Malerei?

Die expressionistische Malerei lässt sich an einer Reihe markanter Stilmerkmale erkennen, die sie deutlich von der akademischen Tradition und vom Impressionismus abheben.

Zunächst die Farben im Expressionismus: Sie werden autonom eingesetzt, losgelöst von der Naturbeobachtung. Leuchtende, oft grelle Töne – Kadmiumrot, Kobaltblau, Chromgelb – prallen in starken Komplementärkontrasten aufeinander. Die Farbe übernimmt eine kompositorische Rolle; sie strukturiert das Bild, drückt Emotionen aus und erzeugt eine Wirkung, die unabhängig vom dargestellten Gegenstand funktioniert. Diese Verselbständigung der Farbe wurde zum vielleicht wichtigsten Erbe des Expressionismus für die gesamte moderne Kunst.

Die Formen sind reduziert und deformiert. Menschliche Körper werden verzerrt, verlängert, eckig gebrochen. Die Expressionisten orientierten sich bewusst an außereuropäischer Kunst – afrikanischen und ozeanischen Masken und Skulpturen – sowie an Kinderzeichnungen und Volkskunst. Diese Quellen galten ihnen als Ausdruck einer unverfälschten, noch nicht von der Akademie domestizierten Kreativität. Die perspektivische Raumkonstruktion der Renaissance wird aufgegeben zugunsten a-perspektivischer, flächiger Räume, in denen Vordergrund und Hintergrund ineinanderübergehen.

Auch die Technik unterscheidet sich grundlegend. Der Pinselstrich ist breit, oft grob und sichtbar. Die Farbe wird pastös aufgetragen, mitunter direkt aus der Tube auf die Leinwand gedrückt. Daneben erlebte der Holzschnitt eine Renaissance: Die Expressionisten schätzten seine harte Kontur, die schroff kontrastierenden Schwarz-Weiß-Flächen und den rohen, handwerklichen Charakter dieses Druckverfahrens. Der Holzschnitt wurde geradezu zum Leitmedium der Bewegung.

Wer waren die Künstler der Brücke?

Am 7. Juni 1905 gründeten vier junge Architekturstudenten in Dresden die Künstlergruppe Die Brücke: Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Der Name war Programm – die Brücke sollte eine Verbindung schaffen zwischen allem, was revolutionär und gärend war, wie Schmidt-Rottluff es formulierte. Kirchner entwarf ein Manifest als Holzschnitt, der zugleich die ästhetischen Prinzipien der Gruppe verkörperte: kantige Buchstaben, expressiv geschnittene Linien, die rohe Kraft des Materials. In diesem Brücke-Manifest heißt es programmatisch: „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“

Die jungen Männer rebellierten gegen die spießige Kunstszene des Wilhelminischen Kaiserreichs, gegen den erstarrten Akademismus und die bürgerliche Wohlgefälligkeit der vorherrschenden Salonmalerei. Sie wollten eine Kunst ohne akademische Regeln schaffen – unmittelbar, spontan, aus dem Gefühl heraus. In ihrem gemeinsamen Atelier in einer ehemaligen Metzgerei in Dresden-Friedrichstadt arbeiteten sie eng zusammen, teilten Modelle, diskutierten über die neuesten Strömungen und besuchten das Völkerkundemuseum, wo sie afrikanische und ozeanische Plastiken studierten. Später stießen Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Müller zur Gruppe.

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) war die treibende Kraft der Brücke und einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus überhaupt. Nach dem Umzug der Gruppe nach Berlin im Jahr 1911 entstanden seine berühmtesten Werke: Szenen des großstädtischen Lebens, in denen die Hektik, die Einsamkeit und die nervöse Energie der Metropole greifbar werden. Sein Potsdamer Platz (1914) zeigt zwei Frauen auf einer Verkehrsinsel – kokottenhaft gekleidet, mit spitzen Schuhen und schmalen Gesichtern – umgeben von einer bedrohlich zulaufenden Straßenkulisse in kaltem Grün und giftigem Rosa. Die Großstadt erscheint als Ort der Reizüberflutung und der moralischen Ambivalenz.

Erich Heckel (1883–1970) schuf zunächst farbenstarke Landschaften und Akte, die von einer ungezügelten Lebensfreude zeugen. Später, unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, verdüsterte sich seine Palette. Sein Holzschnitt Männerkopf (Selbstbildnis) (1919) gehört zu den eindrücklichsten Selbstporträts der Epoche.

Emil Nolde (1867–1956), der sich nur kurzzeitig der Brücke anschloss, entwickelte einen eigenständigen Stil von enormer Farbintensität. Seine Ölgemälde, Aquarelle und Holzschnitte zeichnen sich durch grelle, kontrastierende Farbgebung aus – glutrote Sonnenuntergänge, leuchtend gelbe Blumengärten, dunkel glühende religiöse Szenen. Otto Müller (1874–1930) hingegen bevorzugte gedämpfte Farbtöne und widmete sich mit besonderer Empathie der Darstellung von Sinti und Roma. Max Pechstein (1881–1955), der als erster Brücke-Künstler öffentlichen Erfolg erlangte, brachte Einflüsse seiner Südsee-Reise in seine leuchtenden Kompositionen ein.

Die Brücke löste sich 1913 auf, nachdem Kirchner eine Chronik der Gruppe veröffentlicht hatte, in der sich die übrigen Mitglieder falsch dargestellt sahen. Doch in den wenigen Jahren ihres Bestehens hatte die Gruppe die Malerei des Expressionismus entscheidend geprägt und den Grundstein für eine neue, radikal subjektive Kunstauffassung gelegt.

Was war Der Blaue Reiter?

Während die Brücke in Dresden und Berlin ihren Ausgang nahm, formierte sich in München eine zweite Gruppe, die den Expressionismus in eine völlig andere Richtung führte: Der Blaue Reiter. Die Bezeichnung stammte von einem Almanach über zeitgenössische Kunst, den Wassily Kandinsky und Franz Marc 1912 herausgaben. Kandinsky berichtete später, der Titel sei bei einem Kaffee am Gartentisch entstanden – beide liebten Blau, Marc die Pferde, Kandinsky die Reiter.

Im Gegensatz zur Brücke war der Blaue Reiter keine feste Künstlervereinigung, sondern ein loses Netzwerk gleich gesinnter Künstlerinnen und Künstler. Was sie verband, war die Überzeugung, dass die Kunst in einer immer komplexer werdenden Welt nicht länger illusionistische Kopie der Natur sein könne. Die Malerei müsse sich von der Verpflichtung befreien, die sichtbare Wirklichkeit abzubilden, und stattdessen innere Notwendigkeiten zum Ausdruck bringen. Kunst sei die malerische Verwirklichung von Empfindungen – ihre Wirkung ergebe sich aus der Komposition, nicht aus dem Sujet.

Wassily Kandinsky (1866–1944) war die zentrale Figur des Blauen Reiters und einer der bedeutendsten Erneuerer der Kunst im 20. Jahrhundert. Der in Moskau geborene Maler hatte Jura und Volkswirtschaft studiert, bevor er sich mit dreißig Jahren entschloss, Maler zu werden, und nach München übersiedelte. Kandinsky schuf um 1910 das erste vollständig gegenstandslose Gemälde der Kunstgeschichte – ein revolutionärer Schritt, der die gesamte abstrakte Kunst des 20. Jahrhunderts vorbereitete. In seiner epochalen Schrift Über das Geistige in der Kunst (1911) legte er die theoretischen Grundlagen für die abstrakte Malerei: Farben und Formen besitzen demnach eine eigenständige, vom Gegenstand unabhängige Ausdruckskraft. Gelb etwa sei aggressiv und irdisch, Blau tief und himmlisch, Rot kraftvoll und selbstsicher. Kandinsky im Expressionismus vertrat damit die radikalste Position – er befreite die Malerei endgültig vom Gegenstand.

Gabriele Münter (1877–1962), Kandinskys Lebensgefährtin und eine eigenständige Künstlerin von Rang, trug wesentlich zur Entwicklung des Blauen Reiters bei. In ihrem Haus in Murnau am Staffelsee trafen sich die Künstler der Gruppe regelmäßig. Münters Malerei zeichnet sich durch kraftvolle Farbflächen, vereinfachte Formen und eine eigentümliche Mischung aus Volkskunst und Avantgarde aus. Während der nationalsozialistischen Herrschaft bewahrte sie unter großem persönlichem Risiko zahlreiche Werke Kandinskys und anderer Mitglieder des Blauen Reiters vor der Zerstörung – eine Rettungstat, ohne die ein erheblicher Teil des expressionistischen Erbes verloren wäre.

Franz Marc (1880–1916) suchte im Tier das Symbol für Ursprünglichkeit und Reinheit. Seine Gemälde – leuchtend blaue Pferde, gelbe Kühe, rote Füchse – verbinden Farbsymbolik mit einer zunehmend abstrakten Formensprache. Die Farben sind bei Marc niemals zufällig gewählt: Blau steht für das Männliche und Geistige, Gelb für das Weibliche und Sinnliche, Rot für die Materie. Sein berühmtes Werk Die kleinen gelben Pferde (1912) zeigt drei Pferde in einer rhythmisch geschwungenen Landschaft aus Blau, Grün und Violett – ein Traumbild paradiesischer Harmonie.

August Macke (1887–1914) brachte eine heitere, lichtdurchflutete Note in den Blauen Reiter ein. Seine Bilder – Spaziergänger vor Schaufenstern, Frauen im Park, orientalische Marktszenen – zeichnen sich durch leuchtende Farbflächen und eine beinahe musikalische Komposition aus. Paul Klee (1879–1940), der ebenfalls dem Umkreis des Blauen Reiters angehörte, entwickelte eine bewusst kindlich anmutende Bildsprache von erstaunlicher Raffinesse. Seine Werke bewegen sich zwischen figürlicher Andeutung und geometrischer Abstraktion und verbinden Humor, Poesie und tiefe Melancholie.

Der Almanach Der Blaue Reiter, 1912 im Piper Verlag erschienen, wurde zum intellektuellen Manifest der Gruppe. Er versammelte Aufsätze über Malerei, Musik und Bühnenkunst und stellte europäische Avantgardewerke gleichberechtigt neben afrikanische Masken, bayerische Hinterglasmalerei und Kinderzeichnungen – ein programmatischer Bruch mit der Hierarchie der Kunstgattungen.

Welche Werke sind besonders bedeutend?

Der Expressionismus hat eine Fülle von Gemälden hervorgebracht, die zu den Schlüsselwerken der modernen Kunst zählen. Einige verdienen eine besondere Betrachtung.

Ernst Ludwig Kirchners Potsdamer Platz (1914) ist eines der eindrücklichsten Stadtbilder des Expressionismus in Deutschland. Die verzerrten Figuren, die spitz zulaufende Straßenkulisse und die unwirklichen Farben verdichten das Erleben der modernen Großstadt zu einem Bild von beklemmender Intensität. Kirchners Berliner Straßenszenen dokumentieren eine Gesellschaft im Umbruch – nervös, anonym, von der Entindividualisierung gezeichnet.

Wassily Kandinskys Komposition VII (1913) gilt als Höhepunkt seines expressionistischen Schaffens. In einem Wirbel aus Farben, Linien und Formen entfaltet sich ein Bildereignis von überwältigender Dynamik, das keinerlei Bezug zur sichtbaren Wirklichkeit mehr aufweist. Kandinsky selbst betrachtete es als sein komplexestes Werk. Das Gemälde verkörpert die Überzeugung, dass reine Farbe und reine Form imstande sind, den Betrachter ebenso tief zu bewegen wie Musik – ohne den Umweg über den Gegenstand.

Franz Marcs Tierschicksale (1913), mit dem Untertitel „Die Bäume zeigten ihre Ringe, die Tiere ihre Adern“, ist ein Bild von apokalyptischer Wucht. Zerborstene Formen, flammende Farben und ein scheinbar zusammenbrechendes Bildgefüge wirken wie eine Vision der kommenden Katastrophe – Marc selbst fiel drei Jahre später vor Verdun.

Max Beckmanns Die Nacht (1918/19) zeigt eine Folterszene von beklemmender Dichte – ein universelles Symbol für menschliche Grausamkeit und das Ausgeliefertsein des Einzelnen an übermächtige Gewalt.

Wer sind weitere wichtige Vertreter des Expressionismus?

Neben den Mitgliedern der Brücke und des Blauen Reiters prägten weitere Künstler den Expressionismus als Einzelgänger. Max Beckmann (1884–1950) nahm eine Sonderstellung ein: Seine Gemälde – monumentale, oft als Triptychen angelegte Werke – sind Allegorien der menschlichen Existenz, in denen sich persönliches Erleben und Weltgeschichte überlagern. In Wien entwickelten Oskar Kokoschka (1886–1980) und Egon Schiele (1890–1918) eigenständige Spielarten des Expressionismus: Kokoschka mit seinen fieberhaften Porträts, die er „Seelenaufreißer“ nannte, Schiele mit radikal ehrlichen Akt- und Selbstdarstellungen von beklemmender Intensität.

Wie wirkte der Expressionismus in anderen Künsten?

Die expressionistische Haltung erfasste weit mehr als die bildende Kunst. In der Literatur schufen Dichter wie Georg Trakl und Gottfried Benn eine Lyrik von kompromissloser Intensität – dunkel, bildschwer, um Verfall und den Untergang einer Zivilisation kreisend. Dramatiker wie Ernst Toller und Georg Kaiser sprengten die Formen des bürgerlichen Theaters mit ekstatischen, auf das Wesentliche reduzierten Inszenierungen.

Im Film entstand mit Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) ein Meisterwerk, das die expressionistische Ästhetik auf die Leinwand übertrug: schiefe Wände, verzerrte Perspektiven und extreme Licht-Schatten-Kontraste. Der expressionistische Film – mit Murnaus Nosferatu (1922) und Langs Metropolis (1927) – wurde zum Urgrund des modernen Horrorfilms.

Warum ist der Expressionismus heute noch wichtig?

Der Erste Weltkrieg traf die expressionistische Bewegung mit verheerender Wucht. Franz Marc fiel 1916 bei Verdun, August Macke bereits 1914 in der Champagne – beide nicht einmal dreißig Jahre alt. Kirchner erlitt einen Nervenzusammenbruch und wurde aus dem Militärdienst entlassen, Beckmann kehrte als gebrochener Mann von der Front zurück. Der Krieg, den manche Expressionisten anfangs als reinigende Katastrophe begrüßt hatten, zerstörte die Bewegung von innen.

Das endgültige Ende kam mit der nationalsozialistischen Machtergreifung. 1937 organisierten die Nationalsozialisten in München die Ausstellung „Entartete Kunst“, in der Werke des Expressionismus öffentlich verhöhnt wurden. Gemälde von Kirchner, Nolde, Beckmann, Klee und vielen anderen wurden aus den Museen entfernt, beschlagnahmt und zum Teil zerstört. Kirchner, der im Schweizer Exil lebte, nahm sich 1938 das Leben – wenige Monate nach der Beschlagnahmung von über sechshundert seiner Werke aus deutschen Sammlungen.

Doch die Wirkung des Expressionismus reicht weit über seine historischen Grenzen hinaus. Die Befreiung der Farbe vom Gegenstand, die Aufwertung des subjektiven Ausdrucks, die Hinwendung zur außereuropäischen Kunst und zur Volkskunst, die Aufhebung der Grenze zwischen hoher und niedriger Kultur – all diese Errungenschaften haben die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts dauerhaft verändert. Ohne den Expressionismus wären der Abstrakte Expressionismus eines Jackson Pollock, die Farbfeldmalerei eines Mark Rothko und die neoexpressionistischen Bewegungen der 1980er-Jahre kaum denkbar.

Die expressionistischen Gemälde in den Museen von Berlin, München und Dresden ziehen bis heute ein Millionenpublikum an. Ihre Kraft, innere Zustände unmittelbar sichtbar zu machen, hat nichts von ihrer Wirkung verloren. Der Expressionismus erinnert an eine fundamentale Wahrheit: Kunst entsteht dort, wo ein Mensch den Mut hat, sein innerstes Empfinden sichtbar zu machen – unmittelbar und ohne Rücksicht auf Konventionen.

Weiterführende Literatur

  • Dietmar Elger: Expressionismus. Eine deutsche Kunstrevolution. Taschen, Köln 2007 (umfassender Bildüberblick).
  • Norbert Wolf: Expressionismus. Taschen, Köln 2004 (kompakte Einführung mit zahlreichen Abbildungen).
  • Wassily Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst (1911). Benteli, Bern 2004 (theoretische Grundlagenschrift).
  • Wassily Kandinsky, Franz Marc (Hg.): Der Blaue Reiter. Almanach (1912). Piper, München 2004 (dokumentarische Neuausgabe).
  • Magdalena M. Moeller: Die Brücke. Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin. Prestel, München 2001.
  • Jill Lloyd: German Expressionism. Primitivism and Modernity. Yale University Press, New Haven 1991 (Standardwerk zur Rezeption außereuropäischer Kunst).

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