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Kubismus und Futurismus – Wie Picasso und seine Zeitgenossen die Kunst neu erfanden (1907–1925)

Kunstepochen

Keine andere Kunstbewegung des frühen 20. Jahrhunderts hat die Wahrnehmung von Raum, Form und Zeit so grundlegend verändert wie der Kubismus. Zwischen 1907 und 1925 zerlegten Künstler um Pablo Picasso und Georges Braque die sichtbare Welt in geometrische Grundformen, setzten sie nach eigenen Regeln neu zusammen und schufen damit eine völlig neue Bildsprache. Fast zeitgleich entstand in Italien der Futurismus, der Geschwindigkeit, Technik und Simultaneität zum Gegenstand der Kunst erhob. Gemeinsam bilden Kubismus und Futurismus jene Revolution, die den Weg für nahezu alle abstrakten Strömungen der Moderne ebnete. Doch was genau verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Welche Künstler prägten die Bewegungen, und warum sind kubistische Bilder und futuristische Werke bis heute von ungebrochener Faszination?

Kubismus und Futurismus – Wie Picasso und seine Zeitgenossen die Kunst neu erfanden (1907–1925)

Überblick

Analytischer Kubismus: 1907–1911, Frankreich (Paris)
Synthetischer Kubismus: 1912–1925, international
Futurismus: 1909–1915, Italien
Schlüsselkünstler: Pablo Picasso, Georges Braque, Juan Gris, Fernand Léger, Umberto Boccioni
Schlüsselbegriffe: Geometrisierung, Mehransichtigkeit, Collage, Simultaneität, Orphismus

Was ist Kubismus?

Die Grundidee: Mehrere Perspektiven in einem Bild

Was ist Kubismus – diese Frage lässt sich am besten mit einem Blick auf das beantworten, was die Bewegung von allem unterscheidet, was vor ihr kam. Seit der Renaissance hatte die europäische Malerei auf der Zentralperspektive beruht: Der Betrachter sieht die Welt von einem festen Standpunkt aus, als blicke er durch ein Fenster. Der Kubismus bricht mit diesem Prinzip radikal. Er zeigt einen Gegenstand gleichzeitig von mehreren Seiten – von vorn, von der Seite, von oben –, als würde der Künstler um das Objekt herumgehen und alle Ansichten in einem einzigen Bild vereinen. Damit tritt eine Dimension in die Malerei ein, die zuvor dem Raum vorbehalten war: die Zeit.

Der Begriff „Kubismus“ geht auf eine Bemerkung des Kunstkritikers Louis Vauxcelles zurück. Als er 1908 Gemälde von Georges Braque sah – die berühmten Häuser von L’Estaque –, sprach er abfällig von „bizarreries cubiques“, kubischen Seltsamkeiten. Wie so oft in der Kunstgeschichte – man denke an die Impressionisten – wurde der Spottname zum Markenzeichen. Die Kubismus-Kunst wurde zur wohl einflussreichsten Stilrichtung des gesamten 20. Jahrhunderts.

Cézanne als Wegbereiter

Die Wurzeln des Kubismus reichen zurück in die postimpressionistische Malerei, vor allem zu Paul Cézanne. Dessen berühmte Forderung, die Natur durch den Zylinder, die Kugel und den Kegel wiederzugeben, wurde zum theoretischen Fundament der neuen Bewegung. Cézanne hatte in seinen späten Landschaften und Stillleben bereits begonnen, die Formen zu vereinfachen und die traditionelle Perspektive aufzubrechen. Seine Gemälde der Montagne Sainte-Victoire zeigen, wie sich gegenständliche Darstellung und geometrische Abstraktion einander annähern können. Picasso selbst nannte Cézanne „den Vater von uns allen“. Ohne seine Vorarbeit wäre der Kubismus in seiner radikalen Form kaum denkbar gewesen.

Der Einfluss der afrikanischen Kunst

Neben Cézanne spielte ein zweiter Impuls eine entscheidende Rolle für die Entstehung des Kubismus: die Begegnung mit afrikanischer und ozeanischer Skulptur. In den ethnografischen Sammlungen des Pariser Musée du Trocadéro entdeckten Picasso und seine Zeitgenossen Masken und Figuren, deren Formen nicht den europäischen Konventionen anatomischer Korrektheit folgten, sondern eine eigenständige, höchst ausdrucksstarke Geometrie besitzen. Die Reduktion auf Grundformen, die Überlagerung verschiedener Ansichten und die Abstraktion des menschlichen Körpers – all das fand Picasso in der afrikanischen Plastik bereits vorgegeben. Diese Begegnung flösst unmittelbar in sein Schlüsselwerk Les Demoiselles d’Avignon ein.

Analytischer Kubismus (1907–1911)

„Les Demoiselles d’Avignon“ – der Urknall

Die Geschichte des analytischen Kubismus beginnt mit einem Paukenschlag: Im Frühjahr 1907 vollendet Pablo Picasso in seinem Atelier am Bateau-Lavoir auf dem Montmartre das Gemälde Les Demoiselles d’Avignon. Das großformatige Bild zeigt fünf nackte Frauen, deren Körper in harte, kantige Flächen zerlegt sind. Die Gesichter der beiden rechten Figuren tragen deutliche Züge afrikanischer Masken, die übrigen erinnern an iberische Skulptur. Das Bild zerstört gleich mehrere Grundpfeiler der europäischen Malerei auf einmal: die einheitliche Perspektive, die natürliche Proportion, die harmonische Farbgebung. Als Picasso das Werk seinen Freunden zeigte, reagierten selbst die Wohlmeinenden mit Entsetzen. Georges Braque soll gesagt haben, es sei, als wolle Picasso ihn dazu bringen, Petroleum zu trinken. Und doch wurde Les Demoiselles d’Avignon zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Revolution – zum Urknall des Kubismus.

Form und Analyse: Das Prinzip der Zerlegung

In den Jahren 1908 bis 1911 entwickeln Picasso und Braque den analytischen Kubismus in einer so engen Zusammenarbeit, dass die beiden später sagten, sie seien wie zwei Bergsteiger aneinandergeseilt gewesen. Das Verfahren ist im Kern analytisch: Der sichtbare Gegenstand – eine Gitarre, eine Flasche, ein menschliches Gesicht – wird in seine geometrischen Grundelemente zerlegt: Würfel, Zylinder, Kegel, Kugel. Diese Fragmente werden dann auf der Bildfläche so angeordnet, dass sie den Gegenstand gleichzeitig aus mehreren Blickwinkeln zeigen. Es entsteht ein Netz aus sich überschneidenden Flächen und Linien, in dem Vorder- und Hintergrund ineinander übergehen und kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind.

Die Kubismus-Bilder dieser Phase zeichnen sich durch eine streng begrenzte Farbpalette aus: Erdtöne, Grau, Ocker und Braun dominieren. Picasso und Braque verzichteten bewusst auf leuchtende Farben, um die Aufmerksamkeit ganz auf die Formzerlegung zu lenken. Die Motive beschränkten sich überwiegend auf Stillleben – Musikinstrumente, Flaschen, Gläser, Zeitungen – sowie auf Porträts und Halbfiguren. Durch die reduzierte Farbigkeit und die Auflösung des Bildgegenstands in ein beinahe abstraktes Liniengeflecht forderten diese Werke den Betrachter zu einer völlig neuen Art des Sehens heraus. Picassos Kubismus jener Jahre – etwa das Porträt von Daniel-Henry Kahnweiler (1910) oder das Porträt von Ambroise Vollard (1910) – zählt zu den radikalsten ästhetischen Experimenten des 20. Jahrhunderts.

Braques Häuser von L’Estaque

Georges Braques Landschaften aus dem südfranzösischen L’Estaque, gemalt im Sommer 1908, markieren einen weiteren Schlüsselmoment. Braque hatte dort, am selben Ort, an dem Cézanne Jahre zuvor gemalt hatte, die Häuser und Bäume zu blockartigen, kristallinen Formen vereinfacht. Als er diese Bilder beim Pariser Herbstsalon einreichte, wurden sie abgelehnt – Henri Matisse, Jurymitglied, soll sich über die „kleinen Würfel“ lustig gemacht haben. Doch gerade diese Würfel gaben der Bewegung ihren Namen. Braques L’Estaque-Bilder zeigen eindrücklich, wie der Kubismus aus der postimpressionistischen Tradition hervorging und zugleich über sie hinausging.

Synthetischer Kubismus (1912–1925)

Von der Analyse zur Synthese

Ab 1912 wandeln sich die Methoden des Kubismus grundlegend. Hatte der analytische Kubismus die Gegenstände zerlegt, so geht der synthetische Kubismus den umgekehrten Weg: Er setzt Bilder aus heterogenen Elementen zusammen – er synthetisiert. Der entscheidende Unterschied zwischen analytischem und synthetischem Kubismus liegt genau hier: Die Analyse fragt, was ein Gegenstand in seinen Grundformen ist; die Synthese fragt, wie sich aus unterschiedlichen Materialien ein neues Bild schaffen lässt.

Picasso leitet diese Wende im Mai 1912 mit seinem Werk Stillleben mit Rohrstuhlgeflecht ein. Er klebt ein Stück industriell bedrucktes Wachstuch – es imitiert das Geflecht eines Kaffeehausstuhls – auf die Leinwand und umrahmt das Bild mit einem echten Seil. Damit ist die Collage erfunden: ein realer Gegenstand wird Teil des Kunstwerks, und die Grenze zwischen Bild und Wirklichkeit verschwimmt. Braque folgt wenige Monate später mit seinen papiers collés, bei denen er Tapeten- und Zeitungsausschnitte in seine Zeichnungen integriert.

Die Erfindung der Collage

Die Erfindung der Collage durch den synthetischen Kubismus war weit mehr als ein technischer Trick. Sie stellte eine fundamentale Frage an die Kunst: Was geschieht, wenn ein Alltagsgegenstand – ein Zeitungsausschnitt, ein Tapetenrest, ein Etikett – in ein Gemälde eingefügt wird? Wird das Papier dann zum ästhetischen Objekt, oder bleibt es Alltagsgegenstand? Was ist überhaupt der Unterschied zwischen Kunst und Wirklichkeit? Diese Fragen, die der Kubismus aufwarf, sollten die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts beschäftigen – von den Readymades Marcel Duchamps über die Pop Art bis zur Konzeptkunst.

Im synthetischen Kubismus kehrt zudem die Farbe zurück. Die gedämpften Erdtöne der analytischen Phase weichen kräftigeren, leuchtenden Tönen. Die Bilder werden flacher, dekorativer, zeichenhafter. Picasso selbst beschreibt den Wandel so: Im analytischen Kubismus habe man versucht, die Dinge zu verstehen; im synthetischen Kubismus gehe es darum, Dinge zu erfinden. Werke wie Picassos Gitarre und Weinglas (1913) oder Braques Frau mit Mandoline zeigen diese neue Freiheit im Umgang mit Form, Farbe und Material.

Guernica – Kubismus als politische Kunst

Das wohl berühmteste Werk, das aus dem Kubismus Picassos hervorging, entstand erst 1937 und durchbricht jede Epochengrenze: Guernica. Picasso malte das monumentale Gemälde (3,49 × 7,77 Meter) als Reaktion auf die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Legion Condor während des Spanischen Bürgerkriegs. In der Bildsprache des Kubismus – zersplitterte Formen, Mehransichtigkeit, Reduktion auf Schwarz, Weiß und Grau – schuf er eines der mächtigsten Antikriegsbilder der Kunstgeschichte. Guernica beweist, dass die kubistische Formzerlegung nicht bloßes ästhetisches Experiment war, sondern eine Bildsprache von erschütternder emotionaler Kraft hervorbringen konnte. Heute hängt das Gemälde im Museo Reina Sofía in Madrid und ist das meistbesuchte Einzelwerk der spanischen Museumslandschaft.

Die wichtigsten Kubismus-Künstler

Pablo Picasso (1881–1973)

Picasso ist der Inbegriff des Kubismus – und zugleich weit mehr als das. Der in Málaga geborene Spanier hatte bereits vor 1907 mehrere Werkphasen durchlaufen, darunter die melancholische Blaue Periode und die lyrische Rosa Periode. Doch erst mit Les Demoiselles d’Avignon und der anschließenden Entwicklung des Kubismus gemeinsam mit Braque revolutionierte er die Kunstgeschichte. Picassos Kubismus zeichnet sich durch eine unübertroffene Erfindungskraft aus: Er erfand die Collage, die kubistische Skulptur und den kubistischen Stillleben-Typus. Selbst nachdem er sich stilistisch längst weiterentwickelt hatte, kehrte Picasso immer wieder zur kubistischen Formensprache zurück. Sein Œuvre umfasst über 50.000 Werke und macht ihn zum produktivsten Künstler der Moderne. Die Verbindung Kubismus – Picasso ist so eng, dass die Begriffe im kulturellen Gedächtnis beinahe synonym geworden sind.

Georges Braque (1882–1963)

Georges Braque war der zweite Hauptprotagonist des Kubismus und Picassos wichtigster Partner in der Entwicklung der neuen Bildsprache. Der aus Argenteuil stammende Franzose hatte zunächst dem Fauvismus angehört, bevor ihn die Begegnung mit Cézannes Spätwerk und Picassos Demoiselles auf einen neuen Weg brachte. Seine Häuser von L’Estaque (1908) gaben der Bewegung ihren Namen, seine papiers collés waren entscheidend für die Entwicklung des synthetischen Kubismus. Braques Werk zeichnet sich durch eine subtilere, lyrischere Qualität aus als Picassos oft kraftvollere Handschrift. Sein Gemälde Frau mit Mandoline gilt als eines der vollendetsten Beispiele kubistischer Bildkunst.

Juan Gris (1887–1927)

Juan Gris, gebürtig José Victoriano González-Pérez, war der dritte große Name des Kubismus. Der Spanier stieß 1911 zum Kreis um Picasso und Braque und entwickelte rasch einen eigenständigen Stil, der sich durch besondere Klarheit und farbliche Intensität auszeichnet. Gris’ Methode war streng deduktiv: Er begann mit abstrakten geometrischen Kompositionen und fügte dann gegenständliche Elemente ein – das Gegenteil von Picassos Vorgehen, der vom Gegenstand ausging und ihn zerlegte. Werke wie Stillleben mit kariertem Tischtuch (1915) gehören zu den ästhetisch reizvollsten kubistischen Bildern überhaupt. Sein früher Tod mit nur 40 Jahren beraubte den Kubismus eines seiner brillantesten Köpfe.

Fernand Léger (1881–1955)

Léger nahm eine Sonderstellung unter den Kubismus-Künstlern ein. Sein Werk verbindet kubistische Formzerlegung mit einer Faszination für die moderne Industriewelt: Maschinen, Stadtlandschaften, Arbeiter. Während Picasso und Braque vorwiegend Stillleben malten, wandte sich Léger dem monumentalen Figurenbild zu. Seine Gemälde zeigen zylindrische, röhrenförmige Menschenkörper inmitten metallisch glänzender Umgebungen – eine kubistische Vision der Maschinenzeit. Werke wie Die Stadt (1919) und Drei Frauen (1921) verbinden die Formensprache des Kubismus mit einer volkstümlichen, fast plakativen Bildkraft, die Léger zu einem der populärsten Künstler der Avantgarde machte.

Robert Delaunay und der Orphismus

Robert Delaunay (1885–1941) führte den Kubismus in eine Richtung, die Guillaume Apollinaire als „Orphismus“ bezeichnete: eine Spielart, die Farbe und Licht ins Zentrum rückte. Während der analytische Kubismus weitgehend auf Farbe verzichtete, feierte Delaunay sie. Seine Serie Fensterbild (Les Fenêtres, 1912) und die Kreisformen lösten den Gegenstand in prismatische Farbflächen auf und näherten sich damit einer reinen Abstraktion. Delaunay beeinflusste den deutschen Expressionismus – insbesondere die Künstler des Blauen Reiters – und gilt als Brückenfigur zwischen Kubismus und abstrakter Kunst.

Weitere Künstler des Kubismus

Der Kreis der Kubismus-Künstler war weitaus größer als die Kerngruppe um Picasso und Braque. Jean Metzinger und Albert Gleizes verfassten 1912 die erste theoretische Schrift zum Kubismus (Du „Cubisme“) und trugen maßgeblich zur Verbreitung der Bewegung bei. Im Salon des Indépendants und im Salon d’Automne stellten zahlreiche Künstler kubistische Werke aus, die das Pariser Publikum provozierten und faszinierten zugleich. Auch die Bildhauerei wurde vom Kubismus erfasst: Jacques Lipchitz und Alexander Archipenko übertrugen das Prinzip der Mehransichtigkeit und der geometrischen Zerlegung in die Dreidimensionalität. Archipenkos Frau, sich kämmend (1915) zeigt, wie eindrücklich kubistische Prinzipien in der Skulptur wirken konnten – Höhlungen und Ausbrüche ersetzen die geschlossene Masse, Leer- und Vollformen treten in einen Dialog.

Futurismus – Geschwindigkeit als Kunstform

Marinettis Manifest und die Begeisterung für das Neue

Am 20. Februar 1909 veröffentlichte der italienische Dichter Filippo Tommaso Marinetti auf der Titelseite der Pariser Tageszeitung Le Figaro das Manifest des Futurismus – und löste damit eine Schockwelle in der europäischen Kulturwelt aus. „Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit“, schrieb Marinetti. Ein Rennwagen sei schöner als die Nike von Samothrake. Der Futurismus feierte die Maschine, die Geschwindigkeit, die große Stadt und die technische Zivilisation. Er verachtete Museen, Bibliotheken und die Vergangenheit überhaupt. In seiner radikalen Ablehnung aller Tradition war der Futurismus die aggressivste Avantgardebewegung des frühen 20. Jahrhunderts.

Simultaneität und Bewegung: Die futuristische Bildsprache

Die Futurismus-Kunst übernahm vom Kubismus die Zerlegung der Form, ging aber in einem entscheidenden Punkt über ihn hinaus: Während der Kubismus vorwiegend ruhende Gegenstände von mehreren Seiten zeigte, wollte der Futurismus Bewegung und Geschwindigkeit sichtbar machen. Die Futuristen kombinierten verschiedene Wahrnehmungsmomente in einem Bild – ähnlich einer Mehrfachbelichtung in der Fotografie. Sie strebten danach, die Simultaneität der modernen Sinneserfahrung auf die Leinwand zu bringen: den Lärm der Straße, die Vibration einer Maschine, das Flimmern elektrischen Lichts. Auch der Film – das junge Medium der Bewegtbilder – diente als Inspiration. Die Dimension der Zeit, die bereits im Kubismus angelegt war, tritt in der Futurismus-Kunst noch deutlicher hervor.

Umberto Boccioni und „Der Lärm der Straße dringt ins Haus“

Umberto Boccioni (1882–1916) war der bedeutendste Maler und Bildhauer des Futurismus. Sein Gemälde Der Lärm der Straße dringt ins Haus (La strada entra nella casa, 1911) gilt als eines der Schlüsselwerke der Bewegung. Es zeigt eine Frau auf einem Balkon – doch die Straße unter ihr explodiert förmlich ins Bild hinein. Baustellen, Arbeiter, Häuser und Geräusche durchdringen die Gestalt der Frau, lösen die Grenze zwischen Innen und Außen auf. Umberto Boccioni macht den Lärm der Straße buchstäblich sichtbar – als könne man die Geräusche, die Vibrationen, die Energie des modernen Großstadtlebens fühlen. Boccionis skulpturales Hauptwerk, Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum (1913), zeigt eine schreitende Figur, deren Körper sich in aerodynamische Formen auflöst – eine Ikone des Futurismus, die heute das italienische 20-Cent-Stück ziert.

Weitere Futuristen: Severini, Balla, Russolo

Gino Severini (1883–1966) verband die kubistische Formzerlegung mit den dynamischen Prinzipien des Futurismus in Gemälden wie Dynamischer Hieroglyphe des Bal Tabarin (1912), das die Energie eines Pariser Nachtclubs in ein Kaleidoskop aus Formen und Farben verwandelt. Giacomo Balla (1871–1958) suchte Bewegung mit fast wissenschaftlicher Präzision darzustellen: Sein Dynamismus eines Hundes an der Leine (1912) zeigt die Pfoten und die Leine in einer Abfolge von Positionen, wie in einer Chronofotografie. Luigi Russolo (1885–1947) übertrug die futuristische Idee auf die Musik: Sein Manifest L’Arte dei Rumori („Die Kunst der Geräusche“, 1913) forderte eine Musik aus Maschinenlärm, Sirenen und Stadtgeräuschen – die „bruitistischen“ Konzerte, bei denen speziell gebaute Lärminstrumente (Intonarumori) zum Einsatz kamen, gelten als Vorläufer der elektronischen Musik.

Die politische Dimension des Futurismus

Der Futurismus war von Anfang an politisch. Marinettis Manifest verherrlichte nicht nur Geschwindigkeit und Technik, sondern auch den Krieg, den er als „einzige Hygiene der Welt“ pries. Diese aggressive Rhetorik und die Verachtung für Tradition, Demokratie und Humanismus machten den Futurismus anschlussfähig für den aufkommenden Faschismus. Marinetti selbst war ein früher Anhänger Mussolinis. Die Verbindung von Futurismus und Faschismus ist eine der unbequemsten Tatsachen der Kunstgeschichte: Eine der innovativsten ästhetischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts stand politisch auf der Seite der Zerstörung. Der Erste Weltkrieg, den die Futuristen enthusiastisch begrüßt hatten, kostete Boccioni 1916 das Leben und markierte de facto das Ende des Futurismus als künstlerischer Bewegung.

Kubismus und seine Wirkung auf die Moderne

Einfluss auf Architektur und Design

Die Wirkung des Kubismus blieb nicht auf die Malerei beschränkt. In der Architektur griff Le Corbusier kubistische Prinzipien auf: Seine Idee des Gebäudes als Zusammenspiel geometrischer Grundformen – Kubus, Zylinder, Pyramide – und seine Forderung nach einer „Maschine zum Wohnen“ sind ohne den Kubismus nicht denkbar. Le Corbusiers frühe Villenentwürfe, etwa die Villa Stein in Garches (1927), zeigen die kubistische Zerlegung in architektonische Volumina übersetzt. Auch das tschechische Kubismus-Viertel in Prag, mit seinen einzigartigen kubistischen Fassaden, bezeugt die Strahlkraft der Bewegung über die bildende Kunst hinaus. In der angewandten Kunst beeinflusste der Kubismus das Art déco, die Typografie und das Plakatdesign der 1920er-Jahre.

Vom Kubismus zur Abstraktion

Der Kubismus öffnete die Tür zur vollständigen Abstraktion, auch wenn Picasso und Braque selbst nie den letzten Schritt zur gegen­standslosigkeit gingen – ein Rest von Erkennbarkeit blieb in ihren Bildern stets gewahrt. Doch andere Künstler zogen die Konsequenz: Piet Mondrian entwickelte aus dem Kubismus seine strenge Geometrie horizontaler und vertikaler Linien; Kasimir Malewitsch gelangte über den Kubismus zum Suprematismus und schließlich zum Schwarzen Quadrat. Ohne die Zerlegung der sichtbaren Welt durch den Kubismus wäre die abstrakte Kunst des 20. Jahrhunderts kaum denkbar gewesen. Auch der Konstruktivismus, De Stijl und später der Abstrakte Expressionismus stehen in seiner Nachfolge.

Kubismus in der Skulptur

Neben Malerei und Architektur prägte der Kubismus auch die Bildhauerei nachhaltig. Picasso selbst schuf ab 1912 kubistische Assemblagen aus Blech, Draht und Fundstücken – dreidimensionale Collagen, die das Prinzip der Materialintegration aus dem synthetischen Kubismus fortführten. Jacques Lipchitz und Alexander Archipenko übertrugen die kubistische Formzerlegung auf die Skulptur: Sie öffneten das Volumen, führten Hohlformen als gleichwertiges Gestaltungselement ein und lösten die geschlossene Masse der traditionellen Plastik auf. Henri Laurens schuf kubistische Skulpturen von strenger Eleganz. Diese Neuerungen wirkten weit in das Jahrhundert hinein – von Henry Moore bis zu den Stahlplastiken David Smiths.

Fazit: Revolution der Perspektive

Der Kubismus und der Futurismus gehören zu den folgenreichsten künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. In kaum zwei Jahrzehnten zerstörten sie die Grundlagen der europäischen Bildtradition – die Zentralperspektive, die naturalistische Farbe, die geschlossene Form – und schufen eine neue visuelle Sprache, deren Wirkung bis heute anhält. Picassos Kubismus lehrte die Welt, dass ein Gegenstand von allen Seiten gleichzeitig gezeigt werden kann; der Futurismus fügte dem die Darstellung von Bewegung und Geschwindigkeit hinzu. Die Erfindung der Collage im synthetischen Kubismus stellte die Frage, was überhaupt Kunst ist – eine Frage, die die gesamte Avantgarde des Jahrhunderts beschäftigen sollte.

Wer heute vor kubistischen Bildern in den großen Museen der Welt steht – im Museum of Modern Art in New York, im Centre Pompidou in Paris oder im Museo Reina Sofía in Madrid –, spürt die ungebrochene Kraft dieser Revolution. Der analytische Kubismus zerlegt noch immer unser Verständnis von Raum und Form; der synthetische Kubismus hinterfragt noch immer die Grenze zwischen Kunst und Alltag; und Boccionis Lärm der Straße drängt noch immer mit unverminderter Wucht ins Bewusstsein des Betrachters. Die Kubismus-Kunst von Picasso, Braque, Gris und Léger hat nicht nur die Malerei verändert – sie hat verändert, wie wir sehen.

Weiterführende Literatur

  • John Golding: Cubism. A History and an Analysis, 1907–1914. Faber & Faber, London 1959 (Standardwerk zum frühen Kubismus).
  • Douglas Cooper: The Cubist Epoch. Phaidon, London 1970 (umfassender Bildüberblick).
  • Werner Spies: Picasso. Die Welt der Kinder. Prestel, München 1994.
  • Edward F. Fry (Hrsg.): Der Kubismus. DuMont, Köln 1966 (Quellensammlung mit Manifesten und Texten der Künstler).
  • Christa Baumgarth: Geschichte des Futurismus. Rowohlt, Reinbek 1966 (grundlegende deutschsprachige Darstellung).
  • Ingo F. Walther (Hrsg.): Kunst des 20. Jahrhunderts. Taschen, Köln 2000 (Überblickswerk mit Einordnung beider Strömungen).

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